, 29. Januar 2021
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Kopftheater im Kreidefelsen

Theaterszenen mitten in Kunstwerken: Das verspricht das Projekt «Città irreale». Die für Februar geplante Ausstellung in der St.Galler Lokremise ist zwar im Aufbau, aber, wie alles, verschoben. Beim Warten: Bilder vom Aufbau und ein Gespräch mit dem Schauspielteam des Theaters St.Gallen.

Sara Masüger: «Kreidefelsen auf Rügen 1818», im Aufbau in der Kunstzone der Lokremise. (Bild: Nadia Veronese)

Der Ausstellungstitel passt in die Corona-Gegenwart: «Città irreale». Aufgehen sollte die Schau am 7. Februar, eine Woche später wären die theatralischen Interventionen zu den ausgestellten Werken gefolgt. Alles irreal oder jedenfalls unrealistisch – die Eröffnung muss warten, bis Kulturhäuser wieder geöffnet werden können. Aber dann soll es rasch gehen, die Werke werden in diesen Tagen aufgebaut, und das Theater probt für den hoffentlich bald realen Tag X.

Masügers Kreidefelsen

Ein Schlund. Ein eisig anmutender Tunnel. Zuhinterst ein schwarzes Loch. 15 Meter lang, zwei Meter hoch und dann immer niedriger werdend: Die Installation der Innerschweizer Künstlerin Sara Masüger sieht schon auf Fotos bedrohlich aus. Kreidefelsen auf Rügen 1818, eine Hommage an Caspar David Friedrichs berühmtes Gemälde, ist seit letztem Jahr im Besitz des Kunstmuseums St.Gallen. Ihre wahre Grösse zeigt sich in der Lokremise; die Rekonstruktion ist umso mehr Millimeterarbeit.

«Città irreale»: Start unbestimmt

Streams des Theaters im Februar: theatersg.ch

«Città irreale» versammelt weitere ähnlich imposante Kunst-Räume. Jessica Stockholders Vortex in the Play of Theater with Real Passion ist ein Legoland für Riesen, eine Anlage aus farbigen Containern, Holztischen, Duplosteinen, Scheinwerfer, einem Theatervorhang, einer Parkbank und so weiter. Von Bob Gramsma ist die begehbare Rekonstruktion einer Swissair-Kabine zu sehen oder eine Kammer aus Matratzen mit Kühlschrank-Tür.

Dazu kommen Skulpturen von Nina Beier und Alex Hanimann (aus seinem 2019 im Kunstmuseum gezeigten Conversation Piece) und die Beobachtungskabine von Christoph Büchel. Büchel schuf 2002 auch die Installation The House of Friction im Wasserturm der Lokremise.

Nachstehend ein Einblick in die Arbeiten zur Ausstellung in der Lokremise: Sara Masüger beim Aufbau ihres Kreidefelsens, Bob Gramsma installiert die Swissair-Kabine, Jessica Stockholders Containerlandschaft. (Bilder: Nadia Veronese/Kunstmuseum St.Gallen)

In diese Kunstwerke also wird interveniert. Die teils begehbaren Werke hätten allein schon theatralische Qualitäten, sagt Schauspieldirektor Jonas Knecht, der zusammen mit Anja Horst Regie führt. Was in Gramsmas eigenartiger Matratzenwelt, in Masügers Kreidekanal oder Aug in Aug mit einer Hanimann-Figur genau passieren wird, wolle man aber nicht verraten.

Die Corona-Pandemie gebe – unvermeidlich und unausgesprochen – den Hintergrund her, sagt Julie Paucker. Sie ist als freischaffende Dramaturgin für dieses Projekt engagiert und schreibt zusammen mit Maria Ursprung auch die Texte.

Das Publikum wird per Kopfhörer in einer Art Audiowalk durch die Werke geführt. Es erhält teils Werkinformationen, aber gerät darüber hinaus in fremdartige Szenen hinein, wird Teil eines Theatergeschehens. Einsamkeit oder schwierige Zweisamkeit, Hygiene, Klaustrophobie, Eingesperrtsein: Die Assoziationen werden zwangsläufig pandemie-nah sein. Jonas Knecht sieht Corona als «Trigger zum Nachdenken über die eigene Position im Leben».

Jonas Knecht: «Es ist keine Notlösung, sondern eine eigenständige, der Zeit angepasste Technik.»

Ursprünglich waren diese Szenen live gedacht, vom Schauspielensemble in der Ausstellung gespielt. «Città irreale» sollte zum 10-Jahr-Jubiläum der Lokremise letzten September Premiere haben. Corona verhinderte das und veränderte die Anlage: Gestaffelte Parcours für kleine Publikumsgruppen waren als nächstes geplant, bis auch diese Idee begraben werden musste. Statt live kommen die Szenen nun per Hörspur.

Knecht ist froh, dass so die schon bei «Lugano Paradiso» erprobte Zusammenarbeit mit dem Kunstmuseum in der Lok doch noch gerettet werden könne. Und er vertraut darauf, dass das Publikum die neue Form als vollwertig erleben werde. «Es ist keine Notlösung, sondern eine eigenständige, der Zeit angepasste Technik, die faszinierende Möglichkeiten bietet.»

Unterwegs mit Kevin Kunstkopf

Aufgenommen werden die Texte, Geräusche und Klänge per Kunstkopf-Mikrofonen, einer Technik, die durch die Arbeiten der kanadischen Künstlerin Janet Cardiff (ua. ihren Ittingen Walk) bekannt geworden ist. Sie kommt maximal nahe an das reale Hörerlebnis des Menschen heran und schafft starke akustische Raumerlebnisse. «Kevin Kunstkopf» haben die St.Galler ihren Hightech-Mitspieler getauft.

Anja Horst: «Wie man Sprechtheater pandemietauglich machen kann, darüber denken wir ununterbrochen nach.»

Wird es einem da im Matratzenhäuschen nicht unheimlich? Nicht ausgeschlossen, sagt Co-Regisseurin Anja Horst. Die Situation spiele mit der Thematik von Nähe und Distanz, auch mit Gefühlen von Ausgeliefertsein – und passe damit in die Corona-Lage hinein, in der wir alle stecken. Eine Ahnung davon hatte im Dezember das nur gerade zweimal gespielte Stück Die lächerliche Finsternis in der Lokremise vermittelt, wo das Publikum teils ebenfalls per Kopfhörer mithörte. Das kann einem ganz schön nahe gehen; das Spiel allerdings war dort live.

Vorerst ist aus dem geplanten Start Mitte Februar nichts geworden. «Wir beginnen, sobald die Museen wieder offen sind», verspricht Jonas Knecht. Das Projekt ist so angelegt, dass es selbst für eine einzelne Person stattfinden kann. Auch der übrige Spielplan des Theaters ist einmal mehr über den Haufen geworfen. Wie man Sprechtheater pandemietauglich machen kann, «darüber denken wir ununterbrochen nach», sagt Anja Horst.

Julie Paucker: «Vielleicht muss man noch viel erfinderischer werden.»

Momentan kann zumindest geprobt werden – den Schauspielerinnen und Schauspielern fehle allerdings die Bühne, das Livemoment, von dem ihre Kunst lebt. Und streamen hält das St.Galler Leitungsteam nicht für einen tauglichen Ersatz, insbesondere nicht für komplexe Inszenierungen wie die Orestie, die schon letzten Frühling und jetzt wieder im Januar Premiere hätte haben sollen und die zwingend auf ein präsentes, sich mit den Fragen des Stücks beschäftigendes Publikum angelegt sei.

Möglich seien aber kleinere, kamerataugliche Formate. «Und vielleicht muss man noch viel erfinderischer werden», sagt Julie Paucker. Die zweite Welle werfe noch einmal grundsätzlicher Fragen nach der Zukunft der Theaterformen auf als die erste.

Dieser Beitrag erscheint im Februarheft von Saiten.

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