Kategorie
Autor:innen
Jahr

Digitaler Balanceakt

Zweifelsfrei haben digitale Technologien das Potenzial, die Gesellschaft in Sachen Corona zu unterstützen. Trotzdem braucht es eine erhöhte Wachsamkeit beim Einsatz von digitalen Überwachungs-Tools. von Max Frischknecht
Von  Gastbeitrag
Bild: Tobi Siebrecht

Sieben Jahre ist es her, seit Edward Snowden uns die globalen Ausmasse der digitalen Überwachung vor Augen führte. Weniger als vier Jahre ist es her, seit wir durch Cambridge Analyticas Wahlkampfstrategien für Donald Trump und den Brexit die politische Macht digitaler Daten verstanden. Heute, zu Zeiten von Covid19, wäre es ein Zeugnis gesellschaftlicher Demenz, würden wir vergessen, wie einfach digitale Technologien unter falschem Vorwand missbraucht werden können.

Zweifelsfrei besitzt die digitale Technologie das Potenzial, die Gesellschaft in dieser Zeit zu unterstützen. Sie wird dazu genutzt, den Bedarf an Medikamenten demografisch besser zu verstehen. Sie unterstützt Schulen und Universitäten dabei, den Unterricht aufrecht zu erhalten. Sie ermöglicht es Unternehmen, ihre Geschäfte von Zuhause aus zu führen. Und sie erlaubt es uns, unsere Freunde und Familien zumindest virtuell zu treffen. All das wäre ohne digitale Hilfsmittel schwierig. Dadurch aber einem Technologieoptimismus zu verfallen, kann gefährlich sein.

Echtzeit-Überwachung wegen zu wenig Personal

Digitale Technologie wird momentan auch dazu genutzt, die Überwachung des öffentlichen Raumes auszubauen. Zurzeit nutzt die Aargauer Polizei öffentliche und private Kameras, um zu gewährleisten, dass Personenansammlungen die erlaubte Anzahl von fünf Anwesenden nicht überschreiten. Die Echtzeit-Überwachung wird von der Polizei dadurch begründet, dass sie zu wenig Personal hat, um die Kontrollen selbst durchzuführen.

Besonders heikel ist dabei der Umstand, dass die Polizei zum Montieren neuer Kameras nicht wie üblich eine Genehmigung beim Datenschutzbeauftragten einholen muss. Die Krise dient als Begründung für die Umgehung normaler Kontrollmechanismen, die dem Schutz unserer Privatsphäre und der Eindämmung staatlicher Willkür dienen.

Berechtigterweise wird das Vorgehen sowohl von der kantonalen FDP als auch der SP scharf kritisiert. Amnesty International, die Digitale Gesellschaft und die Stiftung für Konsumentenschutz finden die Massnahmen unverhältnismässig und fordern den Aargauer Regierungsrat auf, die Überwachung einzustellen.

Fragwürdiger Einsatz von Standortdaten

Auch auf internationaler Ebene besteht grosses Interesse an digitaler Überwachungstechnologie, was sich unter anderem in Israel, Südkorea oder Italien beobachten lässt. In der Lombardei nutzt man derzeit Standortdaten von Mobiltelefonen, um zu ermitteln, ob die Menschen sich an den Lockdown halten und zuhause bleiben.

Auch in Deutschland wurde diskutiert, ob es das Gesetz zum Schutz der Bevölkerung bei einer epidemischen Situation dem Bundesgesundheitsministerium erlauben sollte, Standortdaten von Telekommunikationsunternehmen zu verlangen. Da ein solches Gesetz den Behörden jedoch weitreichende Befugnisse einräumen würde, sieht Deutschland vorerst davon ab.

In der Schweiz hingegen beliefert die Swisscom das BAG weiterhin mit Standortdaten von Mobiltelefonen. Die Genauigkeit des Standortes variiert dabei zwischen mehreren Metern in dichten Siedlungsgebieten und mehreren Kilometern in ländlichen Gebieten. Da die erfassten Funkzellendaten so ungenau sind, nutzt das BAG sie dazu, die allgemeine Mobilität der Bevölkerung festzustellen – ein Eingriff in die Privatsphäre, der normalerweise nur bei der Überwachung von Kriminellen toleriert wird.

Diese Daten eignen sich also nicht zum Erkennen von Infektionsketten. Die grösste Gefahr einer Ansteckung besteht bekanntlich dann, wenn der Abstand zu einer infizierten Person über längere Zeit unter zwei Meter fällt. Um Infektionsketten zu erkennen, wären also viel präzisere Daten nötig. Wie diese breit angelegte Datenerhebung des BAG zur Eindämmung von Sars-CoV-2 konkret beitragen soll, bleibt unklar. Sie ist darum unverhältnismässig und sollte bis auf weiteres gestoppt werden.

Es gibt auch datenschutzfreundliche Ansätze

Grosses Interesse an Tracking-Technologien lässt sich auch im Kontext der zahlreichen, jüngst durchgeführten Hackathons erkennen. Neben orwell’sch anmutenden Vorschlägen zeigt sich dort auch, dass sich Privatsphäre und das Tracking von Infektionsketten nicht grundsätzlich widersprechen.

Die im Rahmen des CodeVsCovid19 Hackathons entwickelte App «WeTrace» etwa sendet eine zufällig generierte ID via Bluetooth aus und misst die Distanz zu Signalen von anderen Geräten. Sobald sich zwei Geräte näher als fünf Meter kommen, tauschen sie die anonyme ID untereinander aus.

Relevant dabei: die ID’s sollen nur lokal gespeichert und nicht zentral gesammelt werden. Wird eine Person positiv auf Sars-CoV-2 getestet, kann sie diese Information freiwillig über die App teilen. Die Nutzer, welche mit dieser Person bzw. ihrer ID in Kontakt kamen, werden dadurch benachrichtigt. Dabei sollen weder persönliche Daten zwischen Geräten geteilt noch an einer zentralen Stelle gesammelt werden.

Der Teufel steckt auch hier im Detail, denn wahrhaft zufällige Zahlenfolgen, beispielsweise zur Generierung von ID’s, gehören zu den grossen ungelösten Herausforderungen der Informatik. Es ist deshalb unverzichtbar, solche Tracing-Apps vor ihrer Einführung einer unabhängigen Prüfung zu unterziehen. Dazu muss der Code grundsätzlich quelloffen sein, wie es bei «WeTrace» der Fall ist. Alle Abläufe müssen gegenüber den Usern transparent gemacht werden und das Teilen jeglicher Daten darf nur mit deren Einwilligung geschehen. Der Einsatz der Technologie sollte an klare Parameter geknüpft sein, die definieren, wann, unter welchen Voraussetzungen und für wie lange eine bestimmte Technologie eingesetzt werden darf.

Aus all diesen Gründen braucht es eine erhöhte Wachsamkeit hinsichtlich des Einsatzes von digitaler Technologie zur Überwachung. Es besteht die Gefahr, dass die Behörden weitreichende, intransparente und langanhaltende Befugnisse erhalten. Unter bestimmten, klar definierten Voraussetzungen kann Tracking-Technologie dabei helfen, die Pandemie einzugrenzen. Die Vergangenheit hat uns aber auch gezeigt, wie fragil Privatsphäre ist und wie leicht sie in der Euphorie der technologischen Möglichkeiten vergessen geht.

Max Frischknecht kommt aus St.Gallen, lebt und arbeitet in Basel. Er ist selbstständiger Designer und Programmierer sowie wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Designforschung der Fachhochschule Bern.

Jetzt mitreden: 1 Kommentar
Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Dein Kommentar wird vor dem Publizieren von der Redaktion geprüft.
Susi Frischknecht,  

Das wird nicht die letzte Pandemie sein, wir brauchen also eine App auch in Zukunft.Im Moment verlasse ich mich gerade auf die Ansätze die Epidemiologe Marcel Salathé vertritt, dezentral.Wenn Datensammeln möglich ist, wird es gemacht.Eine solche App würde ich nicht in Anspruch nehmen.Es braucht das Vertrauen der Bevölkerung für eine App, sonst nützt sie nichts.

Zwi­schen Pon­gal und Turn­ver­ein

Sin­du­jan* lebt schon sein gan­zes Le­ben in der Schweiz. Die Ein­bür­ge­rung ist fast ab­ge­schlos­sen, war aber mit ho­hen Kos­ten und ei­nem un­an­ge­neh­men Ge­spräch ver­bun­den.

Von  Andi Giger
260707 Saiten 0807 08

Ei­ne kur­ze In­dus­trie­ge­schichg­te des Sit­ter­tals

Be­vor die Kunst Ein­zug hielt, war das Sit­ter­tal in­dus­tria­li­siert. Hier wur­de ge­stickt, ge­wirkt, ge­färbt, mer­ceri­siert – aber auch ge­streikt und ge­liebt.

Von  István Scheibler
260708 Sitterwerk Industriegeschichte Das Sittertal zu Zeiten der Motorenstickerei Rittmeyer Staatsarchiv W 054 51 D 8

Kolumne: Stimmrecht

Wer ist die ukrai­ni­sche Dia­spo­ra?

Von  Liliia Matviiv

Die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps – Teil 2

Bis zum En­de der Som­mer­fe­ri­en prä­sen­tiert Sai­ten wö­chent­lich Kul­tur­tipps aus der Re­gi­on. Teil 2: Ki­nok-Open-Air, So­lar­ki­no, Chris­ta Nä­her – «Ex­cess», Li­ving Mu­se­um, Pool­bar Fes­ti­val, Die Le­gen­de von An­ne Bon­ny und SP-Spa­zier­gän­ge. 

Von  Redaktion Saiten
260708 Sommertipps 7 The Long Seat

Wie ein Fisch im Was­ser

In der Kunst­ka­bi­ne bei der St.Le­on­hard-Brü­cke in St.Gal­len stel­len bis Sep­tem­ber vier Per­so­nen mit Be­ein­träch­ti­gung ih­re Kunst aus. Den An­fang macht Son­ja Lip­pu­ner mit ih­rer «Roll­stuhl­kunst».

Von  Roman Hertler
Whats App Image 2026 07 01 at 22 09 10

«Kul­tur ist nicht de­mo­kra­tisch, aber zen­tra­le Grund­la­ge der De­mo­kra­tie»

Die Kunst­gies­se­rei St.Gal­len und die Stif­tung Sit­ter­werk strah­len weit über die Re­gi­on hin­aus. Fe­lix Leh­ner, Grün­der und Lei­ter der Kunst­gies­se­rei, Ge­schäfts­lei­tungs­mit­glied Till Jäck­li so­wie Pa­tri­cia Hart­mann, Co-Lei­te­rin der Stif­tung Sit­ter­werk, spre­chen im In­ter­view über die letz­ten 40 Jah­re, ak­tu­el­le Her­aus­for­de­run­gen und Zu­kunfts­plä­ne.

Von  Daria Frick  und  David Gadze
260708 Sitterwerk Andri Voehringer 01

«Schwei­gen gibt der Ge­walt Raum»

Ge­schlech­ter­spe­zi­fi­sche Ge­walt ist auch in Ap­pen­zell Rea­li­tät, und doch wird zu we­nig dar­über ge­re­det. Mit der Dis­kus­si­ons­ver­an­stal­tung «we­r­om – schwät­ze statt schwi­ige» lu­den drei jun­ge Ap­pen­zel­le­rin­nen zum of­fe­nen Aus­tausch über Ge­walt, Prä­ven­ti­on und Zi­vil­cou­ra­ge.

Von  Marion Loher
Werom 4

Wenn Hei­mat flim­mert

Hei­mat – ein viel­schich­ti­ger Be­griff. Das Kunst­mu­se­um St.Gal­len spürt ihm ge­mein­sam mit der Werk­samm­lung der Schwei­ze­ri­schen Post nach. Zu se­hen ist die ent­stan­de­ne Schau «Hei­mat­flim­mern» bis En­de Ok­to­ber in St.Gal­len.

Von  Lisa Steurer
Ausstellungsansicht stian Stadler 1

Jung­brun­nen für den Dom

Die St.Gal­ler Fest­spie­le la­den, nach der letzt­jäh­ri­gen Pau­se, wie­der zum Tanz in die Ka­the­dra­le. Cho­reo­graf An­to­nio Ruz und die Tanz­kom­pa­nie neh­men den Raum mit Re­spekt in Be­schlag – samt dem Klos­ter­platz.

Von  Peter Surber
Bildschirmfoto 2026 06 29 um 11 44 42

Der «Landesverräter» war gern am Fluss

Ernst S. und die Sit­ter

Von  Roman Hertler
2502 Max Butz 05

Die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps – Teil 1

Bis zum En­de der Som­mer­fe­ri­en prä­sen­tiert Sai­ten wö­chent­lich Kul­tur­tipps aus der Re­gi­on. Teil 1: Open­air-Ki­nos, Bla­bla­bor – «Gue­ril­la Ra­dio», Mi­chail Pir­ge­lis – «HYLE», «Hei­mat­flim­mern», Kul­tur­fes­ti­val St.Gal­len, Le­on­ce und Le­na, Kunst­spa­zier­gän­ge und Mu­sik im «Flööz­li» so­wie Rund­gän­ge zum Blu­men­wies und zur Schwamm­stadt. 

Von  Redaktion Saiten
Noemi Pfister Happily Aging Dying

Musik im Rorschacherberg

Schloss­mu­sik von Big Band bis In­die

Von  Vera Zatti
Sommerbuehne by Night

Der Wi­der­stand der Ama­zo­nas­frau­en

In Kon­stanz gas­tiert der­zeit die Grup­pe As Ka­ru­a­na – ein po­li­ti­scher Frau­en­chor aus dem Ama­zo­nas. Sie zeigt mit ih­rer Mu­sik, ih­rem Tanz, ih­rer Kunst und ih­rem Wis­sen po­li­ti­sche Ré­sis­tance und kämpft für die Rück­erobe­rung ih­rer in­di­ge­nen Kul­tur.

Von  Veronika Fischer
AS KARUANA Gruppenfoto4

Vol­ler Wi­der­sprü­che

Ma­le­rin, les­bisch und glü­hen­de NS-An­hän­ge­rin. Ste­pha­nie Hol­len­stein (1886-1944) war vie­les. Ein Wi­der­spruch? Der neue Do­ku­men­tar­film von Bir­git­ta Wei­zen­eg­ger be­fasst sich mit dem Le­ben der vor­arl­ber­gi­schen Künst­le­rin.

Von  Vera Zatti
Im Schatten der Bilder Filmstillweizeneggerfilm1

Gastkommentar von Jacques Michel Conrad

Ech­te Lö­sun­gen für ech­te Pro­ble­me

Von  Jacques Michel Conrad

Der In­nen­hof als Head­li­ner

Zum 20. Mal bringt das Kul­tur­fes­ti­val in­ter­na­tio­na­le Ent­de­ckun­gen und lo­ka­le Lieb­lings­bands in ei­nen der schöns­ten Kon­zer­tor­te St.Gal­lens. Zum Ju­bi­lä­um blickt Or­ga­ni­sa­tor Lu­kas Hof­stet­ter zu­rück – und be­haup­tet sich zu­gleich in ei­nem Mu­sik­ge­schäft, das für klei­ne­re Fes­ti­vals im­mer schwie­ri­ger ge­wor­den ist.

Von  Philipp Bürkler
Digitalism 1 2022 Kulturfestival Marcello Engi
Heftvorschau 07/08/26
Kunst im Sittertal, Sommertipps

Vor 40 Jah­ren grün­de­te Fe­lix Leh­ner in Bein­wil am See die Kunst­gies­se­rei, die 1994 nach St.Gal­len zog. Und vor 20 Jah­ren ent­stand er­gän­zend da­zu die Stif­tung Sit­ter­werk, die un­ter an­de­rem ei­ne welt­weit ein­zig­ar­ti­ge Kunst­bi­blio­thek führt. Wir tau­chen ein in die­sen wun­der­sa­men Mi­kro­kos­mos im Sit­ter­tal. Aus­ser­dem in der Ju­li/Au­gust-Dop­pel­num­mer: die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps, die Fla­schen­post von An­na Stern aus Finn­land und das In­ter­view zum 100-Jahr-Ju­bi­lä­um un­se­rer Haus­dru­cke­rei Nie­der­mann. 

Saiten 260708 01 Cover 01

Dy­na­mik in Stein

Flo­ri­an Fuchs ar­bei­tet an ei­ner an­tik an­mu­ten­den, 2,5 Me­ter ho­hen Mar­mor­sta­tue. War­um in­ter­es­siert sich ein jun­ger Bild­hau­er für die­se klas­si­sche Her­an­ge­hens­wei­se? Ein Werk­statt­be­such in Fla­wil.

Von  Roman Hertler
01 Florian Fuchs Theano Foto Maria Mahler

Der Kul­tur­kampf

Es war das Jahr­zehnt der Kul­tur: In den 80ern kam die Stadt St.Gal­len zu ei­ner Kunst­hal­le, ei­nem Pro­gramm­ki­no, der Frau­en­bi­blio­thek, der Gra­ben­hal­le, ge­nos­sen­schaft­li­chen Bei­zen und an­de­rem. Wie das ge­lang und wer die Fä­den zog, zeich­nen Ralph Hug und Co­rin­ne Schatz im Buch Der gros­se Auf­bruch nach.

Von  Peter Surber
2606 80er JF Mueller 01

Die sub­ver­si­ve Kraft des Auf­be­geh­rens

Das Film­dra­ma Fuo­ri er­zählt ein kur­zes Ka­pi­tel der aus­ser­ge­wöhn­li­chen Le­bens­ge­schich­te ita­lie­ni­schen Schrift­stel­le­rin, Schau­spie­le­rin und Wi­der­stands­kämp­fe­rin Go­li­ar­da Sa­pi­en­za.

Von  Karsten Redmann
Fuori 3