Die Nachricht hat das Portal infosperber.ch am gestrigen Montag verbreitet – jenes Portal, auf dem Hanspeter Guggenbühl seit zehn Jahren mitgeschrieben und mitgedacht hat: Letzten Mittwoch ist Hanspeter Guggenbühl, Jahrgang 1949, im Waadtland auf dem Rennvelo beim Überholmanöver eines Töffs frontal angefahren und tödlich verletzt worden, teilt Redaktor Urs P. Gasche mit.
Lob des Velos, Kritik am Wirtschaftswachstum
Für Saiten hat Hanspeter Guggenbühl mehrfach geschrieben – auch über das Velo. Im Mobilitätsheft im September 2017 etwa zeichnete er die zwiespältige Erfolgsgeschichte des Fahrrads im Mobilitätswettbewerb nach.
«Das Velo lärmt nicht, stinkt nicht, vergiftet weder Luft noch Wasser, ist billig und energieeffizient», heisst es darin. «Zum Vergleich: Für eine Strecke von 100 Kilometern verbrennt eine Person auf dem Velo bei Tempo 20 drei Kilowattstunden (kWh) Endenergie in Form von Nahrung. Für die gleiche Distanz benötigt eine Person im Zug rund zehnmal, im Auto oder Flugzeug 20- bis 30-mal mehr Endenergie in Form von nicht erneuerbarem Benzin.»
Dennoch halte sich der Erfolg des Velos gesellschaftlich in Grenzen. Guggenbühls wachstumskritische Analyse: «Soviel zur Produktivität des Massenverkehrs. Doch neben der energetischen, materiellen und räumlichen Effizienz gilt es auch die Wirtschaft zu berücksichtigen. Und da verhält es sich umgekehrt: Während der Umstieg vom leichten Velo zu massigen Transportmitteln die Produktivität des Personenverkehrs senkte, erhöhte dieser Umstieg den Umsatz der Volkswirtschaft beträchtlich. So belaufen sich die Gesamtkosten des Personenverkehrs in der Schweiz heute auf rund 74 Milliarden Franken pro Jahr (die Summe aus dem privaten und öffentlichen Verkehr) oder annähernd 10’000 Franken pro Kopf. Verkehrten alle Personen in der Schweiz künftig nur noch per Velo, sänke nicht nur ihr Kilometerkonsum auf ein menschliches Mass, auch der wirtschaftliche Umsatz im Verkehrsbereich und das Bruttoinlandprodukt würden massiv einbrechen.»
Damit ende die 200-jährige Geschichte des Fahrrads mit einem Paradox: «Das Velo als raumsparendes, gesundheitsförderndes, genügsames, umweltfreundliches und energieeffizientes Gefährt ist als Verkehrsmittel zu produktiv. Denn ein effizienter (Verkehrs-) Konsum lässt sich mit einer wachstumsorientierten Wirtschaft nicht vereinbaren.»
2018 schrieb Guggenbühl eine «Sommergeschichte» aus dem Velosattel, vom Timmelsjoch, mit Blick auf schmelzende Gletscher und benzinfressende SUVs: «Reiset um die Welt, solang sie noch nicht schmilzt.»
Guggenbühls Beiträge waren stets statistisch belegt und oft grafisch untermauert. Ökologie war sein Lebensthema und sein zentrales Anliegen, aber er nahm es genau, glaubte weniger den Ideologien als den Fakten, recherchierte und rechnete nach. Beispielhaft dafür war Guggenbühls letzter Text für Saiten, im Februar 2020 im Titelschwerpunkt zur Klimajugend und ihren Forderungen.
Guggenbühl freute sich damals an den Originalbeiträgen der Ostschweizer Jugendlichen in Saiten (hier, hier und hier), sorgte dafür, dass sie auf infosperber.ch ebenfalls erschienen, und trug selber eine Art Bilanz von 30 Jahren Kampf um die CO2-Politik bei. Sein Fazit war auch hier, wie beim Velo, illusionslos: «Der Klimapolitik fehlt ein ökonomischer Hebel.» Hier der vollständige Text.
Nicht mehr erwünscht beim «Tagblatt»
Infosperber war für Guggenbühl wichtig auch deshalb, weil seine Stimme in den traditionellen Tageszeitungen immer weniger gefragt war. Exemplarisch dafür war sein Rausschmiss 2017 aus den Publikationen der damaligen NZZ-Regionalmedien-Gruppe, darunter das «St.Galler Tagblatt». Guggenbühl hatte kritisiert, dass immer weniger Texte von ihm abgedruckt würden und die Redaktionen sich als «geschützte Werkstätten» der Konkurrenz durch freie Mitarbeiter:innen entzögen. Der Saiten-Bericht zum Konflikt hier.
Zusammen mit Gasche schrieb Guggenbühl die Bücher «Das Märchen von der sauberen Schweiz» (1982), «Das Geschwätz vom Wachstum» (2004) und «Schluss mit dem Wachstumswahn» (2010). Guggenbühls letztes Buch «Die Energiewende und wie sie gelingen kann» erschien 2013.
Im Nachruf hebt Gasche die Qualitäten von Guggenbühls journalistischer Arbeit noch einmal hervor: «Im Laufe Deiner journalistischen Laufbahn hast Du für viele Zeitungen über die Umwelt-, Verkehrs-, Energie- und Wirtschaftspolitik geschrieben – stets unabhängig und unbestechlich. Deine Kompetenz, Sachlichkeit und Faktentreue schätzten auch jene, denen Du mit Deinen Recherchen zuweilen auf die Füsse tratest.»
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