2006 wurde mit WikiLeaks eine Online-Plattform geschaffen, um anonyme Dokumente zu publizieren. Vier Jahre später erhielt WikiLeaks über 700’000 Dokumente des US-Militärs und des US-Aussenministeriums. Laura Poitras hat die Ereignisse sechs Jahre lang aus nächster Nähe gefilmt, vor allem aber den WikiLeaks-Gründer Julian Assange, dessen Persönlichkeit mit jeder der rund 90 Minuten ambivalenter wirkt.
Poitras’ Arbeiten kennt man spätestens seit ihrem Oscar-prämierten Film über und mit Edward Snowden, Citizenfour, dem letzten Teil ihrer Film-Trilogie über Amerika und seinen «Krieg gegen den Terror». Sie hat nicht nur den Dokfilm zur NSA-Affäre geliefert, sondern half auch, zusammen mit dem Journalisten Glenn Greenwald, die Affäre aufzudecken. «Da sie grossen Wert auf Privatsphäre legt und nicht gerne im Rampenlicht steht, ist es manchmal etwas in den Hintergrund geraten, wie unverzichtbar ihr Beitrag für unsere Berichterstattung war», schreibt Greenwald über Poitras in seinem 2014 erschienenen Buch Die globale Überwachung.
In RISK liegen die Dinge anders, Poitras wird durchaus persönlich. Bereits am Anfang hört man ihre Stimme aus dem Off. «Production Journal: Mit diesem Film werden die Grenzen sehr verschwommen (lines will be very blurred). Manchmal glaube ich nicht, was Julian mich filmen lässt. Es ist mir ein Rätsel, wieso er mir vertraut, denn ich glaube nicht, dass er mich mag.» Das sagt sie kurz nach der Anfangsszene, in der Assange in aller Selbstverständlichkeit Hillary Clinton ans Telefon zitieren lassen will. Um ihr zu sagen, dass gleich eine Menge ungesichtete Depeschen ihres Aussenministeriums publiziert werden. «Um das klarzustellen: Wir haben kein Problem, sie haben eins», lässt er Clinton ausrichten.
Ein Aktivist mit vielen Gesichtern
Diese Unverfrorenheit ist nur einer von Assanges Charakterzügen, die Poitras in ihrem Film herausschält. Es gibt auch den verbissenen Assange. «Lass uns aufhören, so zu tun, als sei ich eine normale Person», mault er, als ihn Lady Gaga in der ecuadorianischen Botschaft in London PR-besucht. «Ich bin besessen von unserem politischen Kampf. Wen kümmert es, was ich fühle?»
Und es gibt einen abgebrühten, egozentrischen Assange, der immer wieder mal aufblitzt, etwa wenn er kurz nach dem Release der Syrien-Files leuchtenden Auges verkündet: «Wir sind schon bei 150 Tweets pro Minute!» Das zeigt auch die abgründigeren Seiten dieses Menschen, der von manchen zum «digitalen Luther» verklärt wird. Er tut fast alles, um im Gespräch zu bleiben, sogar einen «Sex-Skandal alle sechs Monate» würde er in Kauf nehmen, wie er im Witz selber sagt.
Wirklich witzig ist der Spruch allerdings nicht, denn der Hintergrund ist ernst: Als Assange das sagt, laufen in Schweden zwei Verfahren gegen ihn wegen sexueller Nötigung und Vergewaltigung – der Grund, wieso er im Sommer 2012 nach London flieht. Er selber sieht in den Vorwürfen eine «radikal-feministische Verschwörung», und nicht zuletzt habe eine der Klägerinnen einen lesbischen Nachtklub in Stockholm eröffnet. Geklärt wurden die Fälle nie: Der Vorwurf der sexuellen Nötigung ist 2015 verjährt, das Verfahren wegen Vergewaltigung wurde im vergangenen Mai eingestellt.
«Produktionstagebuch: Das ist nicht der Film, den ich machen wollte», erklingt irgendwann wieder Poitras’ Stimme aus dem Off. «Ich dachte, ich könne die Widersprüche ignorieren. Ich dachte, sie seien nicht Teil der Geschichte. Ich lag so falsch, sie werden die Geschichte.»
Missbrauchsvorwürfe aus der Netzgemeinde
2016 werden auch Vorwürfe gegen Jacob Appelbaum laut, ehemaliger Entwickler beim Tor-Netzwerk und aktiver Unterstützer von WikiLeaks. Mehrere Frauen werfen ihm Mobbing, Missbrauch und sexuelle Nötigung vor, anfangs anonym, später kommen weitere Frauen mit ihrem echten Namen dazu, manche davon sind frühere Tor-Kolleginnen von Appelbaum.
RISK: ab 2. November im Kinok St.Gallen kinok.ch
Poitras nimmt den Faden auf. Sie sagt es nicht selber, sondern lässt zwei Frauen an der Hackerkonferenz HOPE reden: «Es gibt einen gewissen Krankheitsgrad in der Gemeinschaft, der diese Dinge zulässt. Wir decken immer noch auf und versuchen den Sinn von dem zu verstehen, was passiert ist. Wie konnte es fortbestehen? Was waren die Mechanismen, von denen es vertuscht, versteckt und ermöglicht wurde?», fragt eine – und eine andere hält fest: «Ich bin Programmiererin und alles, was ich will, ist, zu radikalen Projekten beizutragen. Aber ich wusste, ich würde nie mit Tor arbeiten. Wegen Jacob Appelbaum. Ich wurde nie direkt von ihm angegriffen, aber ich kenne einfach so viele Geschichten…»
Appelbaum bestreitet alles. Ob an den Vorwürfen ihrer Meinung nach etwas dran ist, beantwortet Poitras nicht, aber sie lässt durchblicken, dass Appelbaum besorgt war, dass er im Film schlecht wegkommen würde. Es ist die wohl persönlichste Szene, denn Poitras «gesteht», dass auch sie kurz mit ihm zusammen war anno 2014. «Nachdem ich Schluss machte, wurde er ausfällig zu jemandem, der mir nahe stand», sagt sie – und dass Appelbaum im Film keine Stellung beziehen wollte, weil er sich wünschte, «dass der Film anders endet». Ihre Antwort: «So do I.»
Wie viel ist man bereit zu riskieren?
RISK zeigt, dass nicht nur Hollywood oder die Musikindustrie ein strukturelles Problem mit Sex und Gewalt haben. Dass Poitras das in dieser persönlichen Weise thematisiert, ist eine der grossen Leistungen ihres Films. Die andere ist die Unmittelbarkeit, das beiläufige Entzaubern. Wo bei Citizenfour eher der Plot im Vordergrund stand, ist es in RISK nun die Person Assange, die sich Minute für Minute entpuppt. Aus dem besessenen Gerechtigkeitskämpfer wird ein egozentrischer Fuchs, wird jemand, der sich zu asiatischen Aerobic-Videos von Freunden die Haare schneiden lässt und zwei Schnitte später in herrischem Ton seine engste Vertraute Statements vorlesen und wiederholen lässt.
Poitras wäre aber nicht Poitras, wenn sie nicht noch weitere Themen anschneiden würde, darunter die Frage, ob WikiLeaks für den Ausgang der US-Wahlen mitverantwortlich ist, dessen Showdown Assange so trefflich vorhergesagt hat. Oder die Frage, ob Whistleblower-Dokumente nicht doch von einer unabhängigen Instanz geprüft werden sollten, bevor sie veröffentlicht werden – analog zum Fall Snowden, mit dem sie sich parallel zu den RISK-Dreharbeiten beschäftigt, dies gegenüber Assange aber verschweigt, was ihm natürlich ganz und gar nicht passt.
Nicht zuletzt geht es auch um die namensgebende grosse Frage, wie viel man zu riskieren bereit ist für seine Prinzipien. Dazu könnte sicher auch Laura Poitras vieles sagen, schliesslich steht sie aufgrund ihrer Arbeiten selbst unter permantenter Überwachung.
Dieser Beitrag erschien im Novemberheft von Saiten.
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