Es ist eine zehnminütige Fahrt vom Bahnhof Lichtensteig bis zum Dreyschlatt oberhalb von Wattwil. Zehn Minuten auf engen Strassen, vorbei an einsamen Bauernhöfen und durch dunkle Wälder. «Wenn man Lust hat, kann man auch zu Fuss hoch», erklärt uns die Fahrerin des Shuttle-Busses. Eineinhalb Stunden und 300 Höhenmeter später wäre man so auf dem Areal der diesjährigen Freilichtspiele der «Bühne Thurtal». Aber für den Premiereabend war Regen angesagt, so haben sich fast alle der über 400 Gäste motorisiert eingefunden.
Auf dem Programm stand am 21. Juli nicht das Hauptstück Ueli Bräker – der arme Mann im Tockenburg, sondern Ottfried Preußlers Jugendbuch-Klassiker Krabat, neu dramatisiert und inszeniert von Simon Keller (Saiten Nr. 280 berichtete).
Zwischen Tod und Teufel
Keller zieht nicht nur als Drehbuchautor, Regisseur und Produktionsleiter die Fäden im Hintergrund, sondern übernimmt auch die Rolle des Herrn Gevatters. Der Regisseur als sklaventreibende Kreuzung zwischen Tod und Teufel? Dieser Schmunzler war durchaus beabsichtigt, wie der gelungene Werbetrailer zeigt.
Der Trailer zu Krabat wirbt mit Selbstironie.
Kellers Krabat-Interpretation hält sich nahe an Preußlers Version der sorbischen Sage. Krabat (ein überzeugender Simon Pfiffner) bettelt als Waisenkind im 17. Jahrhundert, weiss aber auch: Er ist zu alt, lange wird er kein Mittleid mehr erregen. Alpträume plagen ihn, und eines Nachts ruft ihn eine Stimme zur Mühle im Koselbruch.
Der Meister (Michael Hug) nimmt ihn auf. Aber nicht nur das Müllerhandwerk soll Krabat erlernen, auch schwarze Magie steht auf dem Lehrplan. Der junge Tonda (Thomas Strehler) nimmt Krabat unter seine Fittiche. Als dieser stirbt überschlagen sich die Ereignisse, aber zum Glück kann sich Krabat an den vermeintlichen Deppen Juro (Simon Bruderer in der gelungensten Rolle des Stücks) und die Liebe zu Kantorka (Ladina von Frisching) halten. Wobei, zum Glück?
Indy-Horror statt Bauernbühne
Simon Keller bedient sich einer modernen Erzählsprache. Die Geschichte mag im 17. Jahrhundert spielen, was Kulisse und Kostüme unterstreichen. Die Produktion sieht sich aber auch der Gegenwart verpflichtet. Keller hat den Text in die Mundart übertragen, verzichtet aber auf Altertümeleien oder übertriebene Modernisierung – zwischendurch fallen Wörter wie «Cool» oder «Megaschön», aber diese Einwürfe stören kaum, sie wirken nur natürlich.
«Ich bin der Meister, du bist der Schüler!» Der Meister (Michael Hug) segnet seine Lehrlinge.
Das Gelände ums Bräker-Haus nutzt die Produktion nahezu perfekt. Wenige Requisiten und eine geschickte Lichtführung reichen aus, um verschiedene Bühnenbilder zu erschaffen. Dabei arbeitet Keller bei vielen Szenen mit einen cineastischen Ansatz, spielt mit Tiefe, Raum und Struktur. Surreale Traumsequenzen gehören ebenfalls dazu, selbst eine Zeitlupe hat es ins Stück geschafft.
Ramon Brunschwilers «Filmmusik» ist minimalistisch und düster. Sie würde auch im Kino überzeugen, auf dem Dreyschlatt wird sie von sechs Musikerinnen und Musikern live gespielt. Man erhält den Eindruck: Hier läuft statt einem Theaterstück in der Toggenburger Pampa ein Indie-Film an einem Horrorfilm-Festival.
Tonda (Thomas Strehler) verteidigt Krabat (Simon Pfiffner) gegen den Herrn Gevatter (Simon Keller).
Dazu passt auch die Leistung des Ensembles – wer Laie ist und wer Profi, erkennt man wie im Indie-Kino erst auf den zweiten Blick, und das ist positiv gemeint. Alle spielen wie aus einem Guss, nur sehr selten stören übertriebene Darstellungen, wie man es sonst von solchen gemischten Gruppen gewöhnt ist.
Tempo und Struktur sind gut gebaut und kompetent umgesetzt, auch wenn sich im letzten Akt die Grenzen der Schauspieler zeigen – vielleicht waren sie aber auch nur ausgepowert. Denn die Choreografie (Leandra Bleiker) ist lebendig, energiegeladen und schnell. Das Finale kommt entsprechend etwas zu abrupt, das Schlussbild kann diesen Makel allerdings wieder gutmachen.
Aus Weniger mach (viel) mehr
Krabat ist schwierig als Schauspiel umzusetzen, wie zuletzt die mittelmässige 2008er Verfilmung von Marco Kreuzpainter gezeigt hat. Simon Keller und sein Team standen grossen Herausforderungen gegenüber: kleines Budget, keine Spezialeffekte aus dem Computer und ein einzelner Spielort, der noch dazu als Freilichttheater den Elementen ausgesetzt ist. Umso erfreulicher ist es, dass diese Inszenierung fast vollständig gelungen ist und dem komplexen Jugendbuch-Klassiker alle Ehre tut. Auch überlässt Keller die Interpretation des Subtexts den Zuschauern, statt ihnen seine eigene «korrekte» Sicht zu verkünden.
Krabat: bis 11. August, Dreyschlatt bei Wattwil. Shuttle-Bus ab Bahnhof Lichtensteig (laufend 2h vor den Vorstellungen), Parkplätze vor Ort. krabat-dreyschlatt.ch
Durch die Kombination der minimalen Mittel in einer grandiosen Naturkulisse schaffen es Ensemble und Produktionsteam, mehr als nur ein Schauspiel zu zeigen. Die Zuschauer besuchen quasi die Situation vor Ort. Sie folgen weniger einer Geschichte, als dass sie wie auf einer Safari für zwei Stunden das Reservat der schwarzen Mühle betreten. Man taucht ein in ein Ökosystem aus pubertären Hormonschüben, Albernheiten, Missbrauch und Gewalt.
Der Erzähler aus dem Off wird zum Reiseführer, und das offene Ende unterstreicht: Was wir gerade gesehen haben war nur ein Einblick. Eine nächste Leitkrähe – pardon, ein nächster Meister – wird kommen. Oder vielleicht auch nicht. Oh, auch die nächste Reisegruppe wartet bereits. Bitte die Fenster geschlossen lassen, nächste Station Apéro.
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