« … & der Rest ist Poesie», schreibt Wolf Wondratschek in «The Thrilla of Manila», einem Gedicht über den Boxer Mohammed Ali, der vor kurzem siebzig Jahre alt wurde. Einen Schlagabtausch lyrischer Art führte der Frankfurter Schriftsteller und Imam Hadayatullah Hübsch mit Florian Vetsch, dem literarischen Tausendsassa aus St.Gallen, und zwar von 2007 bis 2009. Wenige Tage vor Hübschs völlig unerwartetem Tod am 4. Januar 2011 gingen die Fahnen zum letzten Mal hin und her. Geblieben sind 52 Gedichte, 52 Punches.
Hübsch beginnt, Vetsch übernimmt die Zeilenanzahl, knüpft an einem Motiv an. Die Themen sind direkt aus Hübschs Lebenswirklichkeit gegriffen: Rockmusik, Kaffee, Zigaretten und Allah. Er schreibt vom «Gesumme der elektrischen Typenrad-Schreibmaschine» das «den Neil-Young-Sound vom Inner Highway begleitet», vom lauwarmen Kaffee, in den er ein Babadschi tunkt, «als wäre es ein Herz, das wir in die Wogen der Weisheit senken, in der Hoffnung, es sauge sich voll mit Lebensessenz», von heilenden Zigaretten. Davon, dass wir uns, um mehr zu verstehen, enthäuten müssten: «Entleiben, das Herz aufgeben / Bis Körper und Gedanken / In Übereinstimmung / Mit dem Willen Allahs, / O Geschenk des Lichts!»
Vetsch erwidert mit Sequenzen aus seiner Wirklichkeit: Ravel, der im Laufwerk D kreist, Ira Cohen (1935 – 2011), dessen Übersetzer er war, «der jetzt im Jewish Home, Manhattan, liegt / Seit Wochen am Genesen, zäh». Wie er am «22. Oktober mit Carl / Weissner & Jürgen Ploog im La / Fourmi Luzern» las, als er erfuhr, dass seine Frau «da ihre / Aufenthaltsbewilligung C seit / 17 Tagen abgelaufen war (…) die Festung / Schengen in Tanger / Auf der Fähre nach Genua / Nicht betreten durfte».
Das ist das Interessante, das Schöne, das Vortreffliche an diesem poetischen Austausch: Er manifestiert sich direkt aus dem Leben. Literatur, Philosophie, Alltag münden in den Schreibfluss wie Erinnerungen, Nachrichten, Tiefsinniges und dadaistische Kalauer. Die Zeilen sind direkt, mitreissend wie gute Songs, und bleiben dabei existentiell. «Wer ist Gott? / Sie ist schwarz / Antwortete Gergory Corso / Völlig zurecht / Auf die Frage der Höchsten / Wissenschaft», schreibt Vetsch im letzten Gedicht «Unbeschriebenes Blatt».
Elf Zeilen weiter ist Schluss und ich reibe mir etwas ratlos die Augen. Derart reinziehen habe ich mich lassen von den beiden Dichteralchemisten, dass ich ein – logisches – Ende des Reigens gar nicht mehr wahrhaben wollte.
Pablo Haller
Hadayatullah Hübsch / Florian Vetsch: Round & Round & Round. Ein Gedichtzyklus. Songdog Verlag, Wien 2011.
Die alten Fabrikhallen sind aus Winterthurs Kulturleben nicht mehr wegzudenken. Sie wären aber nichts ohne engagierte und gut vernetzte Menschen. Saiten konnte auf Einladung des Kulturmagazins «Coucou» einige von ihnen treffen. Ein kleiner Stadtrundgang
Das Konzert und Theater St.Gallen zeigt eindringlich auf: Femizide existieren in der Schweiz noch immer im ungeheuren Ausmass. Die Inszenierung von Corinna von Rad setzt auf das Groteske in Georg Büchners Woyzeck und feierte am Samstag Premiere im Grossen Haus. Eine Produktion für «jeder-Mann»!
Viel Energie und noch viel mehr Punk gibts auf dem neuen Album Now To Ruin der Thurgauer Band S.G.A.T.V.. Getauft wird am 1. Oktober im Winterthurer Kraftfeld. Saiten hat vorab reingehört.
Wie können wir unseren Konsum nachhaltiger gestalten? In «Next Relations – Zukunft gestalten» zeigt das Gewerbemuseum Winterthur anhand von Arbeiten von Studierenden mögliche Ansätze. Eine anspruchsvolle Schau, die Hoffnung macht.
Ein Schrebergarten wird im neuen Roman Verteidigung eines Gartens von Christina Walker zum Zufluchtsort. Darin lässt die Vorarlberger Autorin vielschichtige Charaktere ebenso aufblühen wie Apfelbaum und Johannisstrauch.
Der Kanton St.Gallen hat Kunst- und Kulturschaffende zur jährlichen Kulturkonferenz nach Wil eingeladen. Spielerisch wurde versucht, die Ausrichtung der Kulturförderung zu klären und Möglichkeiten der neuen Kulturstrategie zu diskutieren. Doch die zentrale Frage blieb offen: Wie stark kann die Kulturszene den Inhalt der Strategie tatsächlich mitbestimmen?
Wer als Erntehelfer:in in der Schweiz arbeitet, tut dies in einer rechtlichen Grauzone. Das nützt vor allem einem System, das weder die Landwirt:innen noch die Konsument:innen im Alleingang ändern können. Ausserdem im Oktoberheft: zehn Jahre Unterwasser, eine Flaschenpost aus Halle (Saale), Kunst zum Thema Männlichkeit, Musik von The Black Salt und natürlich der Bücherherbst – mit neuer Literatur von Ostschweizer Autor:innen.
Human Human spielen melancholischen und fragilen Indie-Pop, der trotzdem warm und lichtdurchflutet ist. Das St.Galler Duo hat jetzt seine erste EP veröffentlicht und tritt am Wochenende gleich zweimal im Bahnhof Bruggen auf – erstmals mit einer Band.
Kommentar zur Beratung der Inklusionsinitiative im Nationalrat
1976 lässt sich Gerd Zikeli in der evangelischen Kirchgemeinde St.Gallen-Straubenzell zum Pfarrer wählen. Drei Jahre später wird er als gut vernetzter Holocaust-Leugner und Vorstandsmitglieder der ersten Neonazigruppe der Schweiz enttarnt. Heute beobachtet er Laufenten.
Bildhauer Peter Kamm haut keine Steine mehr im Atelier. Trotzdem entstehen neue Skulpturen, die aktuell in Steckborn zu sehen sind. Wie geht das?
In vielen Ausserrhoder Dörfern klapperten früher Webstühle und später Stickmaschinen. Inzwischen sind sie alle verstummt. Der Film Das Ende einer Ära porträtiert die Sticker Walter Sonderegger Senior und Junior aus Rehetobel und setzt der Branche ein Denkmal.
Der Schweizer Filmemacher Kaspar Kasics überlässt in seinem neuen Film Das unendliche Jetzt Menschen, die mit Demenz leben, die Bühne. Ein Experiment mit einem aussergewöhnlichen Storytelling, auf das es sich einzulassen lohnt.
Die Schweizer Rocklegenden Krokodil haben kürzlich ihr neues Album Beyond The Eye veröffentlicht. Ur-Krokodil Düde Dürst schwärmt von der Energie der 2019 wiederbelebten Band – und hat noch lange nicht genug. Am Freitag spielen sie in der Grabenhalle.
24/7 Traumacore
Kunst in Oberuzwil
Musik
Patrick Kessler erhält den Ausserrhoder Kulturpreis 2026. Der Kontrabassist, Klangkünstler und Kurator aus Gais reist mit alten Lautsprechern nach Wien und Hanoi, tritt mit Insekten in einen musikalischen Dialog und findet seine wichtigsten Lektionen nicht unbedingt an Hochschulen.
Die Mobilitätsallianz Ostschweiz will Pendler:innen zum Umstieg vom Auto auf Bus, Bahn und Velo bewegen. Bei den zehn beteiligten Grossunternehmen lässt bereits jede fünfte Person das Auto am Morgen stehen. Nun sollen 500 weitere Firmen folgen.
Augustin Rebetez macht keine halben Sachen. Seine Kunst ist ausufernd und dicht zugleich. Er entwickelt anspielungsreiche Bildwelten – aktuell in der Kunsthalle Arbon.