Im Jahr 2004 ist, herausgegeben von Florian Vetsch und Boris Kerenski, im Zürcher Bilgerverlag der herausstechend schön von Dario Benassa gestaltete Literatur-Reader Tanger Telegramm erschienen. Mit Fotos, Zeichnungen, Prosatexten, Gedichten, zum Teil faksimiliert, mit Ansichtskarten, Bildern von Rolf Winnewisser und autobiografischen Texten rückten die beiden Herausgeber diesen Sehnsuchts- und Fluchtort erstmals auch für deutschsprachige Leser und Leserinnen ins längst verdiente rechte Licht.
Ein Ort als Legende
Als «Internationale Zone» von 1925 bis 1960 war Tanger ein Ort des Exils, eindrücklich dargestellt im Filmklassiker Casablanca, und ein Tummelplatz für Spione, Rauschgift- und Waffenhändler. In einer zweiten Phase, etwa ab den 1950er-Jahren, entwickelte sich die Stadt zu einem Anziehungspunkt für Literaten und Bohemiens, zu einem Ort der Sub- und Beatkultur, geprägt von Drogen, ausschweifender Sexualität und vielfachen Grenzerfahrungen.
Die Liste von Autoren – Autorinnen spielten eher eine Nebenrolle – ist lang und umfasst prominente Namen wie Truman Capote, Jack Kerouac, Ira Cohen, Brion Gysin oder William S. Burroughs. Zur wohl bekanntesten Tanger-Legende wurde der 1910 geborene amerikanische Schriftsteller, Komponist, Übersetzer und Musikethnologe Paul Bowles. Er übersiedelte bereits 1947 in diese Stadt und verstarb hier 1999.
Illustrationen: aus dem besprochenen Buch. (Bilder: Verlag)
Florian Vetsch, Schriftsteller, Übersetzer, Gymnasiallehrer und Tanger-Faszinierter, lernte Bowles persönlich kennen, als er an der Übersetzung seiner Gedichtsammlung Next To Nothing arbeitete, die 1998 als Nichtsnah im St.Galler Erker Verlag erschien. Im gleichen Jahr publizierte er im St.Galler Sabon-Verlag seine kleine Publikation Paul Bowles in Tanger.
Paul Bowles: The Garden / Der Garten, übersetzt und herausgegeben von Florian Vetsch, Bilger Verlag Zürich 2022, Fr. 56.-
Drei Jahre vor dem Erscheinen dieser beiden Publikationen sass Vetsch mit Bowles in Tanger zusammen, um mit ihm seine Gedichtübersetzungen durchzusehen. Dabei kamen sie auch auf das noch nie publizierte Bühnenstück The Garden zu sprechen, das 1967 von der Theatergesellschaft der Amerikanischen Schule Tangers im Palais du Marshan aufgeführt wurde. Hinter dem Projekt stand der spätere Rektor der Schule, Joseph McPhillips. Er kam 1962 hierher, um an der Schule zu unterrichten, und starb 2007 in Tanger. Er bewahrte in einem ledergebundenen Unikat alle Dokumente zum Stück auf, darunter Kostümentwürfe, Bühnenskizzen, Fotos und das Plakat.
Dieses ziert jetzt auch die Dokumentation von Florian Vetsch Paul Bowles:The Garden / Der Garten. Über zwei Jahrzehnte lang hat sie als fast fertiges Projekt in der Schublade von Vetsch gelegen. Jetzt ist sie, wiederum umwerfend gestaltet von Dario Benassa, im Bilgerverlag erschienen, der damit zugleich sein 20jähriges Bestehen feiert.
Ausführlich zur Entstehungsgeschichte des Buchs äussert sich Florian Vetsch im Interview im Februarheft von Saiten.
Aufwendig gestaltetes «Making of»
Hintergrund des Stücks ist die gleichnamige, erstmals 1964 veröffentlichte Erzählung von Paul Bowles. Sie handelt von einem Mann, der seinen Garten liebt. Seine Frau teilt diese Liebe nicht, glaubt, dass er darin einen Schatz versteckt habe und – ein wiederkehrendes Thema bei Bowles – vergiftet ihn. Daran stirbt der Mann zwar nicht, aber er verliert seine Identität und wird schliesslich von der Dorfgemeinschaft ermordet. Damit verschwindet auch der Garten, er versinkt im Wüstensand.
In seiner am Schluss des Bandes stehenden Annäherung «Gifte gleichsam als tägliches Brot» liefert Vetsch vielfache Deutungen und stellt aufschlussreiche Verbindungen zum Werk von Bowles her. «So lässt sich Paul Bowles’ Short Story The Garden unter vielen Gesichtspunkten lesen», so sein Fazit; «auch dies zeichnet sie aus: Sie ist ein echter Denkkristall.»
Die Dokumentation beginnt mit der deutschsprachigen Version der Erzählung, es folgen Briefe des Autors an McPhillips, die zweisprachige Version des Stücks, ein Interview von Vetsch mit dem Autor aus dem Jahre 1998 und Textbeiträge von McPhillips, der Bowles-Biografin Millicent Dillion und des Schriftstellers John Hopkins.
Buchvernissage: 24. Februar, 19 Uhr, Botanischer Garten St.Gallen, veranstaltet vom Literaturhaus Wyborada
wyborada.ch
Fotos, Zeichnungen, Zeitungsausschnitte, Bühnen- und Kostümskizzen, ein Glossar, Kurzbiografien und Literaturhinweise verbinden sich mit den typografisch unterschiedlich gestalteten Texten zu dem, was dieses Buch zu einem Wurf macht, an dem wohl alle an Bowles- und Tanger-Interessierten grosse und bleibende Freude haben werden.
Weitere Literatur:
Florian Vetsch und Boris Kerenski: Tanger Telegramm, überarbeitete Neuauflage, Bilger Verlag, Zürich 2017 Antäisches Kraftfeld: Paul Bowles in Tanger 1998, Sabon-Verlag, St.Gallen 1998 Paul Bowles: Nichtsnah: Ausgewählte Gedichte 1926-1977, aus dem Amerikanischen von Florian Vetsch, Erker Verlag, St.Gallen 1998 Paul Bowles: Next to Nothing / Fast nichts. Sämtliche Gedichte, übersetzt von Jonis Hartmann, Urs Engeler Editor, Holderbank 2020
Dieser Beitrag erschien im Februarheft von Saiten.
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