Kategorie
Autor:innen
Jahr

«Es muss weitergehen»

Rubel U. Vetsch macht Promotion und stellt Events auf die Beine. Und dies «8 days a week» - das ist auch in normalen Zeiten keine Goldgrube.
Von  Peter Surber , 
Rubel Vetsch im Lagerraum von 8 days a week. (Bilder: Hannes Thalmann)

«Ich bin so etwas wie die Drehscheibe zwischen Veranstalter, Technik, Darstellenden und dem Publikum.» Ein Job, der dann perfekt erfüllt ist, wenn das Publikum nichts davon merkt. Rubel U. Vetsch ist unter anderem Produktionsleiter der Bühne von Musig uf de Gass, ist am Openair St.Gallen für die Plaza Stage verantwortlich, hat diesen Sommer in der St.Galler Lokremise die Openair-Produktion des Cirque de Loin produktionstechnisch vor Ort betreut, zieht an der jährlichen Ausserrhoder Kulturlandsgemeinde oder für die Kulturbühne am St.Galler Begegnungstag im Hintergrund die Fäden.

«Stage Manager»: Das ist nicht der einzige Hut, den Vetsch auf dem Kopf hat. Ein weiterer ist die Veranstaltungspromotion. Plakate und Flyer stapeln sich (in normalen Zeiten) in seinem Lager und den Büroräumen an der St.Galler Bogenstrasse. Er besorgt die Verteilung, betreut eigene Plakat- und Flyerstellen in der ganzen Ostschweiz, bringt Publikationen wie «Kulinarisch», die «Le Monde diplomatique»-Beilage der Woz oder, seit dem Start 1994, auch Saiten an die richtigen Auflagestellen. «Veranstaltungsdienstleistungen von A-Z» heisst es im Firmenprofil. Und all dies, wie es der Name verspricht: 8 days a week.

Alles analog

Alles, was Rubel Vetsch anpackt, ist analog – vom Plakataushang irgendwo im Appenzeller Hinterland bis zum Bandauftritt am Openair. Und entsprechend gross sind die Corona-Einbussen. Ein paar wenige Plakate verlieren sich bei unserem Besuch in den Regalen an der Bogenstrasse. «Alles weg», sagt er. Und: «Schwierig…». Aber auch: «Irgendwie wird es weiter funktionieren.» Vom Umsatz (in den besten Jahren um die 300’000 Franken) sind 8 days a week wegen der Pandemie 86 Prozent weggebrochen. Von den neun Angestellten mit 600 Stellenprozenten sind vier übriggeblieben. Die anderen versuchten sich anderswo über Wasser zu halten, zügeln Hausrat, helfen in der Landwirtschaft, springen ein, wo Bedarf ist. Mit einem Stundenlohn von 25 Franken plus Feriengeld, allen Sozialleistungen, Versicherungen, Verpflege- und Reisespesen machte schon in guten Zeiten niemand grosse Sprünge.

Über die Erwerbsersatzordnung (EO) konnte Rubel Vetsch einen Teil der Ausfälle kompensieren, mit dem Haken: Gezahlt wurde nur, wenn der coronabedingte Lohn- oder Einkommensverlust und Umsatzrückgang mehr als 55 Prozent beträgt. Lief das Geschäft grad wieder etwas besser, wie es jetzt im Herbst bei ihm der Fall war, dann fiel der EO-Anspruch ganz weg. Und die Lücke blieb. «Wir arbeiten sowieso schon mit tiefen Löhnen. Aber jetzt führen wir Aufträge aus, die überhaupt nicht mehr rentieren. Besser würde ich ganz pausieren und in der warmen Stube hocken. Aber ich bin ein Kulturmensch, ich kann das nicht einfach fahren lassen. Es muss weitergehen.»

Was wäre zu tun? Welche Lösung bräuchte die Branche? Gute Frage, sagt Rubel Vetsch. Die aktuellen Hilfsmassnahmen müssten teils angepasst werden – die Härtefall-Regel etwa lief mit dem Ende des Notrechts im September aus, wurde seither aber wieder neu aufgegleist. Das Grundproblem seien die prekären Löhne: Auch wenn der Staat einen Teil der Ausfälle kompensiere, bleibe zu wenig zum Leben übrig. Und zugleich werde von der Kulturwirtschaft jetzt mehr denn je Kreativität erwartet – «aber im Moment kannst du nicht kreativ sein», sagt Vetsch. Zu gross die Unsicherheit, zu unklar die Aussicht auf ein Jahr 2021, für das im Moment niemand planen könne und wolle.

Ist das Veranstaltungsgeschäft, die analog stattfindende Kultur überhaupt ein Auslaufmodell? Rubel Vetsch glaubt nicht daran. Nach dem grossen Digitalisierungsschub höre und erlebe er in den letzten vier, fünf Jahren eher wieder das Gegenteil: Viele Leute vermissten auf den digitalen Kanälen die direkte, physische Kommunikation. Nur schon die Veranstaltungspromotion via Social Media sei sehr unverbindlich – kommt hinzu, dass heute einen enormen Aufwand betreiben müsse, wer damit Erfolg haben wolle. Viele sagten sich stattdessen doch wieder: «Chomm, mer mached e Plakat.»

Pakete statt Scheinwerfer

Natürlich müssten gerade Grossveranstaltungen ihr Format reflektieren, auf Risikominderung schauen, angepasste Formen finden. Mit Stage Crew, der Personalagentur für Events, mache er aktuell diese Erfahrung. Vetsch hat die Firma in den Neunzigerjahren mitbegründet. Statt Bühnen und Messen aufzubauen, arbeiteten jetzt im Dezember Dutzende Freelancer von Stage Crew für Versandfirmen. Pakete statt Scheinwerfer: Das Geschäft brummt, wenn auch anders, als man sich das noch vor wenigen Jahren gedacht hätte.

Zufälle und Unerwartetes standen seit jeher Pate bei Rubel Vetsch. In der Pfadi – von dort ist ihm der Übername «Rubel» geblieben – wurde sein Organisationstalent erstmals sichtbar. Später, als gelernter Schriftenzeichner, kam er in die Musikszene hinein, arbeitete für ein Schweizer Plattenlabel, managte Bands, verkaufte im Logo Records Musik, sprang als Plakatverteiler ein, merkte: Das geht. Und machte sich schliesslich vor 27 Jahren selbstständig. Sein erster Auftrag kam vom Restaurant «Jägerhof»: eine Tonne Wein aus St.Tropez nach St.Gallen zu fahren.

Für sich persönlich sieht Rubel Vetsch die Situation trotz aller Pandemie-Verunsicherung pragmatisch. Ob er ans Umsatteln denkt? Einerseits nein – «einen wie mich kann man für nichts anderes brauchen», lacht er. Andrerseits ja, klar: «Ich mache mir Gedanken. Etwas zu tun gibt es immer. Ich bin mir für nichts zu schade.» Er kennt die halbe Ostschweiz. «Mein Beziehungsnetz ist mein Kapital», sagt er.

Dieser Beitrag erschien im Januarheft von Saiten.

Bücherherbst: Mondläufer von Daniel Badraun

Vom Le­ben und Schrei­ben

Von Sieglinde Wöhrer,
Bildschirmfoto 2026 10 19 um 15 34 04

Wenn Mu­se­ums­ob­jek­te ei­nen neu­en Sinn be­kom­men

Ei­ne ben­zin­be­trie­be­ne Glüh­bir­ne? Ein ro­bus­tes Schnaps­glas? Oder ein Kat­zen­hals­band, das die Raub­tie­re vom Vö­gel­fan­gen ab­hal­ten soll? Im His­to­ri­schen Mu­se­um Thur­gau schlum­mern ei­ni­ge Ge­gen­stän­de, de­ren Funk­ti­on auf den ers­ten Blick nicht ganz klar ist. Tho­mas Götz, Mar­ti­na Hü­gi und Ste­fan Kel­ler muss­ten die­se am Icon Po­et her­aus­fin­den.

Von Judith Schuck,
Icon Poet Judith Schuck

Lang­sam­keit als Mo­tor

Die St.Gal­ler Rock­band The Black Salt ver­öf­fent­licht ihr zwei­tes Al­bum. Und ver­ab­schie­det sich ein Stück­weit von ih­ren An­fän­gen.

Von David Gadze,
Theblacksalt1

Fah­nen der Ver­gäng­lich­keit

Die Welt ist in ste­tem Wan­del. Und man­che Ver­än­de­run­gen sind ir­rever­si­bel – Glet­scher schmel­zen, Tier- und Pflan­zen­ar­ten ster­ben aus. Die Aus­stel­lung «Flim­mern» wid­met sich der Be­wusst­wer­dung die­ses Wan­dels – und dem Schmerz, den er aus­löst.

Von Judith Schuck,
Flimmern Blossom 0 2 von Hoa Luo Patrik Muchenberger

Du­bio­se Zah­len zum Au­to­bahn­aus­bau

Die Grund­la­gen, mit de­nen die Be­für­wor­ter:in­nen die drit­te Au­to­b­anhröh­re durch den Ro­sen­berg in St.Gal­len und die Teil­span­ge mit dem An­schluss im Gü­ter­bahn­hof­are­al for­dern, ba­sie­ren auf frag­wür­di­gen Zah­len. Zu die­sem Schluss kommt der Raum- und Ver­kehrs­pla­ner Tho­mas Hug-Di Le­na.

Von René Hornung,
Anschluss gueterbahnhof

Grüs­se aus ei­nem kom­pli­zier­ten Land

Die St.Gal­ler Tanz­kom­pa­nie fei­er­te ver­gan­ge­nen Sams­tag mit From Eng­land wi­th Love Pre­mie­re. Das Stück wagt sich aber­mals aus dem Gleich­schritt – mit un­miss­ver­ständ­li­chen Ges­ten.

Von Andi Giger,
From England with Love

Eman­zi­pa­ti­on in geo­me­tri­scher Form

Das Kunst­haus Bre­genz zeigt in der neu­en Aus­stel­lung Ar­bei­ten der US-ame­ri­ka­ni­schen Künst­le­rin Tork­wa­se Dys­on. Aus­gangs­punkt ih­rer gross­for­ma­ti­gen geo­me­tri­schen Skulp­tu­ren und poe­ti­schen Ma­le­rei­en bil­det das Le­ben und die Be­frei­ung Schwar­zer Men­schen.

Von Sieglinde Wöhrer,
Torkwase Dyson EG Y3 A3594 Foto Markus Tretter

Vom Ges­tern in die Zu­kunft tau­chen

Wie stehts heu­te um die Gleich­stel­lung? Und wie war das frü­her? Die Pop-up-Aus­stel­lung «Frau­en­spu­ren im Hal­len­bad» in Gos­sau ar­bei­tet ein Stück Ge­sell­schafts­ge­schich­te auf. Zeigt, wo es heu­te noch hakt, und dass es nicht blei­ben muss, wie es ist.

Von Vera Zatti,
DSC09196

Kolumne: 24/7 Traumacore

Ich bin Bra­ve­he­art (Mel Gib­son ty­pe shit)

Von Mia Nägeli,

Theater

Kein Kom­pli­ment

Von Vera Zatti,
Unreif Presse 05

Von Trans­sil­va­ni­en in den Thur­gau

Jo­han­na und Szi­lamer ar­bei­ten seit vier Jah­ren als Ern­te­hel­fer:in­nen in Fru­thwi­len. In ih­rer Hei­mat Ru­mä­ni­en ist die wirt­schaft­li­che La­ge an­ge­spannt und die kör­per­li­che Ar­beit auf dem Feld sind sie ge­wohnt.

Von Daria Frick, Bilder: Ueli Steingruber,
2610 Erntehelferei 260044 us 0505 max

Er­satz­wahl in den Stadt­rat: Vor­ent­scheid fällt an SP-No­mi­na­ti­ons­ver­samm­lung

Am 29. Ok­to­ber ent­schei­det die SP der Stadt St.Gal­len, wen sie in die Er­satz­wahl um den Stadt­rats­sitz von Pe­ter Jans schickt. Was ur­sprüng­lich wie ei­ne For­ma­li­tät aus­sah, hat sich zu ei­nem span­nen­den Ren­nen ent­wi­ckelt. Mit of­fe­nem Aus­gang.

Von Reto Voneschen,
2026 Stadtrat Collage farbig

Jock Kobels zweiter Fall

Die Welt ist im­mer He­ris­au

Von Andrej Millius,
Bildschirmfoto 2026 10 14 um 18 12 43

Musik

Der Hai­fisch beisst wie­der zu

Von David Gadze,
Bildschirmfoto 2026 10 14 um 18 07 57

Heppelers Bestiarium

100 Jah­re Ein­sam­keit

Von Jeremias Heppeler,

FC St. Gal­len vs. Lau­sanne-Sport – Die Es­pen er­kämp­fen sich die 3 Punk­te

Nach ei­ner ganz pas­sa­blen ers­ten Halb­zeit der Es­pen so­wie Füh­rung durch ei­nen Elf­me­ter von Gört­ler vor der Pau­se, spie­len die St. Gal­ler die­ses Re­sul­tat an­schlies­send her­un­ter und ho­len sich die 3 Punk­te.

Von SENF Kollektiv,
Senf

Die Ge­walt hat ei­nen Schlüs­sel

Mehr als vier­ein­halb Stun­den dau­er­te Der Pro­zess Pe­li­cot im Thea­ter St.Gal­len. Mi­lo Rau und Ser­va­ne Dè­cle in­sze­nier­ten ei­nen Abend über se­xua­li­sier­te Ge­walt und che­mi­sche Un­ter­wer­fung – und über ei­ne Ge­sell­schaft, die von Män­nern mehr Ver­ant­wor­tung ver­langt.

Von Philipp Bürkler,
DSC02202 Kopie

Men­schen­rech­te sind kei­ne Selbst­ver­ständ­lich­keit

Die Men­schen­rech­te ste­hen welt­weit un­ter Druck. Doch wie kon­se­quent setzt sich die Schweiz für sie ein? Ein neu­es Buch nimmt die Schwei­zer Men­schen­rechts­po­li­tik kri­tisch un­ter die Lu­pe. An der Buch­vor­stel­lung im Squa­re wur­de über Wi­der­sprü­che, Ver­säum­nis­se und mög­li­che Lö­sun­gen dis­ku­tiert.

Von Marion Loher,
3 F1 A4812 web

Die Po­li­zei woll­te nichts se­hen und nichts hö­ren

In ei­ner Ten­nis­hal­le im tog­gen­bur­gi­schen Un­ter­was­ser tra­fen sich vor zehn Jah­ren 5000 Neo­na­zis zum gröss­ten Rechts­rock-Kon­zert, das je im deutsch­spra­chi­gen Raum statt­ge­fun­den hat. Lin­ke Po­li­ti­ker:in­nen re­agier­ten schnell, doch das Er­geb­nis ist er­nüch­ternd.

Von Hans Stutz,
2610 RIO Saalbild

Leopoldstadt am Vorarlberger Landestheater

Ver­schwun­de­ne Na­men im Fa­mi­li­en­stamm­baum

Von Sieglinde Wöhrer,
Leopoldstadt R anjakoehler 260217 1