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Ein Jahr ohne Kraxeln

Die Umsätze der Herisauer Eventtechnik-Firma Stagelight sind um 80 Prozent eingebrochen. Wenn sich die Situation im Frühling nicht entschärft, sind Strukturmassnahmen nicht ausgeschlossen. Dafür hatte Rigging- und Lichtchef Stefan Rüttimann im Sommer 2020 so viel Freizeit wie seit Jahren nicht mehr.
Von  Roman Hertler
Rigging-Chef Stefan Rüttimann im Stagelight-Lager in Herisau. (Bild: Hannes Thalmann)

Sobald die grossen Bühnen stehen, kommen die Rigger. Sie zeichnen am Boden ein, wo sich an der Decke die Aufhängepunkte befinden, legen das Material aus und verbinden die metallenen Traversen zu Konstruktionen, die als Aufhängevorrichtung für Licht und Ton dienen. «Rig» ist das englische Wort für Takelage und meint in diesem Zusammenhang das Aufhängen von Lasten, die je nach Grösse und Art der Bühne mehrere Tonnen wiegen.

Stefan Rüttimann ist gelernter Veranstaltungstechniker und arbeitet seit 14 Jahren bei Stagelight, dem grössten Anbieter von Ton-, Licht-, Video- und Bühnentechnik in der Ostschweiz. «Rigging ist vor allem Höhenarbeit», sagt der 34-Jährige, der selber noch ab und zu in luftiger Höhe über den Bühnen herumkraxelt, als Leiter der Abteilung Licht bei Stagelight den Aufbau der Rigs aber meist vom Boden aus koordiniert und überwacht. «Das ist vielleicht weniger spektakulär als die Höhenarbeit, aber für die Sicherheit absolut massgebend.»

Bei grossen Bühnenanlagen wie beispielsweise beim Openair St.Gallen werden komplexe Systeme installiert. Für die Lastberechnungen arbeitet Stagelight mit Ingenieuren zusammen. «Boxen, Scheinwerfer und Screens werden an rund 100 Punkten aufgehängt», sagt Rüttimann. In normalen Jahren zählt er bei Grossaufträgen wie dem Openair St.Gallen auf ein eingespieltes Team von freien Höhenarbeitern. «Man kennt sich, vertraut einander und weiss, bei wem man woran ist. Das ist für die Sicherheit enorm wichtig.»

Nur noch ein Fünftel des Umsatzes

Die grössten Sommeraufträge sind für Stagelight dieses Jahr ausgefallen: Sittertobel, Lumnezia, Summerdays, Gurten. Auch das Openair Frauenfeld, für das Stagelight die komplette Technik inklusive Stromversorgung liefert. Auch die erste Spitzenzeit, die GV-Saison im März und April, fiel dieses Jahr genau in den Lockdown. Im kleineren Rahmen gab es dieses Jahr noch einige Aufträge, beispielsweise steht in der Grabenhalle in St. Gallen seit Jahren eine Tonanlage der Firma mit Hauptsitz in Herisau.

Die Umsätze von normalerweise 6,5 bis 7 Millionen Franken sind 2020 auf etwa einen Fünftel geschrumpft. Ausfallentschädigungen können aber nur für kulturelle Anlässe beantragt werden, die bei Stagelight knapp zwei Drittel des Gesamtumsatzes ausmachen. Daher können auch nur maximal 80 Prozent dieses Anteils geltend gemacht werden, abzüglich der nichtangefallenen Fixkosten, der Gewinnspanne sowie der Personal- und Transportkosten.

Für die 31 Festangestellten hiess das in diesem Jahr: viel Kurzarbeit. Für Stefan Rüttimann bedeutete es auch: ein Sommer für sich. «Für mein Umfeld war es schon ungewohnt, dass ich im Sommer da war. So hat es das lange nicht mehr gegeben.» Durch die Unterstützungsmassnahmen konnte die Firma bisher über Wasser gehalten und alle Mitarbeiter behalten werden. Sollte sich ab Frühling aber keine Besserung der Situation abzeichnen, müsste auch bei Stagelight über Strukturmassnahmen respektive Pensenkürzungen oder Entlassungen nachgedacht werden.

Skicross ohne Publikum

Die Ausfälle betreffen die Freelancer in besonderem Mass. Da die Meisten selbständig erwerbend sind, müssen sie für sich selber EO-Entschädigungen, Kurzarbeits- und kulturelle Ausfallentschädigungen beantragen. Für die Mitarbeiter auf Abruf übernimmt das allerdings Stagelight. Wo eine Entschädigung der Kunden entrichtet wurde, ging der gleiche Teil an die Freelancer. Und für verschobene Anlässe werden wiederum die gleichen Freelancer engagiert.

Mitte Dezember weilt Rüttimann in Arosa. Das Humorfestival wurde zwar abgesagt, aber die Skicross-Rennen finden statt, auch wenn das Publikum mehrheitlich ausbleiben wird. Licht und Ton braucht es am Event dennoch. «Der eine oder andere Anlass findet ja schon noch statt, aber wir bangen», sagt er. «Im Moment traut sich niemand, neue Events zu planen.» Man hat den Betrieb so weit wie möglich runtergefahren.

Jetzt wünscht er sich klare Ansagen von der Politik. «Veranstaltungen sollten, wenn schon, ganz verboten werden.» Ansonsten habe man es eben nur mit einem faktischen Berufsverbot zu tun, aber keinen Anspruch auf staatliche Hilfe. Für die ausgefallenen nichtkulturellen Anlässe gab es keine Entschädigungen. «Im Frühling hat man gesagt: Wir lassen euch nicht im Stich.» Jetzt solle die Politik ihren Worten Taten folgen lassen.

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