Kategorie
Autor:innen
Jahr

Intonierte Diskurse

Wie klingt eine feministische Bubble? Die Artist-in-Residency-Plattform Salon Vert, 2019 ins Leben gerufen von Claude Bühler, hat sich dem Thema vor einem Jahr angenommen. Heute erscheint bei AuGeil-Records das Mix-Tape dazu, vorerst nur als Kassette.
Von  Roman Hertler
Ein Still aus dem Promo-Film zum Mix-Tape, gedreht von Grace Oberholzer. (Bild: pd)

Mit der zweistimmigen Gesangsharmonie ganz zu Beginn ist es schnell vorbei. Wie ein Maschinengewehr durchsiebt eine Synthie-Salve die Ruhe, um dann ebenso unvermittelt wieder in gestrichene Klangteppiche zu verwehen. Damit wäre das musikalische Stimmungsspektrum des experimentellen Salon-Vert-Mixtapes schon mal abgesteckt. Viel Elektronik, ab und zu akustische Elemente, kompletter Verzicht auf Beats oder andere starre Strukturen.

Salon Vert: Discours féministe erscheint heute bei AuGeil-Records, vorerst einzig als Kassette, irgendwann auch digital auf den gängigen Streaming-Plattformen. Das Tape kann unter hello@salon-vert.ch bestellt werden.

Fünf Wochen lang hat sich eine «feministische queer-Bubble», so der Pressetext, im Frauenpavillon im St.Galler Stadtpark um Claude Bühler versammelt. Sie hat 2019 den Salon Vert, benannt nach dem grünen Teppich in ihrem Atelier, ins Leben gerufen, einen «Raum musikalischen Dialogs zwischen Künstlerinnen».

Eine Antithese zur männderdominierten Musikindustrie und leistungsorientierten Marktlogik. Kollaboration heisst das Zauberwort. Miteinander statt gegeneinander. Für diese Werthaltung und den daraus entwickelten Salon Vert hat Claude Bühler jetzt auch einen mit 25’000 Franken dotierten Förderpreis des Kantons Thurgau erhalten.

Zum Projekt «Discours féministe» im Frauenpavillon gehören nebst Claude Bühler Simona Bischof (Batbait), Sam Assir (Freizeittechnologie of Switzerland), Performance-Künstlerin Riccarda Naef, Juliette Rosset (u.a. ZAYK), Jessica Jurassica und Hilke Ros (Amatorski, Hilke). Morena Barra hat gefilmt, die Kurzdoku dazu erscheint demnächst.

Bühler hat aus den diversen Aufnahmesessions und etlichen Stunden Tonmaterial ausgewählt und auf eine Stunde eingedampft. Alle am Projekt beteiligten Musiker:innen kommen mindestens einmal vor auf dem Tape.

Jessicas Schimpf, Amerikas Schande

In unterschiedlichen Konstellationen haben die Künstlerinnen vergangenen Sommer musikalisch experimentiert und diese Klanggebilde mit Spoken-Word-Einlagen und Gesangsperformances verwoben.

Das kommt manchmal düster und aggressiv daher, zu Beginn etwa, wenn Jessica Jurassica einen Text liest, in dem sie die patriarchalen Fallstricke des Drogenkonsums freilegt und gesellschaftliche Sehnsüchte entblättert, die nur noch von der Popkultur stellvertretend ausgelebt werden. Sie kontrastiert dabei den Kokskonsum als Inbegriff von toxischem Männlichkeitsgebaren und Leistungssteigerung in der kapitalistischen Logik mit dem feinfühligeren, bewusstseinserweiternden und im besten Fall auch -stärkenden Acidtrip. Mehrfach fällt der Satz: «Für Reflexion und Verständnis braucht es eine Sprache.»

Früh eine emanzipatorische Sprache gefunden hat die amerikanische Feministin Audre Lorde, von der einige prägnante Textfragmente mit Salon-Vert-Gesprächsfetzen vermischt wurden: «As a Black, lesbian, feminist, socialist, poet, mother of two including one boy and a member of an interracial couple, I usually find myself part of some group in which the majority defines me as deviant, difficult, inferior or just plain wrong.»

Auf der ersten Seite des Tapes werden die harten polit-feministischen Themen verhandelt, unterlegt mit teils verstörenden elektronischen Zerrbildern. Musikalisch endet der erste Teil dann aber doch versöhnlich mit einfachen, epischen Synthieharmonien, die entfernt an Mogwai-Intros (oder doch sogar Dudelsackhymnen?) erinnern.

Der Umgang mit Körpern als Spiegel der Gesellschaft

Seite zwei beginnt wiederum mit unheimlichem Hintergrundgesang. Erzählt wird dazu eine erotisch-literarische Schmonzette über eine Frau, die dem Mann lustvoll die Schamhaare rasiert, bis sie mit dem Gerät abschlipft. Ein Rasierapparatgeräusch wird eingeblendet, ans Mikro gehalten wurde in Tat und Wahrheit aber ein Vibrator. Dann schmerzverzerrtes Gekratze auf einer Violine.

Claude Bühler und Jessica Jurassica. (Bild: Daif)

Lust, Körperlichkeit, Sinnlichkeit – auch dafür musste zuerst eine feministische Sprache gefunden werden, um bestehenden Ungerechtigkeiten den Kampf anzusagen. Gewonnen ist er natürlich noch lange nicht. Beispielhaft und schmerzlich in Erinnerung gerufen mit dem folgenden Gedicht über Verdrängungsgefühle und Selbstwertverlust eines weiblichen Opfers sexueller Gewalt.

Um aus dieser Dunkelheit wieder aufzutauchen, nimmt sich das Tape einige Minuten Zeit. Eine akustische Verschnaufpause, in der wieder versöhnlichere Töne anklingen. Dann, acht Minuten vor Schluss, ein fein gezupfter Bassgitarrenlauf und eine Geige, die zwischen melancholischer Melodie und nervösem Staccato pendelt. Diese Stelle erinnert etwa an die ausfransenden Parts vom Noir Désir-Song l’Europe.

Den Schlusspunkt markiert eine in Dialekt und Englisch teils vorgetragene, teils gesungene Spoken-Word-Performance, eine Ode an eine amuröse Leidenschaft – «Es chönnt doch eifach eifach si, so easy.»

Metz­ger, En­gel, Him­mel und Tan­te Bergs Ro­sen­ge­büsch

Ani­ta Zim­mer­mann ali­as Lei­la Bock prägt die St.Gal­ler Kul­tur­sze­ne seit Jahr­zehn­ten – als Künst­le­rin, als Ver­mitt­le­rin, als Er­mög­li­che­rin. Sie hat Wi­der­stän­de über­wun­den und an­de­re Künst­ler:in­nen im­mer wie­der her­aus­ge­for­dert. Ei­ne Wür­di­gung

Von  Angela Kuratli , Bilder:  Ladina Bischof
2609 Anita Zimmermann SAI2602 1308 C WEB

«Nicht neu er­fin­den, was funk­tio­niert»

Die St.Gal­ler Mu­se­ums­nacht fin­det in die­sem Jahr zum 20. Mal statt. Zum Ju­bi­lä­um blickt Ver­eins­prä­si­den­tin Bar­ba­ra Af­fol­ter zu­rück und nach vor­ne. Sie sagt, was die Mu­se­ums­nacht bis heu­te aus­macht und wo­hin sie sich ent­wi­ckeln soll.

Von  Marion Loher
Museumsnacht Kunstmuseum pd

Le­bens­be­ja­hen­de Wer­ke im Kunst­zeug­haus

Die Aus­stel­lung «Vol­ler Le­ben» des Ver­eins IG Hal­le Rap­pers­wil wirft Schlag­lich­ter auf künst­le­ri­sche Schaf­fens­pro­zes­se und ih­re Ver­bin­dun­gen zur Na­tur.

Von  Lilli Kim Schreiber
Regula Syz 2

Kolumne: Stimmrecht

St.Gal­len in den Au­gen ei­nes Sol­da­ten

Von  Liliia Matviiv

Kunst­ki­osk trifft Nacht­klub 

Der St.Gal­ler Kunst­ki­osk wird fünf­zehn Jah­re alt. Ge­fei­ert wird das mit ei­ner Ju­bi­lä­ums­aus­stel­lung im ehe­ma­li­gen Tif­fa­ny Night Club. Die Ver­nis­sa­ge ist am 12. Sep­tem­ber. Sai­ten hat schon vor der Er­öff­nung vor­bei­ge­schaut.

Von  Vera Zatti
01 Gruppenfoto Kurationsteam 15 Jahre Kunstkiosk QUERFORMAT

Musiktheater

Auf See im Park­haus

Von  Vera Zatti
Bild 08 07 24 um 07 42

Ein tem­po­rä­res Kunst­haus am Ro­ten Platz

Zum 36-jäh­ri­gen Be­stehen sei­ner Ga­le­rie Macel­le­ria d'ar­te trans­for­miert Fran­ces­co Bo­n­an­no ein leer­ste­hen­des Ge­bäu­de am Ro­ten Platz in St.Gal­len in ein bun­tes Haus vol­ler Kunst. Was als klei­nes Pro­jekt be­gann, wuchs zu ei­nem Ge­mein­schafts­werk von fast 100 Kunst­schaf­fen­den. 

Von  Lilli Kim Schreiber
Kunsthaus am roten platz lilli kim schreiber 1

Das Schö­ne an der Pro­vinz

St.Gal­len und Lu­zern ha­ben mehr ge­mein­sam, als man zu­nächst denkt – oder doch nicht? «Null41» war mit der Sai­ten-Re­dak­ti­on in St.Gal­len un­ter­wegs.

Von  Giulia Bernardi Robyn Muffler  und  Raphael Albisser , Bilder:  Claudia Schildknecht
2609 Staetevergleich 4 D3 A9291

Auf der Su­che nach (Un)Ru­he

Von St.Gal­len bis nach Süd­afri­ka. Ein Ost­schwei­zer Ehe­paar reist im Land­ro­ver De­fen­der um die Welt. Ih­re Er­leb­nis­se hal­ten die Bau­mel­ers mit ei­ner Ka­me­ra fest. Nun er­scheint ihr Film Im­mer wei­ter in Ost­schwei­zer Ki­nos – ei­ne ehr­li­che Do­ku­men­ta­ti­on, der ei­ne Ein­ord­nung gut ge­tan hät­te.

Von  Daria Frick
B 8

«Open House St.Gallen»

Of­fe­ne Tü­ren – tie­fe Ein­bli­cke

Von  Daria Frick
Bildschirmfoto 2026 09 01 um 10 17 40

Museum Herisau

Zeit­rei­se zu den An­fän­gen der Schul­bil­dung

Von  Redaktion Saiten
Bildschirmfoto 2026 09 01 um 10 08 43

Ein Rück­blick auf die ver­ges­se­ne Künst­le­rin Mag­gy Mau­ritz

Das Küefer-Mar­tis-Hu­us in Rug­gell wid­met sich in ei­ner Re­tro­spek­ti­ve der Wie­der­ent­de­ckung ei­ner völ­lig über­se­he­nen Künst­le­rin: Mag­gy Mau­ritz war ei­ne Pio­nie­rin der Graf­fi­ti­kunst und des Lett­ris­mus.

Von  Sieglinde Wöhrer
IMG 5826 Paul Trummer 2

Der lan­ge Weg nach Hau­se – ein Stol­per­stein für Ja­kob Lütschg

Ja­kob Lütschg kehr­te nie nach Bal­gach zu­rück. 82 Jah­re nach sei­nem Tod im Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger Bu­chen­wald kehrt we­nigs­tens sein Na­me heim. Der ers­te Stol­per­stein im St. Gal­ler Rhein­tal er­in­nert an ein Le­ben, das bei­na­he ver­ges­sen ging.

Von  Shqipton Rexhaj
IMG 1558

Musik am See

Pia­no­klän­ge für al­le

Von  Vera Zatti
IMG 0757 2

FC St.Gal­len vs. FC Thun 3:4 – Es wird heu­te nicht mehr bes­ser

Tor­reich, span­nend und doch ent­täu­schend - nur ei­ne Vier­tel­stun­de gu­ter Fuss­ball reicht halt nicht zum Punkt ge­gen Thun. 

Von  SENF Kollektiv
Senf

Fast ein gan­zes Le­ben spä­ter 

Nach Jahr­zehn­ten tref­fen sich Eva und Franz wie­der. Bei­de im fort­ge­schrit­te­nen Al­ter. Viel ist pas­siert und doch ist da noch Zu­nei­gung. Schwind­lig heisst der neue Ro­man der Ost­schwei­zer Au­torin Chris­ti­ne Fi­scher, in dem viel­schich­ti­ge Cha­rak­te­re auf fei­nes Sprach­ge­fühl tref­fen. 

Von  Vera Zatti
Abutz DSC 9766 Portrait wahl fischer klein cmky

Neu­start für Me­ter und Off­cut

Die­ses Wo­chen­en­de er­öff­net die of­fe­ne Werk­statt Me­ter den neu­en Stand­ort an der Burg­stras­se. Und im No­vem­ber zü­gelt Off­cut nach St.Fi­den. Das ist der An­fang vom En­de der Ge­mein­schaft «Ul­men5» – zu­min­dest in ih­rer bis­he­ri­gen Form. Denn 2027 könn­te es zur teil­wei­sen Wie­der­ver­ei­ni­gung kom­men.

Von  David Gadze
Meter 6 david gadze

WG gaf­fen

Ei­ne neue SRF-Se­rie por­trä­tiert ei­ne elf­köp­fi­ge WG aus St.Gal­len. End­lich wie­der mal ei­ne se­hens­wer­te SRF-Pro­duk­ti­on, fin­det Sai­ten-Au­tor An­di Gi­ger.

Von  Andi Giger
6085807

FC St.Gal­len vs. FC Nordsjæl­land 2:3 – St. Gal­len un­ter­liegt Nordsjæl­land

St. Gal­len schlägt sich am En­de auch selbst und muss den Traum von Eu­ro­pa be­gra­ben. Ent­schei­dend war er Platz­ver­wei­se ge­gen Mihai­lo Steva­no­vic vor der Pau­se.

Von  SENF Kollektiv
Senf
Heftvorschau 09/26
Luzern Winti St.Gallen, Neonazipfarrer, A(nita) bis Z(immermann)

Drei Kul­tur­ma­ga­zi­ne tun sich zu­sam­men, ver­glei­chen ih­re Städ­te und die Her­aus­for­de­run­gen, de­nen die Kul­tur ge­gen­über­steht. Sai­ten hat die Kol­leg:in­nen vom «Coucou» in Win­ter­thur be­sucht und das «Null41» war in St.Gal­len zu Be­such. Aus­ser­dem im Sep­tem­ber­heft: lau­ter Ju­bi­lä­en – von Ani­ta Zim­mer­mann über das Fi­gu­ren­thea­ter bis zur Mu­se­ums­nacht –, ein Pfar­rer auf brau­nen Ab­we­gen, ei­ne Fla­schen­post aus Af­gha­ni­stan und ein In­ter­view zum Hit­ze­som­mer und dem Kli­ma­wan­del.

Saiten 2609 Cover 01