Kategorie
Autor:innen
Jahr

73% Terrorist

Der Dokumentarfilm «Pre-Crime» von Monika Hielscher und Matthias Heeder zeichnet stellenweise ein dystopisches Bild, verstärkt durch popkulturelle Referenzen. Ab Dienstag wird er im St.Galler Kinok gezeigt.
Von  Claudio Bucher
Screenshot aus «Pre-Crime».

«Die Polizei ist die grösste Gang der Welt.» Protagonist Smurf aus Tottenham ist wütend: Er ist in die präventive Matrix-Gang-Datenbank von Scotland Yard geraten. Der mittels Algorithmen berechnete Status als Verdächtiger wurde ihm und Bekannten
per Brief mitgeteilt. Als neues Tool der Algorithmen-gestützten Verbrechensprävention wurde die Gang-Matrix nach den schweren Unruhen in England 2011 eingeführt. Nebenwirkung: Sie vergrössert die Gräben zwischen der Polizei und Teilen der Bevölkerung. Dieselben Gräben, die 2011 zu den Unruhen geführt haben, nachdem ein Polizist einen Verdächtigen tötete.

Algorithmen kennen weder die Unschuldsvermutung noch Racial Profiling. Statistische Analysen werfen aus, was ihnen gefüttert wird, nach den Regeln, die in den meisten Fällen noch durch Menschen definiert werden. Im Fall der englischen Datenbank fanden sich 2014 bei verdächtigen Personen vor allem Dunkelhäutige wie Protagonist Smurf: knapp 80 Prozent der 3422 Personen. Der im Film konstatierte institutionelle Rassismus ist nicht bloss maschinengemacht: Smurf fühlt sich schon länger unter Generalverdacht aufgrund seiner Hautfarbe, offizielle lokale Statistiken belegen denn auch die erhöhte Anzahl von Personenkontrollen bei Dunkelhäutigen.

Die Frage der Diskriminierung ist eines von vielen Problemfeldern, welche die Regisseure Monika Hielscher und Matthias Heeder im Dokumentarfilm Pre-Crime aufmachen. Sie zeichnen stellenweise ein dystopisches Bild, verstärkt durch popkulturelle Referenzen wie dem Game Watch Dogs, eine Welt der totalen Überwachung. Heeder fasst die Message der Sicherheitsbehörden in Fällen wie Smurf und der Londoner Matrix zusammen: «Du hast nichts getan, aber du bist verdächtig. Wir beobachten dich.» Über einen anderen Protagonisten sagt er: «Niemand interessiert es, was für Folgen die Entscheidung eines Algorithmus auf das Leben eines Robert McDaniel hat.»

Die Logik der Heatlist

Fall McDaniel, Chicago, 2013: An der Wohnungstür teilt eine Beamtin McDaniel mit, dass er 250 Mal gefährdeter sei als der Durchschnittsbürger, Täter oder Opfer eines Gewaltverbrechens zu werden. Er sei auf der Heatlist und werde gewarnt, keine Verbrechen zu begehen. Täter, Opfer, Täter, Opfer: was nun?

McDaniels Auswahl geschah nicht zufällig: Die sogenannte Heatlist stützt sich auf die Social-Network-Theorie eines Yale-Soziologen: Nicht nur, wer deine Freunde sind, spielt eine Rolle, sondern die Struktur deiner Bekanntschaften. In McDaniels Fall war ein tragischer Vorfall die entscheidende veränderte Variable, die zwischen Heatlist oder nicht entschied: Ein Freund von ihm wurde erschossen.

Pre-Crime im Kinok St.Gallen: 
3. April, 20 Uhr, anschliessend Podiumsgespräch mit Patrick Walder von Amnesty International Schweiz und Fritz Tanner, Datenschutzbeauftragter des Kantons Thurgau. Weitere Vorstellungen bis 23. April.

Das CinéWil zeigt den Film ebenfalls.

Auf die Ungenauigkeit algorithmisierter Verhaltensprognosen weist im Film die Autorin Yvonne Hofstetter hin, die sich als Juristin und Unternehmerin zwischen Recht und künstlicher Intelligenz bewegt und sich auf die Auswertung grosser Datenmengen mit Machine-Learning spezialisiert hat. Sie macht ein Beispiel: Wer als Mann bei Facebook Britney Spears und Desperate Housewives liked, wird als homosexuell eingestuft, Wahrscheinlichkeit: 73 Prozent. Nach derselben Logik würden nach ihrer Ansicht auch Einstufungen gemacht, wenn es um die algorithmisierte Datenauswertung auf der Suche nach potenziellen Terroristen geht. Doch was bedeutet nun Terrorist, Wahrscheinlichkeit: 73 Prozent? Reicht das, um auf einer No-Fly-List zu landen?

Ein Rechtsprofessor kommt im Film zu Wort, ein Techniksoziologe, ein ehemaliger Polizist und immer wieder der Regisseur, der am Meer, über den Klippen, den Film zusammenzuhalten versucht und Fragen stellt: Wer kontrolliert die Beamten, die die Daten eingeben? Gibt es einen Algorithmus, der auf Wirtschaftsverbrechen zielt? Was machen wir mit den neuen Daten, wenn die Uhr mit der Welt kommuniziert? Verstärken Muster in Algorithmen Muster in der Realität? Wie berechenbar ist das menschliche Verhalten?

Baltimore: Eine Stadt wird überwacht

Der Film gewährt einen Blick über die Schulter der Polizei von morgen. Hängen bleiben die Bilder von Persistent Surveillance Systems in Baltimore: Ohne die Bevölkerung zu informieren, wurden 2016 aus der Vogelperspektive hochauflösende Bilder der Stadt gemacht, 192 Megapixel, ein Bild pro Sekunde. Ein Jahr
lang wurde Baltimore so gefilmt – ein permanentes Auge auf die Bevölkerung.

 

Im Film wird gezeigt, wie nach einer Tat die Wagen flüchtender Verbrecher auf dem Computer-Bildschirm nachverfolgt werden können. In der Praxis wird die kostspielige Technik – mehrere Kameras in einer Cessna – mit Alltagstechnik kombiniert: Sind die Verdächtigen am Zielort angekommen, wird mit Google Earth ein Bild des Hauseingangs an die Beamten vor Ort geschickt. Der Test scheint erfolgreich gewesen zu sein: Nach einer Analyse der Washingtoner Police Foundation lieferte das Bildmaterial wichtige Hinweise in über hundert Verbrechen. Trotz Protesten ist die Fortsetzung des Projekts in diesem Jahr geplant.

Und die St.Galler Kantonspolizei?

Von permanenter Überwachung aus der Luft ist man in der Schweiz noch entfernt. Eines der im Film vorgestellten Systeme – Precobs – wird gemäss Stadtpolizei Zürich seit 2013 erfolgreich betrieben. Um bis zu 30 Prozent sollen Einbruchdiebstähle in Zürich reduziert worden sein durch die Software. Diese arbeitet ortsbezogen: Risikogebiete werden errechnet, die Polizei erhöht die Präsenz vor Ort. Andere Kantone arbeiten mittlerweile auch mit dem Programm. Anfang Jahr hat sich deshalb der Wiler SVP-Politiker Erwin Böhi mit einer einfachen Anfrage an die Kantonsregierung gewendet: Plant die Kantonspolizei St.Gallen auch 
mit Precobs zu arbeiten?

So ist Pre-Crime hochaktuell. Der Dokumentarfilm zeigt auf, wie vielfältig die Methoden der algorithmisierten Verbrechensbekämpfung sind und mit welchen Fragen wir uns in Zukunft beschäftigen müssen. Sie gehen über die Fragen der Polizeiarbeit hinaus – in den Worten von Regisseur Heeder: «Algorithmen haben kein Gewissen».

Dieser Beitrag erschien im Aprilheft von Saiten.

Jetzt mitreden:
Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Dein Kommentar wird vor dem Publizieren von der Redaktion geprüft.

Ein Pi­ra­ten­schiff am Bo­den­see­ufer

Das See-Burg­thea­ter macht aus sei­ner Pi­ra­tin­nen­ge­schich­te Die Le­gen­de von An­ne Bon­ny ein akro­ba­ti­sches Spek­ta­kel vom Feins­ten. Bei al­ler Som­mer­thea­ter-Leich­tig­keit hät­te man aber doch ein biss­chen mehr Eman­zi­pa­ti­ons­ge­schich­te er­war­tet.  

Von  Maria Schorpp
Piratencrew Bildnachweis Ilja Mess

Ei­ne ein­ma­li­ge Ge­burts­tags­par­ty

Zu sei­nem 20. Ge­burts­tag hat das Kul­tur­fes­ti­val am Wo­chen­en­de Bands aus St.Gal­len und der Re­gi­on zu ei­nem zwei­tä­gi­gen Kon­zert­fest ein­ge­la­den. Die­ses war so viel­fäl­tig wie ge­lun­gen – auch we­gen der Idee, Co­vers aus der Grün­dungs­zeit des Fes­ti­vals in die Sets ein­zu­bau­en. 

Von  David Gadze
Kulturfestival 20 Jahre Jubilaeum 2026 Kasimir Hoehener

Bregenzer Festspiele

Mehr als die See­büh­ne: Ent­de­ckun­gen an den Bre­gen­zer Fest­spie­len

Von  Nathalie Grand
Pressetag broucek anjakoehler 260236

Die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps – Teil 3

Bis zum En­de der Som­mer­fe­ri­en prä­sen­tiert Sai­ten wö­chent­lich Kul­tur­tipps aus der Re­gi­on. Teil 3: «Was der Kai­ser noch sah», Olaf Breu­ning – «Hu­mans» und Oria­na Bruseghi­ni  – Das ver­las­se­ne Ret­tungs­boot. 

Von  Redaktion Saiten
260708 Sommertipps Colazione Sull Erba Pfister Noemi copy

Von Mo­de und Kör­pern

Wie setzt Fo­to­gra­fie Mo­de in Sze­ne? Und wer fo­to­gra­fiert da­bei ei­gent­lich wen? Das Tex­til­mu­se­um St.Gal­len gibt mit «Mi­se en Scè­ne» Ein­bli­cke in 120 Jah­re Mo­de­ge­schich­te. Es ist die letz­te Schau vor dem Mu­se­umsum­bau. 

Von  Vera Zatti
TMF 22 4 1 V

«Ich ma­che das für al­le, die auf ei­nen Ent­scheid war­ten.»

Seit elf Ta­gen be­fin­det sich Ve­lat Ay­din vor dem Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt in St.Gal­len im Hun­ger­streik. Im Ge­spräch mit Sai­ten er­zählt der Kur­de, wo­her er kommt und wes­halb po­li­ti­scher Ak­ti­vis­mus so wich­tig ist.

Von  Daria Frick
DSC 6579

Lus­ti­ges Mas­sen­ar­ten­ster­ben

Die St.Gal­ler Fest­spie­le sind vor­bei. Oper war in­door, draus­sen im Stadt­park spiel­te die End­zeit­ko­mö­die Pla­net B. Näh­me man die Bot­schaft des Stücks ernst, müss­te die Fest­spiel-Oper auch künf­tig res­sour­cen­scho­nend drin­nen blei­ben.

Von  Peter Surber
Festspiele planet b tanja dorendorf 1095

Zwi­schen Pon­gal und Turn­ver­ein

Sin­du­jan* lebt schon sein gan­zes Le­ben in der Schweiz. Die Ein­bür­ge­rung ist fast ab­ge­schlos­sen, war aber mit ho­hen Kos­ten und ei­nem un­an­ge­neh­men Ge­spräch ver­bun­den.

Von  Andi Giger
260707 Saiten 0807 08

Ei­ne kur­ze In­dus­trie­ge­schichg­te des Sit­ter­tals

Be­vor die Kunst Ein­zug hielt, war das Sit­ter­tal in­dus­tria­li­siert. Hier wur­de ge­stickt, ge­wirkt, ge­färbt, mer­ceri­siert – aber auch ge­streikt und ge­liebt.

Von  István Scheibler
260708 Sitterwerk Industriegeschichte Das Sittertal zu Zeiten der Motorenstickerei Rittmeyer Staatsarchiv W 054 51 D 8

Kolumne: Stimmrecht

Wer ist die ukrai­ni­sche Dia­spo­ra?

Von  Liliia Matviiv

Die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps – Teil 2

Bis zum En­de der Som­mer­fe­ri­en prä­sen­tiert Sai­ten wö­chent­lich Kul­tur­tipps aus der Re­gi­on. Teil 2: Ki­nok-Open-Air, So­lar­ki­no, Chris­ta Nä­her – «Ex­cess», Li­ving Mu­se­um, Pool­bar Fes­ti­val, Die Le­gen­de von An­ne Bon­ny und SP-Spa­zier­gän­ge. 

Von  Redaktion Saiten
260708 Sommertipps 7 The Long Seat

Wie ein Fisch im Was­ser

In der Kunst­ka­bi­ne bei der St.Le­on­hard-Brü­cke in St.Gal­len stel­len bis Sep­tem­ber vier Per­so­nen mit Be­ein­träch­ti­gung ih­re Kunst aus. Den An­fang macht Son­ja Lip­pu­ner mit ih­rer «Roll­stuhl­kunst».

Von  Roman Hertler
Whats App Image 2026 07 01 at 22 09 10

«Kul­tur ist nicht de­mo­kra­tisch, aber zen­tra­le Grund­la­ge der De­mo­kra­tie»

Die Kunst­gies­se­rei St.Gal­len und die Stif­tung Sit­ter­werk strah­len weit über die Re­gi­on hin­aus. Fe­lix Leh­ner, Grün­der und Lei­ter der Kunst­gies­se­rei, Ge­schäfts­lei­tungs­mit­glied Till Jäck­li so­wie Pa­tri­cia Hart­mann, Co-Lei­te­rin der Stif­tung Sit­ter­werk, spre­chen im In­ter­view über die letz­ten 40 Jah­re, ak­tu­el­le Her­aus­for­de­run­gen und Zu­kunfts­plä­ne.

Von  Daria Frick  und  David Gadze
260708 Sitterwerk Andri Voehringer 01

«Schwei­gen gibt der Ge­walt Raum»

Ge­schlech­ter­spe­zi­fi­sche Ge­walt ist auch in Ap­pen­zell Rea­li­tät, und doch wird zu we­nig dar­über ge­re­det. Mit der Dis­kus­si­ons­ver­an­stal­tung «we­r­om – schwät­ze statt schwi­ige» lu­den drei jun­ge Ap­pen­zel­le­rin­nen zum of­fe­nen Aus­tausch über Ge­walt, Prä­ven­ti­on und Zi­vil­cou­ra­ge.

Von  Marion Loher
Werom 4

Wenn Hei­mat flim­mert

Hei­mat – ein viel­schich­ti­ger Be­griff. Das Kunst­mu­se­um St.Gal­len spürt ihm ge­mein­sam mit der Werk­samm­lung der Schwei­ze­ri­schen Post nach. Zu se­hen ist die ent­stan­de­ne Schau «Hei­mat­flim­mern» bis En­de Ok­to­ber in St.Gal­len.

Von  Lisa Steurer
Ausstellungsansicht stian Stadler 1

Jung­brun­nen für den Dom

Die St.Gal­ler Fest­spie­le la­den, nach der letzt­jäh­ri­gen Pau­se, wie­der zum Tanz in die Ka­the­dra­le. Cho­reo­graf An­to­nio Ruz und die Tanz­kom­pa­nie neh­men den Raum mit Re­spekt in Be­schlag – samt dem Klos­ter­platz.

Von  Peter Surber
Bildschirmfoto 2026 06 29 um 11 44 42

Der «Landesverräter» war gern am Fluss

Ernst S. und die Sit­ter

Von  Roman Hertler
2502 Max Butz 05

Die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps – Teil 1

Bis zum En­de der Som­mer­fe­ri­en prä­sen­tiert Sai­ten wö­chent­lich Kul­tur­tipps aus der Re­gi­on. Teil 1: Open­air-Ki­nos, Bla­bla­bor – «Gue­ril­la Ra­dio», Mi­chail Pir­ge­lis – «HYLE», «Hei­mat­flim­mern», Kul­tur­fes­ti­val St.Gal­len, Le­on­ce und Le­na, Kunst­spa­zier­gän­ge und Mu­sik im «Flööz­li» so­wie Rund­gän­ge zum Blu­men­wies und zur Schwamm­stadt. 

Von  Redaktion Saiten
Noemi Pfister Happily Aging Dying

Musik im Rorschacherberg

Schloss­mu­sik von Big Band bis In­die

Von  Vera Zatti
Sommerbuehne by Night

Der Wi­der­stand der Ama­zo­nas­frau­en

In Kon­stanz gas­tiert der­zeit die Grup­pe As Ka­ru­a­na – ein po­li­ti­scher Frau­en­chor aus dem Ama­zo­nas. Sie zeigt mit ih­rer Mu­sik, ih­rem Tanz, ih­rer Kunst und ih­rem Wis­sen po­li­ti­sche Ré­sis­tance und kämpft für die Rück­erobe­rung ih­rer in­di­ge­nen Kul­tur.

Von  Veronika Fischer
AS KARUANA Gruppenfoto4