«Die Polizei ist die grösste Gang der Welt.» Protagonist Smurf aus Tottenham ist wütend: Er ist in die präventive Matrix-Gang-Datenbank von Scotland Yard geraten. Der mittels Algorithmen berechnete Status als Verdächtiger wurde ihm und Bekannten per Brief mitgeteilt. Als neues Tool der Algorithmen-gestützten Verbrechensprävention wurde die Gang-Matrix nach den schweren Unruhen in England 2011 eingeführt. Nebenwirkung: Sie vergrössert die Gräben zwischen der Polizei und Teilen der Bevölkerung. Dieselben Gräben, die 2011 zu den Unruhen geführt haben, nachdem ein Polizist einen Verdächtigen tötete.
Algorithmen kennen weder die Unschuldsvermutung noch Racial Profiling. Statistische Analysen werfen aus, was ihnen gefüttert wird, nach den Regeln, die in den meisten Fällen noch durch Menschen definiert werden. Im Fall der englischen Datenbank fanden sich 2014 bei verdächtigen Personen vor allem Dunkelhäutige wie Protagonist Smurf: knapp 80 Prozent der 3422 Personen. Der im Film konstatierte institutionelle Rassismus ist nicht bloss maschinengemacht: Smurf fühlt sich schon länger unter Generalverdacht aufgrund seiner Hautfarbe, offizielle lokale Statistiken belegen denn auch die erhöhte Anzahl von Personenkontrollen bei Dunkelhäutigen.
Die Frage der Diskriminierung ist eines von vielen Problemfeldern, welche die Regisseure Monika Hielscher und Matthias Heeder im Dokumentarfilm Pre-Crime aufmachen. Sie zeichnen stellenweise ein dystopisches Bild, verstärkt durch popkulturelle Referenzen wie dem Game Watch Dogs, eine Welt der totalen Überwachung. Heeder fasst die Message der Sicherheitsbehörden in Fällen wie Smurf und der Londoner Matrix zusammen: «Du hast nichts getan, aber du bist verdächtig. Wir beobachten dich.» Über einen anderen Protagonisten sagt er: «Niemand interessiert es, was für Folgen die Entscheidung eines Algorithmus auf das Leben eines Robert McDaniel hat.»
Die Logik der Heatlist
Fall McDaniel, Chicago, 2013: An der Wohnungstür teilt eine Beamtin McDaniel mit, dass er 250 Mal gefährdeter sei als der Durchschnittsbürger, Täter oder Opfer eines Gewaltverbrechens zu werden. Er sei auf der Heatlist und werde gewarnt, keine Verbrechen zu begehen. Täter, Opfer, Täter, Opfer: was nun?
McDaniels Auswahl geschah nicht zufällig: Die sogenannte Heatlist stützt sich auf die Social-Network-Theorie eines Yale-Soziologen: Nicht nur, wer deine Freunde sind, spielt eine Rolle, sondern die Struktur deiner Bekanntschaften. In McDaniels Fall war ein tragischer Vorfall die entscheidende veränderte Variable, die zwischen Heatlist oder nicht entschied: Ein Freund von ihm wurde erschossen.
Pre-Crime im Kinok St.Gallen: 3. April, 20 Uhr, anschliessend Podiumsgespräch mit Patrick Walder von Amnesty International Schweiz und Fritz Tanner, Datenschutzbeauftragter des Kantons Thurgau. Weitere Vorstellungen bis 23. April.
Das CinéWil zeigt den Film ebenfalls.
Auf die Ungenauigkeit algorithmisierter Verhaltensprognosen weist im Film die Autorin Yvonne Hofstetter hin, die sich als Juristin und Unternehmerin zwischen Recht und künstlicher Intelligenz bewegt und sich auf die Auswertung grosser Datenmengen mit Machine-Learning spezialisiert hat. Sie macht ein Beispiel: Wer als Mann bei Facebook Britney Spears und Desperate Housewives liked, wird als homosexuell eingestuft, Wahrscheinlichkeit: 73 Prozent. Nach derselben Logik würden nach ihrer Ansicht auch Einstufungen gemacht, wenn es um die algorithmisierte Datenauswertung auf der Suche nach potenziellen Terroristen geht. Doch was bedeutet nun Terrorist, Wahrscheinlichkeit: 73 Prozent? Reicht das, um auf einer No-Fly-List zu landen?
Ein Rechtsprofessor kommt im Film zu Wort, ein Techniksoziologe, ein ehemaliger Polizist und immer wieder der Regisseur, der am Meer, über den Klippen, den Film zusammenzuhalten versucht und Fragen stellt: Wer kontrolliert die Beamten, die die Daten eingeben? Gibt es einen Algorithmus, der auf Wirtschaftsverbrechen zielt? Was machen wir mit den neuen Daten, wenn die Uhr mit der Welt kommuniziert? Verstärken Muster in Algorithmen Muster in der Realität? Wie berechenbar ist das menschliche Verhalten?
Baltimore: Eine Stadt wird überwacht
Der Film gewährt einen Blick über die Schulter der Polizei von morgen. Hängen bleiben die Bilder von Persistent Surveillance Systems in Baltimore: Ohne die Bevölkerung zu informieren, wurden 2016 aus der Vogelperspektive hochauflösende Bilder der Stadt gemacht, 192 Megapixel, ein Bild pro Sekunde. Ein Jahr lang wurde Baltimore so gefilmt – ein permanentes Auge auf die Bevölkerung.
Im Film wird gezeigt, wie nach einer Tat die Wagen flüchtender Verbrecher auf dem Computer-Bildschirm nachverfolgt werden können. In der Praxis wird die kostspielige Technik – mehrere Kameras in einer Cessna – mit Alltagstechnik kombiniert: Sind die Verdächtigen am Zielort angekommen, wird mit Google Earth ein Bild des Hauseingangs an die Beamten vor Ort geschickt. Der Test scheint erfolgreich gewesen zu sein: Nach einer Analyse der Washingtoner Police Foundation lieferte das Bildmaterial wichtige Hinweise in über hundert Verbrechen. Trotz Protesten ist die Fortsetzung des Projekts in diesem Jahr geplant.
Und die St.Galler Kantonspolizei?
Von permanenter Überwachung aus der Luft ist man in der Schweiz noch entfernt. Eines der im Film vorgestellten Systeme – Precobs – wird gemäss Stadtpolizei Zürich seit 2013 erfolgreich betrieben. Um bis zu 30 Prozent sollen Einbruchdiebstähle in Zürich reduziert worden sein durch die Software. Diese arbeitet ortsbezogen: Risikogebiete werden errechnet, die Polizei erhöht die Präsenz vor Ort. Andere Kantone arbeiten mittlerweile auch mit dem Programm. Anfang Jahr hat sich deshalb der Wiler SVP-Politiker Erwin Böhi mit einer einfachen Anfrage an die Kantonsregierung gewendet: Plant die Kantonspolizei St.Gallen auch mit Precobs zu arbeiten?
So ist Pre-Crime hochaktuell. Der Dokumentarfilm zeigt auf, wie vielfältig die Methoden der algorithmisierten Verbrechensbekämpfung sind und mit welchen Fragen wir uns in Zukunft beschäftigen müssen. Sie gehen über die Fragen der Polizeiarbeit hinaus – in den Worten von Regisseur Heeder: «Algorithmen haben kein Gewissen».
Dieser Beitrag erschien im Aprilheft von Saiten.
Die deutsche Filmemacherin Regina Schilling bringt zum 100. Geburtstag von Ingeborg Bachmann Jemand, der einmal ich war ins Kino. Der Dokumentarfilm verknüpft grossartige Archivaufnahmen mit fiktionalen Szenen aus dem letzten Lebensjahr der Dichterin zu einem zugänglichen Plot.
Die SVP macht seit Wochen Stimmung gegen die geplante neue Moschee der albanisch-islamischen Gemeinschaft El-Hidaje in St.Gallen. Anlässlich eines öffentlichen Rundgangs der SP stellten die Verantwortlichen das Projekt vor – und räumten mit vielen Vorurteilen auf.
Jim Dine gehört zu den bedeutendsten zeitgenössischen Künstler:innen. Seit ein paar Jahren erschafft er seine Skulpturen vornehmlich im Sittertal. In die Kunstgiesserei verliebte sich der Pop-Art-Pionier bei seinem ersten Besuch vor fast 20 Jahren.
Alles deutet drauf hin, dass die Uni St.Gallen demnächst in den bisherigen Hauptsitz der Helvetia-Versicherung, geplant vom Basler Architekturbüro Herzog und de Meuron, als zweiten grossen Standort auf dem Rosenberg einziehen kann. Zusätzlich ist ein Holzbau mit Seminarräumen in Planung.
Der FC St.Gallen zeigt sich gegen Sheriff Tiraspol von seiner besten Seite und gewinnt das Spiel nicht nur souverän, sondern auch hoch mit 5:1. Weiter geht's im Playoff gegen den FC Nordsjælland aus Dænemark.
Jubiläum
Durch bunte Galaxien bis in ein Meer aus Katzenstreu. Die Ausstellung «Hinter’m Mond» vom Künstler:innenkollektiv U5 und Monika Stalder im Stellwerk in Heerbrugg lädt zu einer intergalaktischen Reise ein.
Die Ostschweizer Band Drill bringt mit Catharsis eine neue EP raus. Die sechs Songs sind ein wilder Ritt auf schweren Gitarrenriffs, bei dem Metalcore auch mal auf Hyperpop trifft.
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 7: Rathausoper Konstanz, Charles Uzors The Great Wall. A Labyrinth, Clanx-Festival und Rundgänge zu Wiboradas Schwestern.
Gegen dieses Luzern müsste der FC St.Gallen eigentlich drei Punkte einfahren. Zum Schluss muss er aber froh sein, dass es immerhin einer wird. Der Ausgleich gelingt erst weit in der Nachspielzeit per Penalty. Das Spiel zum Nachlesen im SENF-Ticker.
Herbert Rauch (1929–2012) war Briefträger und Künstler. In den Schwarz-Weiss-Fotografien des Rankweilers erscheinen Objekte wie Steine und Federn als abstrakte, grafische Gebilde. Nun ist ein Fotoband zu seinem Spätwerk erschienen, und im Schauraum René Dalpra in Altach sind seine Arbeiten ausgestellt.
Eine Bundesrätin, mehrere Nationalrät:innen und die Politrapper der Stunde: Alle kommen sie aus der Kleinstadt Wil. Eine Erkundung vor den Lokalwahlen.
Eines der vielen Gebäude des Sitterwerks, die vor genau 100 Jahren erbaute Schwarzfärberei, beherbergt heute die Kunstbibliothek und die Materialmusterschränke. Eine Aufstockung soll künftig mehr Platz schaffen.
Noch bis in den Herbst hinein und auch in den zwei folgenden Sommern bleibt die Voliere im Stadtpark eine Buvette. Ab 2029 wird sie zur «Maison des œufs», zum didaktischen Hühnerhof. Die eingereichten Ideen sahen noch ganz andere Nutzungen vor.
Der Streit ums St.Galler Verbot von Tempo 30 auf Hauptverkehrsachsen geht in die nächste Runde: Das Referendumskomitee hat die notwendigen Unterschriften gegen eine Änderung des kantonalen Strassenverkehrsgesetzes eingereicht. Damit wird das Stimmvolk über die Frage entscheiden.
Kolumne: 24/7 Traumacore
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 6: «Wegwarte 002», Sur le Lac, Winterthurer Musikfestwochen und Schlossfestspiele Werdenberg.
Der FCSG kriegt beim Auswärtsspiel in Lissabon die Grenzen deutlich aufgezeigt. Sie verlieren das Spiel 0:5. Damit geht's für den FCSG jetzt gegen Sheriff Tiraspol in der Conference League weiter. Das Spiel zum Nachlesen im SENF-Ticker.
Notizen zu Christopher Nolans The Odyssey
Anja Braun lebte bereits 18 Jahre in der Schweiz, als sie sich gemeinsam mit ihrer Familie entschied, sich einzubürgern. Es war ein logischer Schritt. Das Verfahren war es nicht immer.