Kategorie
Autor:innen
Jahr

Lieber kleiner schwarzer Vogel…

Heute, am 20. Juli 2024 wird die US-Amerikanische Dichterin Louise Landes Levi 80 Jahre jung. Eine Würdigung von Florian Vetsch
Von  Gastbeitrag
Louise Landes Levi (Bild: Ira Cohen)

Als die US-amerikanische Dichterin Louise Landes Levi – kurz LLL– im Juni 2022 in St.Gallen eintraf, kam sie von einer langen Reise, die sie um die halbe Welt geführt hatte, aus Japan nach Europa zurück. Ich holte sie am Bahnhof ab, nahm ihr das Gepäck und die schwere indische Sarangi ab und begleitete sie zu uns nach Hause, wo sie während der folgenden Tage nächtigen sollte. Louise fand bei uns alles, was sie brauchte: gluten- und lactosefreie Nahrung, Honig, Haferflocken, CBD-Tropfen, Reis, Gemüse, Tee, starken Kaffee…

Im Umfeld des Dichterfotografen Ira Cohen (1935–2011) war ich auf LLL gestossen, mit ihr kurz in den frühen 2000er Jahren in Kontakt getreten, schriftlich. In der von Gerard Bellaart betriebenen Cold Turkey Press stiess ich Jahre später wieder auf Texte von ihr, deren Schreibart mich faszinierte. Darauf begann ich, ihren poetischen Subkontinent auszuloten, ihre in zahlreichen Underground-Publikationen erschienenen Drucke, aber auch die Bände Guru Punk, Avenue A & 9th Street, The Book L, Crazy Louise etc. zu lesen.

Dabei stellte sich heraus, dass Louise Landes Levi wie Kathy Acker, Diane di Prima, Lenore Kandel oder Ruth Weiss zu den weiblichen Beat-, Bohemian- und Punk-Artisten zählt, auf welche während der letzten Jahre immer mehr Licht fällt. Ihre blosse Existenz widerlegt Ginsbergs These, wonach die Beat-Generation eine Männerbande sei. Doch Louise hatte sie alle gekannt: William S. Burroughs, Allen Ginsberg, Gregory Corso – letzterer war ihr Lieblingsdichter und Ira Cohen ihr engster Dichterfreund.

Selbstporträt, das LLL im Juni 2022 bei Florian Vetsch in der Wohnung geschossen hat – vor dem erblindenden venezianischen Spiegel

Schliesslich beschloss ich, eine zweisprachige Ausgabe von LLLs neuen und ausgewählten Gedichten für Moloko Print mit dem Titel THE GODDESS vorzubereiten; dafür trat ich in einen regen E-Mail-Austausch mit ihr, die sich in Tokio die Zähne machen liess und mit japanischen Avantgarde-Musikern im Land der aufgehenden Sonne auftrat.

Und nun war sie da, im Juni 2022, um mit mir dieses Projekt zu besprechen und im Verlauf einer Woche Lesungen in St.Gallen und Zürich zu halten. Am Abend des 7. Juni schlenderten wir zum Kult-Bau an der Konkordiastrasse. Louise steckte sich eine lila Blume, die sie unterwegs gepflückt hatte, ins Haar. Gelebte Flower-Power.

Angekommen trafen wir die Musiker Christian Berger und Dominic Doppler, mit denen Louise zuvor gejamt hatte, an, ebenso die Gastgeber:innen Ute Gareis und Klaus-Georg Pohl. Louise und ich legten Bücher, Drucke und LPs von ihr zum Guck und Kauf auf. Das Publikum trudelte langsam ein, die Leute suchten sich in dem schönen Salon ihre Plätze aus. Derweil rauchte ich draussen eine Zigarette, verstrickte mich in Gespräche.

Jam mit Christian Berger und Dominic Doppler

Zurück im Salon sah ich mich nach Louise um und traute meinen Augen nicht: Da lag sie auf einem der Sofas und schlief, legte seelenruhig ein Nickerchen hin, nur eine Viertelstunde vor ihrem Gig. Na, die hatte ja die Ruhe weg… Praktizierter Buddhismus.

Kurz nach acht, nach dem Verklingen der Glocken der Linsebühlkirche, begann unsere Lesung. Amsél filmte sie und lud sie später auf Youtube in drei Teilen hoch. Monate später schickte mir Louise diese poetische Reflexion auf ihren Aufenthalt in St.Gallen, das Gedicht Mount of Joy:

 

FREUDENBERG

 

I.

die
Glocken, um
19 Uhr, auf dem

FREU-
den-
berg

 

II.

steig
400 Stufen
hinauf, triff
eine ALTE Frau,
eine sehr ALTE, ist

sie Maria oder eine
andere (Heilige),

Wyborada*

zum
Beispiel?

 

III.

Florian

hat sehr
gute
Manieren, sein

Name
ist
ein
Derivat

unserer natürlichen
Welt – FLORA.

*W – eine ältere Frau
Inklusin/Heilerin,
&
Buchmacherin
10. Jahrhundert,

sie rettet die Kloster-
Bibliothek, durch
ihren Traum

&
wird später als 1. Frau
heiliggesprochen

 

Wie Figura zeigt, ist es für eine Dichterin wie LLL nur natürlich, an jedem Ort mit den Lokalgeistern in Verbindung zu treten. Und heute – am 20. Juli 2024 – wird Louise Landes Levi 80 Jahre jung. Menschen wie sie geben mir Hoffnung.

Louise Landes Levi mit lila Blume im Kultbau St.Gallen. (Bild: Amsél)

LLL wurde als Tochter eines assimilierten jüdischen Elternhauses am 20. Juli 1944 in New York City geboren, am Tag, als Claus Graf Schenk von Stauffenberg das Attentat auf Hitler in der Wolfsschanze verübte. Vielleicht gab ihr diese Sternenkonstellation einen rebellischen Geist ein. Ihre Kindheit und Jugend waren alles andere als einfach, geprägt von vielen psychischen und physischen Verletzungen, traumatisierenden. Doch Louise lernte – welch bewundernswerter Kraftakt! – die Traumata in Kunst zu verwandeln. Ende der 1960er Jahre reiste sie nach Indien, wo sie Sanskrit, Urdu sowie das Spielen der Sarangi erlernte.

«Sarangi» bedeutet im Persischen «wie ein kleiner schwarzer Vogel» – Vögel bringen besondere Botschaften. Das wussten auch die altgriechischen Vogelflugdeuter, die römischen Auguren und die keltischen Druiden: Vögel wissen Bescheid… Mir erschien die Weltreisende LLL selbst wie ein kleiner schwarzer Vogel mit einer besonderen Botschaft. Der Botschaft der Liebe.

Und so gratuliere ich Louise – wo immer sie gerade sein mag – von ganzem Herzen zu ihrem 80. Geburtstag.

Louise Landes Levi und Florian Vetsch als Moderator, St. Gallen Kultbau 7. Juni 2022

WG gaf­fen

Ei­ne neue SRF-Se­rie por­trä­tiert ei­ne elf­köp­fi­ge WG aus St.Gal­len. End­lich wie­der mal ei­ne se­hens­wer­te SRF-Pro­duk­ti­on, fin­det Sai­ten-Au­tor An­di Gi­ger.

Von  Andi Giger
6085807

FC St.Gal­len vs. FC Nordsjæl­land – St. Gal­len un­ter­liegt Nordsjæl­land mit 2:3

St. Gal­len schlägt sich am En­de auch selbst und muss den Traum von Eu­ro­pa be­gra­ben. Ent­schei­dend war er Platz­ver­wei­se ge­gen Mihai­lo Steva­no­vic vor der Pau­se.

Von  SENF Kollektiv
Senf
Heftvorschau 09/26
Luzern Winti St.Gallen, Neonazipfarrer, A(nita) bis Z(immermann)

Drei Kul­tur­ma­ga­zi­ne tun sich zu­sam­men, ver­glei­chen ih­re Städ­te und die Her­aus­for­de­run­gen, de­nen die Kul­tur ge­gen­über­steht. Sai­ten hat die Kol­leg:in­nen vom «Coucou» in Win­ter­thur be­sucht und das «Null41» war in St.Gal­len zu Be­such. Aus­ser­dem im Sep­tem­ber­heft: lau­ter Ju­bi­lä­en – von Ani­ta Zim­mer­mann über das Fi­gu­ren­thea­ter bis zur Mu­se­ums­nacht –, ein Pfar­rer auf brau­nen Ab­we­gen, ei­ne Fla­schen­post aus Af­gha­ni­stan und ein In­ter­view zum Hit­ze­som­mer und dem Kli­ma­wan­del.

Saiten 2609 Cover 01

Mehr Di­ver­si­tät, mehr Durch­mi­schung

An sei­ner ers­ten Pres­se­kon­fe­renz als Lei­ter der St.Gal­ler Kel­ler­büh­ne schil­dert Hü­sey­in Cir­pi­ci sei­ne Ein­drü­cke der Stadt und ver­rät, was das Pu­bli­kum un­ter sei­ner Re­gie er­war­tet.

Von  Daria Frick
Whats App Image 2026 08 26 at 08 36 26

Him­mels­stür­mend und oh­ren­be­frei­end

Der St.Gal­ler Kom­po­nist Charles Uz­or hat ei­ne Art po­li­ti­sches Ora­to­ri­um ge­schrie­ben. Am Sonn­tag wur­de es in der Kir­che Tro­gen auf­ge­führt: The Gre­at Wall. A La­by­rinth mit dem gran­dio­sen New Yor­ker Vo­kal­ensem­ble Ek­me­les.

Von  Peter Surber
Charles Uzor photo Michel Canonica

Ma­schi­nen­in­tel­li­genz trifft den Ton, aber nicht die Mu­sik

An den Ap­pen­zel­ler Bach­ta­gen er­klär­te die Me­di­en­wis­sen­schaft­le­rin Mer­ce­des Bunz, wes­halb die künst­li­che In­tel­li­genz krea­tiv sein kann – und war­um sie den­noch grund­le­gend an­ders ar­bei­tet als der Mensch. 

Von  Philipp Bürkler
Bachtage ki und musik 1

Kunstausstellung

Kunst öff­net Tü­ren

Von  Vera Zatti
Arthur Stobete nah

Weis­ses Va­ku­um und ei­ne ro­te Kra­wat­te

Ge­sell­schafts­kri­tik, Wir­bel­säu­len und Ge­len­ke, die kei­ne sind. Im Rah­men ei­ner Zwi­schen­nut­zung zei­gen vier Kunst­schaf­fen­de noch bis zum 29. Au­gust ih­re Ar­bei­ten im Ku­bik-Are­al in St. Gal­len.

Von  Vera Zatti
Transluzent Saiten 5

Das Kreuz mit den Ga­gen

Die Kul­tur hat kei­ne Lob­by? Am Stadt­kul­tur­ge­spräch vom Don­ners­tag­abend im Tal­hof war sie da: Ver­tre­ter:in­nen von acht Be­rufs­ver­bän­den stell­ten sich vor. Bren­nends­tes The­ma wa­ren ein­mal mehr die Ho­no­ra­re.

Von  Peter Surber
Stadtkultur2

Ei­ne Por­ti­on Kunst

Im Kunst Kon­tor Ror­schach lud der Künst­ler Fe­lix Stöck­le zu ei­nem Din­ner, ei­ner Aus­stel­lung, ei­nem Hap­pe­ning – zwi­schen Fi­ne Di­ning, Ke­ra­mik, pop­kul­tu­rel­len Re­fe­ren­zen und der al­ten Idee ei­nes ge­teil­ten Ti­sches.

Von  Veronika Fischer
Kunstkontor dinner felix stoeckle 1

Hür­de um Hür­de

Nach zehn Jah­ren in der Schweiz woll­te sich Sa­mi­ra Ra­him mit ih­rer Fa­mi­lie ein­bür­gern las­sen. Die zahl­rei­chen bü­ro­kra­ti­schen Hin­der­nis­se und die ho­hen Kos­ten brach­ten die Fa­mi­lie zeit­wei­se fast da­zu, auf­zu­ge­ben.

Von  Andi Giger
Image2

Raum­pla­nung als He­bel ge­gen die Woh­nungs­kri­se

Ber­lin­gen hat ei­ne neue Me­tho­de der In­ter­es­sen­ab­wä­gung ent­wi­ckelt: ei­ne Ana­ly­se des Orts­bilds als Grund­la­ge, um die wert­vol­le Bau­kul­tur zu er­hal­ten und gleich­zei­tig die In­nen­ent­wick­lung vor­an­zu­brin­gen. Nun steht die Ver­an­ke­rung in der Orts­pla­nung an.

Von  Rahel Lämmler
260708 Gutesbauen 02 260527 GBO2603 4559 MAX

Nach dem Rück­tritt von Pe­ter Jans: Das Ren­nen um den va­kan­ten Stadt­rats­sitz ist er­öff­net

SP-Mann Pe­ter Jans tritt En­de Ju­ni 2027 aus der St.Gal­ler Stadt­re­gie­rung zu­rück. In sei­ner Par­tei star­tet die Su­che nach ei­ner Nach­fol­ge mit ei­nem kla­ren Fa­vo­ri­ten. Bei den Bür­ger­li­chen sind Schmie­de für ei­ne gros­se Al­li­anz ge­fragt.

Von  Reto Voneschen
Offizielles bild stadtrat 2021 Bild PD Ueli Steinbgruber

Ein Tau­mel von Grün

Im Bo­ta­ni­schen Gar­ten St.Gal­len geht es ab nächs­ten Sams­tag wun­der­sam zu und her: Künst­ler:in­nen aus ver­schie­de­nen Spar­ten la­den zum sze­ni­schen Rund­gang un­ter dem Ti­tel In der Däm­me­rung wächst ein Flüs­tern. Ein Pro­ben­be­such.

Von  Peter Surber
Daemmerung Prates de Matos 4

In den Wald hin­ein

Der Dra­ma­ti­ker An­dre­as Sau­ter liest am 27. Au­gust im Li­te­ra­tur­haus Thur­gau aus sei­nem un­fer­ti­gen Ma­nu­skript Ein­bruch der Wild­nis. Im Zen­trum des Werks steht die Fra­ge, was es für ei­nen ge­sell­schaft­li­chen Wan­del braucht.

Von  Vera Zatti
IMG 9687 2

«Ich bin mir voll­kom­men fremd, wenn ich nicht schrei­be»

Die deut­sche Fil­me­ma­che­rin Re­gi­na Schil­ling bringt zum 100. Ge­burts­tag von In­ge­borg Bach­mann Je­mand, der ein­mal ich war ins Ki­no. Der Do­ku­men­tar­film ver­knüpft gross­ar­ti­ge Ar­chiv­auf­nah­men mit fik­tio­na­len Sze­nen aus dem letz­ten Le­bens­jahr der Dich­te­rin zu ei­nem zu­gäng­li­chen Plot.

Von  Eva Bachmann
Ingeborg Bachmann Still 01 Elliott Kreyenberg 1920x1080 jpg

Zu Be­such in der El-Hi­da­je-Mo­schee 

Die SVP macht seit Wo­chen Stim­mung ge­gen die ge­plan­te neue Mo­schee der al­ba­nisch-is­la­mi­schen Ge­mein­schaft El-Hi­da­je in St.Gal­len. An­läss­lich ei­nes öf­fent­li­chen Rund­gangs der SP stell­ten die Ver­ant­wort­li­chen das Pro­jekt vor – und räum­ten mit vie­len Vor­ur­tei­len auf.

Von  David Gadze
El hidaje rundgang david gadze

Ein le­ben für die Kunst

Jim Di­ne ge­hört zu den be­deu­tends­ten zeit­ge­nös­si­schen Künst­ler:in­nen. Seit ein paar Jah­ren er­schafft er sei­ne Skulp­tu­ren vor­nehm­lich im Sit­ter­tal. In die Kunst­gies­se­rei ver­lieb­te sich der Pop-Art-Pio­nier bei sei­nem ers­ten Be­such vor fast 20 Jah­ren.

Von  David Gadze
260708 Jim Dime Florin Roeoesli DSC6138

Noch mehr Spit­zen­ar­chi­tek­tur für die HSG

Al­les deu­tet drauf hin, dass die Uni St.Gal­len dem­nächst in den bis­he­ri­gen Haupt­sitz der Hel­ve­tia-Ver­si­che­rung, ge­plant vom Bas­ler Ar­chi­tek­tur­bü­ro Her­zog und de Meu­ron, als zwei­ten gros­sen Stand­ort auf dem Ro­sen­berg ein­zie­hen kann. Zu­sätz­lich ist ein Holz­bau mit Se­mi­nar­räu­men in Pla­nung.

Von  René Hornung
Hekvetia Hd M

FCSG vs. She­riff Ti­ras­pol 5:1 – St.Gal­len nach Schüt­zen­fest ei­ne Run­de wei­ter

Der FC St.Gal­len zeigt sich ge­gen She­riff Ti­ras­pol von sei­ner bes­ten Sei­te und ge­winnt das Spiel nicht nur sou­ve­rän, son­dern auch hoch mit 5:1. Wei­ter geh­t's im Play­off ge­gen den FC Nordsjæl­land aus Dæ­ne­mark.

Von  SENF Kollektiv
Senf