«Hans Christoph Binswanger war seit 1957 in Lehre und Forschung an der Universität St. Gallen tätig – zuerst als wissenschaftlicher Mitarbeiter, ab 1969 als Ordinarius für Volkswirtschaftslehre.» Mit diesem Satz beginnt die am 23. Januar 2018 veröffentlichte Todesanzeige. Darin trauert die Universität St. Gallen, ehemals HSG, um den «ökonomischen Humanisten sowie humanen Ökonomen», der am 18. Januar gestorben ist. Auch nach seiner Emeritierung im Jahr 1994 sei Binswanger mit der Uni St. Gallen «aufs Engste verbunden» geblieben. Soviel zum offiziellen professoralen Lebenslauf.
Geld und Natur verknüpft
Was den Wirtschaftswissenschafter Binswanger von seiner Hochschule abhob, war sein breiter Horizont, der in der «Glaubensgemeinschaft der Ökonomen» eher untypisch ist. Ihm gelang es, seine Spezialthemen Ökonomie, Ökologie und Geldtheorie miteinander zu verknüpfen und deren Zusammenhänge darzustellen. Das tat er in mehreren Fachbüchern, zuletzt in seinem umfangreichen und komplexen Spätwerk Die Wachstumsspirale (Metropolis-Verlag, 2006). Hier erläuterte er auch seinen Vorschlag, Aktiengesellschaften zu ersetzen durch Genossenschaften und Stiftungen, um den Wachstumsdruck zu vermindern.
Schon Jahrzehnte früher hatte Hans Christoph Binswanger erkannt, dass das kapitalistische Wirtschaftssystem «einem Wachstumszwang unterliegt». Diese Erkenntnis kontrastierte mit seiner Einsicht, dass ein stetiges Wirtschaftswachstum aus ökologischen Gründen nicht durchzuhalten ist. Um diesen herausfordernden Konflikt zu entschärfen, entwickelte er verschiedene Modelle für eine ökologische Steuerreform. So schlug er eine Lenkungsabgabe vor, um die Energie zu verteuern. Den Ertrag daraus wollte er verwenden, um die von Rationalisierung bedrohte menschliche Arbeit zu verbilligen.
Ähnliche Modelle vertieften später andere Ökonomen und Umweltwissenschafterinnen. Realisiert wurde in der Schweiz bis heute keiner dieser Vorschläge, wenn man von der bescheidenen CO2-Abgabe auf fossilen Brennstoffen absieht.
Wege aus der Wohlstandsfalle
Binswanger war in den 1970er-Jahren zusammen mit Werner Geissberger und Theo Ginsburg Leiter der Forschungsgruppe «Neue Analysen für Wirtschaft und Umwelt». Zu deren Mitgliedern gehörten unter andern auch der spätere Zürcher Stadtpräsident Elmar Ledergerber, der Energieexperte Samuel Mauch, der Soziologe Wolf Linder, die Biochemikerin Joan Davis, die Raumplanerin Verena Häberli, der Geograph Martin Boesch und der Sozialwissenschafter Peter Gross, der später einmal sagte, Binswanger hätte längst den Nobelpreis für Wirtschaft verdient. Er hat ihn nie erhalten.
Die NAWU-Gruppe stellte sich die Frage, wie und mit welchen Mitteln es gelingen könnte, ohne einschneidende Krisen von einer vom Wirtschaftswachstum getriebenen Entwicklung zu einem Zustand des ökologischen Gleichgewichts zu gelangen. Die Ergebnisse veröffentlichte die Gruppe im 1978 erschienenen NAWU-Report unter dem Titel Wege aus der Wohlstandsfalle. Darin findet man sowohl global steuernde Elemente wie Lenkungsabgaben als auch Vorschläge, die eine Rückkehr zu dezentralen Gesellschafts- und Versorgungsstrukturen («Kleine Netze») anstrebten. Das NAWU-Projekt versandete schnell, denn Forschungen, die das Wirtschaftswachstum in Frage stellten, waren in der ökonomisierten Gesellschaft nie sehr gefragt.
Ökonomie und Mystik
In meiner Funktion als Journalist habe ich Hans Christoph Binswanger immer mal wieder kontaktiert. Denn als Freisinniger, der sich gegen den Hauptstrom der ökonomischen Lehren und gegen den blinden Wachstumsglauben wandte, war er für Medienschaffende ein attraktiver Gesprächspartner. Und ausserdem ein origineller Mensch, dessen Interesse weit über die an sich schon umfangreichen Themen Ökonomie und Ökologie hinaus reichten.
1985 etwa stellte er – mit Anleihen bei Goethes Faust – die These auf, Geld habe nicht nur mit Wirtschaft, sondern eben so viel mit Magie zu tun. Und in seinem 1998 veröffentlichten Essay-Buch mit dem Titel Die Glaubensgemeinschaft der Ökonomen versammelte Binswanger eine Reihe von Aufsätzen, in denen er die wirtschaftliche Raffgier ins Blickfeld von Mythos, Philosophie und Völkerkunde rückte.
Natur geht vor
Zu politökonomischen Fragen, die auf der tagespolitischen Agenda standen, äusserte sich Binswanger zurückhaltend, solange er als ordentlicher Professor amtete. Man dürfe das «nicht so deutlich formulieren», sagte er zuweilen Journalisten, die seine ökonomischen Erkenntnisse in griffige Aussagen kleiden wollten. Das änderte sich nach seiner Emeritierung. Da sprach er Klartext, auch gegenüber der breiten Öffentlichkeit.
«Die Erhaltung der Natur als unsere Lebensgrundlage hat Vorrang vor dem Wirtschaftswachstum», diktierte er etwa bei einem Interview in mein Mikrophon; dies im Januar 1996 nach einer längeren Rezessionsphase, als alle andern Ökonomen fast schon hysterisch zur «Überwindung der Wachstumsschwäche» aufriefen. Und weiter sagte er im Interview, das die «Berner Zeitung» am 23. Januar 1996 veröffentlichte: «Statt auf Expansion und Verschwendung muss sich die Wirtschaft auf tiefere Wachstumsraten und eine Erhöhung der Ressourceneffizienz ausrichten.»
Nicht nur das Wachstum der Wirtschaft, sondern auch jenes der Bevölkerung wollte Binswanger begrenzen. Er war während Jahrzehnten bis zu seinem Tod Mitglied im Patronatskomitee der Ecopop, die als eine von wenigen Organisationen den Zusammenhang zwischen Bevölkerungswachstum und Übernutzung der natürlichen Lebensgrundlagen thematisiert. Für seine vielfältige Tätigkeit ist Hans Christoph Binswanger mehrfach ausgezeichnet worden, unter anderem 1980 mit dem deutschen Bundes-Naturschutzpreis, 1986 mit dem Grossen Bindingpreis für Natur- und Umweltschutz sowie dem Adam Smith Preis für marktwirtschaftlichen Umweltschutz.
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