Als die US-amerikanische Dichterin Louise Landes Levi – kurz LLL– im Juni 2022 in St.Gallen eintraf, kam sie von einer langen Reise, die sie um die halbe Welt geführt hatte, aus Japan nach Europa zurück. Ich holte sie am Bahnhof ab, nahm ihr das Gepäck und die schwere indische Sarangi ab und begleitete sie zu uns nach Hause, wo sie während der folgenden Tage nächtigen sollte. Louise fand bei uns alles, was sie brauchte: gluten- und lactosefreie Nahrung, Honig, Haferflocken, CBD-Tropfen, Reis, Gemüse, Tee, starken Kaffee…
Im Umfeld des Dichterfotografen Ira Cohen (1935–2011) war ich auf LLL gestossen, mit ihr kurz in den frühen 2000er Jahren in Kontakt getreten, schriftlich. In der von Gerard Bellaart betriebenen Cold Turkey Press stiess ich Jahre später wieder auf Texte von ihr, deren Schreibart mich faszinierte. Darauf begann ich, ihren poetischen Subkontinent auszuloten, ihre in zahlreichen Underground-Publikationen erschienenen Drucke, aber auch die Bände Guru Punk, Avenue A & 9th Street, The Book L, Crazy Louise etc. zu lesen.
Dabei stellte sich heraus, dass Louise Landes Levi wie Kathy Acker, Diane di Prima, Lenore Kandel oder Ruth Weiss zu den weiblichen Beat-, Bohemian- und Punk-Artisten zählt, auf welche während der letzten Jahre immer mehr Licht fällt. Ihre blosse Existenz widerlegt Ginsbergs These, wonach die Beat-Generation eine Männerbande sei. Doch Louise hatte sie alle gekannt: William S. Burroughs, Allen Ginsberg, Gregory Corso – letzterer war ihr Lieblingsdichter und Ira Cohen ihr engster Dichterfreund.
Selbstporträt, das LLL im Juni 2022 bei Florian Vetsch in der Wohnung geschossen hat – vor dem erblindenden venezianischen Spiegel
Schliesslich beschloss ich, eine zweisprachige Ausgabe von LLLs neuen und ausgewählten Gedichten für Moloko Print mit dem Titel THE GODDESS vorzubereiten; dafür trat ich in einen regen E-Mail-Austausch mit ihr, die sich in Tokio die Zähne machen liess und mit japanischen Avantgarde-Musikern im Land der aufgehenden Sonne auftrat.
Und nun war sie da, im Juni 2022, um mit mir dieses Projekt zu besprechen und im Verlauf einer Woche Lesungen in St.Gallen und Zürich zu halten. Am Abend des 7. Juni schlenderten wir zum Kult-Bau an der Konkordiastrasse. Louise steckte sich eine lila Blume, die sie unterwegs gepflückt hatte, ins Haar. Gelebte Flower-Power.
Angekommen trafen wir die Musiker Christian Berger und Dominic Doppler, mit denen Louise zuvor gejamt hatte, an, ebenso die Gastgeber:innen Ute Gareis und Klaus-Georg Pohl. Louise und ich legten Bücher, Drucke und LPs von ihr zum Guck und Kauf auf. Das Publikum trudelte langsam ein, die Leute suchten sich in dem schönen Salon ihre Plätze aus. Derweil rauchte ich draussen eine Zigarette, verstrickte mich in Gespräche.
Jam mit Christian Berger und Dominic Doppler
Zurück im Salon sah ich mich nach Louise um und traute meinen Augen nicht: Da lag sie auf einem der Sofas und schlief, legte seelenruhig ein Nickerchen hin, nur eine Viertelstunde vor ihrem Gig. Na, die hatte ja die Ruhe weg… Praktizierter Buddhismus.
Kurz nach acht, nach dem Verklingen der Glocken der Linsebühlkirche, begann unsere Lesung. Amsél filmte sie und lud sie später auf Youtube in drei Teilen hoch. Monate später schickte mir Louise diese poetische Reflexion auf ihren Aufenthalt in St.Gallen, das Gedicht Mount of Joy:
FREUDENBERG
I.
die Glocken, um 19 Uhr, auf dem
FREU- den- berg
II.
steig 400 Stufen hinauf, triff eine ALTE Frau, eine sehr ALTE, ist
sie Maria oder eine andere (Heilige),
Wyborada*
zum Beispiel?
III.
Florian
hat sehr gute Manieren, sein
Name ist ein Derivat
unserer natürlichen Welt – FLORA.
*W – eine ältere Frau Inklusin/Heilerin, & Buchmacherin 10. Jahrhundert,
sie rettet die Kloster- Bibliothek, durch ihren Traum
& wird später als 1. Frau heiliggesprochen
Wie Figura zeigt, ist es für eine Dichterin wie LLL nur natürlich, an jedem Ort mit den Lokalgeistern in Verbindung zu treten. Und heute – am 20. Juli 2024 – wird Louise Landes Levi 80 Jahre jung. Menschen wie sie geben mir Hoffnung.
Louise Landes Levi mit lila Blume im Kultbau St.Gallen. (Bild: Amsél)
LLL wurde als Tochter eines assimilierten jüdischen Elternhauses am 20. Juli 1944 in New York City geboren, am Tag, als Claus Graf Schenk von Stauffenberg das Attentat auf Hitler in der Wolfsschanze verübte. Vielleicht gab ihr diese Sternenkonstellation einen rebellischen Geist ein. Ihre Kindheit und Jugend waren alles andere als einfach, geprägt von vielen psychischen und physischen Verletzungen, traumatisierenden. Doch Louise lernte – welch bewundernswerter Kraftakt! – die Traumata in Kunst zu verwandeln. Ende der 1960er Jahre reiste sie nach Indien, wo sie Sanskrit, Urdu sowie das Spielen der Sarangi erlernte.
«Sarangi» bedeutet im Persischen «wie ein kleiner schwarzer Vogel» – Vögel bringen besondere Botschaften. Das wussten auch die altgriechischen Vogelflugdeuter, die römischen Auguren und die keltischen Druiden: Vögel wissen Bescheid… Mir erschien die Weltreisende LLL selbst wie ein kleiner schwarzer Vogel mit einer besonderen Botschaft. Der Botschaft der Liebe.
Und so gratuliere ich Louise – wo immer sie gerade sein mag – von ganzem Herzen zu ihrem 80. Geburtstag.
Louise Landes Levi und Florian Vetsch als Moderator, St. Gallen Kultbau 7. Juni 2022
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