Kunst als Sprache der Welt

Kerzeninstallation von Paulo Wirz (Bild: Anabel Roque Rodriguez)

Konzeptkunst trifft Handwerk: In der Kunsthalle Arbon gibt der Künstler Paulo Wirz eine Lehrstunde darüber, wie Bedeutung in der Kunst entsteht.

Der Ti­tel «Dor­mi­t­ori­os» (Schlaf­zim­mer) führt uns ins Pri­va­te, ins In­ne­re – in ei­nen Raum, der dem Schla­fen dient. Ei­gent­lich das Ge­gen­teil von dem, was man er­war­tet, wenn man ei­nen Aus­stel­lungs­raum be­tritt. Die Kunst­hal­le Ar­bon, in der man die In­stal­la­ti­on fin­det, ist ab­ge­dun­kelt und er­zeugt so tat­säch­lich ei­ne in­ti­me At­mo­sphä­re. In der gros­sen Hal­le ent­de­cken wir ein We­ge­sys­tem aus All­tags­ob­jek­ten: Glä­ser, Ker­zen, Be­steck und wei­te­re Ge­gen­stän­de for­men ei­ne Art Grund­riss auf dem Bo­den.

Der aus­stel­len­de Künst­ler Pau­lo Wirz er­läu­tert, wie ihn die Wort­be­deu­tung des Be­griffs «dor­mi­t­ori­os»  in­ter­es­sier­te. Die Ur­sprün­ge des Be­griffs lie­gen im alt­grie­chi­schen Wort «Ko­ime­ter­ion».  Die Grund­be­deu­tung ver­weist so­wohl auf das Kon­zept des Klos­ters als auch auf den Fried­hof.

Der Zu­stand des Schla­fens war im Mit­tel­al­ter ein be­lieb­tes Mo­tiv für den Tod – die ewi­ge Ru­he. „In mei­nen Ar­bei­ten in­ter­es­siert mich im­mer wie­der, wie wir ei­gent­lich Kul­tur wahr­neh­men und wel­che Codes wir dar­in ver­wen­den. Be­son­ders in­ter­es­sie­re ich mich für den Glau­ben und die Sys­te­me, die er schafft – wie die Re­li­gi­on. Der Tod ist ein star­ker Fak­tor in der Re­li­gi­on. Es gibt die­sen in­ter­es­san­ten phi­lo­so­phi­schen Ge­dan­ken von Ed­gar Mo­r­in, dass sich un­se­re Ge­sell­schaft nur des­halb so stark ent­wi­ckelt hat – in ih­ren Er­fin­dun­gen oder ih­rer Spra­che –, weil wir uns des To­des be­wusst sind. Der Tod ist ein we­sent­li­cher Mo­ment der Evo­lu­ti­on.“

Über die Spra­che der Din­ge

Die Aus­stel­lung wirkt auf den ers­ten Blick wie ein über­di­men­sio­na­les Still­le­ben: Glä­ser, Be­steck, fra­gi­le Ar­ran­ge­ments. In der Kunst­ge­schich­te steht das Still­le­ben für die Wert­schät­zung des All­täg­li­chen, aber auch für das me­men­to mo­ri, die Er­in­ne­rung an die Ver­gäng­lich­keit al­len Le­bens. Al­les er­scheint be­deut­sam, weil es end­lich ist.

Pau­lo Wirz treibt die­sen Ge­dan­ken wei­ter, in­dem er ge­wöhn­li­che Din­ge zum Aus­gangs­punkt sei­ner Wer­ke macht – er nennt dies sein vo­ca­bu­la­ry of ma­te­ri­al. «Ich fin­de es in­ter­es­sant, wie all­täg­li­che Ge­gen­stän­de ih­re Be­deu­tung je nach Kon­text ver­än­dern kön­nen.»

Die­se Kon­text­ver­schie­bung ist das Fun­da­ment sei­ner künst­le­ri­schen Ar­beit: Din­ge kön­nen wie Zei­chen ge­le­sen wer­den – ei­ne Spra­che, de­ren Be­deu­tung sich im Raum zwi­schen Ob­jekt, Be­trach­ter:in und Um­ge­bung ent­fal­tet. Die­se Idee ba­siert auf Mar­cel Duch­amp, der mit sei­nen so­ge­nann­ten Re­a­dy-Ma­des das Ver­ständ­nis von Kunst re­vo­lu­tio­nier­te. In­dem er All­tags­ob­jek­te – et­wa ein Uri­nal (Fo­un­tain, 1917) – aus ih­rem ur­sprüng­li­chen Ge­brauchs­zu­sam­men­hang her­aus­lös­te und sie als Kunst­wer­ke de­kla­rier­te, stell­te er die Fra­ge nach dem We­sen der Kunst ra­di­kal neu: Nicht mehr das Ob­jekt selbst, son­dern der Akt der Aus­wahl, der Kon­text und die Deu­tung wur­den ent­schei­dend.

Ein Re­a­dy-Ma­de war so­mit nicht nur blos­ser Ge­gen­stand, son­dern ein ge­dank­li­cher Ein­griff – ein Kom­men­tar dar­über, wie Kunst selbst Be­deu­tung und Kon­tex­te er­zeugt. In die­se Tra­di­ti­on stellt sich Pau­lo Wirz und nutzt sei­ne ver­meint­lich all­täg­li­chen Ob­jek­te als Trä­ger für sei­ne Aus­ein­an­der­set­zung mit Din­gen als Spei­cher kul­tu­rel­ler Be­deu­tung.

Vom Re­a­dy-Ma­de zum «vo­ca­bu­la­ry of ma­te­ri­al»

Es über­rascht da­her we­nig, dass Pau­lo Wirz sich für Re­li­gi­on, den Tod und das Ri­tu­el­le in­ter­es­siert – dort, wo Ob­jek­ten ei­ne ganz be­son­de­re Be­deu­tung zu­ge­schrie­ben wird. In der Kunst ist Be­deu­tung nie sta­bil, son­dern ent­steht im Pro­zess des Deu­tens – durch Be­trach­ter:in­nen, Kon­tex­te, Dis­kur­se. Kunst ist da­mit selbst ein Sys­tem, das Be­deu­tung pro­du­ziert, ver­mit­telt und trans­for­miert.

Blick in die Ausstellung (Bild: Anabel Roque Rodriguez)

Wie im Ri­tu­el­len wer­den auch hier Ob­jek­te mit Sym­bol­kraft ver­se­hen. Ein ge­wöhn­li­cher Ge­gen­stand wird im sa­kra­len wie im künst­le­ri­schen Raum zu et­was an­de­rem, et­was Mehr­deu­ti­gem. Die­se Nä­he zwi­schen Kunst und Ri­tu­al zeigt sich be­son­ders dort, wo Ma­te­ri­al nicht nur ver­wen­det, son­dern ge­deu­tet und da­durch auf­ge­la­den wird. Kunst er­schafft ih­re ei­ge­ne Se­man­tik, in der Din­ge nicht nur «sind», son­dern im­mer auch «für et­was ste­hen».

So ent­steht ein of­fe­nes Sys­tem, in dem sich Be­deu­tung nicht er­schöpft, son­dern stän­dig neu ent­fal­tet. In die­ser Auf­la­dung mit Be­deu­tung wird der Zau­ber des Ob­jekts ge­bo­ren. 

Wirz’ Ar­beit de­sta­bi­li­siert Be­deu­tung, statt sie zu fi­xie­ren

Pau­lo Wirz’ Lie­be zu Ob­jek­ten bleibt al­so nicht beim Re­a­dy-Ma­de und der Kon­text­ver­schie­bung ste­hen, son­dern möch­te Wel­ten zu­sam­men­füh­ren. Und hier zeigt sich sein span­nungs­vol­les Ver­hält­nis zur An­thro­po­lo­gie – ein Stich­wort, das im In­ter­view im­mer wie­der fällt, wäh­rend er über sein ver­tief­tes In­ter­es­se für afro­bra­si­lia­ni­sche Re­li­gio­nen wie Can­dom­blé er­zählt oder über Ri­ten und My­then spricht.

Doch wäh­rend die An­thro­po­lo­gie be­müht ist, zu ana­ly­sie­ren, zu klas­si­fi­zie­ren und Kon­tex­te zu re­kon­stru­ie­ren, folgt Pau­lo Wirz ei­nem an­de­ren Im­puls: Er de­sta­bi­li­siert Be­deu­tung, statt sie zu fi­xie­ren. In sei­ner Ar­beit geht es nicht um das Er­klä­ren, son­dern um das Öff­nen – um das Sicht­bar­ma­chen der Viel­deu­tig­kei­ten, Am­bi­va­len­zen und poe­ti­schen Ver­schie­bun­gen, die ent­ste­hen, wenn Ob­jek­te und ih­re Kon­tex­te plötz­lich ver­bun­den wer­den.

Die künst­le­ri­sche Pra­xis von Wirz nimmt an­thro­po­lo­gi­sche Me­tho­den auf – das Sam­meln, Be­ob­ach­ten, Kon­tex­tua­li­sie­ren –, über­führt sie aber in ei­nen äs­the­ti­schen Raum, der nicht do­ku­men­tiert, son­dern ima­gi­niert. Wäh­rend die An­thro­po­lo­gie auf Er­kennt­nis und Sys­te­ma­tik zielt, setzt Wirz auf Ir­ri­ta­ti­on und die Ver­schmel­zung von per­sön­li­cher und kol­lek­ti­ver Er­zäh­lung. Sei­ne In­stal­la­tio­nen er­zäh­len kei­ne li­nea­ren Ge­schich­ten, son­dern er­schaf­fen Mög­lich­keits­räu­me, in de­nen sich Be­trach­ter:in­nen selbst ver­or­ten müs­sen.

Nicht ver­kopft, son­dern auch ma­chend

Was bis­her in die Tie­fen der Kunst­theo­rie ging, er­fährt ei­ne Wen­dung, wenn man ver­steht, dass Pau­lo Wirz nicht nur Theo­rie nutzt, son­dern auch klas­si­sche Hand­ar­beit be­treibt. Die Ob­jek­te aus der In­stal­la­ti­on, die so sim­pel er­schei­nen, ha­ben ei­ne wei­te­re Fa­cet­te. Die 200 Ker­zen hat der Künst­ler selbst ge­gos­sen; die Fla­schen sind aus Ze­ment – ei­ne wiegt et­wa zwei Ki­lo­gramm –, je­de ein­zel­ne ist in Ak­kord­ar­beit kurz vor der Aus­stel­lung ent­stan­den. Ins­ge­samt hat er da­für 600 Ki­lo­gramm Ze­ment zu Fla­schen ver­ar­bei­tet, et­wa 20 Stück am Tag. An ei­ner an­de­ren Stel­le ent­puppt sich der ver­meint­lich wert­vol­le Schmuck­in­halt ei­ner Scha­tul­le als Scho­ko­la­den­pa­pier, das zu Kü­gel­chen ge­rollt wur­de.

Wirz und seine Installation (Bild: Anabel Roque Rodriguez)

In «Dor­mi­t­ori­os» be­geg­nen wir ne­ben den Ob­jek­ten auch Ab­güs­sen von Hän­den – ih­re Ges­tik ist glei­cher­mas­sen les­bar als ge­bend, bit­tend, schüt­zend oder als Sym­bol für Ar­beit. Kunst­schaf­fen­de, be­son­ders je­ne, die kon­zep­tu­ell ar­bei­ten, gel­ten heu­te als ko­gni­ti­ve Ar­bei­ter:in­nen. Ih­re Pra­xis ist durch Den­ken ge­prägt – durch Pro­zes­se, die aus­ser­halb des Kunst­sys­tems oft schwer ver­mit­tel­bar sind. Doch wie ent­steht Wert in die­sem Sys­tem?

Wie ein Kom­men­tar auf die öko­no­mi­schen Struk­tu­ren des Kunst­be­triebs

In­dem er vie­le sei­ner Ob­jek­te selbst her­stellt – teil­wei­se in Ak­kord­ar­beit, mit phy­si­schen Wie­der­ho­lun­gen –, the­ma­ti­siert er auch das Ver­hält­nis zwi­schen Kon­zept und Hand­werk, zwi­schen Idee und kör­per­li­cher Um­set­zung. Das ist zu­gleich ein Kom­men­tar auf die öko­no­mi­schen Struk­tu­ren des Kunst­be­triebs.

Die­se Ver­bin­dung von Hand­ar­beit, Zeit­in­ves­ti­ti­on und künst­le­ri­schem Den­ken ver­weist auch auf nach­hal­ti­ge Ar­beits­wei­sen in­ner­halb der ei­ge­nen Kunst­pro­duk­ti­on. «Ich in­ter­es­sie­re mich für Nach­hal­tig­keit, auch in­ner­halb mei­ner ei­ge­nen Pra­xis», so Wirz. «Es ist wich­tig, nicht nur die hung­ri­ge Kunst­ma­schi­ne füt­tern zu wol­len und stän­dig Neu­es pro­du­zie­ren zu müs­sen, son­dern kri­tisch zu hin­ter­fra­gen, wie viel wir wirk­lich neu her­stel­len sol­len.»

Vie­le der ent­stan­de­nen Ob­jek­te ge­hen über in das Ar­chiv des Künst­lers, aus dem sich zu­künf­ti­ge In­stal­la­tio­nen spei­sen – ein Mo­dell der künst­le­ri­schen Selbst­ver­sor­gung, aber auch ein Kom­men­tar auf Pro­duk­ti­ons­lo­gi­ken im Kul­tur­be­trieb.

Ein Ge­flecht aus Er­zäh­lun­gen

Wirz’ Ar­chiv ist da­bei kein Ort des Still­stands, son­dern ein dy­na­mi­sches Re­ser­voir, das ver­gan­ge­ne Ar­bei­ten neu in Be­zie­hung setzt. Über­haupt ist das In-Be­zie­hung-Set­zen, das Ver­bin­den, ein wich­ti­ges Merk­mal. Ei­nen Mo­ment da­von er­ahnt man auch in der Mach­art der In­stal­la­ti­on, denn die Ob­jek­te in «Dor­mi­t­ori­os» sind mit ei­nem ro­ten Fa­den mit­ein­an­der ver­bun­den.

Letzt­end­lich ist die Aus­stel­lung in der Kunst­hal­le Ar­bon ei­ne viel­schich­ti­ge Re­fle­xi­on über die Art und Wei­se, wie wir Ob­jek­ten be­geg­nen – und was un­se­re Be­zie­hung zu ih­nen über uns selbst ver­rät. Die Aus­stel­lung er­öff­net ein Ge­flecht aus Er­zäh­lun­gen: zwi­schen ri­tu­el­len Ord­nun­gen, re­li­giö­sen Sym­bo­li­ken und öko­no­mi­schen Me­cha­nis­men. Pau­lo Wirz ent­fal­tet dar­in ei­nen stil­len, dich­ten Kos­mos, in dem Kunst als Spra­che der Welt er­fahr­bar wird.

(Die­ser Ar­ti­kel er­schien am 10. Ju­ni 2025 auf Thur­gau Kul­tur)

Pau­lo Wirz – «Dor­mi­t­ori­os»: bis 13. Ju­li, frei­tags 17 bis 19 Uhr, sams­tags und sonn­tags 13 bis 17 Uhr, Kunst­hal­le Ar­bon.
sai­ten.ch/ka­len­der