Zwei unbewegte Momente, wie festgefroren: Ein Mann sitzt alleine in den rotgepolsterten Kinobänken, am Boden eine zerdrückte Bierdose und verstreutes Popcorn. Hinter den Sesseln türmt sich eine brechende Wasserwelle auf und droht, die Szenerie zu verschlingen. Schnitt. Kieselsteine und ein Schacht am Strassenrand. Unter einem Abfallkübel an einem modern designten Metallzaun liegen zwei leere Weinflaschen. Den Stromverteilkasten ziert ein gesprayter Trauersmiley. Und das Licht der Strassenlaterne saugt einen Mann vom Trottoir hoch, der vor Schreck sein Smartphone fallen lässt.
Obacht Obacht – Diorama
Plattentaufe: 5. März, 21 Uhr, Kraftfeld Winterthur
obachtobacht.net
Diorama heisst der Neuling der Frauenfelder Band Obacht Obacht, benannt nach den Schaukästen, in denen Szenen mit Modellfiguren und -landschaften dargestellt sind. Angekündigt wird das Werk als multimediales Album, bestehend aus neun Lofi-Poprock-Songs, drei Videos und einer Website mit 3D-Aufnahmen. Die Texte sind im Gegensatz zu den drei englischen Vorgängern in Schweizerdeutsch gehalten, in einem Dialekt, in dem bisher «noch nie ein guter Rocksong geschrieben» worden sei, wie das Thurgauer Alternativ-Label AuGeil Records verlautbart. Zumindest untermalen die lyrischen Texte, weder Klamauk noch lokalpatriotischer Anflug, die düstere Grundstimmung des Albums. Das funktioniert. Und gute Rocksongs sind es alleweil.
Die bildlichen wie die musikalischen Dioramen künden von drohendem oder bereits eingetretenem Unheil. Was passiert etwa, wenn Du plötzlich nicht mehr da bist?
Dini Pflanze tröchnet us dini Platte vestaubet dini Wösch veschimmlet und din Hamster stirbt
din Stuehl wird bsetzt dis Auto vechauft dis Huus gheit zäme und din Planet vebrennt.
So lautet die Antwort im Song Monument. Macht aber nichts, «i hundert Johr redät niemerd meh drüber». Diorama verspricht schaurigschöne Tiefflüge in die düsteren Sphären der Alltags-Tristesse und der randurbanen Betondepressionen.
Mehr Synths, aber kein Synthpop
Musikalisch ist Diorama wieder ruhiger und damit näher bei den ersten beiden Obacht Obacht-Platten (Obacht Obacht, 2016, und Some Ghosts, EP 2017, alles hörbar auf Bandcamp), die sich irgendwo zwischen 90er-Stoner und den frühen Pink Floyd bewegten. Die minimalistischen Popsongs auf Diorama klingen weniger laut als der beschwingtere und härtere Vorgänger Wormhole Songs (2018). Die Gitarren treten wieder etwas in den Hintergrund und machen Platz für die mal dezenten, mal jammernden Synthesizer.
Aber – glücklicherweise – keine Spur vom angesagten Synthpop-Chic. Die Bassläufe bleiben meist rau verzerrt. Obacht Obacht bleibt seinen Stoner-Wurzeln treu, lehnt klassische Rockstereotypen nach wie vor ab und schafft auch locker den Sprung über die aktuell viel zu oft gehörten und wenig originellen Ausflüge in die psychedelischen und garagigen 70er-Jahre hinaus. Hall- und Flanger-Effekte kommen auf Diorama zwar zum Einsatz, aber origineller und weniger inflationär als in der hippytrümmligen Krautnachäfferszene.
Obacht Obacht, das ist und bleibt vor allem Mastermind und alleiniger Songwriter Tobias Rüetschi. Der Soundtüftler aus Frauenfeld hat sich ein Jahr Zeit genommen und die Platte Nummer vier nach den Band-Aufnahme-Sessions für Wormhole Songs wieder komplett in Eigenregie eingespielt. Diesmal aber nicht mehr auf einem Vierband-Kassettenrekorder wie noch vor vier Jahren fürs Debüt. Mit dem Songwriting sind auch das Equipment und das technische Know-How gereift.
Auch die Videos zu Monument, In Kontakt und Kalkulier Risike, gleitende Makroaufnahmen durch die Details der eigenhändig gestalteten Dioramen, bei denen die Grenzen zwischen Digitalem und Modelliertem verschwimmen, hat Kunststudent Rüetschi selber produziert. Und als Zückerchen obendrauf gibt es als Bonustrack einen wohligen Triphop-Remix zu Monument von DAIF aka David Nägeli, der schon bei anderen Obacht Obacht-Produktionen mitgewirkt hat. Das Album erscheint am 5.März online. Alle drei Videos gibts schon jetzt hier.
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