Von Bohnen, Fröschen und anderen Preisen
Zum fünften Mal hat der Kanton St.Gallen anlässlich des Treatment-Wettbewerbs die besten Filmideen ausgezeichnet. Vier Ostschweizer Geschichten erhalten mit dem Preisgeld Unterstützung in der ersten Realisierungsphase ihrer Werke – bis sie jedoch in die Kinos kommen, können gut zehn Jahre vergehen.
Drei der vier Preisträger (Bild: Sandra Metzger)
«Wenn wir bei den Oscars wären, würde es jetzt heissen: And the winners are …», liest Christopher Rühle aus der Grussbotschaft von Laura Bucher– eigentlich hätte die Regierungsrätin persönlich ein paar Worte an die Anwesenden richten sollen, doch weil sie kurzfristig verhindert war, sprang der Co-Leiter des St.Galler Kulturamtes für sie ein.
Anlass für die Grussbotschaft ist aber eben nicht die Oscar-Verleihung in Hollywood, sondern der Treatment-Wettbewerb in St.Gallen. Ein Treatment ist eine Art Drehbuch-Manuskript, eine Vorlage für einen Film. Für den Wettbewerb, der alle zwei Jahre stattfindet, können professionelle Filmschaffende aus der ganzen Schweiz ein Exposé zu ihren Filmideen einreichen und diese, im Fall eines Gewinns, mit dem Preisgeld realisieren. Danach können sie sich für weitere Fördergelder, je nach Entwicklungsstufe ihres filmischen Projekts bewerben. Bedingungen für die Teilnahme am Treatment-Wettbewerb ist allerdings, dass es sich bei den Ideen Geschichten und Themen mit einem Bezug zur Ostschweiz handelt.
So hat an der ersten Verleihung des St.Galler Treatment-Preises 2017 unter anderem eine Filmidee gewonnen, die erst kürzlich als fertiger Spielfilm in die Kinos kam und besonders in der Ostschweiz grosses Interesse auslöste: Friedas Fall. Somit hat es rund zehn Jahre gedauert, bis aus der Filmidee ein erfolgreicher Spielfilm wurde, der tatsächlich über die Leinwände flimmerte. Laut Mireille Loher, Co-Leiterin der St.Galler Kulturförderung und Mitglied der Jury, sei dies der erste Film, der an einem Treatment-Wettbewerb gewonnen hat und nun veröffentlicht wurde.
Weniger lang hat es gedauert, um den Kurzfilm Der Vegetarierkongress zu produzieren und fertig zu stellen. Die Animator:innen Marion Täschler und Noah Erni hatten die Idee zum Film zwar nicht am Treatment-Wettbewerb eingereicht, allerdings zu einem späteren Zeitpunkt Fördergelder vom Kanton St.Gallen erhalten. Denn auch ihr animierter Kurzfilm spielt in der Ostschweiz, in Widnau. Als Beispiel für die kantonale Filmförderung wird er anlässlich des Treatment-Wettbewerbs vorgeführt – und ist demnächst neben acht anderen Ostschweizer Filmen auch an den Solothurner Filmtagen zu sehen.
Zurück nach Widnau: Dort fand 1999 ein Kongress für Vegetarier:innen statt, der in ganz Europa für Schlagzeilen sorgte. Denn zahlreiche Teilnehmer:innen des Kongresses wurden plötzlich krank. Akuter Durchfall und Erbrechen legten den Anlass in der umfunktionierte Widnauer Turnhalle lahm. Der damalige Hausmeister rief die Ambulanz und trug die teilweise ohnmächtig gewordenen Vegetarier:innen ins Freie, wo sich gemäss seinen Überlieferungen die sich übergebenden Menschen stapelten. Neben etlichen Ambulanzen waren auch Helikopter im Einsatz. Der Übeltäter? Eine Bohne. Kidney-Bohnen sind im rohen Zustand für Menschen unverträglich – der Koch hatte im Unwissen daraus eine Speise zubereitet.
Die animierte Mockumentary entstand 2022 und erzählt kreativ und humorvoll die Geschichte aus der Perspektive der beiden Animateur:innen, die mit Zeug:innen von damals sprechen. Und, weil laut Erni und Täschler 2022 Verschwörungstheorien hoch im Kurs waren, spielt der Film auch mit der Idee, dass vielleicht doch eine grössere Geschichte, eine Verschwörung und damit ein Anschlag auf die Vegetarier:innen dieser Welt hinter dem Vorfall stehen könnte.
Genau solche Ideen, Geschichten aus der Ostschweiz, sollen an diesem Mittwochabend im Kinok ausgezeichnet werden. Die Jury, bestehend aus Sarah Born (Catpics AG und Produzentin), den beiden Drehbuchautoren und Regisseuren Daniel von Aarburg und Martin Wirz sowie Mireille Loher, der Co-Leiterin der St.Galler Kulturförderung, und Sarah Mehrmann, Geschäftsführerin der Filmkommission des Kantons St.Gallen, hat aus den 20 eingereichten Exposés vier Ideen ausgewählt. Drei der vier Köpfe hinter den Ideen kommen sogar aus der Ostschweiz. Rund 15'000 Franken erhalten Lucas Ackermann aus Mels, Leo Graf aus Bühler und Dominik Bernet aus Rorschach sowie Jonas Schürch aus Steffisburg.
Der Melser Lucas Ackermann nimmt seinen Preis nicht persönlich entgegen, weil er an einer Weiterbildung teilnimmt. Mit nicht oder eben doch auftauchen hat auch seine Filmidee zu tun: 1976 reist die Denkmalpflegerin Anne-Marie Walser in ein abgelegenes Tal des Sarganserlands, um einen harmlosen Riss in einer Dorfkapelle zu prüfen – und entfacht damit mehr als nur bauliche Fragen. Denn ein Jahrhundert-Föhn legt am Gletscher die Leiche der seit 30 Jahren vermissten Franzi frei und wirbelt ein lange begrabenes Dorfgeheimnis an die Oberfläche. In Föhnfieber soll der Föhn selbst zur treibenden Kraft einer Mystery-Geschichte über Verdrängung, Schuld und die unruhige Macht der Natur werden.
Dominik Bernet entschuldigt sich in seiner Danksagung zwar für seinen Basler Dialekt, bekundet jedoch seine Liebe zu seinem Wohnort Rorschach. Seine Geschichte aber soll sich um das Schloss Wartegg drehen oder zumindest liegt ihr eine historische Begebenheit zu Grunde, die sich dort abgespielt haben soll. In Der Scharlatan von Seite 28 oder Die Vor- und Nachteile des ewigen Lebens trotzen zwei ungleiche Männer der Zeit: Ein zum Tode verurteilter Alchemist erkauft sich 1692 mit dem Stein der Weisen sein Leben – und bindet damit einen desillusionierten Scharfrichter für Jahrhunderte an sich. In dieser schwarzen Coming-of-Age-Komödie soll das Versprechen ewigen Lebens zur Quelle von Misstrauen, Rivalität und existenzieller Gefahr werden.
Ein sehr viel aktuelleres und vor allem politischeres Thema möchte der Bühler Leo Graf in seinem ersten Film umsetzen: Am Wenigerweier in St.Gallen erzählen Frösche in scheinbar nüchternen Interviews von ihrem Alltag – charmant, beiläufig, fast harmlos. Doch langsam kippt der Ton: Zwischen Seerosen entbrennen absurde Debatten über SUVs, Tempolimit, Klimawandel und Freiheit. Leo Grafs animierter Kurzfilm Mehr Strasse – Wenigerweiher soll reale Bilder mit sprechenden Fröschen verbinden und der menschlichen Gesellschaft einen überraschend scharfen Spiegel vorhalten.
Colori del Silenzio ist die Filmidee von Jonas Schürch, dem Steffisburger. Sein Film soll die Schweizer Jahre des jungen Antonio Ligabue nachzeichnen, der im Rheintal zwischen Pflegefamilien, Heimen und Kliniken aufwuchs und mit Sprache, Herkunft und sich selbst rang. Jonas Schürch möchte ein Biopic schaffen, ein Portrait über einen Ausgestossenen, der durch zahlreiche Verlusterfahrungen zum Künstler wurde.
Christopher Rühle, beziehungsweise Laura Bucher, hatte es schon eingangs in der Grussbotschaft erwähnt: Unter den ausgezeichneten befindet sich heuer keine Frau. Nur zwei von 20 Exposés wurden von Frauen eingereicht. Das sei nicht immer so, sagt Mireille Loher: «Tendenziell sind die Männer in der Filmbrache zwar häufiger vertreten als die Frauen, allerdings ist der Unterschied lange nicht so frappant wie am diesjährigen Treatment-Wettbewerb». Über die Gründe werden man sich Gedanken machen, sagt Loher. Auch diese Geschichte ist also noch nicht zu Ende erzählt, allerdings ist es eine, die nicht nur in der Ostschweiz stattfindet.
Der Vegetarierkongress ist am Samstag, 24. Januar, und am Dienstag, 27. Januar, an den Solothurner Filmtagen zu sehen. Zum Trailer
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