Marokko hat es ihm schon lange angetan, vor allem Tanger, ganz im Norden des Landes, unweit der Strasse von Gibraltar: dem Übersetzer, Kantilehrer und «Saiten»-Autor Florian Vetsch. Eine Übersetzung von Paul Bowles-Gedichten brachten ihn vor achtzehn Jahren das erste Mal nach Tanger, wo er sich mit dem tangerinen Virus ansteckte. Es folgten unzählige weitere Besuche. Gesammelte Anekdoten, Gedanken, Gespräche, zusammen mit den Bildern der Fotografin Amsel, die sich in Tanger ebenfalls ansteckte, erschien nun im Benteliverlag das Buch «Tanger Trance». Am 1. März liest Florian Vetsch aus dem Buch im Rösslitor St.Gallen, ab dem 11. März werden die Fotografien von Amsel in der Galerie Macelleria D’Arte ausgestellt, im Kultbau findet eine Märchenlesung von Moulay Lamrani statt und das Kinok zeigt eine Marokko-Filmreihe; um nur grob das Tanger Trance Festivalzu umreissen, das den St.Galler März zum Marokkomärz machen wird.
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Ein Auszug aus dem Interview, das Alfred Hackensberger mit Florian Vetsch über die Faszination von Marokko, über das politische System und über das Buch führte:
Hackensberger: Marokko ist eines dieser Länder, in das Millionen von Touristen reisen, das unzählige Autoren und Maler besuchten. Für was steht Marokko, was macht es so anziehend?
Vetsch: Anders als die Individuen aus der Kulturwelt suchen Touristen schöne Strände, gute Hotels, Oasen der Entspannung oder Führungen auf eindrücklichen Reiserouten. Das alles bietet Marokko, ein Land, das den Nimbus von 1001 Nacht hat. Menschen aus dem Westen fühlen sich dort wohl, denn Marokko kann als Speerspitze moderner arabischer Staaten betrachtet werden, als diametrales Gegenteil von Staaten wie Afghanistan, Pakistan oder Saudi-Arabien. Der seit über zehn Jahren amtierende König Mohammed VI. unterstützt den Sufismus und gebietet einen moderaten, toleranten Islam.
Marokko ist sicherlich eines der liberalsten arabischen Länder, aber trotzdem keine Demokratie, mit einem Herrscher, der alle wichtigen Entscheidung allein fällt und größter Unternehmer des Landes ist. Marokko wurde weniger wegen seinem moderaten Islam angegriffen, sondern als fester Verbündeter der USA und wegen der enormen sozialen Ungerechtigkeit im Land.
Sie weisen auf enorm wichtige Punkte hin. Marokko gehörte zu den ersten Ländern, welche die nationale Unabhängigkeit der Vereinigten Staaten von Amerika anerkannten. Das ist der Ursprung der bis heute anhaltenden Seilschaft zwischen Marokko und den USA. Der neue König arbeitet an der Verminderung der sozialen Ungerechtigkeit. Man nennt ihn nicht umsonst «le roi des pauvres». Freilich gibt es in Marokko nach wie vor viel zu tun. Doch der Aufschwung ist, verglichen mit den Zuständen unter dem vorangegangenen König Hassan II., nicht zu übersehen.
Die Hafenstadt Tanger hat immer viele Künstler angezogen. Was machte Tanger so faszinierend?
In der Zeit der internationalen Zone Tanger war das Leben dort für Leute aus dem Westen ausserordentlich günstig. Viele kamen aus finanziellen Gründen. Andere zog die Libertinage an: die Stadt als Mekka für sexuellen Nonkonformismus und als Drogenumschlagplatz. Dann das angenehme Klima. Mark Twain hat es in seinem Reisebuch «The Innocents Abroad» wie kein anderer zur Sprache gebracht; es ist das total Andere, indem er es als das ganz Andere gerade nicht definiert. Deshalb kann Tanger zum Ort seiner ganz eigenen Sehnsuchtsvertiefung werden. Man könnte aber auf die Frage nach dem Faszinierenden von Tanger auch mit einer Bemerkung aus Bowles’ Autobiografie «Without Stopping» antworten: Tanger ist eine «dream city», eine magische Stadt, deren Asphalt mythisch aufgeladen ist, vergleichbar vielleicht mit dem antiken Athen oder Alexandria, mit Paris oder New York.
Heute werden Milliarden in neue Tourismusanlagen investiert, ein neuer Mittelmeerhafen ist seit 2007 in Betrieb, es folgen neue Industrienansiedelungen. Wird der Mythos Tanger davon unterdrückt? Ist es heute nicht eine ganz normale marokkanische Stadt?
Das hört man mitunter, aber ich glaube das nicht. Der Kern, die mythisch aufgeladene Substanz dieser Stadt, ist unzerstörbar, trotz wechselnder Fassaden. Sie hat seit unvordenklichen Zeiten Menschen aus aller Herren Länder nach Tanger gelockt, und sie wird das weiter tun. Auch kreative Menschen werden stets nach Tanger kommen. Hier ist die freie Luft, die sie zum Atmen brauchen.
Ihr neues Buch heisst «Tanger Trance». Was hat Tanger mit Trance zu tun? Spielt dabei traditionelle marokkanische Musik wie Gnaoua oder Jilala eine Rolle, deren Protagonisten oder auch deren Zuhörer in Trance fallen sollen?
Das tun sie tatsächlich, das habe ich mehrfach erlebt… Die Trance hat mit den erwähnten Vibrationen zu tun, mit der mythischen Substanz. Thematisch hat Trance mit Drogen, Musik, Erotik, Poesie zu tun. Darauf und auf anderes gehe ich in der «Tanger Trance» ein, aber dichterisch, nicht journalistisch oder essayistisch. Amsel kam auf den Titel. Sehr früh schon brachte sie den Titel ins Spiel. Ich mochte ihn sofort.
«Tanger Trance» ist nicht nur ein Textband, sondern wird durch Fotos komplimentiert. Gerade Fotos über Tanger zu machen, ist ein sehr schwieriges Unterfangen, da die Stadt ja schon tausende Male abgelichtet wurde. Wie hat die Fotografin Amsel das Problem gelöst und was erzählen ihre Bilder?
Amsel hat das wunderbar gelöst, finde ich. Wie jeder gute Fotograf hat sie eine ganz eigene Atmosphäre für ihre Bilder kreiert. Sie hat die Gabe, so zu fotografieren, dass man es nicht merkt. Und Amsel hat ein unerhört wachsames Auge. Sie sieht das Schöne in ungewöhnlichen Zusammenhängen, nimmt den poetischen Augenblick wahr. Sie fotografiert Tanger so, wie nur sie es fotografieren kann. Ihre Bilder erzählen Geschichten. Man kann sich lange mit ihnen beschäftigen.
Wie kam das Projekt zustande? Wie lange dauerte es von Idee bis zur Verwirklichung?
Ich lernte Amsel am 20. September 2005 in St.Gallen kennen. Daran erinnere ich mich genau, denn sie kam an die Lesung, die ich für Ira Cohen in der Syrano Bar organisiert hatte, mit Christian Berger an der Oud. Das war ein magischer Abend. Da meine Frau Bouchra die Bar betrieb, hatten wir viele marokkanische Gäste. Insgesamt kamen wohl an die 150 Leute. Und Ira gab eine Hammerlesung. Wie der Zauberer von Oz stand er an dem roten Tisch und las oder gab einen seiner „raps“ zum Besten, eine seiner spontanen Erzählungen aus Marokko, den Staaten oder Nepal. Amsel fotografierte an dem Abend. Später schickte sie mir ein paar Fotos. So begann unser Gedankenaustausch. Als ich im Frühjahr 2006 für ein, zwei Monate in Tanger lebte, besuchte sie mich, und, wie man sagen könnte: I showed her around. Sie bekam den tangerinen Virus sofort.
Sie wurde sofort angesteckt von der Begeisterung für Tanger?
Ja.
Was haben Sie ihr gezeigt?
Was sie sehen wollte. Sie war schon einmal in den neunziger Jahren nach Tanger gekommen. Damals entstand die Idee, ein Buch zusammen zu machen. Bis das Buch auf dem Tisch lag, dauerte es allerdings fast fünf Jahre. Das Projekt wuchs in dieser Zeit kontinuierlich. Von Anfang an wollten wir die «Tanger Trance» mehrsprachig machen. Wir wollten, dass das Buch in Tanger gelesen werden kann. Deshalb erscheint es jetzt viersprachig: das deutsche Original, die französische Übersetzung von Georg von Muralt, die englische von Jeanne Haunschild und die arabische von Abdenbi Sarroukh. Das war eine Riesenarbeit. Meine dichten, hin und wieder mit einem schluderigen Helvetismus gepfefferten Texte bereiteten den Übersetzern manch Kopfzerbrechen. Aber durch die enge Zusammenarbeit mit ihnen konnten die Knöpfe gelöst werden. So entwickelte sich dieses Buch.
Nach dem «Tanger Telegramm», das literarisch wirklich alle nur erdenklichen Facetten von Tanger behandelt, warum jetzt «Tanger Trance»?
Das «Tanger Telegramm» war eine Anthologie. Das erforderte vielfältige Arbeiten. Für das «Tanger Telegramm» musste ich vor allem Texte sammeln und zum Teil ins Deutsche übersetzen oder übersetzen lassen. Da ist die Tanger Trance etwas ganz Anderes. Ich bin nicht der Herausgeber, sondern der Autor. Wenn man abschließend nicht den Unterschied, sondern das Gemeinsame meiner beiden grundverschiedenen Tanger-Bücher benennen will, so könnte man sagen, dass es das Prinzip produktiver Kooperation ist, das beide Bücher verbindet.
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