Endlich! Die Zugänglichkeit der Kunsthalle ist verbessert, die Stolperfalle zwischen Foyer und Ausstellungsraum zumindest temporär behoben – dank Rampe # 2 von Matthias Sohr. Der minimale Eingriff aus Legosteinen entstand als Kooperation mit dem Verein Ramptogo aus Lausanne, und nach dem Prinzip der «Lego-Oma» Rita Ebel aus Hanau. So rollen einerseits Rollstühle und Rollatoren mühelos rein – und raus, andererseits schärft die vibrierende Farbzusammensetzung der Rampe die Aufmerksamkeit der Besuchenden.
Wie verortet sich dieser inkludierende Auftakt in der Gruppenausstellung, die, unter den Titel «Containers Love Disorder» gestellt, Systeme und Strategien des Ordnens untersucht? Der Container als Modell und Metapher für Raum definiert immer auch ein Innen und Aussen. In diesem Sinn ist auch die Institution Kunsthalle als Container zu verstehen. Fragen des Einordnens von Kunst, der Vermittlung oder der Beziehungsbildung sind auch Fragen von Ein- und Ausschluss. Und somit auch von Zugänglichkeit.
Treppenlift wird Skulptur
Künstler, Kurator und Historiker Matthias Sohr ist selbst Angehöriger von Menschen mit Beeinträchtigungen. Mit seiner künstlerischen und kuratorischen Arbeit fokussiert er die Wahrnehmung und Reduzierung von Barrieren sowie das Vernetzen und Vermitteln zwischen verschiedenen Personenkreisen. Sein Ausstellungstext in leichter Sprache liegt als künstlerischer Beitrag im Foyer auf und ist ein Novum für die Kunsthalle.
Mit Treppenlift-Skulptur # 7 setzt Sohr im dritten Ausstellungsraum ein weiteres starkes Statement. Fast organisch schraubt sich ein weisses Metallgerüst einer Säule der Kunsthalle entlang bis zum Betonträger unterhalb der Decke. Es handelt sich um einen ausgedienten Treppenlift.
Treppenlift-Skulptur # 7 von Matthias Sohr (Bild: pd/Kunsthalle St.Gallen, E.Sommer)
Diese individuell auf die jeweilige Raumsituation anzufertigenden Konstruktionen lassen sich kaum für eine Weiternutzung an einen neuen Ort anpassen. In den Kunstkontext verschoben, leicht aus dem Lot gedreht und abstrahiert, sensibilisiert die Skulptur den Blick für architektonische Normvorgaben und die Fragilität des menschlichen Körpers.
Das Nutzlose als höchster Wert
Wie ein listiger Gegenpol desselben Kreislaufgedankens wirkt daneben History von Michèle Graf und Selina Grüter. Auf einem Sockel liegt das Objekt, fast wie eine Luxusuhr präsentiert und teils wohl auch aus deren Bestandteilen zusammengebaut. Ein unergründlicher Mechanismus treibt sein performatives Spiel: Antrieb, Stau, Spannung, Entspannung sind nicht vorhersehbar und verkehren scheinbare Präzision in ihr Gegenteil. Wie bei ihrer Werkserie Kartonage, die, aus Verpackungskartons gebaut, wie gewichtige Granitreliefs wirkt, führt das Künstlerinnen-Duo auch bei History den Nutzen von Nutzlosem vor.
Erst aber nochmals zurück zum Anfang, nachdem Matthias Sohrs Lego-Rampe Schwung bis in den dritten Raum gegeben hat. Grosse, hartkantige Tischauslagen präsentieren im ersten Ausstellungsraum die gesamte Sammlung von La Bibliothèque des Ready-Mades. Die Situation erinnert unvermittelt an einen Hafen. Das Containerschiff ist in der Raummitte um die beiden – nun kaminartigen – Säulen platziert. Der Wand entlang eine Art Quai mit weiteren Waren und Containern. Wie passend, wo die Räume selbst als Lagerhaus erbaut wurden!
Das partizipative, von der Künstlerin Anaïs Wenger initiierte Projekt bezieht Schulen, Kunstschaffende sowie Sammlungsstellen ein. Es thematisiert den flüchtigen Wert banaler Alltagsgegenstände wie auch von Kunstwerken und was sie verbindet. Wie wird etwas Abfall? Oder Kunst? Auch das Publikum ist eingeladen, selbst Objekte mitzubringen und der Sammlung zu überlassen. Alle Artefakte werden inventarisiert und kommen in einen der Behälter, in denen diese verrückte Bibliothek der Verwandlung aufbewahrt wird, wenn sie nicht, wie jetzt, aktiviert ist. Von einem zur Katzenkiste umfunktionierten Radio über einen Stewi bis zum künstlichen Hüftgelenk lässt sich wie in einer Brockenstube viel entdecken. Poetisch betitelt, sind die Sachen musealisiert und dem (Secondhand-)Markt entzogen.
Verspielt, aber hart
Das ist noch nicht alles, was die Ausstellung in St.Gallen bereithält. Die Sound-Collage Golden Sunset von Dominic Michel hält «Containers Love Disorder» beiläufig akustisch zusammen. Die Collage besteht aus kurzen und fortlaufend zusammengeschnittenen Videosequenzen, die der Künstler im öffentlichen Raum findet und filmt. Scheinbar unwichtige Situationen verwandeln scheinbar bedeutungslose kollektive Erinnerungen und Sehnsüchte in Lebenselixier.
Veículos (Fahrzeuge) von Paulo Wirz (Bild: pd/Kunsthalle St.Gallen, E.Sommer)
An ungewohnter Stelle an den Wänden der Kunsthalle angebracht sind die feinen Schablonen-Zeichnungen und Reliefs von Mathis Pfäffli, die Metallabfall aus Industriebetrieben nutzen. Als Kunst wird das Material neuen Kreisläufen zugeführt und fungiert als eine Art Glücksbringer und Türöffner. Beengend dazu die The Playroom-Serie von Kelly Tissot mit Aufnahmen aus dem Badener Teddybär-Museum in harten Faserplatten-Stahl-Rahmen.
Und wenn Paulo Wirz allerhand Tand, Lampen und Weinglasscherben auf reichem Blattwerk im edlen Kirschholz-Bett drapiert oder auf dem Boden zu Kultplätzen mit ritueller Ausstrahlung auslegt, rücken Traum und Realität, Horror und Hoffnung in enge Nachbarschaft.
Fazit: Das auf Schritt und Tritt Widerständige der klug ausgewählten und zusammengestellten Werke gegenüber der dominierenden, kapitalistischen Warenwelt befreit. Das macht glücklich. Der formal technoiden Härte zum Trotz.
«Containers Love Disorder»: bis 31. Mai, jeweils Dienstag bis Freitag 12 bis 18 Uhr und Samstag und Sonntag, 11 bis 17 Uhr, Kunsthalle St.Gallen.
Ausstellungsführung am Dienstag, 10. März, 18 Uhr, Kunsthalle St.Gallen.