, 20. November 2018
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Soziale Arbeit ist politisch!

Warum die Kriso-Transparent-Aktion als Ausdruck einer spezifischen Fachlichkeit zu verstehen ist und darum nicht bewilligt oder genehmigt werden muss: ein Gastkommentar von Herbert Meier.

Stender/Kröger nehmen im einleitenden Text zu Soziale Arbeit als kritische Handlungswissenschaft – Beitrage zur (Re)Politisierung Sozialer Arbeit (2013) zum Politischen der Sozialen Arbeit wie folgt Stellung: «Kaum eine Illusion ist tiefer in den Selbstrechtfertigungen Sozialer Arbeit verankert als die der politischen Neutralität.» Dies liegt unter anderem darin begründet, dass die sozialarbeiterische bzw. sozialpädagogische Praxis politische Wurzeln und Konsequenzen hat.

Oder anders gewendet: Soziale Arbeit ist immer eine politisch wirksame Kraft, ob als Protagonistin autoritärer, menschenverachtender Handlungen oder als Kritikerin derselben und Advokatin von Demokratie und Menschenrechten. Dieser Antagonismus ist von Beginn an in das sich entwickelnde Selbstverständnis der Sozialen Arbeit eingeschrieben.

Die fachliche Herausforderung, die sich vor diesem Hintergrund ergibt, lautet: Wie können gesellschaftliche Bedingungen von prekären Lebenssituationen in die Begründung von professionellem Handeln aufgenommen werden?

Der Bürgerrechtler Saul Alinsky bringt diese Herausforderung mit der ihm eigenen Prägnanz zum Ausdruck: «Arbeitsplätze, höhere Löhne, wirtschaftliche Sicherheit, Wohnen und Gesundheit gehören zu den wichtigsten Dingen im Leben, und sie sind alle umstritten. Diese Probleme müssen offen, mutig und kämpferisch angegangen werden. Und wer das nicht will, sollte nicht wagen zu Arbeitslosen zu gehen, die nicht wissen, woher sie ihre nächste Mahlzeit nehmen sollen, die mit ihren Kindern in der Gosse der Verzweiflung leben, und ihnen keine Nahrung, keine Arbeitsplätze, keine Sicherheit anbieten, sondern beaufsichtigte Freizeitbeschäftigung, Bastelkurse und Persönlichkkeitsbildung. Aber genau das wird immer getan.»

Die Wahl zwischen diesen Perspektiven ist keine beliebige, flexibel austauschbare, sondern eine der Fachlichkeit, ein Ausdruck des professionellen Selbstverständnisses. Betrachtet man die Aktion der Kriso vor diesem Hintergrund, ist sie als Ausdruck einer spezifischen Fachlichkeit zu verstehen, die nicht bewilligt oder genehmigt werden kann und muss, sondern über die fachlich kontrovers diskutiert werden muss und nicht organisationell ordnungspolitisch bestimmt werden kann, weder über infrastrukturelle noch inhaltliche, fachliche Rahmenbedingungen. Sie zeigt vielmehr, in einer verallgemeinernden Form, die politische wirksame Kraft und die daraus resultierenden Gegenkräfte innerhalb und im Kontext von Organisationen.

Bild: Kriso St.Gallen

Betrachtet man die Stellungnahmen bzw. Äusserungen von zwei Opponenten der Aktion wird deutlich, wie Politiker, die nur bedingt Kenntnis von Sozialer Arbeit, deren Geschichte und Begründungen haben, über Professionalität Sozialer Arbeit meinen einfach mal so bestimmen zu können.

Man stelle sich vor, dass eine Fachhochschule nicht Studierende und Mitarbeitende kritisiert, die grundlegende fachliche Widersprüchlichkeiten thematisieren, sondern dass sie den Kolleginnen und Kommilitoninen stattdessen die Frage stellt, warum Sie sich nicht an einer fachpolitisch relevanten Auseinandersetzung beteiligen.

Die Transparent-Aktion zeigt, dass sich in den Bildungsinstitutionen tatsächliche Auseinandersetzung in Ansätzen entfalten kann. Die schleichende Verödung von Bildungseinrichtungen in den letzten beiden Jahrzehnten hingegen weckt Zweifel, ob die Zuspitzung des Widerspruchs Bildungsorganisationen auch weiterhin an- und umtreibt. Einmal mehr wird der Zweifel bestärkt, eine weitere Möglichkeit temporär ausser Kraft gesetzt.

Herbert Meier war von 1991 bis 2013 Mitarbeiter der Fachhochschule St.Gallen und ist dort aktuell Lehrbeauftragter im Fachbereich Soziale Arbeit.

 

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