William S. Burroughs zum Hundertsten – Ein Essay von Jürgen Ploog. Am Dienstag liest er Burroughs zu Ehren im Palace.
Seit 1969, dem Erscheinungsjahr der deutschen Ausgabe von Naked Lunch, bin ich Burroughs auf der Spur, ohne dass ich ihn dingfest machen konnte. Ich habe es mit neugierigem Interesse versucht & so viel wie möglich von ihm gelesen. Ich habe ihn immer wieder unter verschiedenen Umständen getroffen, in seiner Wohnung in London, im Bunker an der Bowery in New York, in Lawrence, Kansas, seinem letzten Domizil, bei Ausstellungen in London & Basel & Lesungen. Näher gekommen bin ich ihm nicht. Wir waren Vertraute & in gewisser Weise Komplizen. Das Wort Freundschaft kannte er nicht.
Wer auf Freundschaft mit ihm setzte, irrte sich oder verstrickte sich in die Rolle des Verehrers & Fans, der um jeden Preis die Nähe seines Idols sucht. Für mich blieb Burroughs der vollkommen Fremde, der sich im günstigen Fall bemühte, vorübergehend aus diesem Kokon des Fremdseins zu treten. Seine Formel für diesen Zustand war, dass ihm Eigenschaften der Spezies der Säuger (wie das Bedürfnis nach menschlicher Wärme & Nähe) fehlten. Er hatte sie einfach nicht, & damit musste er leben. Das war keine psychologische Besonderheit oder gar Deformation, sondern eine, die seinem metabolischen Wesen entsprach. Seine Unabhängigkeit von menschlichen Anwandlungen, die ihn nicht frei von Angstzuständen & Verunsicherungen machte, verschaffte ihm die Fähigkeit, die Zustände auf dem Planeten mit kaltem Blick zu betrachten.
Ein solcher Mann kann gefährlich sein, fragt sich nur für wen oder für was. Das war eine Ausgangsposition, die es ihm zunächst nahezu unmöglich machte, als Schriftsteller aufzutreten, & Burroughs hat mit dieser Schwierigkeit lange gehadert. Vermutlich ging er davon aus, dass es keine Leserschaft dafür gab, was er zu sagen hatte. Das Vorhandensein einer Leserschaft kann als Voraussetzung für die Geste des Erzählens gelten, einer Darstellungsform, die nicht von ungefähr aus dem verbalen Vortrag hervorgegangen ist.
Wo anfangen?
Burroughs’ frühe Jahre bis in die 1950er waren von Ablehnung & Zurückweisungen geprägt. Nicht er lehnte ab oder wies zurück, sondern das Umfeld, in dem er lebte, wollte nichts von ihm wissen. Ob in der Schule, Familie oder in seinem Jahr in Harvard: missliche Abfuhren & Zurechtweisungen. Auf jede Art von Rechthaberei reagierte er zeitlebens allergisch & bekämpfte sie (Faschismus wäre in diesem Zusammenhang als die ultimative Rechthaberei zu sehen). Das könnte einer der Gründe dafür gewesen sein, dass er nur widerwillig zum Schreiben fand & auch, dass sein Verhältnis zur Sprache von tiefer Skepsis geprägt war.
Burroughs’ Vita & Person waren & sind von einer mächtigen Aura umgeben, der sich kaum jemand entziehen kann. Davon zehrt sein bis heute ungebrochener Ruhm, der dazu verführt, sich mit ihm & seinem Schaffen zu beschäftigen. Die meisten begnügen sich allerdings damit, ihn zu zitieren oder sich auf ihn zu berufen, aber Burroughs lesen? Die ablehnenden Reaktionen auf seine Schreibweise sind geblieben, ebenso wie die pauschale & bedingungslose Verehrung. Dazwischen klafft ein Vakuum, das im deutschen Sprachraum anstelle einer intensiven Auseinandersetzung mit seinen theoretischen & ästhetischen Vorstellungen besteht.
Damit taucht die nächste Schwierigkeit auf: Burroughs’ Werk ist so umfassend & auseinanderstrebend, dass es sich nur schwer fassen lässt. Wo anfangen? Da wäre der zeitgeschichtliche Ausgangspunkt, der ihn zur zentralen Figur der Beat-Generation machte (deren euphorischer Aufbruchsstimmung er sich entzog), ohne ganz dem kulturellen & politischen Tumult der 1960er zu entgehen, wie verschiedene Interviews beweisen. Sein Schreiben galt «dem Durchbruch zur Erweiterung des Bewusstseins, dem Gebrauch der Sprache, dem Insistieren auf dem Recht, freizügig mit Sexszenen und natürlich mit dem gesamten Drogenkomplex umzugehen ». (Interview mit David Moberg, New York, 1975.)
Auch der biografischen Linie des existenziellen Outlaws liesse sich folgen, die sich nach der wilden Beatzeit in New York über das Rio Grande Valley in Texas, Louisiana bis nach Mexiko hinzieht, wo er Junky schrieb (Bekenntnisse eines unbekehrten Rauschgiftsüchtigen). Der Stil war «faktualistisch » & hielt sich eng an das erlebte Geschehen. Der Unfalltod seiner Frau Joan, der in keiner Notiz zur Person unerwähnt bleibt, konfrontierte ihn nach späterer Darstellung mit dem Einfluss dunkler Mächte, denen er sich ausgesetzt sah. Schliesslich (& ich fasse nur einige Stränge seiner Arbeit zusammen): Burroughs der Ikonoklast, der sich beginnend mit Der Job immer wieder kritisch in Entwicklungen der westlichen Zivilisation einschaltet & aus radikalem Blickwinkel grundlegende Fehlentwicklungen analysiert.
Naked Lunch: Die Bombe
Dieses nur bruchstückhaft angedeutete Gesamtbild scheint mir genug Lesestoff zu liefern, um einen Einstieg ins burroughs’sche Oeuvre zu rechtfertigen. Aber die Hürden bleiben hoch, vor allem, was die literarischen Arbeiten betrifft, allen voran Naked Lunch, das zwischen 1957 & 1959 entstand & als sein Hauptwerk gilt. Naked Lunch ist fraglos Literatur, wirft aber gleichzeitig fast alle literarischen Massstäbe über den Haufen, was in der wirren Leere nach dem Krieg, die in Deutschland länger anhielt als sonstwo im Westen, wie eine Bombe einschlug.
Burroughs schafft dank der spezifischen zeitgeschichtlichen Situation & dem Geschick seines amerikanischen Verlegers Barney Rosset den Durchbruch mit einem Werk, das rücksichtslos literarische Ansprüche ausser acht lässt. Auch hier kommt der biografischen Ausgangslage entscheidende Bedeutung zu: Burroughs hat sich aus Mexiko nach Tanger abgesetzt. «Ich reiste, denn ich war ein Mann auf der Flucht vor sich selbst.» (Interview mit Jerry Bauer, 1981.) Die Stadt war damals noch Internationale Zone mit allen Vorzügen für nicht ganz mittellose Expatriierte wie Paul Bowles & ein Aussenposten praktisch ohne gesellschaftliche Kontrolle. Umgang mit Sex & Drogen bereitete keine Schwierigkeiten.
Jack Kerouac & Allen Ginsberg ermutigten Burroughs mit Nachdruck, sich dem Schreiben zu widmen. Er schrieb Briefe mit Episoden, auf die er in Tanger stiess oder erlebte, so wie er es Jahre zuvor auf einer Reise durch Mittel- & Südamerika gemacht hatte, woraus 1953 der Sammelband Auf der Suche nach Yage hervorging. Er haderte mit der Heroinsucht & fühlte sich auf verlorenem Posten in einer ihm fremden Stadt. Erst allmählich geriet er zwischen Phasen des Entzugs & unter der halluzinogenen Wirkung von Kif & Majoun in den Sog wüster Visionen & imaginierter Szenen (Routines genannt), die er wie unter Zwang aufschrieb. Er hatte ein Zimmer in der Villa Muniria & tippte wahllos drauf los. Wie Paul Bowles berichtete, flatterten die Manuskriptseiten auf den Boden & blieben dort liegen. Burroughs bemühte sich weder sie zu sammeln noch zu ordnen. Erst später versuchten Kerouac & vor allem Ginsberg eine gewisse Abfolge in die einzelnen Episoden zu bringen. Auch das geschah weitgehend beliebig, & alles Bemühen, sie in eine kohärente Reihenfolge zu bringen, blieb letztendlich vergeblich. Aus dieser rauschhaft bedingten Arbeitsweise wurde später Methode. «Die Auswahl meines Materials ist oft beliebig», betonte er.
Die Hölle in greifbarer Nähe
Die künstlerische Atmosphäre der Epoche darf dabei nicht unbeachtet bleiben. Seit Kriegsende herrschte nicht nur in Amerika eine Aufbruchsstimmung, die auch & vor allem in der Kunst zu neuen Ausdrucksformen führte. Es war die Zeit des abstrakten Expressionismus, in der Maler wie Jackson Pollock & Willem de Kooning neue Gestaltungswege suchten & fanden & den Massstab für künstlerische Freiheit radikal erweiterten. Es darf angenommen werden, dass diese formale wie inhaltliche Schrankenlosigkeit nicht ohne Einfluss auf die Schreibweise der Beats blieb. Krieg & atomare Bedrohung hatten gewaltige Löcher in das Selbstverständnis des menschlichen Bewusstseins gerissen & die Hölle in greifbare Nähe gerückt.
Burroughs verfügte aufgrund seines Drogenkonsums & der damit verbundenen Kontakte zur Halbwelt über genügend persönliche Erfahrungen, um die kollektiven & halbbewussten Albträume mit entsprechendem Personal & authentischen Details auszustatten, & genau das geschah in den Episoden, die Naked Lunch eine bizarre Struktur geben. Er stand dabei in der Tradition von Dante, Hieronymus Bosch, Pieter Brueghel dem Jüngeren & Jonathan Swift. Als «Roman» kommt Naked Lunch ohne kompositorische Ansprüche aus, das Buch bildet ein schillerndes Netzwerk von Erinnerungen, beiläufigen Beobachtungen, angelesenen Bruchstücken, Träumen, Kommentaren & halluzinatorischen Protokollen, die sich im Augenblick des Schreibens aufdrängen oder entwickeln & sich zu einem Röntgenbild von Zuständen im westlichen Zivilisationsraum zusammenfügen, dem sogenannten Realitätsstudio. Nahezu zwangsläufig geht es dabei nicht ohne Grotesken, Burleskes, Überzeichnungen & schwarzen Humor ab. Ein Verfahren, das auch als negative Ästhetik bekannt ist. Für «negativ» liesse sich auch untergründig sagen oder wie es Adorno formulierte: «Radikale Kunst heute heisst soviel wie finstere, von der Grundfarbe schwarz.»
Das scheinbare Scheitern von Naked Lunch als Roman entspricht dem Scheitern eines aus den Fugen geratenen, «entfesselten» menschlichen Zustands, den Burroughs immer wieder ins Visier nimmt, & das unter Ausschaltung jeder inneren Zensur. Indem er nicht zensiert & bewusst gegen jede Tabuisierung angeht, löst er beim Leser, der noch unter dem Einfluss unbewusster Zensur steht, einen schockierenden Eindruck aus, der Tabubrüche stets begleitet. Das Skandalöse, das die Lektüre des Buchs 1969 noch bestimmte, verschwand im Lauf der Jahre & wich einer komparativen Ernüchterung. In beiden Fällen erlag der Leser dabei eigenen, im Herkömmlichen angesiedelten Massstäben.
Die Macht des Worts brechen
Radikale Literatur kann sich nicht damit begnügen, radikale Inhalte vorzutragen, sie muss auf das Machtinstrument Sprache eingehen, & um den konditionierenden Faktor des Worts zu neutralisieren, hat Burroughs die sogenannte Schnitttechnik oder Cut-up vorgeschlagen. Cut-up durchbricht den Mechanismus automatischer sprachbedingter, assoziativer Reaktionen.
Diese Zusammenhänge sind auch unter dem Blickwinkel von Sprache & Digitalisierung von Bedeutung & dem sich damit andeutenden kulturellen Shift, der mit einer Transformation des Worts verbunden sein wird. Burroughs ist zwar explizit nicht auf die Erschütterungen eingegangen, denen Sprache & Wort durch die kybernetische Entwicklung ausgesetzt sind, seine Theorien & sprachlichen «Feldforschungen » führen allerdings ins Zentrum dieser bis heute wenig beachteten Problematik. Es ging ihm vor allem darum, die unbewusste Macht des Wortes zu brechen. Für ihn war der Umgang mit Sprache ein gefährlicher Vorgang, den nur die kaum zu erreichende Perfektion vor verheerenden Folgen bewahrte. «Wenn ich wirklich wüsste, wie Schreiben funktioniert, wäre ich in der Lage etwas zu schreiben, das denjenigen töten könnte, der es liest.» (Rolling Stone Interview 1972.)
Literatur: «Burroughs Live: The Collected Interviews, 1960–1997» Jürgen Ploog, geb. 1935, lebt in Frankfurt und Florida, er ist mit Jörg Fauser und Carl Weissner Mitbegründer der Literaturzeitschrift «Gasolin 23», Freund und Wegbegleiter von William S. Burroughs. Ploog liest am 4. Februar im Palace St.Gallen. Im Palace finden zu Burroughs insgesamt vier Vorlesungen der Erfreulichen Universität statt, mit Florian Vetsch, Jürgen Ploog, Claire Plassard, DJ Soulsonic, Etrit Hasler, Göldin, Pablo Haller, DJ Augenwasser, Corinne Riedener & Isla Ward.
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