Mittwochabend im Spätsommer am Bahnhof Lichtensteig. Die Luft ist noch warm, der Himmel verliert langsam die Kontraste. Es gibt mindestens drei mögliche Wege, um zur Wirkstadt zu kommen, ich wähle den längsten und ungefährlichsten. Von weitem sieht es aus wie eine gewöhnliche Gewerbehalle, funktional-ästhetisch, braunes Wellblech und Beton. Kommt man aber in die Nähe des Eingangs, wird schnell klar, dass hier mehr und anderes los ist als gewöhnliches Gewerbe. Betritt man die Halle, steht man in einem grossen hellen und bunten Raum voller Maschinengeräusche, Gelächter und Geschirrgeklimper. Viele Winkel und Details, viel lebendige Atmosphäre. Hinter der Halle, auf einem kleinen Platz zwischen Wohn-und Bauwagen, ist das fast vollständige Wirkstadt-Kollektiv zum Interview versammelt.
Vom Waldrand zum kollektiven Raum
Im Sommer 2015 schliessen Dimitrij, Laura, Marisa und Samuel gemeinsam die BMS und ihre verschiedenen Ausbildungen ab. Zeitgleich ist Dimitrij, allein oder zusammen mit helfenden Freunden, in fast jeder freien Minute damit beschäftigt, sein Projekt umzusetzen: ein selbstgebautes kleines Haus auf Rädern. Das Haus ist einerseits Abschlussarbeit der Zimmermannlehre, andererseits erster Schritt in ein selbstbestimmtes Leben. Bis auf einige wenige Elemente besteht es komplett aus recyceltem Material. Fürs erste wohnen Dimitrij und seine Freundin Sarah allein im Wagenhaus am Waldrand. Sie müssen alle drei Monate den Platz wechseln. Die Gesetze rund um diese mobile Wohnform sind ungenau formuliert, noch bleibt alles in einem Graubereich. Gleichzeitig wächst der Wunsch, gemeinsam mit anderen Wagenbewohnenden eine Gemeinschaft zu gründen.
Unweit des Bahnhofs steht ein altes Haus, das bald abgerissen wird. Dort richten sich einige der zukünftigen Wirkstädter ihre Ateliers und Werkstätten ein. Das ist zwar vorübergehend ein dankbarer Platz, aber auch nur eine kurzfristige Lösung. Es wird nach einem Ort gesucht, an welchem sich leben und arbeiten verbinden lässt.
Anfang 2016 gründen Sarah, Dimitrij und Marisa zusammen mit Freunden den Verein mini.art. Der Eigenbeschrieb auf ihrer Facebookseite lautet: «mini.art bezweckt die Erschaffung von Raum, aus welchem sich Begegnungen konstruktiv und kreativ zu einem nachhaltigen Lebenskonzept umsetzen lassen.» Weitere moralische Grundbausteine heissen «Verwendung statt Verschwendung» und «Zeit statt Zeug».
Ein Jahr später, Anfang 2017, wird die Ex-Gewerbehalle im Rotenbach vom Verein als Projektbehausung und Werkstätte bezogen. Hier wurden früher Öl-Abscheidemaschinen und andere Trennsysteme gebaut, bevor die Betreiberin in einen Neubau in Wattwil umzog. Für drei Jahre dient die Halle als Lagerraum. Beim Einzug von mini.art ist sie gross und ziemlich leer. Sanitäre Anlagen sind vorhanden. Mit viel Arbeit, Gestaltungslust und Optimismus wird aus dem kahlen Industrieraum in kurzer Zeit ein belebter und gestalteter Treffpunkt. Die Wirkstadt ist geboren.
Von nichts ausgehen und alles haben
Zeitsprung ins Jetzt. In den bald zwei Jahren seither hat sich viel getan in und um die Halle. Innen gibt eine grosszügige Metall-und Holzwerkstatt, ein Textilatelier, eine Bühne für kulturelle Anlässe, eine grosse Küche und Bar. Hinter dem Haus stehen beheizbare Badewannen, ein selbstgebauter Pizza-Ofen, ein Gewächshaus aus alten Fenstern, ein Hühnergehege und einige der mobilen Mini-Häuser. Förderung und Bau von mobilen Wohneinheiten gehören zum zentralen Dauerprojekt der Wirkstadt. Dabei wird so weit wie möglich mit geschenkten oder auf dem Recyclingplatz gefundenen Materialien gearbeitet. Auch Hausräumungen sind ein guter Anlass für neues Baumaterial. «Es ist extrem, wie viel man umsonst haben kann, wenn man die Augen offen hält.».
Es geht dem Kollektiv dabei aber nicht nur ums Sparen, sondern vor allem um Lösungsansätze, mit dem Abfallberg unserer Zeit und Zone sinnvoll umzugehen. Auch das Essen, das in der Wirkstadt gekocht wird, wurde vor der sinnlosen Verschwendung bewahrt: es besteht zu 80 Prozent aus nicht mehr wirtschaftsberechtigten Lebensmitteln. «Viel kriegen wir auch geschenkt, weil Leute uns unterstützen wollen. Neulich hat uns jemand 200kg Kaffee geschenkt, und ein befreundeter Bauer warf uns seine Mirabellen fast nach. Ziemlich verrückt. Wir zehren fast gratis vom Überfluss der Gesellschaft, leben finanziell alle unter dem offiziellen Existenzminimum und haben trotzdem immer noch von allem zu viel.» Die Hühner im Garten sind vor der Vergasung gerettete Legehennen, kosteten 3 Franken das Huhn, legen mehr oder weniger zuverlässig Eier oder geniessen die neue Freiheit.
Das Wichtigste in Sachen Nachhaltigkeit ist aber – da sind sich alle einig – das gemeinschaftliche Leben an sich. Zehn Leute die sich eine Dusche und eine Küche teilen, sparen nicht nur eine Menge Energie und Fläche, sondern schulen sich gleichzeitig in Respekt und Konsensfindung. Auch wenn sehr viel schon konsequent umgesetzt wird und das Leben in der Wirkstadt für Aussenstehende auf den ersten Blick extrem wirken mag, verstehen sie sich selbst nicht als Vorzeigemodell für Nachhaltigkeit, sondern als auf dem Weg dazu.
Rituelle Strukturen
Besucher, die das erste Mal die Wirkstadt betreten, reagieren meist erstaunt, beeindruckt und neugierig. Viele loben und bewundern das Engagement, sagen aber im gleichen Zug, sie würden sich selbst nicht trauen, so zu leben. Zu anstrengend, zu laut, zu «anders», zu wenig Komfort, kurz: zu schwierig. Eine Antwort aus dem Kollektiv auf die Frage, was die grössten Herausforderungen hier seien: «Winter und miteinander reden.» Es gibt ausser den Vereinsstrukturen keine festen Hierarchien. Fixpunkt ist die Sitzung jeden Sonntagabend. «Es ist ein grosses Chaos, viele Themen kommen zusammen, und unter Umständen dauert es sehr lange, bis wir auf einen Konsens oder grünen Zweig kommen. Jeder hat die Freiheit zu seiner eigenen Meinung, aber wir diskutieren alles auch immer wieder aus.» Schlussendlich werden unter Berücksichtigung jedes Einzelnen Mehrheitsentschlüsse gefällt.
Ausserdem ist der Sonntag der Tag, an dem viel Freizeit bleibt für die Hühner, den nahen Fluss, Kultur, Garten, Staubsaugen und all die anderen schönen oder noch nachzuholenden Dinge des Lebens. Zweiter Strukturpunkt neben der Sitzung ist ein rotierender Ämtliplan. Aufgaben werden verteilt, wann genau sie erledigt werden, ist Sache des jeweilig persönlichen Zeitmanagements. Die kulturellen Veranstaltungen werden spontan geplant und funktionieren immer auf Kollektenbasis.
Netzwerk und Ziele
Koch-Areal Zürich, besetzte Häuser und Wagenplätze von nah und fern: Es gibt viele Modelle und Ideen für das Wohnen und Arbeiten jenseits der Konventionen. Das Wirkstadtkollektiv hat sich einiges angeschaut, immer mehr aus Neugierde als zur Nachahmung bereits entworfener Konzepte. Vernetzung findet dennoch auf verschiedenen Ebenen statt, zum Beispiel über den Verein Kleinwohnformen Schweiz und verschiedene Nachhaltigkeits-Projekte in und um Lichtensteig (Second-Hand-Gemüsekeller, Begegnungsort und Gemeinschaftsgarten Flooz, Zusammenarbeit mit der Organisation Workaway). Lokalbezug ist wichtig: «Wir pflegen geschäftliche und freundschaftliche Beziehungen mit vielen Lichtensteigern und fühlen uns mit dem Ort verbunden. Auch mit der Crew des neugenutzten Rathauses verstehen wir uns bestens und ergänzen uns bei der Arbeit. Uns geht’s darum, neue Wege zu entdecken und selbst zu entscheiden. Wir sehen uns weder als Staatsfeinde noch als Aussteiger, sondern als Idealisten, die selbstständig nach besten Wissen und Gewissen handeln.»
In der Halle gibt es Lebensraum für 8-15 Personen. Demnächst wird ein Platz frei. (Bei Interesse kann man sich melden unter mini@wirkstadt.ch). Es gibt, ausser der vorausgesetzten Bereitschaft zum gemeinschaftlichen Leben, keine konkreten Aufnahmebedingungen. Eine Probezeit von drei Monaten zeigt, wie und ob ein weiteres Zusammenleben funktionieren kann. Die Miete pro Person beträgt 550 Franken, darin inbegriffen sind Wohnen, Essen und ein Atelierplatz.
Die Werkstätten sind unter Absprache und für bestimmte Zeitspannen alle öffentlich nutzbar. Auch die Halle ist offen für Besuche und Kooperationen aller Art: Wer etwas auf der Bühne veranstalten will, kann das ohne komplizierte Verträge tun, solange das Kollektiv mit dem Inhalt einverstanden ist und alles finanziell irgendwie aufgeht. Freiheit und Idealismus soll hier Hand in Hand gehen, nicht aneinander vorbei. Auch die Nachbarn kommen oft vorbei und stehen der Halle offen gegenüber.
Schrott, Rost und Wärme
Ein Traum einiger Wirkstädter ist es, irgendwann ganz autark zu leben. Am liebsten in einem Tessiner Bergdorf. Die erste mehrerer Antworten auf die Frage, weshalb genau dort: «Kastanienbäume, Berge, Schrott und Rost und Wärme.» Andere sagen, sie würden eine nahe Stadt zu sehr vermissen, und finden die Wirkstadt mit ihrer unkomplizierten Nähe zu Lichtensteig, St.Gallen und Zürich optimal. Wie es mit der Halle längerfristig weitergeht, ist unklar, es besteht kein Fünf- oder Zehnjahresplan. Die aktuellsten Pläne betreffen die Heizung für den kommenden Winter und den Bau eines mobilen Wanderexponats mit dem Energietal Toggenburg.
Der Abend ist Nacht geworden und wir verlagern das Gespräch von aussen nach innen, trinken Wein und Bier und Tee und essen ausgezeichneten Eintopf mit kreislaufaufrüttelnd scharfer Sauce. Der Satz klingt nach: «Sehnsüchte sind wichtig, um nicht stehen zu bleiben.»
In der Wirkstadt leben und arbeiten momentan:
Laura: Theaterschneiderin, Zeichnerin Mirco: Tennisplatzbauer, Erlebnispädagoge Marisa: Theaterschneiderin, Wagenbauerin Dimitrij: Zimmermann, Re-Erfinder, Wagenbauer Janosch: Fachmann für Holz, Mauerwerk und Kachelöfen Sarah: Schneiderin, Kräuterspezialistin Chris: Metallbauer, Lösungsfinder Hannes: Fotograf, Computerspezialist Manu: Zimmermann, Allrounder
Kontakt: mini.art auf Facebook
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