Der Saal ist hell erleuchtet, in den langen Sitzreihen Menschen mit Masken. Man unterhält sich leise und vertraut. Auch die Preisträger:innen des heutigen Abends sitzen im Publikum. In der vorderen Reihe hat die Filmkommission Platz genommen. Neben der Leinwand steht ein kleiner Tisch mit Präsenten, daneben ein Pult.
Mireille Loher vom kantonalen Amt für Kultur stellt sich mit dem Mikro in der Hand hinter das Redepult und begrüsst die Anwesenden. Sie ist Geschäftsführerin der Kommission und führt durch den Abend.
Die Veranstaltung startet mit einer ersten Filmvorführung: Gezeigt wird der von der Filmkommission im Jahr 2017 geförderte Animationsfilm Average Happiness, in dem sich Statistiken und Schaubilder einer Power-Point-Präsentation visuell selbstständig machen, begleitet von einer treibenden Musik. Im Laufe des Films bauen sich Diagramme zu einer Art Stadt auf, sind in ständiger Bewegung, verändern sich.
Man lauscht dem Getöse einer hektischen Zahlen-Stadt: da ist Motorenlärm, das Hupen von Autos. Bald verändern die Schaubilder erneut ihre Form, werden zu einer grossen, donnernden Maschine, nur um kurz darauf in ein organisches Pulsieren überzugehen. Alles wirkt ausgesprochen spielerisch. Die Leinwand erinnert gegen Ende hin an eine riesige Lautstärkeanzeige mit mehreren bunten Balken.
Nach sieben Minuten ist der Kurzfilmtrip der 43-jährigen Filmerin Maja Gehrig vorbei. Der Schweizer Filmemacher Marcel Gisler, Dozent an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin und Mitglied der Europäischen Filmakademie, hält eine kurze Rede. Gut gelaunt lobt er den Zuschnitt des St.Galler Wettbewerbs und macht deutlich, wie wichtig eine Anschubfinanzierung für neue Filmideen sei, schliesslich sei das Schreiben der Drehbuchvorlage, des so genannten Treatments, die zeit- und arbeitsintensivste Phase innerhalb des Schaffensprozesses.
Zwei Chinesen in Trogen, ein Sagogner Schreiner, der enge Walensee und ein Argentinier im Rheintal
Nach dieser ersten Einstimmung folgt die Preisverleihung: Die Leiterin der Kulturförderung Kanton St.Gallen, Ursula Badrutt, stellt das erste Treatment-Projekt vor: einen Dokumentartanzfilm von Stefanie Inhelder und Marsya Mohd Johari mit dem Titel Nyai. Badrutt würdigt und erläutert die Eingabe mit folgenden Worten:
«Um 1900 reist Willhelm Inhelder von Sennwald nach Sumatra auf eine Plantage. Hier lebt er gut zehn Jahre zusammen mit der Nyai Anne Lak aus Südchina, mit der er drei Kinder hat. Den beiden Buben ermöglicht er ab 1912 die Schule in Trogen. 1914 kehrt er mit neuer Schweizer Ehefrau in die Plantage zurück. Die Spuren der Nyai und der gemeinsamen Tochter verlieren sich. Für dieses wagemutige Unternehmen haben sich eine Choreografin aus Biel, eine Journalistin aus Malaysia, ein Historiker aus Amsterdam sowie ein Filmproduzent aus Melbourne zusammengetan. Überzeugt haben die Jury die Relevanz des Themas, verbunden mit der Diversität des Teams, sowie die experimentelle Ausrichtung.»
Der nachfolgende Preis in Form einer Regieklappe geht an Pascal Hofmann und Benny Jaberg. Ausgezeichnet wird ihr Projekt Tut quei ch’ei piars (Everything That’s Lost). Kommissionsmitglied Brigitte Hofer fasst den Inhalt des Films in ihrer Lobrede so zusammen: «Der Film erzählt die Geschichte eines Sagogner Schreiners, der sich Ende des 19. Jahrhunderts in einer Spinnerei im Toggenburg verdingt. Nach dem Tod seiner Frau verliert er den Boden unter den Füssen und verändert sich: Er trägt fortan Frauenkleider, schnitzt sich zwei Puppen aus Holz und behandelt diese wie seine Kinder. Die Behörden lassen Tes Cavelti entmündigen und in die Psychiatrie zwangseinweisen.»
Eine weitere Anerkennung erhalten Karin Heberlein und Claudia Pütz mit ihrer Filmidee Rivaun. Die Filmkommission spricht auch hier eine direkte Würdigung aus: «Hauptprotagonistinnen und -protagonisten im Exposé sind eindeutig die Kinder, allen voran die 12-jährige Mila und ihre Freundin, die zugezogene Mathangi. Die Erwachsenen kommen zwar vor, aber viel eher als Abwesende, Schweigende, Überhörende und nicht die Wahrheit Erzählende. Nichts passt in dieser zerrütteten Familie zusammen, die vor wenigen Jahren auseinandergefallen ist und nun mit Lügen und schmerzhaften Abwesenheiten lebt. Die Geschichte spielt am engen Walensee, von dem es – laut Mila – nur zwei Richtungen gebe: Hinauf in den Himmel oder links und rechts weg, möglichst weit am besten. Die Jury ist vom Plot der vielschichtigen Geschichte und Aktualität überzeugt.»
Für seine Eingabe mit dem Titel Gorra erhält der Zürcher Regisseur und Drehbuchautor Giancarlo Moos ebenfalls eine finanzielle Unterstützung in Höhe von 15’000 Franken. Kommissionsmitglied Martin Witz ist sehr angetan vom ersten Entwurf der Komödie und verweist in seiner Würdigungsrede auf die Aktualität des Themas Migration:
«Erzählt wird die Geschichte von Oswaldo, einem Auslandschweizer aus Argentinien, der im St.Galler Rheintal nach den Spuren seiner Familie sucht. Vor langer Zeit sind seine Vorfahren von hier aufgebrochen, geflohen vor der Armut, in der Hoffnung auf ein besseres Leben. Auf den Rückkehrer wartet in seiner Heimatgemeinde eine saftige Überraschung, die eine ebenso überraschende Filmgeschichte in Bewegung setzt. Die Filmstory hat die Jury in ihrer erzählerischen Stringenz aber auch durch ihre menschliche Wärme überzeugt.»
Das Ziel: Freiraum für Filmschaffende ermöglichen
Wenn es nach der Kommission geht, sollen die ausgezeichneten Filmideen in den kommenden Monaten inhaltlich weiterentwickelt werden, bevor sie im Anschluss zu einem Drehbuch umgearbeitet werden. Das Geld für das Verfassen einer Drehbuchvorlage (Treatment) soll den Filmschaffenden genügend Freiraum für ihre Kunst ermöglichen. Wenn man bedenkt, dass ein in der Regel 20 bis 30 Seiten umfassendes Treatment laut Marcel Gisler das A und O innerhalb der Entwicklung eines Films darstellt, ist der Anfang also bereits gemacht bzw. finanziell abgefedert.
Zum Abschluss der Veranstaltung präsentiert die Kommission einen zweiten Kurzfilm. Er stammt von der 22-jährigen Regisseurin Raphaela Wagner und heisst Saitenstich. Mit einer Summe von 30’000 Franken vom Kulturamt gefördert, wurde der 12-minütige Film in St.Gallen gedreht und erzählt die Geschichte von Emma, die aus ärmlichen Verhältnissen stammend ihrer Obsession, dem Geigenspiel, mit unbedingter Leidenschaft nachkommen will, und am Ende, beim ersten Vorspielen vor Publikum, eine erste Genugtuung ihres zielstrebigen Handelns erlebt.
Filmisch dicht verwebt, zeigt die Regisseurin hier ihr aussergewöhnliches ästhetisches Können. Das Historische wird durch die eindrückliche Bebilderung greifbar und damit glaubhaft. An den Solothurner Filmtagen wird Wagner ihr Projekt einem grösseren Publikum vorstellen.
Nach einem kurzen, lebhaften Interview zwischen Ursula Badrutt und der jungen Regisseurin aus Trübbach löst sich die Veranstaltung allmählich auf. Der Kinosaal leert sich. Draussen, in der grossen Halle, in der sich die Brasserie befindet, werden Getränke bestellt und weitere intensive Gespräche geführt. Man tauscht sich über Filmstoffe aus, entdeckt mögliche Parallelen.
Die Historikerin und Geschäftsführerin der Kommission, Mireille Loher, sitzt mit dem Rücken an der dunklen Fensterfront; sie wirkt entspannt und zufrieden. Vielleicht liegt das ja gerade daran, dass an diesem Mittwochabend vorwiegend sozialkritische Filmstoffe mit historischem Bezug prämiert wurden, also Arbeiten mit Anspruch.
Man kann gespannt sein, wann mit den fertigen Filmen der beteiligten Filmemacher:innen zu rechnen ist. Aber erst kommen ja bekanntlich noch die Treatments, danach die Drehbücher und daraufhin die aufwendigen Filmdrehs. Gehen wir infolgedessen von jahrelanger kleinteiliger Arbeit aus – und bleiben derweil gespannt.
Eigentlich wollte Zsuzsanna Gahse keine Bücher mehr schreiben. Nun hat sie mit Angerichtet ihr Werk doch noch einmal erweitert. Ihre Sprache darin bleibt neugierig, humorvoll und spielerisch. Und wirkt fast wie ein Kommentar zum eigenen literarischen Schaffen.
Bücherherbst: Ausser mir von Micha Friemel
Jakob Stutz, Volksschriftsteller und Reformpädagoge mit «zwiespältigem» Charakter: Ihn lässt Ex-Kellerbühnenleiter Matthias Peter 150 Jahre nach seinem Tod noch einmal aufleben – unter anderem in Trogen, wo Stutz im Gefängnis sass.
Auf seinem neuen Album Three Chords and a Shaking Hand besingt der Rheintaler Singer-Songwriter Mo Klé die gegenwärtige Debattenkultur, Regenstürme und Selbstakzeptanz. Die Albumtaufe findet am 7. November im st.gallischen Bahnhof Bruggen statt.
Boukhalfa und Görtler bringen die Espen in Führung, welche das Team dann über die Zeit bringt.
Alexander Veljanov ist die unverwechselbare Stimme der Dark-Wave-Band Deine Lakaien. Mit seinem neuen Soloalbum gastiert er am 9. November in Frauenfeld. Ein Gespräch über Schubladen, Lüge, Wahrheit und die Frage, was Musik mit unserem Menschsein zu tun hat.
Zumthor plant in Wildhaus
Ein Wahlgang genügte: Die SP der Stadt St.Gallen schickt Peter Olibet ins Rennen um die Nachfolge von Stadtrat Peter Jans. Er erhielt 109 von 182 Stimmen. In der Fragerunde ging es um Sparpolitik, bezahlbare Wohnungen und die Frage, wie viel Opposition ein künftiges Regierungsmitglied noch machen kann.
Während Zürich und Genf geraubte Benin-Bronzen zurückgeben, laviert das Kulturmuseum St.Gallen. Derweil untersucht der Thurgau seine ethnografische Sammlung und schliess Restitutionen nicht aus. Ausserdem im Novemberheft: Der solidarische Protest der St.Galler Kulturszene gegen die Sparpläne des Kantons, die neue Ausstellung zum Zehnjährigen im Naturmuseum St.Gallen, das erste elektronische Soloalbum von Kafi-D und vieles mehr.
Seit einigen Jahren sind Benin-Bronzen in Schweizer Museen ein heisses Eisen. Im St.Galler Kulturmuseum laviert man bei der Frage einer möglichen Rückgabe zwischen Dialogbereitschaft und Verweigerungshaltung.
Bücherherbst: Nie ist alles gut von Raffael Rihs
Ein Festival über den Tod – darf das auch lustig sein? «Last Call» lädt am 31. Oktober in St.Gallen dazu ein, über das Sterben zu sprechen. Interview mit Michelle Mauchle von der Geschäftsstelle Palliative Care Stadt St.Gallen.
In St.Gallen hat am Samstag zum ersten Mal ein emanzipatorisch-antifaschistisch-queerfeministisches Kampfsportturnier stattgefunden. Wie das aussieht? Schon ziemlich brutal, aber dann auch wieder herzlich.
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Seit 35 Jahren untersucht Patrick Rohner Naturprozesse, insbesondere im Zusammenhang mit Geologie, zeichnerisch, malerisch und bildhauerisch. Die Ausstellung «Faltungen» im Museum Bickel zeigt noch bis zum 22. November einen Querschnitt dieser kontinuierlichen Beschäftigung.
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Vor dem Karlstor ein Picknick unter Bäumen am Ufer, die Mittagspause mit den Füssen im Wasser vor der Kantonsschul-Bibliothek oder ein Bier am Bächlein zwischen der Bar La Buena Onda und dem «Bierhof» – das alles soll gemäss der Machbarkeitsstudie «Alte Steinach» möglich werden. Am Montag haben sie die Verantwortlichen vorgestellt.
Delfine, Herzen und Flaggen. Die «Illo Konstanz Vol. 5» zeigt über 60 Arbeiten von internationalen Illustratoren. Die Schau lässt viel Raum für eigene Zugänge, übt aber auch Kritik und zeigt Haltung.
Der Verein Lattich im Güterbahnhofareal St.Gallen feiert das 10-Jahr-Jubiläum. Noch immer kämpft er mit Einsprachen. Der Vorstand der Gründungsphase hat aufgegeben. Seit gut einem Jahr bilden Adelheid Karli und Florim Šabani das Co-Präsidium.
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