The goddess Loves To Be Fucked (in the Ass).
Das Gedicht ist hiermit noch nicht zu Ende, aber diese Zeilen aus The Goddess waren das Allererste, was ich von Louise Landes Levi las. Auf der Kehrseite des Blattes der «Cold Turkey Press», wo das Gedicht erschien, zeigt eine Illustration eine auf allen Vieren kniende Frau, aus deren Hinterteil in hohem Bogen eine goldene Flüssigkeit spritzt. Die Zeichnung stammt von Makoto Kawabata, einem japanischen Gitarristen, mit dem Landes Levi auch persönlich bekannt ist.
Louis Landes Levi – The Goddess: 7. Juni, 20 Uhr, Kultbau St.Gallen
kultbau.org
Einige Monate sind seither vergangen, und ich erinnere mich an meine Empörung über die harte Wortwahl, meine Verwirrung ob dieser radikalen Zusammenführung von zwei – wie mir schien – fundamentalen Gegensätzen. Aber ich war auch fasziniert: Welchem Kopf entspringt diese Idee, die Hierarchien einfach so in einen Topf zu schmeissen, einmal kräftig umzurühren und das Gemisch dann als Gedicht auf Papier zu bringen?
Fotos von Louise Landes Levi, kurz: LLL, zeigen ein charaktervolles Gesicht mit einer starken Nase, vollen Lippen und krausem, dunklem Haar. Ob sie sich im Gedicht wohl selbst den Status einer Göttin zuschreibt? Oder nahm sie sich eine traditionelle Gottheit zum Vorbild?
Sanskrit und Stromrechnung
Was Spiritualität anbelangt, ist diese Künstlerin jedenfalls verblüffend vielseitig. Aus LLLs unveröffentlichter Spiritual Autobiography lassen sich einige wichtige Eckpunkte ihres Lebens ziehen: 1944 wurde sie als Kind jüdischer Eltern in New York geboren und verbrachte dort eine Kindheit, die geprägt war von einer überforderten Mutter, die mit ihren eigenen Traumata zu kämpfen hatte, und immer wiederkehrender Krankheit, welche es «little Louise», wie LLL ihr kleinkindliches Ich in der Autobiografie zärtlich nennt, unmöglich machte, etwas anderes als Bananen zu sich zu nehmen. Dies verhalf dem Kind zum Namen Banana Baby – was LLL später wieder aufgreifen und zum Titel eines Gedichtbandes machen sollte.
Schon früh entdeckte Louise das Lesen und die Musik für sich – wie auch das Reisen. Ende der 1960er-Jahre reiste die Dichterin auf eigene Faust von Paris über Afghanistan bis nach Indien, wo sie Sarangi studierte und sowohl zum Buddhismus als auch zum Hinduismus fand. Eine Sarangi ist ein nordindisches und pakistanisches Streichinstrument, dessen Name seinen Ursprung in der persischen Sprache findet, wo es «hundertfarbig» bedeutet, dies in Anlehnung an den Klang des Instruments.
In Indien lernte Louise ausserdem Sanskrit und übersetzte Liebesgedichte von Mirabai, der indischen Dichterin und Mystikerin des 16. Jahrhunderts, ins Englische. Welch hohen Stellenwert die Spiritualität in LLLs Leben einnimmt, zeigt sich eindrücklich in einer Erzählung mit dem Titel Money: Hier beschreibt die Dichterin, wie sie im Lauf ihres Lebens mehrmals durch das Anrufen hinduistischer Gurus auf Geld stiess. Und zwar jeweils exakt so viel, wie sie gerade benötigte (beispielsweise, um eine überfällige Stromrechnung zu begleichen). Im Falle der Stromrechnung fand Louise das Geld auf einer Strasse in London.
Die Kohanim und die Leviten
Zeitweise lebte LLL auch in Europa. 1974, während eines Aufenthalts in Amsterdam, traf sie erstmals auf den Dichterfotografen Ira Cohen, auch er ein hochspiritueller Künstler. Die beiden verband bis zu seinem Tod eine tiefgreifende Beziehung künstlerischer und auch persönlicher Natur – jedoch nie als Liebespaar. In Zur Erinnerung an Ira Cohen schreibt LLL: «Ira, der Rivale meiner Geliebten, aber nie mein Geliebter – es wäre Inzest, stimmten wir beide überein.»
Auch Ira Cohen hat jüdische Wurzeln und aus ihrer beider Nachnamen (Levi und Cohen) ergibt sich eine schicksalshafte Verbindung, nämlich die, dass in der jüdischen Tradition verschiedenen Stämmen unterschiedliche Aufgaben zukommen: Der Name Cohen wird abgeleitet vom Stamm der «Kohanim», dessen Angehörige den Dienst am Altar verrichten. Und die Levis gehören traditionell dem Stamm der Leviten an. Sie sind reisende Gelehrte. Landes Levi, die Reisende, schreibt an den bereits verstorbenen Cohen: «Warst nicht du es, der ein Licht war wie ein Schamane?»
Louise Landes Levi ist eine Reisende geblieben – bis heute. Im vergangenen Oktober weilt sie in Kyoto in Japan und brach von da aus – von der Pandemie um einige Monate ausgebremst – in Richtung Europa auf. Am Dienstag wird sie im Kultbau in St.Gallen eine Lesung geben, gemeinsam mit den beiden Musikern Christian Berger (Gitarre, Oud) und Dominic Doppler (Perkussion) performen. Die Moderation übernimmt Florian Vetsch.
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