Wenn die Trogenerbahn quietschend aufs Gleis einfährt, überlagern sich im Wartsaal die Geräusche: von draussen die Bahn und die Lautsprecherdurchsage live, hier drinnen die Hörspur, die Martina Morger aufgenommen hat. Es ist der Sound der Appenzellerbahn auf ihrer ursprünglichen Strecke samt besonders prächtig quietschendem Ruckhaldenrank.
Die Audioarbeit ist einer der Beiträge des Projekt «S 22», das diese Woche im Wartsaal der Appenzellerbahnen im Nebenbahnhof St.Gallen zu sehen und zu hören ist. Auf Initiative von Wassili Widmer ist es zustande gekommen, der Anstoss: Nostalgie. Denn die Strecke gibt es inzwischen nicht mehr, vom 5. Oktober an werden die Züge durch den neuen Tunnel ins Riethüsli fahren.
15 Ballone
Wenige Tage bevor die Bahn am Ostermontag ihre letzte Runde über die Ruckhalde gedreht hat, haben sich sechs Kunstschaffende in den leuchtend roten Wagen gesetzt und sind von St.Gallen nach Appenzell und wieder zurück gefahren. Die Expedition haben sie in unterschiedlichen Medien eingefangen.
Morgers Tonspur ergänzt ein Kurzfilm von Jiri Makovec. Auf ihm sind die weiteren Beteiligten beim bähnlerischen Tun zu sehen: Hans Schweizer zeichnet im Wagen, das Ergebnis hängt in einer lockeren Reihe an der Wand im Wartsaal. Daneben Andrea Vogel: Die Künstlerin hat sich, bewehrt mit 15 Ballonen, in den Zug gesetzt und auf der Rückfahrt von Appenzell nach St.Gallen an jeder der 15 Stationen einen Ballon fliegen lassen. Rot natürlich, wie die Bahn selber.
Die Ballone, sagt Andrea Vogel zu ihrer Arbeit, hätten einerseits etwas Festliches, andrerseits faszinierte sie das Flüchtige – im Stofel etwa suchte sich der Ballon kunstvoll einen Weg zwischen Bahndrähten und Hausfluchten, in der Lustmühle blieb er unter dem Dach des Wartehäuschens hängen und befreite sich erst nach einiger Zeit. «Halt auf Verlangen» nennt Andrea Vogel ihre poetische, ebenfalls filmisch dokumentierte Arbeit.
Hommage an eine Pioniertat
Vor dreissig Jahren, damals noch nicht in der Ostschweiz wohnhaft, habe sie die Ruckhalde zum ersten Mal befahren, seither blieb das Bild der Kurve gespeichert, sagt Andrea Vogel. Die insgesamt 125jährige Geschichte der Bahn zeichnet Andreas Morger in einem Beiblatt nach, verknüpft mit persönlichen Erinnerungen und Überlegungen zur sich verändernden Mobilität. Die Pionierleistung mit Baujahr 1893 habe damals sogar Experten der Kaiserlichen Japanischen Staatsbahnen herbeigelockt, die vom steilsten und engsten Zahnradabschnitt der Welt lernen wollten.
Willkommen in der S22
bis 23. Juni, Wartsaal Appenzeller Bahnhof St.Gallen,
Do 14-19.30, Fr 14-19, Sa 10-17 Uhr
Von Kindheit an ruckhaldengeprägt ist Wassili Widmer. Die Appenzellerbahn war das Verkehrsmittel des Ausserrhoder Künstlers, vielleicht auch das erste Fluchtmittel aus der Heimat heraus. In seinen Fotografien, über der langen hölzernen Bank im Wartsaal aufgereiht, porträtiert er Passagiere beim konzentriert-entspannten Bahnfahren. Und entdeckt atmosphärische Details: eine abgeschabte Tür, die Wagenkupplung, einen Schranz im Sitzpolster.
Widmers Bilder sind eine stille Reminiszenz an die «alte» Bahn. Ab Oktober werden die neuen Tango-Züge fahren. Aber auf der Wand im Wartsaal steht in Grossbuchstaben: RUCKHALDE FOR EVER.
Gastkommentar von Jacques Michel Conrad
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