«Ich bin so etwas wie die Drehscheibe zwischen Veranstalter, Technik, Darstellenden und dem Publikum.» Ein Job, der dann perfekt erfüllt ist, wenn das Publikum nichts davon merkt. Rubel U. Vetsch ist unter anderem Produktionsleiter der Bühne von Musig uf de Gass, ist am Openair St.Gallen für die Plaza Stage verantwortlich, hat diesen Sommer in der St.Galler Lokremise die Openair-Produktion des Cirque de Loin produktionstechnisch vor Ort betreut, zieht an der jährlichen Ausserrhoder Kulturlandsgemeinde oder für die Kulturbühne am St.Galler Begegnungstag im Hintergrund die Fäden.
«Stage Manager»: Das ist nicht der einzige Hut, den Vetsch auf dem Kopf hat. Ein weiterer ist die Veranstaltungspromotion. Plakate und Flyer stapeln sich (in normalen Zeiten) in seinem Lager und den Büroräumen an der St.Galler Bogenstrasse. Er besorgt die Verteilung, betreut eigene Plakat- und Flyerstellen in der ganzen Ostschweiz, bringt Publikationen wie «Kulinarisch», die «Le Monde diplomatique»-Beilage der Woz oder, seit dem Start 1994, auch Saiten an die richtigen Auflagestellen. «Veranstaltungsdienstleistungen von A-Z» heisst es im Firmenprofil. Und all dies, wie es der Name verspricht: 8 days a week.
Alles analog
Alles, was Rubel Vetsch anpackt, ist analog – vom Plakataushang irgendwo im Appenzeller Hinterland bis zum Bandauftritt am Openair. Und entsprechend gross sind die Corona-Einbussen. Ein paar wenige Plakate verlieren sich bei unserem Besuch in den Regalen an der Bogenstrasse. «Alles weg», sagt er. Und: «Schwierig…». Aber auch: «Irgendwie wird es weiter funktionieren.» Vom Umsatz (in den besten Jahren um die 300’000 Franken) sind 8 days a week wegen der Pandemie 86 Prozent weggebrochen. Von den neun Angestellten mit 600 Stellenprozenten sind vier übriggeblieben. Die anderen versuchten sich anderswo über Wasser zu halten, zügeln Hausrat, helfen in der Landwirtschaft, springen ein, wo Bedarf ist. Mit einem Stundenlohn von 25 Franken plus Feriengeld, allen Sozialleistungen, Versicherungen, Verpflege- und Reisespesen machte schon in guten Zeiten niemand grosse Sprünge.
Über die Erwerbsersatzordnung (EO) konnte Rubel Vetsch einen Teil der Ausfälle kompensieren, mit dem Haken: Gezahlt wurde nur, wenn der coronabedingte Lohn- oder Einkommensverlust und Umsatzrückgang mehr als 55 Prozent beträgt. Lief das Geschäft grad wieder etwas besser, wie es jetzt im Herbst bei ihm der Fall war, dann fiel der EO-Anspruch ganz weg. Und die Lücke blieb. «Wir arbeiten sowieso schon mit tiefen Löhnen. Aber jetzt führen wir Aufträge aus, die überhaupt nicht mehr rentieren. Besser würde ich ganz pausieren und in der warmen Stube hocken. Aber ich bin ein Kulturmensch, ich kann das nicht einfach fahren lassen. Es muss weitergehen.»
Was wäre zu tun? Welche Lösung bräuchte die Branche? Gute Frage, sagt Rubel Vetsch. Die aktuellen Hilfsmassnahmen müssten teils angepasst werden – die Härtefall-Regel etwa lief mit dem Ende des Notrechts im September aus, wurde seither aber wieder neu aufgegleist. Das Grundproblem seien die prekären Löhne: Auch wenn der Staat einen Teil der Ausfälle kompensiere, bleibe zu wenig zum Leben übrig. Und zugleich werde von der Kulturwirtschaft jetzt mehr denn je Kreativität erwartet – «aber im Moment kannst du nicht kreativ sein», sagt Vetsch. Zu gross die Unsicherheit, zu unklar die Aussicht auf ein Jahr 2021, für das im Moment niemand planen könne und wolle.
8daysaweek.ch
stagecrew.ch
Ist das Veranstaltungsgeschäft, die analog stattfindende Kultur überhaupt ein Auslaufmodell? Rubel Vetsch glaubt nicht daran. Nach dem grossen Digitalisierungsschub höre und erlebe er in den letzten vier, fünf Jahren eher wieder das Gegenteil: Viele Leute vermissten auf den digitalen Kanälen die direkte, physische Kommunikation. Nur schon die Veranstaltungspromotion via Social Media sei sehr unverbindlich – kommt hinzu, dass heute einen enormen Aufwand betreiben müsse, wer damit Erfolg haben wolle. Viele sagten sich stattdessen doch wieder: «Chomm, mer mached e Plakat.»
Pakete statt Scheinwerfer
Natürlich müssten gerade Grossveranstaltungen ihr Format reflektieren, auf Risikominderung schauen, angepasste Formen finden. Mit Stage Crew, der Personalagentur für Events, mache er aktuell diese Erfahrung. Vetsch hat die Firma in den Neunzigerjahren mitbegründet. Statt Bühnen und Messen aufzubauen, arbeiteten jetzt im Dezember Dutzende Freelancer von Stage Crew für Versandfirmen. Pakete statt Scheinwerfer: Das Geschäft brummt, wenn auch anders, als man sich das noch vor wenigen Jahren gedacht hätte.
Zufälle und Unerwartetes standen seit jeher Pate bei Rubel Vetsch. In der Pfadi – von dort ist ihm der Übername «Rubel» geblieben – wurde sein Organisationstalent erstmals sichtbar. Später, als gelernter Schriftenzeichner, kam er in die Musikszene hinein, arbeitete für ein Schweizer Plattenlabel, managte Bands, verkaufte im Logo Records Musik, sprang als Plakatverteiler ein, merkte: Das geht. Und machte sich schliesslich vor 27 Jahren selbstständig. Sein erster Auftrag kam vom Restaurant «Jägerhof»: eine Tonne Wein aus St.Tropez nach St.Gallen zu fahren.
Für sich persönlich sieht Rubel Vetsch die Situation trotz aller Pandemie-Verunsicherung pragmatisch. Ob er ans Umsatteln denkt? Einerseits nein – «einen wie mich kann man für nichts anderes brauchen», lacht er. Andrerseits ja, klar: «Ich mache mir Gedanken. Etwas zu tun gibt es immer. Ich bin mir für nichts zu schade.» Er kennt die halbe Ostschweiz. «Mein Beziehungsnetz ist mein Kapital», sagt er.
Dieser Beitrag erschien im Januarheft von Saiten.
Durch die steigenden Infektionszahlen ist auch im Arboner Presswerk der letzte Ton längst verhallt. Cyrill Stadler ist überzeugt, dass wir noch eine Weile mit dem Virus leben müssen und die Konzertbranche Lösungen braucht, damit umzugehen.
Die St.Galler Museumsnacht findet in diesem Jahr zum 20. Mal statt. Zum Jubiläum blickt Vereinspräsidentin Barbara Affolter zurück und nach vorne. Sie sagt, was die Museumsnacht bis heute ausmacht und wohin sie sich entwickeln soll.
Die Ausstellung «Voller Leben» des Vereins IG Halle Rapperswil wirft Schlaglichter auf künstlerische Schaffensprozesse und ihre Verbindungen zur Natur.
Kolumne: Stimmrecht
Der St.Galler Kunstkiosk wird fünfzehn Jahre alt. Gefeiert wird das mit einer Jubiläumsausstellung im ehemaligen Tiffany Night Club. Die Vernissage ist am 12. September. Saiten hat schon vor der Eröffnung vorbeigeschaut.
Musiktheater
Zum 36-jährigen Bestehen seiner Galerie Macelleria d'arte transformiert Francesco Bonanno ein leerstehendes Gebäude am Roten Platz in St.Gallen in ein buntes Haus voller Kunst. Was als kleines Projekt begann, wuchs zu einem Gemeinschaftswerk von fast 100 Kunstschaffenden.
St.Gallen und Luzern haben mehr gemeinsam, als man zunächst denkt – oder doch nicht? «Null41» war mit der Saiten-Redaktion in St.Gallen unterwegs.
Von St.Gallen bis nach Südafrika. Ein Ostschweizer Ehepaar reist im Landrover Defender um die Welt. Ihre Erlebnisse halten die Baumelers mit einer Kamera fest. Nun erscheint ihr Film Immer weiter in Ostschweizer Kinos – eine ehrliche Dokumentation, der eine Einordnung gut getan hätte.
«Open House St.Gallen»
Museum Herisau
Das Küefer-Martis-Huus in Ruggell widmet sich in einer Retrospektive der Wiederentdeckung einer völlig übersehenen Künstlerin: Maggy Mauritz war eine Pionierin der Graffitikunst und des Lettrismus.
Jakob Lütschg kehrte nie nach Balgach zurück. 82 Jahre nach seinem Tod im Konzentrationslager Buchenwald kehrt wenigstens sein Name heim. Der erste Stolperstein im St. Galler Rheintal erinnert an ein Leben, das beinahe vergessen ging.
Musik am See
Torreich, spannend und doch enttäuschend - nur eine Viertelstunde guter Fussball reicht halt nicht zum Punkt gegen Thun.
Nach Jahrzehnten treffen sich Eva und Franz wieder. Beide im fortgeschrittenen Alter. Viel ist passiert und doch ist da noch Zuneigung. Schwindlig heisst der neue Roman der Ostschweizer Autorin Christine Fischer, in dem vielschichtige Charaktere auf feines Sprachgefühl treffen.
Dieses Wochenende eröffnet die offene Werkstatt Meter den neuen Standort an der Burgstrasse. Und im November zügelt Offcut nach St.Fiden. Das ist der Anfang vom Ende der Gemeinschaft «Ulmen5» – zumindest in ihrer bisherigen Form. Denn 2027 könnte es zur teilweisen Wiedervereinigung kommen.
Eine neue SRF-Serie porträtiert eine elfköpfige WG aus St.Gallen. Endlich wieder mal eine sehenswerte SRF-Produktion, findet Saiten-Autor Andi Giger.
St. Gallen schlägt sich am Ende auch selbst und muss den Traum von Europa begraben. Entscheidend war er Platzverweise gegen Mihailo Stevanovic vor der Pause.
Drei Kulturmagazine tun sich zusammen, vergleichen ihre Städte und die Herausforderungen, denen die Kultur gegenübersteht. Saiten hat die Kolleg:innen vom «Coucou» in Winterthur besucht und das «Null41» war in St.Gallen zu Besuch. Ausserdem im Septemberheft: lauter Jubiläen – von Anita Zimmermann über das Figurentheater bis zur Museumsnacht –, ein Pfarrer auf braunen Abwegen, eine Flaschenpost aus Afghanistan und ein Interview zum Hitzesommer und dem Klimawandel.
An seiner ersten Pressekonferenz als Leiter der St.Galler Kellerbühne schildert Hüseyin Cirpici seine Eindrücke der Stadt und verrät, was das Publikum unter seiner Regie erwartet.