Jazz ist nicht gerade club-tauglich derzeit. Früher war das anders (sorry für den Alte-Leute-Satz). Vor 15 oder 20 Jahren verging kaum ein Wochenende, an dem nicht irgendwo Jazz Funk, Acid Jazz oder Jazz Rap lief in St.Gallen. Die Elektroswing-Partys von heute kämen dem wohl noch am nächsten, nur kommt dort (wie bei vielen Nu Jazz-Varianten) in der Regel alles aus der Konserve.
Live gibt es wenig, seit Gambrinus Jazz kein fixes Lokal mehr hat. Mittwochs wird in der Sticki gejazzt, montags jeweils im 1733, dem Weinlokal in der Goliathgasse. Das Publikum ist selten «um die zwanzig», auch am Dienstag nicht. Dabei wäre der Kulturfestival-Auftakt ein Kontrast gewesen zum lahmen Techno-Puls der Clubszene. Mit Nils Petter Molvær konnten das Festival-OK und Gambrinus Plus eine Jazz-Legende für den einzigen Schweizer Auftritt in diesem Jahr verpflichten, einen Pionier, einen, der Grenzen einreisst.
Box mit Besuch aus New York
Die Bernostschweizer von Box sorgten für die passende «Einführung» in die nicht immer seichte und gehörfällige Jazz-Welt. Ja, das war ein Kompliment. Der Sound des Quartetts war voller Soul-, Rap- und Elektro-Schnipsel, aber frei von Thigh-Gap-Rap und Hochglanz-Techno. Box kam mit Jam-Session-Attitüde, mit Kompetenz und Trompete, mit dunklen Bässen, Orgeln und einer Prise «Carribean Shaft». Und sie hatten Black Cracker dabei, die rappende Avantgarde-Stimme aus New York.
Sonnenbrille, Spoken-Jazz und dissonante Utopien – Die Show von Box feat. Black Cracker hätte sicher auch einem jüngeren Publikum gepasst, oder postmodern formuliert: Pharrell hören für Fortgeschrittene – eine Jazz-Mixtur aus Gil Scott-Heron (R.I.P.), Atmosphere und Janelle Monáe in gelben Turnschuhen. Abgefahren. St.Gallen braucht das.
Jazz-Revoluzzer mit leisen Tönen
Molvær, der 53-jährige Trompeter aus Norwegen, kam mit neuen Tönen und Bandkollegen. Bekannt geworden ist der Olsoer 1997 mit seinem Debüt-Album Khmer, einer wegweisenden Stilbrüchigkeit aus Jazz und Electronica, von der Kritik abgefeiert und bis heute das Ur-Werk, an dem er gemessen wird. Dabei kann er den Jazz ja nicht ständig neu erfinden.
Das aktuelle Molvær-Album Switch klingt weniger elektronisch als erwartet. Die Backbeats und dunkeldüsteren Bässe der LP 1/1 (mit Techno-Produzent Moritz von Oswald) von 2013 sind verschwunden, dafür streifen nun Banjos und Steelguitars durch die poetischen Soundscapes. Eine Postkarte dieses Abends wäre wohl in Tanger abgestempelt worden, sie würde Pink Floyd in den Ferien auf Hawaii zeigen, mit einem Banjo nachdenklichen Flamenco spielend, unterschrieben von einer rostgoldenen Trompete.
Sie nahmen sich Zeit, den narrativen Schirm aufzuspannen. Der Sound von Molvær und seinen Kollegen Geir Sundstøl, Erland Dahlen und Morten Qvenild am Kulturfestival war nicht neu, aber dennoch überraschend, eruptiv wie sublim und gewohnt sphärisch verflochten. Am schönsten waren die leisen Parts, wenn das Kies unter den Schuhen knisterte und Molvær dazu seine zarten Ton-Tropfen auf den bassverhangenen Museumshof regnen liess.
Die Jazzer aus Bernost machten den Anfang.
Niklaus Hürny von Box
Passend zur Dämmerung: Trompete und Steelguitar
(Die Glocke <3 – erinnerte mich an Trentemøller in älteren Zeiten…)
Apropos Jazz: Ganz so schlimm wie eingangs bejammert, ist es dann doch nicht in St.Gallen. Neben den Montagen im 1733 und den Mittwochen in der Stickerei gäbe es zum Beispiel noch das «jazzin», wo auch allerhand Swing, Funk, Soul und Jazz zu hören ist: Freitag, 22. August um 19. 30 Uhr, Lokremise St.Gallen. Infos: jazzin-st-gallen.ch
Bilder: Mario Baronchelli, schattenwerk.ch
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