, 5. Juni 2019
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Kulturkonzept: Finanzfragen nach wie vor ungeklärt

Die städtische Kulturförderung hat am Montag in der St.Galler Lokremise den Entwurf des Kulturkonzepts 2020 präsentiert. Im dritten Stadtkulturgespräch konnten Kulturschaffende und -interessierte sich nochmals dazu äussern. Einige Fragen bleiben nach wie vor offen.

Bildausschnitt: Richard Steiner / Stadt St.Gallen

Erneut haben sich am Montag weit über 100 Personen zum dritten Stadtkulturgespräch getroffen. Barbara Affolter und Kristin Schmid, die Co-Leiterinnen der städtischen Kulturförderung, haben den Entwurf des Kulturkonzepts vorgestellt, der als Resultat aus den beiden Kulturforen im August und im Dezember 2018 hervorgegangen ist. Bevor das Konzept vom Stadtrat genehmigt wird, soll nochmals der Dialog mit den Betroffenen, oder im Idealfall: den Nutzniessern, gesucht werden.

Einleitend sprach Stadtpräsident Thomas Scheitlin vom «Groove der Zusammenarbeit», der sich in diesem «partizipativen Prozess» gezeigt habe. Man habe früher beispielsweise noch wenig von «Soziokultur» und «Zwischennutzungen» gesprochen, das sei heute anders.

Zum Schluss der Veranstaltung ergriff er nochmals das Wort, bedankte sich bei allen Anwesenden, die sich in die Debatte eingebracht hatten, und betonte, dass dieser «Prozess der Mitgestaltung» ohne sie nicht möglich gewesen wäre. Und er gab seiner Hoffnung Ausdruck, dass die herbeigekommenen Kulturschaffenden und -interessierten mit dem Resultat zufrieden sein mögen, auch wenn die eine oder der andere am Ende sagen muss: «Na ja, es kommt vielleicht doch anders, als ich es mir gedacht habe.» Gewisse Sachen müsse man halt auch auslassen.

Wer redet wann und wo tatsächlich noch mit?

Genau diese Auslassungen wären es aber gewesen, die die Leute vor allem interessiert hätten. Es ist eine Debatte, wie sie noch geführt werden muss. Sicherlich innerhalb des Stadtrats und der Verwaltung, wo die Anhänge zum Kulturkonzept zur Zeit noch ausgearbeitet werden. Die wirklichen Hunde liegen nämlich in den Anhängen begraben, dort, wo es konkret wird und um Strukturen, Institutionen und – vor allem natürlich – um die Finanzen geht.

Das Parlament wird zum Konzept vermutlich nichts mehr zu sagen haben. Allerdings dürfte die Budgetdebatte für 2020 diesbezüglich wegweisend sein. Dass der Massnahmenkatalog bis dahin noch nicht bis in alle Details ausgearbeitet sein wird, macht die Debatte aber auch nicht einfacher. Man hat sich am Montagabend aber tunlichst zurückgehalten, schon jetzt Zugeständnisse an die eine oder andere Adresse, die sich im Gespräch für ihre Interessen eingesetzt hatte, zu machen. In einer Konzeptdebatte ist Konkretes ohnehin nicht erwartbar.

Es sei von verschiedener Seite ein «agiles» Kulturkonzept verlangt worden, und ein solches liege jetzt im Entwurf vor. Die sechs Handlungsfelder, die im ersten Forum ausgearbeitet worden waren, sind im Konzeptentwurf enthalten und wurden von Barbara Affolter und Kristin Schmidt erläutert:

1) Vielfalt pflegen:

Einerseits soll die kulturelle Vielfalt erhalten respektive gefördert, andererseits aber auch thematische Schwerpunkte («beispielsweise Textilien, aber natürlich nicht nur!») gesetzt werden. Gefördert werden sollen also etwa – wie vielfach gefordert – Projekte in den Quartieren, aber auch gezielt solche Veranstaltung «mit Potenzial zu nationaler und internationaler Ausstrahlung». Über Leistungs- und mehrjährige Fördervereinbarungen sollen «wichtige Kulturinstitutionen» und die «freie Szene» gefördert werden. Die «Kleinen» sollen dabei nicht zu kurz kommen, versichern die Kulturförderinnen. Das sei keine Frage des «entweder, oder».

2) Verbindungen stärken:

Die Stadt St.Gallen soll noch stärker zum kulturellen Zentrum des Kantons werden. Mittels Anlässen, wie den Stadtkulturgesprächen, soll die Kultur stärker vernetzt werden. Interdisziplinäre Projekte sollen an den Schnittstellen (z.B. Bildung, Soziales) gefördert werden. Kultur- und Bildungsstätten sollen vermehrt auf Aus- und Weiterbildungsangebote sensibilisiert werden und Studierende verstärkt als potenzielle Kulturinteressierte (Publikum, Freiwillige, Akteurinnen) angesprochen werden. Eine Kunstakademie, wie sie einige vorschwebt, wird aus städtischer Warte allerdings ausgeschlossen. Hochschulen seien eine kantonale Angelegenheit, hiess es am Montag.

3) Teilhabe stärken:

Kultur geht alle etwas an. Allen Menschen sollen der Zugang zur Kultur ermöglicht und damit der gesellschaftliche Zusammenhalt gestärkt werden. Die Forderung aus dem Publikum, man möge auch die Migranten-Organisation und -Vereine vermehrt einbinden, stiess zwar bei den Behörden auf offene Ohren. Die Antwort der Kulturförderinnen darauf musste allerdings auch als Gegenkritik ausfallen. Man hatte im Vorfeld der Kulturforen sehr breite Kreise zur Teilnahme eingeladen, darunter auch etliche Ausländervereinugungen und -clubs. An den Stadtkulturgesprächen markierten diese aber äusserst wenig Präsenz. Leute an den Mitsprachetisch zu prügeln, wäre wohl eine Unkultur.

4) Neues ermöglichen:

St.Gallen will sich gemäss Kulturkonzept-Entwurf als innovative Kulturstadt profilieren. Mit neuen Förderformen sollen experimentelle Schaffensorte etwa Kunst und Kreativwirtschaft zusammenbringen. Beim Begriff «Kreativwirtschaft» rümpften einige hörbar die Nase. Einhelliger war die Freude ob der Ankündigung, die Zahl der Werkbeiträge, die nicht zwingend an einen erfolgreichen Abschluss eines Projektes gebunden sind, zu erhöhen und den Zugang zu bestehenden Räumen und Aussenräumen vereinfachen zu wollen. Ausserdem sollen auch Aufenthalte im Ausland an selber gewählten Orten ermöglicht werden.

5) Kultur kommunizieren:

Im Konzeptentwurf steht weiter: «Das Potenzial zur Informationsverbreitung, zum gegenseitigen Austausch unter Kulturschaffenden sowie für die Sensibilisierung der Öffentlichkeit für die Kultur ist noch nicht ausgeschöpft.» Denkbar wäre laut Barbara Affolter beispielsweise eine grosse Kulturanzeige im Bahnhofsgebäude oder die verstärkte und gezieltere Nutzung der digitalen Möglichkeiten zur Erhöhung der Aufmerksamkeit für kulturelle Veranstaltungen. Und: Bezüglich der wiederholten Forderung nach einem Kulturkalender möchten wir gerne nochmals auf den saiten.ch/kalender hinweisen.

6) Schnittstellen etablieren:

Ein Stichwort, das am Montag immer wieder gefallen ist: «Transparenz». Im Gesuchswesen sollen die Schnittstellen und Rollen transparenter gemacht, die Kriterien deutlicher kommuniziert und die Reglemente überarbeitet werden. Zudem sollen der Austausch innerhalb der Verwaltung besser koordiniert und Informationen über Stiftungen und alternative Unterstützungsmöglichkeiten geboten werden. Ökologische und soziale Nachhaltigkeit werden in die Förderkriterien einbezogen.

Die Rückmeldungen aus dem Publikum waren am Montag mehrheitlich positiv. Begrüsst wurde vor allem, dass ein Haus für die freie Szene nach wie vor ein Thema ist. Auch die Ankündigung über mehrjährige Förderbeiträge stiess auf Anklang. Überrascht hat, dass selbst das Ansinnen, Kultur und Tourismus näher zusammenzubringen, positiv aufgenommen wurde, obwohl man in Kulturkreisen der Standortthematik generell eher zurückhaltend gegenübersteht.

Das Publikum äusserte vor allem dort Bedenken, wo es um die konkrete Verteilung der Gelder geht. Wer bekommt am Schluss der Übung ein Stück des Kuchens? Und wie gross wird der Kuchen überhaupt? Erhalten alle – die Grossen wie die Kleinen, die Lauten wie die Leisen – ein angemessenes Stück? Wird hier eventuell nicht in zu grossem Stil angeteigt? Ist das angedachte Konzept mit den politischen Realitäten überhaupt vereinbar? Diese Fragen werden in den kommenden Wochen und Monaten geklärt, die Antworten mit Spannung erwartet.

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