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Dann machen wirs halt auf eigene Faust!

Wenn statt den Frauen die Männer den Frauenstreik in den Medien dokumentieren. Oder warum wir unbequem bleiben müssen.
Von  Corinne Riedener

Wie geil das war vor einem Jahr: Über 5000 Leute sind in St.Gallen auf die Strasse gegangen, landesweit über eine halbe Million! Die St.Galler Marktgasse war schon um zehn Uhr morgens pumpenvoll, das Zelt in der Mitte platzte aus allen Nähten, überall Transpis, violette Schals, Risottopfannen, Strassentheater, lautstarke Ansagen und kämpferische Laune. Nach monatelanger Vorarbeit und unzähligen ehrenamtlichen Stunden konnte er endlich beginnen, der zweite Frauenstreik in der Geschichte der Schweiz.

Heute, ein Jahr später, wäre eine solche Aktion undenkbar. Leider. Die Forderungen aber bleiben dieselben: Stopp Gewalt, Sexismus und Diskriminierung! Mehr Cash für Care (gerade auch in der Coronakrise zeigt sich, wie bitternötig diese Diskussion ist)! Gleiche Arbeit, gleicher Lohn! Eine Gesellschaft, in der das Geschlecht keine Rolle mehr spielt!

Sternmarsch zum St.Galler Stadtpark anslässlich des Frauenstreiks: 13. Juni, 14 Uhr

Startpunkte:

  • St.Georgen; Bushaltestelle Mühlegg
  • Lachen-Quartier; beim Tirumpel
  • Rotmonten; Bushaltestelle Dierauerstrasse
  • Heiligkreuz; Bushaltestelle Langgass
  • Fiden; Bushaltestelle St.Fiden
  • Zentrum; Zwinglistrasse 3 (SP- und Gewerkschafts-Sekretariat)
  • Zentrum; Bahnhofsplatz St.Gallen (gedacht für Frauen*, die von ausserhalb anreisen)

 

Corona-Disclaimer: Die Gruppen bei den Startpunkten sollen maximal 15 Personen umfassen. Falls mehr Personen vor Ort sind, in mehrere Gruppen aufteilen. Gegebenenfalls Masken tragen.

Punkt 15:24 Uhr sollte die grosse St.Galler Demo starten. Die kleine Verspätung haben wir freimütig aus unserer Erinnerung gestrichen, schliesslich war die Uhrzeit von den Organisatorinnen bewusst so gewählt: An einem normalen Lohnarbeitstag bis 17 Uhr arbeiten Frauen nämlich aufgrund des Lohnunterschieds zu Männern ab 15:24 Uhr gratis.

«Ich will mehr bekommen, als man mir anfangs versprochen hat. Ich will nicht zum Schweigen gebracht werden», schrie Schauspielerin Diana Dengler ins Megafon. «Wir Frauen waren immer schon das Geschlecht der Ausdauer, des Mutes und des Widerstands – uns blieb gar nie etwas anderes übrig. Der Feminismus ist eine Revolution. Es geht nicht um die kleinen Dinge, es geht darum, alles umzustürzen.» Der Applaus war ohrenbetäubend. Kein Wunder, so eine grosse, bunte und diverse Demo hatte St.Gallen seit Jahren nicht mehr gesehen. «Ufe mit de Frauelöhn, abe mit de Boni – «Alerta! Alerta! Antisexista!»

Mehr zum Frauenstreik auf saiten.ch und im Juniheft 2019 von Saiten.

Schöne Erinnerungen. Auch bittersüss, weil sich sooo viel seither ja nicht geändert hat. Trotzdem: Viele junge Frauen und Männer und alle dazwischen, die den ersten Frauenstreiktag 1991 nicht miterlebt haben, können hoffentlich noch lange von diesem historischen 14. Juni 2019 zehren, der in allen grossen und kleinen Städten der Schweiz für ordentlich Furore gesorgt hat – und die feministischen Kämpfe weiterführen.

Dabei helfen könnte das Buch Wir – Fotografinnen am Frauen*streik, das jetzt, ein Jahr danach im Verlag Christoph Merian erscheint. Auf Anregung der Berner Fotografin Yoshiko Kusano haben 32 Fotografinnen aus der ganzen Schweiz ihre Bilder vom Frauenstreiktag 2019 auf eine gemeinsame Plattform geladen, um sie den Medien zugänglich zu machen. St.Gallen war mit Tine Edel vertreten.

Yoshiko Kusano, Francesca Palazzi, Caroline Minjolle (Hg.): Wir – Fotografinnen am Frauenstreik, Christoph Merian Verlag, Juni 2020, 140 Seiten, Fr. 34.–

Ziel war es, den Widerstand, die Kraft und Entschlossenheit in allen Landesteilen einzufangen. Alle waren sich einig, dass dieser Tag in den Medien umfassend dokumentiert werden muss – und zwar von Frauen. Sie sprachen sich darum im Vorfeld des Streiks mit den grossen Medien ab und informierten alle, dass ihre Streikbilder über die Bildagentur Freshfocus erhältlich sein werden.

Es kam – wir müssen es leider so sagen – wie erwartet: Trotz der Abmachung, den Bildern der Streikfotografinnen den Vorzug zu geben, hantierten viele Medien mit Fotos ihrer Stammlieferanten. Die Berichterstattung erfolgte also wie- dermal vor allem aus der Sicht der Männer. Viele Bilder der Streikfotografinnen blieben unveröffentlicht. Nur konsequent also, dass sie ihre Sicht auf den Streiktag jetzt allen zugänglich machen – zu ihren eigenen Bedingungen und ergänzt mit Texten von weiteren selbstbestimmten Frauen.

Frauenstreiktag 2019, Marktgasse St.Gallen. (Bild: Tine Edel)

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