, 9. März 2021
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Da vergeht einem das Sehen vor lauter Hören nicht

In der St.Galler Lokremise werden Kunstwerke begehbar, begleitet von einem Audiowalk des Schauspiel-Ensembles. «Città irreale» macht Räume auf, real und im Kopf. Am Samstag war «Premiere» – Viviane Sonderegger über das Theatererlebnis der anderen Art.

Spitzen Sie die Ohren. Dann werden Sie das Echo von Stimmen im Innern der 15 Meter langen Installation Kreidefelsen auf Rügen 1818 von Sara Masüger hören oder sich später nochmals daran erinnern. Öffnen Sie die Augen. Dann werden Sie eine Serie polierter Bronze- und Messingobjekte von Nina Beier entdecken, die sich am Boden ihre heldenhafte Bestimmung zurückerobern.

Um in die «Città irreale» einzutauchen, braucht es beide Sinne. Eine Stadt, in der soziale Fragen und gesellschaftliche Prozesse im theatralen Kontext gespiegelt werden – in jedem der Kunsträume anders. Akustisch zum Leben erweckt. Skulptural betont. Ungeheuerlich real. Fast schon normal.

Die Arbeiten von Sara Masüger und Nina Beier in der Lokremise. (Bild: Sebastian Stadler)

Die Besucher*innen treten in eine Welt ein, in der über die Ohren vermittelt und über den Körper erfahrbar wird, wie etwas sein könnte, wenn es tatsächlich so wäre, und vor welche Herausforderungen uns die Pandemie stellt und noch stellen wird. Innerhalb von nur 50 Minuten gelingt es dieser Ko-Produktion des Schauspiel-Ensembles mit dem Kunstmuseum St. Gallen (hier die Vorschau), das zu artikulieren, nach dem wir uns in Normalität alle sehnen: La realità.

Pandemietaugliche Stöpsel

Die Technik ist zwar tricky, aber so praktisch und sympathisch eingesetzt, dass sie, sobald die Kopfhörer über die Ohren gestülpt sind, als bereicherndes und pandemiefreundliches Tool fungiert. Unüberhörbar gut – und es sieht auch nicht einmal so schlecht aus…

«Città irreale»: während der Öffnungszeiten der Kunstzone in der Lokremise St.Gallen zu jeder Zeit im Abstand von 15 Minuten für jeweils eine Person möglich.

Mo-Sa 13-20 Uhr, So 11-18 Uhr

Terminbuchung: 071 277 88 40.

theatersg.ch

Für einen Moment verstummt alles von aussen. Der Blick ist auf Ton, Klänge, Geräusche und auf die Stimmen angewiesen, die als imaginäre Bewohner*innen der «Città irreale» durch die Kunstaustellung führen. Der Blick ist aber auch frei. Sogar nach draussen wird er gelenkt, wo Passant*innen eine Nebenrolle mit-spielen. Die Stimmen sind manchmal nahe, manchmal ganz fern. Dank der Kunstkopf-Aufnahmetechnik ist man vermeintlich mitten drin, der Ton geht von einem Ohr zum anderen im Surround-Effekt.

Achtung Aufnahme in der Swissairkabine, mit Christian Hettkamp und Frederik Rauscher. (Bild: Reto Müller)

Der theatrale Audiowalk entführt, verführt, bewegt, schüttelt durch, nimmt mit auf eine Reise. Geführt von Punkt zu Punkt am Boden, an besinnliche Plätze, bis tief ins Innere und über die Wolken. So tastet man sich Schritt für Schritt entlang und in die Tiefe der langgezogenen Gipskonstruktion Kreidefelsen auf Rügen 1818, oder hebt im Herzstück der Ausstellung OI#0486 ab, einer rekonstruierten Flugzeugkabine von Bob Gramsma, in der Gefühle von Tragik und Nostalgie vorüberfliegen. Samt Sehnsucht nach der Sicherheitsanweisung zu Beginn des Flugs, die hier ausbleibt. Auch eine Corona-Erfahrung: Nach langem Verzicht fehlen uns die «nervigsten» Dinge gerade am meisten.

Neue Perspektiven und individuelle Vorstellungen werden hervorgebracht und Erstaunliches wird zwischen den raumgreifenden Kunstwerken entdeckt, in die man selbst einbezogen wird. Körpereinsatz ist also gefragt. Dabei soll nicht vergessen werden: Zu führen kann genauso schwierig sein, wie sich führen zu lassen. Ungewöhnlich, sich selbst an die Leine zu nehmen, den Türgriff von Christoph Büchels absurder Kabine Ohne Titel selbst zu drücken, oder den Matratzen-Kühlschrank von Bob Gramsma selbst zu betreten. Natürlich nur mit Aufforderung. Aber getrauen Sie sich.

Die Party ist noch nicht vorbei

Ernste Szenen wechseln sich mit humorvollen ab, ob im «Strudel» der farbigen Container-Installation von Jessica Stockholder oder auf Augenhöhe mit den posierenden Ganzfiguren aus Aluminium von Alex Hanimann, zu Beginn und wieder am Ende des Audiowalks. Wer sich ein Lachen nicht verkneifen kann, stört niemanden. Dialoge sind gespickt mit Witz und Humor, Selbstgespräche von Einfühlung und Empörung geprägt. Untermalt von idyllischen Klängen oder kuriosen Geräuschen, werden die unterschiedlichsten Emotionen geweckt. Ein blosses Husten oder Räuspern löst bereits eine Reaktion aus.

Christoph Büchels Kabine und Figur von Alex Hanimann in der Lokremise. (Bild: Sebastian Stadler)

Zu hören sind einmal raschelnde Wanzen, vielleicht ist dies aber auch nur Einbildung. Auch Hilfeschreie, betrunken bis angeheitert, Geflüster und gregorianischer Gesang, der von einem romantischen Klavierlied und dieses wiederum von einem treibenden Techno-Beat abgelöst wird. Der Wechsel zwischen viel und wenig ist perfekt dosiert. Und als wären eigene Gedanken auf einmal von selber laut, erlebt man auf einer fast gewöhnlichen Parkbank mit Spotlight in der bunten Dingwelt von Stockholder intime wie leidenschaftlich-chaotische Momente.

Auch lernt man wieder zuzuhören, sich Zeit zu nehmen und Geduld zu haben. Alles zuzulassen, auch die Stille. «Città irreale» ist ein beeindruckender Streifzug durch offene und geschlossene, dunkle oder blendende Räume. Mal beschränkt, mal plastisch oder poliert. In und an den Räumen vorbei stösst man auf längst vergessene oder auch neue Gefühle, nahe an der Realität.

Und wie sieht es mit dem Nachtleben aus? Die Antwort bekommt man im OI#0381, einer formgepressten Metallblech-Zelle von Bob Gramsma. Uff, noch nie hat sich der Bass so fremd angefühlt. Man möchte tanzen, vielleicht sogar an der Pole-Stange. Oder ist es eine U-Bahn-Haltestange? Und kaum hört man von der Stimme eines Schauspielers, dass man eine «f*** Corona-Pussy» geworden ist, da ist die Musik auch schon wieder vorbei. Auch wenn das Tanzbein ein bisschen eingerostet ist, so erlebt man in diesem urbanen Kunstwerk wieder einmal das Kribbeln in den Zehen. Kurz aber intensiv.

Ein unverschämt gutes Treffen, solo

Wer die Stimmen der imaginären «Bewohner*innen» der Città irreale in seinen Kopf lässt, taucht mit ihnen ein, stürzt mit ihnen ab. Sätze über Frauenquoten, Liebe, Gebet oder unwahrscheinliche Fakten aus Statistiken schwirren im Kopf, schaffen Raum für Reflexion und Assoziationen. Auch wenn das erste Stichwort auf der Parkbank fällt und das letzte in der Kabine OI#0486, kann es ebenso gut passieren, dass Sie erst nach dem Verlassen der Flugzeugkabine ins Gebet versinken oder der Liebe erst im Tunnel begegnen. Allen Texten ist aber eines gemeinsam: Sie zeigen auf, was sich in Pandemiezeiten verändert hat und was sich vielleicht noch verändern soll.

Auch wenn wir alle langsam genug haben von der prekären Einsamkeit: Auf diese gemeinsame Reise geht man alleine. Schliesslich haben wir das doch jetzt gelernt. Oder uns zumindest daran gewöhnt. Das individuelle Erlebnis ist umso stärker, wenn man in den einzelnen Denkräumen der Installationen nicht gestört wird. Der Austausch kann danach bei einem Coffee-to-go stattfinden.

Schauspielerin Pascale Pfeuti auf dem Walk. (Bild: Reto Müller)

Einsam ist man aber sowieso nicht. Akustisch mit dabei auf dem Hör- und Sehtrip sind Birgit Bücker, Pascale Pfeuti, Tobias Graupner, Christian Hettkamp, Frederik Rauscher, Fabian Müller und Anna Blumer. Die Texte schrieben Maria Ursprung und Julie Paucker, Regie führten Jonas Knecht und Anja Horst mit Sounddesigner Abrecht Ziepert.

Viel Gesellschaft – und am Ende fällt einem das Abschiednehmen schwer. Ein kurzer Blick zurück, und man möchte selbst nach neuen Räumen suchen. Der Audiowalk durch die Kunstzone der Lokremise ist eine kreative Überbrückung – oder bereits doch schon eine neue Theaterform?

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