Kategorie
Autor:innen
Jahr

Abseits aller Konventionen

Spiritual Punk Lady im Anmarsch: Die New Yorker Dichterin und Reisende Louise Landes Levi beehrt am Dienstag den Kultbau St.Gallen. Von Tamea Wissmann
Von  Gastbeitrag , 
Louise Landes Levi (Bild: Ira Cohen)

The goddess
Loves
To
Be
Fucked
(in the Ass).

Das Gedicht ist hiermit noch nicht zu Ende, aber diese Zeilen aus The Goddess waren das Allererste, was ich von Louise Landes Levi las. Auf der Kehrseite des Blattes der «Cold Turkey Press», wo das Gedicht erschien, zeigt eine Illustration eine auf allen Vieren kniende Frau, aus deren Hinterteil in hohem Bogen eine goldene Flüssigkeit spritzt. Die Zeichnung stammt von Makoto Kawabata, einem japanischen Gitarristen, mit dem Landes Levi auch persönlich bekannt ist.

Louis Landes Levi – The Goddess: 7. Juni, 20 Uhr, Kultbau St.Gallen

kultbau.org

Einige Monate sind seither vergangen, und ich erinnere mich an meine Empörung über die harte Wortwahl, meine Verwirrung ob dieser radikalen Zusammenführung von zwei – wie mir schien – fundamentalen Gegensätzen. Aber ich war auch fasziniert: Welchem Kopf entspringt diese Idee, die Hierarchien einfach so in einen Topf zu schmeissen, einmal kräftig umzurühren und das Gemisch dann als Gedicht auf Papier zu bringen?

Fotos von Louise Landes Levi, kurz: LLL, zeigen ein charaktervolles Gesicht mit einer starken Nase, vollen Lippen und krausem, dunklem Haar. Ob sie sich im Gedicht wohl selbst den Status einer Göttin zuschreibt? Oder nahm sie sich eine traditionelle Gottheit zum Vorbild?

Sanskrit und Stromrechnung

Was Spiritualität anbelangt, ist diese Künstlerin jedenfalls verblüffend vielseitig. Aus LLLs unveröffentlichter Spiritual Autobiography lassen sich einige wichtige Eckpunkte ihres Lebens ziehen: 1944 wurde sie als Kind jüdischer Eltern in New York geboren und verbrachte dort eine Kindheit, die geprägt war von einer überforderten Mutter, die mit ihren eigenen Traumata zu kämpfen hatte, und immer wiederkehrender Krankheit, welche es «little Louise», wie LLL ihr kleinkindliches Ich in der Autobiografie zärtlich nennt, unmöglich machte, etwas anderes als Bananen zu sich zu nehmen. Dies verhalf dem Kind zum Namen Banana Baby – was LLL später wieder aufgreifen und zum Titel eines Gedichtbandes machen sollte.

Schon früh entdeckte Louise das Lesen und die Musik für sich – wie auch das Reisen. Ende der 1960er-Jahre reiste die Dichterin auf eigene Faust von Paris über Afghanistan bis nach Indien, wo sie Sarangi studierte und sowohl zum Buddhismus als auch zum Hinduismus fand. Eine Sarangi ist ein nordindisches und pakistanisches Streichinstrument, dessen Name seinen Ursprung in der persischen Sprache findet, wo es «hundertfarbig» bedeutet, dies in Anlehnung an den Klang des Instruments.

In Indien lernte Louise ausserdem Sanskrit und übersetzte Liebesgedichte von Mirabai, der indischen Dichterin und Mystikerin des 16. Jahrhunderts, ins Englische. Welch hohen Stellenwert die Spiritualität in LLLs Leben einnimmt, zeigt sich eindrücklich in einer Erzählung mit dem Titel Money: Hier beschreibt die Dichterin, wie sie im Lauf ihres Lebens mehrmals durch das Anrufen hinduistischer Gurus auf Geld stiess. Und zwar jeweils exakt so viel, wie sie gerade benötigte (beispielsweise, um eine überfällige Stromrechnung zu begleichen). Im Falle der Stromrechnung fand Louise das Geld auf einer Strasse in London.

Die Kohanim und die Leviten

Zeitweise lebte LLL auch in Europa. 1974, während eines Aufenthalts in Amsterdam, traf sie erstmals auf den Dichterfotografen Ira Cohen, auch er ein hochspiritueller Künstler. Die beiden verband bis zu seinem Tod eine tiefgreifende Beziehung künstlerischer und auch persönlicher Natur – jedoch nie als Liebespaar. In Zur Erinnerung an Ira Cohen schreibt LLL: «Ira, der Rivale meiner Geliebten, aber nie mein Geliebter – es wäre Inzest, stimmten wir beide überein.»

Auch Ira Cohen hat jüdische Wurzeln und aus ihrer beider Nachnamen (Levi und Cohen) ergibt sich eine schicksalshafte Verbindung, nämlich die, dass in der jüdischen Tradition verschiedenen Stämmen unterschiedliche Aufgaben zukommen: Der Name Cohen wird abgeleitet vom Stamm der «Kohanim», dessen Angehörige den Dienst am Altar verrichten. Und die Levis gehören traditionell dem Stamm der Leviten an. Sie sind reisende Gelehrte. Landes Levi, die Reisende, schreibt an den bereits verstorbenen Cohen: «Warst nicht du es, der ein Licht war wie ein Schamane?»

Louise Landes Levi ist eine Reisende geblieben – bis heute. Im vergangenen Oktober weilt sie in Kyoto in Japan und brach von da aus – von der Pandemie um einige Monate ausgebremst – in Richtung Europa auf. Am Dienstag wird sie im Kultbau in St.Gallen eine Lesung geben, gemeinsam mit den beiden Musikern Christian Berger (Gitarre, Oud) und Dominic Doppler (Perkussion) performen. Die Moderation übernimmt Florian Vetsch.

Eine Lesung von einer erstaunlichen und rätselhaften Künstlerin für ein Publikum, das wissen will, welchem Kopf ein solches Schreiben, ein Schreiben abseits aller Konventionen entspringen mag … Und auch für alle anderen.

Win­tis Glücks­fall

Die al­ten Fa­brik­hal­len sind aus Win­ter­thurs Kul­tur­le­ben nicht mehr weg­zu­den­ken. Sie wä­ren aber nichts oh­ne en­ga­gier­te und gut ver­netz­te Men­schen. Sai­ten konn­te auf Ein­la­dung des Kul­tur­ma­ga­zins «Coucou» ei­ni­ge von ih­nen tref­fen. Ein klei­ner Stadt­rund­gang

Von Roman Hertler, Bilder: Daria Frick,
2609 Staetevergleich DSC 6589

Sai­son­start mit pu­rem Wahn­sinn

Das Kon­zert und Thea­ter St.Gal­len zeigt ein­dring­lich auf: Fe­mi­zi­de exis­tie­ren in der Schweiz noch im­mer im un­ge­heu­ren Aus­mass. Die In­sze­nie­rung von Co­rin­na von Rad setzt auf das Gro­tes­ke in Ge­org Büch­ners Woy­zeck und fei­er­te am Sams­tag Pre­mie­re im Gros­sen Haus. Ei­ne Pro­duk­ti­on für «je­der-Mann»!

Von Viviane Sonderegger,
7228 dsc00923

Es kratzt, knallt und schep­pert

Viel En­er­gie und noch viel mehr Punk gibts auf dem neu­en Al­bum Now To Ru­in der Thur­gau­er Band S.G.A.T.V.. Ge­tauft wird am 1. Ok­to­ber im Win­ter­thu­rer Kraft­feld. Sai­ten hat vor­ab rein­ge­hört.

Von Jeremias Heppeler,
1000229093

Bak­te­ri­en und ein Fun­ke Hoff­nung 

Wie kön­nen wir un­se­ren Kon­sum nach­hal­ti­ger ge­stal­ten? In «Next Re­la­ti­ons – Zu­kunft ge­stal­ten» zeigt das Ge­wer­be­mu­se­um Win­ter­thur an­hand von Ar­bei­ten von Stu­die­ren­den mög­li­che An­sät­ze. Ei­ne an­spruchs­vol­le Schau, die Hoff­nung macht.

Von Vera Zatti,
3 gewerbemuseum winterthur next relations leon ehrmann matthis plaga 300dpi a5 1

Tra­gi­ko­mö­die über das Le­ben

Ein Schre­ber­gar­ten wird im neu­en Ro­man Ver­tei­di­gung ei­nes Gar­tens von Chris­ti­na Wal­ker zum Zu­fluchts­ort. Dar­in lässt die Vor­arl­ber­ger Au­torin viel­schich­ti­ge Cha­rak­te­re eben­so auf­blü­hen wie Ap­fel­baum und Jo­han­nis­strauch. 

Von Annette Raschner,
Christina walker foto petra rainer 2026 farbe

Mit­spie­len dür­fen. Aber auch die Spiel­re­geln mit­be­stim­men?

Der Kan­ton St.Gal­len hat Kunst- und Kul­tur­schaf­fen­de zur jähr­li­chen Kul­tur­kon­fe­renz nach Wil ein­ge­la­den. Spie­le­risch wur­de ver­sucht, die Aus­rich­tung der Kul­tur­för­de­rung zu klä­ren und Mög­lich­kei­ten der neu­en Kul­tur­stra­te­gie zu dis­ku­tie­ren. Doch die zen­tra­le Fra­ge blieb of­fen: Wie stark kann die Kul­tur­sze­ne den In­halt der Stra­te­gie tat­säch­lich mit­be­stim­men?

Von Philipp Bürkler,
IMG 0333
Heftvorschau 10/26
Erntehilfe, Unterwasser, Bücherherbst

Wer als Ern­te­hel­fer:in in der Schweiz ar­bei­tet, tut dies in ei­ner recht­li­chen Grau­zo­ne. Das nützt vor al­lem ei­nem Sys­tem, das we­der die Land­wirt:in­nen noch die Kon­su­ment:in­nen im Al­lein­gang än­dern kön­nen. Aus­ser­dem im Ok­to­ber­heft: zehn Jah­re Un­ter­was­ser, ei­ne Fla­schen­post aus Hal­le (Saa­le), Kunst zum The­ma Männ­lich­keit, Mu­sik von The Black Salt und na­tür­lich der Bü­cher­herbst – mit neu­er Li­te­ra­tur von Ost­schwei­zer Au­tor:in­nen.

Saiten 2610 Cover

Sound­track für den Herbst

Hu­man Hu­man spie­len me­lan­cho­li­schen und fra­gi­len In­die-Pop, der trotz­dem warm und licht­durch­flu­tet ist. Das St.Gal­ler Duo hat jetzt sei­ne ers­te EP ver­öf­fent­licht und tritt am Wo­chen­en­de gleich zwei­mal im Bahn­hof Brug­gen auf – erst­mals mit ei­ner Band.

Von David Gadze,
Humanhuman 2026 calexandrakochdevos lowres 2

Kommentar zur Beratung der Inklusionsinitiative im Nationalrat

Men­schen­wür­de, nicht Bud­get­pos­ten

Von Christoph Keller,

Der Neo­na­zipfar­rer

1976 lässt sich Gerd Zi­keli in der evan­ge­li­schen Kirch­ge­mein­de St.Gal­len-Strau­ben­zell zum Pfar­rer wäh­len. Drei Jah­re spä­ter wird er als gut ver­netz­ter Ho­lo­caust-Leug­ner und Vor­stands­mit­glie­der der ers­ten Neo­na­zi­grup­pe der Schweiz ent­tarnt. Heu­te be­ob­ach­tet er Lauf­enten.

Von Roman Hertler,
2609 RIO Gerd Zikeli 01 IMG 1149

Das Glück, bei Pe­ter Kamm Stein zu sein

Bild­hau­er Pe­ter Kamm haut kei­ne Stei­ne mehr im Ate­lier. Trotz­dem ent­ste­hen neue Skulp­tu­ren, die ak­tu­ell in Steck­born zu se­hen sind. Wie geht das?

Von Ursula Badrutt,
Peter Kamm Kunst am Bau Erweiterungsbau Paedagogische Hochschule Kreuzlingen

Die Stick­ma­schi­ne steht still

In vie­len Aus­ser­rho­der Dör­fern klap­per­ten frü­her Web­stüh­le und spä­ter Stick­ma­schi­nen. In­zwi­schen sind sie al­le ver­stummt. Der Film Das En­de ei­ner Ära por­trä­tiert die Sti­cker Wal­ter Son­der­eg­ger Se­ni­or und Ju­ni­or aus Re­he­to­bel und setzt der Bran­che ein Denk­mal.

Von René Hornung,
01 1 Stickerei Dok Walters beide an Maschine von hinten Kopie

Nur das Jetzt zählt

Der Schwei­zer Fil­me­ma­cher Kas­par Ka­sics über­lässt in sei­nem neu­en Film Das un­end­li­che Jetzt Men­schen, die mit De­menz le­ben, die Büh­ne. Ein Ex­pe­ri­ment mit ei­nem aus­ser­ge­wöhn­li­chen Sto­rytel­ling, auf das es sich ein­zu­las­sen lohnt.

Von Vera Zatti,
Still das unendliche jetzt christian sonderegger johanna rensing vinca film distant lights

Das Kro­ko­dil schnappt wie­der zu

Die Schwei­zer Rock­le­gen­den Kro­ko­dil ha­ben kürz­lich ihr neu­es Al­bum Bey­ond The Eye ver­öf­fent­licht. Ur-Kro­ko­dil Dü­de Dürst schwärmt von der En­er­gie der 2019 wie­der­be­leb­ten Band – und hat noch lan­ge nicht ge­nug. Am Frei­tag spie­len sie in der Gra­ben­hal­le.

Von Pius Frey und David Gadze,
Krokodil 2026 pd

24/7 Traumacore

Heat Girl Sum­mer

Von Mia Nägeli,

Kunst in Oberuzwil

Spu­ren der Hei­mat

Von Vera Zatti,
Dieses

Musik

Mehr als Jazz im Kult­bau

Von Richard Butz,
GP Trio MF90302 k

«Die Wahr­neh­mung nicht be­die­nen, son­dern schär­fen»

Pa­trick Kess­ler er­hält den Aus­ser­rho­der Kul­tur­preis 2026. Der Kon­tra­bas­sist, Klang­künst­ler und Ku­ra­tor aus Gais reist mit al­ten Laut­spre­chern nach Wien und Ha­noi, tritt mit In­sek­ten in ei­nen mu­si­ka­li­schen Dia­log und fin­det sei­ne wich­tigs­ten Lek­tio­nen nicht un­be­dingt an Hoch­schu­len.

Von Philipp Bürkler,
Bassilikum 04

Mo­bi­li­täts­al­li­anz nimmt Fahrt auf

Die Mo­bi­li­täts­al­li­anz Ost­schweiz will Pend­ler:in­nen zum Um­stieg vom Au­to auf Bus, Bahn und Ve­lo be­we­gen. Bei den zehn be­tei­lig­ten Gross­un­ter­neh­men lässt be­reits je­de fünf­te Per­son das Au­to am Mor­gen ste­hen. Nun sol­len 500 wei­te­re Fir­men fol­gen. 

Von Philipp Bürkler,
Mobilitaetsallianz 1 philipp buerkler

Tu­bes, Pipe­lines, Cords

Au­gus­tin Re­be­tez macht kei­ne hal­ben Sa­chen. Sei­ne Kunst ist aus­ufernd und dicht zu­gleich. Er ent­wi­ckelt an­spie­lungs­rei­che Bild­wel­ten – ak­tu­ell in der Kunst­hal­le Ar­bon.

Von Kristin Schmidt,
Augustin Rebetez key visual Kunsthalle Arbon Augustin Rebetez