«Lieber Bratwurst mit Senf statt 6-spurig nach Genf.» Marco Dal Molin, Vorstandsmitglied im Verein gegen den Autobahnanschluss am Güterbahnhof St.Gallen, stellt in der Begrüssung vor dem Vadianbrunnen klar, dass es bei der heutigen Kundgebung nicht nur um den Güterbahnhof geht. Die eidgenössischen Räte haben der sechsspurigen A1 bereits zugestimmt. Ein Fass ohne Boden, dem der Verein zusammen mit Umweltorganisationen und linken Parteien ein Ende setzen will.
«Das ist nicht das erste zerstörerische Strassenprojekt, dass wir in dieser Stadt versenken.» Dal Molin erinnert an den Kampf gegen die Südumfahrung. In den 70er-Jahren war es der Zirkus Pic-o-Pello, der den gigantischen Autobahnausbau verhinderte. Clown Pic, bürgerlich Richard Hirzel, der im damaligen Widerstand involviert war, ist auch an dieser Demonstration dabei. Er ist nicht der einzige prominente Teilnehmer. Nationalrätin Franziska Ryser, der ehemalige Ständerat Paul Rechsteiner oder der Stadtparlamentspräsident Vića Mitrović sind vor Ort.
Überholt und zu teuer
Léonie Schubiger, Co-Präsidentin der JUSO Kanton St.Gallen, kritisiert den Stadtrat, der weiterhin am Autobahnanschluss festhält. «Wir wollen nicht, dass eine Milliarde für ein Projekt aus dem letzten Jahrhundert ausgegeben wird.» Sie betont die Wichtigkeit des Güterbahnhofareals. Es sei ein wichtiger Ort der Begegnung. «Wir wollen eine Stadt für die Menschen und nicht immer mehr Autos», sagt sie.
Es sei leider keine Demo für mehr Klimaschutz, sondern eine gegen den Rückschritt. Thuraya Abbass vom Klimastreik hätte lieber für eine autofreie Stadt, für mehr Begrünungsflächen oder für eine lebenswerte Zukunft demonstriert. Es gehe beim Projekt nicht nur um eine Autobahn, sondern auch um den Erhalt des Status-Quo: Die Dominanz des motorisierten Individualverkehrs. Jeder investierte – sie korrigiert sich – jeder verschwendete Franken für das Autobahnprojekt fehle später beim Klimaschutz. Sie zählt auf: Der öffentliche Verkehr, das Velonetz oder die Begrünung der Strassen wären sinnvollere Dinge, in die das Geld investiert werden könnte. «Mobilität muss in Zukunft klimagerecht sein.» Sie will Utopien bauen anstatt einer Autobahn.
Kritik von der FDP
Utopien. Ein Wort, das die FDP wohl schaudern lässt. Diese fordert in ihrem Communiqué «Lösungen statt Demos». Fakten liessen sich nicht wegdemonstrieren. Die aufgezählten Fakten sind dann auch gut selektiert. Zusammengefasst: Das St.Galler Verkehrsnetz ist zunehmend überlastet, was auch die Quartiere, der ÖV und Velofahrende zu spüren bekommen. Die Lösung: Staufreie Hauptachsen. Das inzwischen wissenschaftlich bestätigte Phänomen des induzierten Verkehrs (im Volksmund «Wer Strassen sät, wird Verkehr ernten») lässt die Partei unbeachtet.
Der Schlusspunkt der Veranstaltung setzt Urs Tobler. Der Bewohner des Tschudiwiesquartiers betont, dass die Autobahn eine ökologisch sinnvolle Neugestaltung des Areals verhindern würde. Er verstehe, dass sich die Anwohner:innen im Riethüsli und in der Nähe der Teufenerstrasse weniger Verkehr wünschen. Mit einer Pförtneranlage zwischen Liebeck und Lustmühle, einer Temporeduktion und einer ganzheitlichen Neugestaltung wäre eine Verkehrsberuhigung in der Teufenerstrasse möglich. Es sind Ideen, die schon seit Jahren im Gespräch sind. Tobler kritisiert die Behörden und Politiker:innen, die mit der Umsetzung so lange gewartet hätten, bis nur noch eine Astra-Lösung in Frage zu kommen scheine.
Am 24. November hat die Schweizer Stimmbevölkerung die Chance, dem Projekt ein Waterloo zu bereiten. Mit einer Ablehnung des Nationalstrassen-Ausbaus wäre die Sache gegessen. Dann hätten die Demonstrierenden vielleicht Zeit, für ein besseres Velo- oder ÖV-Netz zu kämpfen.
Bücherherbst
Das Naturmuseum St.Gallen eröffnet Mitte November zum zehnjährigen Bestehen seines Neubaus den Ausstellungsbereich «Mensch und Universum». Zwischen Klimakrise und Sternenhimmel geht es um eine ziemlich grosse Frage: Wo stehen wir eigentlich?
Seit zehn Jahren gibt es die Residency in der Bibliothek Andreas Züst im Alpenhof, diesem so schwer zu fassenden Ort in Innerrhoden. Der runde Geburtstag wird nun mit einem vielfältigen Festival gefeiert.
Bevor die Kunsthalle St.Gallen im Dezember wegen Umbauarbeiten voraussichtlich bis April 2027 schliesst, dreht sie nochmals voll auf. In der Ausstellung «House of Change: Pre-Construction-Warm-Up-Galore» präsentiert sie im laufenden Monat ein dichtes, buntes Programm an Kunst und Kultur.
In der Ausstellung «Smile maniacally we’re alive» verbindet Jala Wahid scheinbar getrennte Welten. Sie schlägt darin eine Brücke zwischen Erinnerung, Emotion, Wissenschaft und Politik.
Die erneuten Sparvorschläge der St.Galler Regierung stossen auf breite Ablehnung. Die Kulturszene solidarisiert sich gegen die Abbaupläne. Die Kulturlobby hat sich in Stellung gebracht. Obs hilft?
Kunstausstellung
Eigentlich wollte Zsuzsanna Gahse keine Bücher mehr schreiben. Nun hat sie mit Angerichtet ihr Werk doch noch einmal erweitert. Ihre Sprache darin bleibt neugierig, humorvoll und spielerisch. Und wirkt fast wie ein Kommentar zum eigenen literarischen Schaffen.
Bücherherbst: Ausser mir von Micha Friemel
Jakob Stutz, Volksschriftsteller und Reformpädagoge mit «zwiespältigem» Charakter: Ihn lässt Ex-Kellerbühnenleiter Matthias Peter 150 Jahre nach seinem Tod noch einmal aufleben – unter anderem in Trogen, wo Stutz im Gefängnis sass.
Auf seinem neuen Album Three Chords and a Shaking Hand besingt der Rheintaler Singer-Songwriter Mo Klé die gegenwärtige Debattenkultur, Regenstürme und Selbstakzeptanz. Die Albumtaufe findet am 7. November im st.gallischen Bahnhof Bruggen statt.
Boukhalfa und Görtler bringen die Espen in Führung, welche das Team dann über die Zeit bringt.
Alexander Veljanov ist die unverwechselbare Stimme der Dark-Wave-Band Deine Lakaien. Mit seinem neuen Soloalbum gastiert er am 9. November in Frauenfeld. Ein Gespräch über Schubladen, Lüge, Wahrheit und die Frage, was Musik mit unserem Menschsein zu tun hat.
Zumthor plant in Wildhaus
Ein Wahlgang genügte: Die SP der Stadt St.Gallen schickt Peter Olibet ins Rennen um die Nachfolge von Stadtrat Peter Jans. Er erhielt 109 von 182 Stimmen. In der Fragerunde ging es um Sparpolitik, bezahlbare Wohnungen und die Frage, wie viel Opposition ein künftiges Regierungsmitglied noch machen kann.
Während Zürich und Genf geraubte Benin-Bronzen zurückgeben, laviert das Kulturmuseum St.Gallen. Derweil untersucht der Thurgau seine ethnografische Sammlung und schliess Restitutionen nicht aus. Ausserdem im Novemberheft: Der solidarische Protest der St.Galler Kulturszene gegen die Sparpläne des Kantons, die neue Ausstellung zum Zehnjährigen im Naturmuseum St.Gallen, das erste elektronische Soloalbum von Kafi-D und vieles mehr.
Seit einigen Jahren sind Benin-Bronzen in Schweizer Museen ein heisses Eisen. Im St.Galler Kulturmuseum laviert man bei der Frage einer möglichen Rückgabe zwischen Dialogbereitschaft und Verweigerungshaltung.
Bücherherbst: Nie ist alles gut von Raffael Rihs
Ein Festival über den Tod – darf das auch lustig sein? «Last Call» lädt am 31. Oktober in St.Gallen dazu ein, über das Sterben zu sprechen. Interview mit Michelle Mauchle von der Geschäftsstelle Palliative Care Stadt St.Gallen.
In St.Gallen hat am Samstag zum ersten Mal ein emanzipatorisch-antifaschistisch-queerfeministisches Kampfsportturnier stattgefunden. Wie das aussieht? Schon ziemlich brutal, aber dann auch wieder herzlich.