Mutig weiter gegen den Strom

Seit einem Jahr erscheint jeden Dienstag der Saiten-Kulturnewsletter. Eine Idee, die Saiten lange hegte, die mittlerweile sehr geschätzt wird und welche die Kulturberichterstattung in der Ostschweiz auch künftig bereichern soll.

Seit dem 19. Fe­bru­ar 2025 blitzt je­den Diens­tag das pin­ke Ding im Mail­brief­kas­ten auf: Der Kul­tur­news­let­ter, in­tern lie­be­voll KuNu ge­nannt, ist seit­her ein wich­ti­ger Be­stand­teil der kul­tu­rel­len Be­richt­erstat­tung in der Ost­schweiz. Rund 150 Bei­trä­ge sind bis heu­te er­schie­nen. 

Die Idee gär­te seit Jah­ren im Sai­ten-Kol­lek­tiv, des­sen Trä­ger­ver­ein sich dem un­ab­hän­gi­gen Jour­na­lis­mus ver­schrie­ben hat und der seit über 30 Jah­ren den um­fang­reichs­ten Kul­tur­ka­len­der der Ost­schweiz be­treibt. Denn die grös­se­ren Me­di­en­häu­ser ha­ben ih­re Kul­tur­be­richt­erstat­tung längst zu­rück­ge­fah­ren. Ver­an­stal­tun­gen, Aus­stel­lun­gen, Pu­bli­ka­tio­nen gibt es zwar wei­ter­hin. Doch ih­nen fehlt oh­ne Be­richt­erstat­tung die ver­mit­teln­de Sicht­bar­keit, die Neu­gier­de we­cken­de Kri­tik und als Fol­ge da­von das Pu­bli­kum. 

Hier setzt der Kul­tur­news­let­ter an. Ve­ra Zat­ti, Haupt­ver­ant­wort­li­che für den Kul­tur­news­let­ter, und Co-Ver­lags­lei­ter Marc Jen­ny wer­fen im In­ter­view ei­nen Blick auf das auf­re­gen­de ers­te Le­bens­jahr des News­let­ters, und ei­nen in die Zu­kunft.

Sai­ten: Was sind die Über­le­gun­gen, die zum Kul­tur­news­let­ter ge­führt ha­ben? Was ist die Idee da­hin­ter?

Marc Jen­ny: In Zei­ten, wo Kul­tur bes­ten­falls noch in Bubbles ver­han­delt wird, vie­le Me­di­en ih­re Kul­tur­be­richt­erstat­tung zu­rück­ge­fah­ren ha­ben und die ge­sell­schaft­li­che Frag­men­tie­rung im­mer grös­ser wird, wol­len wir Ge­gen­steu­er ge­ben. Die Fül­le an tol­len Kul­tur­ver­an­stal­tun­gen hat zu­ge­nom­men, die öf­fent­li­che Wahr­neh­mung ist hin­ge­gen zu­rück­ge­gan­gen. Das ist auch ei­ne Fol­ge der feh­len­den Be­richt­erstat­tung. Mit dem Kul­tur­news­let­ter wird Kul­tur nie­der­schwel­lig sicht­bar und kos­ten­los zu­gäng­lich.

Wie un­ter­schei­det sich der Kul­tur­news­let­ter von der Wo­chen­schau, al­so dem Frei­tag-News­let­ter, zum ei­nen und vom ge­druck­ten Mo­nats­heft Sai­ten zum an­de­ren?

Ve­ra Zat­ti: Es sind ver­wand­te Be­rei­che. Das Es­sen­zi­el­le beim Kul­tur­news­let­ter ist, dass er im­mer an ei­ne öf­fent­li­che Ver­an­stal­tung, ei­ne Aus­stel­lung, ei­ne Buch­pu­bli­ka­ti­on, ein neu­es Al­bum ge­knüpft ist. Des­halb gibt es ent­we­der ei­ne Vor­schau, ei­ne Be­spre­chung oder auch Ge­sprä­che mit Kul­tur­schaf­fen­den. In der Wo­chen­schau und im Heft ist auch Raum für po­li­ti­schen und ge­sell­schafts­kri­ti­schen Re­gio­nal­jour­na­lis­mus ab­seits der klas­si­schen Kul­tur­be­richt­erstat­tung. Ich bin mit mei­ner neu ge­schaf­fe­nen 50-Pro­zent-Stel­le zwar spe­zi­fisch für den Kul­tur­news­let­ter zu­stän­dig, aber wir spre­chen uns re­dak­ti­ons­in­tern im­mer gut ab. Es ist ein Mit­ein­an­der in un­ter­schied­li­chen Rhyth­men.

Wie legt ihr die The­men fest? Was sind die Aus­wahl­kri­te­ri­en?

VZ: Die Mi­schung ist wich­tig. Ich ach­te dar­auf, dass das ge­sam­te Sai­ten-Ge­biet be­rück­sich­tigt ist. Un­se­re Bei­trä­ge um­fas­sen das Ge­biet von Schaff­hau­sen über Win­ter­thur zum Zü­rich­see und vom Bo­den­see übers Ap­pen­zel­ler­land und das Rhein­tal, Liech­ten­stein, Vor­arl­berg bis nach Chur. Klei­ne­re und grös­se­re Er­eig­nis­se sol­len glei­cher­mas­sen Platz fin­den im KuNu. Die räum­li­che und in­halt­li­che Spann­wei­te und die Di­ver­si­tät sind wich­ti­ge Kri­te­ri­en bei der The­men­aus­wahl. Auch die Stim­men­viel­falt der Schrei­ben­den ist mir wich­tig. Pro Kul­tur­news­let­ter gibt es in der Re­gel drei Text­sor­ten: ei­nen Bei­trag von ex­ter­nen Au­tor:in­nen, ei­ne grös­se­re Be­spre­chung von mir so­wie ei­ne klei­ne­re Vor­schau. Je nach Ka­pa­zi­tät kann das va­ri­ie­ren.

Wie ist die Ab­gren­zung zum Ver­an­stal­tungs­ka­len­der?

VZ: Ich ver­ste­he mei­ne Auf­ga­be auch als ei­ne ku­ra­to­ri­sche, das heisst, ich ma­che die Aus­wahl und möch­te die Viel­falt dar­in ge­währ­leis­ten. Auch klei­ne­re Ver­an­stal­tun­gen brau­chen Sicht­bar­keit. Pro Jahr wer­den rund 90’000 Ver­an­stal­tungs­ter­mi­ne im Sai­ten-Ka­len­der pu­bli­ziert. Mit dem Kul­tur­news­let­ter kön­nen wir Spot­lights set­zen. Vor al­lem aber bie­ten wir mit den Be­spre­chun­gen ei­ne Re­fle­xi­on, die der Ver­an­stal­tungs­ka­len­der nicht leis­ten kann. Wich­tig ist ins­be­son­de­re der ver­mit­teln­de Aspekt.

MJ: Die öf­fent­li­che De­bat­te ist sehr re­le­vant für das Kul­tur­schaf­fen. Kul­tur­jour­na­lis­mus und Be­richt­erstat­tung sind, ge­nau­so wie die Kul­tur­för­de­rung, Teil des Ge­samt­sys­tems Kul­tur. Un­ser Ka­len­der sorgt für Auf­find­bar­keit und Sicht­bar­keit. Die Kul­tur­be­richt­erstat­tung leis­tet die ei­gent­li­che Ver­mitt­lung.

Was sind bis­lang die High­lights des KuNu?

VZ: Ein ers­ter Hö­he­punkt war für mich der Start. Seit­her ist je­der KuNu ein High­light, und ich bin je­des Mal ner­vös und glück­lich, wenn er an die rund 5000 Abon­nent:in­nen geht. Das ist im­mer wie­der von neu­em auf­re­gend.

Wie se­hen die Zah­len aus? Und gibt es Rück­mel­dun­gen von aus­sen?

VZ: Mehr als die Hälf­te der Abo­nennt:in­nen öff­net den Kul­tur­news­let­ter re­gel­mäs­sig. Doch Klick­zah­len ge­ben kei­ne Aus­kunft dar­über, was ein Text mit den Le­sen­den macht, wo und wie das dar­in Ge­le­se­ne wei­ter­fliesst. Tex­te sind nach­hal­ti­ger als ih­re Klicks.

MJ: Von den Ver­an­stal­ten­den und Kul­tur­schaf­fen­den wis­sen wir, wie wert­voll der Kul­tur­news­let­ter für sie ist. An der Fi­nan­zie­rung der Pi­lot­pha­se war un­se­re Com­mu­ni­ty mit 70’000 Fran­ken über Crowd­fun­ding be­tei­ligt, ge­folgt von Stif­tun­gen mit rund 60'000 Fran­ken so­wie rund 20’000 Fran­ken von Sai­ten – da­zu flos­sen je­de Men­ge Ar­beits­stun­den und Eu­pho­rie-En­er­gien ein.

Wie geht es wei­ter?

VZ: Ich wür­de sehr ger­ne wei­ter­ma­chen. Kul­tur ist das Rück­grat der Ge­sell­schaft. Je mehr Kul­tur­be­richt­erstat­tung, je mehr Ver­mitt­lung, Ver­brei­tung, Er­le­ben von Kul­tur, um­so bes­ser für uns al­le.

MJ: Wir möch­ten den Kul­tur­news­let­ter un­be­dingt wei­ter­füh­ren. Aber er ist nicht selbst­tra­gend und lässt sich in­ner­halb des Sai­ten-Bud­gets nicht quer- fi­nan­zie­ren. Die Be­reit­schaft, ihn mit öf­fent­li­chen Gel­dern zu un­ter­stüt­zen, ist ak­tu­ell nicht vor­han­den. Das hat Grün­de, auf die wir kei­nen Ein­fluss neh­men kön­nen. Wir sind al­so auf un­se­re Com­mu­ni­ty, Stif­tun­gen so­wie al­len­falls Mä­zen:in­nen und Spon­sor:in­nen an­ge­wie­sen. So wie er jetzt funk­tio­niert, kos­tet der Be­trieb für ein Jahr ca. 70’000 Fran­ken. Wir wer­den uns der Zu­kunft des KuNu wid­men, so­bald wir die Fi­nan­zie­rung der Kon­so­li­die­rungs­pha­se von Mi­na­sa ge­schafft ha­ben. Mi­na­sa ist als Werk­zeug für den Ver­an­stal­tungs­ka­len­der die Grund­la­ge für den KuNu. 

Sind Ver­än­de­run­gen ge­plant?

MJ: Wir müs­sen mehr Auf­klä­rungs- und Lob­by­ar­beit leis­ten. Kul­tur­be­richt­erstat­tung wird im me­di­en­po­li­ti­schen Dis­kurs oft fälsch­li­cher­wei­se im Zu­sam­men­hang mit Me­di­en­för­de­rung ge­nannt. Das stimmt so nicht. Sie ist auch kein Ge­schäfts­mo­dell. Kul­tur­be­richt­erstat­tung – letzt­lich auch der Kul­tur­news­let­ter – er­reicht ein Ni­schen­pu­bli­kum. Da­mit lässt sich kein Me­di­en­haus quer­fi­nan­zie­ren. Der Nut­zen von Kul­tur­jour­na­lis­mus liegt in sei­ner kri­ti­schen und die Sin­ne öff­nen­den Ver­mitt­lungs­rol­le.

Ei­ne simp­le Fra­ge zum Schluss: Wie seid ihr ei­gent­lich auf KuNu ge­kom­men als Ab­kür­zung für Kul­tur­news­let­ter?

VZ: Ku steht für Kul­tur. Nu ist die Ost­schwei­ze­ri­sche Aus­spra­che des eng­li­schen new. Das ist al­les. So ein­fach.

Vera Zatti (Bild: Ladina Bischof)

Marc Jenny (Bild: Ladina Bischof)

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