Schiiwerfer dauert 31 Minuten und ist kein Album, das man sich vor dem Ausgang anhören sollte. Es könnte nämlich passieren, dass man nach dem dritten Schnaps plötzlich die unbändige Lust verspürt, rabaukend durch die Stadt zu ziehen und irgendwas anzuzünden. Die erstbeste Überwachungskamera, den Zürcher Prime Tower, eine der internationalen Ladenketten, die dem Kleingewerbe den Platz und den Angestellten die Würde wegnehmen, das Bundesamt für Migration oder in St.Gallen: den Bus nach Mörschwil.
Kann passieren. Man sitzt da mit Kollegen, leicht angesäuselt, diskutiert über Trump und die Welt, raucht zwischendurch eine und fragt sich irgendwann: Where is my mind? Dann ist man in der perfekten Laune, um Dampf abzulassen und eines der vielen Symbole abzufackeln, die für unseren dreckigen Reichtum stehen. Schliesslich sind es existenzielle Fragen: Was bringen uns all die zwangsbefriedeten, töteligen Innenstädte, die Unternehmenssteuergeschenke, der politisch gewollte Ausschluss, die Bereicherung und der Profit auf Kosten anderer?
«Was isch scho en Banküberfall gäg d’Gründig vonnere Bank»
Darum geht es auf Schiiwerfer. Um steigende Mieten, um den Ausverkauf des öffentlichen Raums, um flächendeckende Überwachung, soziale Ungleichheit, geifernde Grosskonzerne und «Schrankfaschisten» – bassuntermalte Gesellschaftskritik, zusammengefasst mit Sätzen wie Pflastersteinen. Solchen wie diesen (an Bert Brecht geschulten): «Innere Welt vo Diebe isch Dummheit di einzig Sünd. Was isch scho en Banküberfall gäg d’Gründig vonnere Bank.»
Oder hier: «Um üs ume sammled Chastewägä Mensche i ohni Papier, und sammled und mir liged im Gebüsch. Über ois Schiiwerfer. Aber wenn mer scho liit, wie söll me sich no hiwörfe. Me fühlt sich sicher i denä Chreise, bi ois im Quartier hät jedä sini eige Polizeistreife. Me sind nüme zwänzgi. Lueg d’Ziit, döt rennt si. Aber alles wird eifacher nochem erste Nasebruch, nochem zweite unerfreuliche Huusbsuech.»
Göldin & Bit-Tuner live:
27. Januar, Kraftfeld Winterthur, kraftfeld.ch
3. Februar, Palace St.Gallen, mit Überraschungsgästen, palace.sg
Göldins Texte schüren die ohnehin schon vorhandene Wut. Auch jene über die eigene Hilflosigkeit. Aber keine Sorge, das einzige, was bisher angezündet wurde beim Trinken, sind beruhigende Sportzigaretten – und zum Glück gibt es noch Gleichgesinnte. Neben einem Menschen einzuschlafen fühlt sich in der Regel halt doch besser an als neben dem Aschenbecher aufzuwachen. Auch davon handelt das Album. Und von weiteren Bewältigungsstrategien aka Pillen und Pülverchen: «Bin ich das oder isch das dä Himmel, wo pink isch. Bin ich das oder isch das d’Welt, wo versinkt. 99 Problem, alli gange mit 1 Valium. Kompletti Begradigung, permanents Stadium. Ufem Taxi Rücksitz, z’spot zum Umtrülle. Im Spiegel nur zwei blassi Gsichter hinter Sunnebrille. Ufem Spiegel all die Möglichkeite is Wunderland. Mir, wo immer meh bruched gäg die, wo im Meer versufed.»
Pointierte Beobachtungen
Bei all der geballten Kritik ist Schiiwerfer aber kein Protestalbum. Jedenfalls kein klassisches. Göldin ruft nicht dazu auf, Sachen abzufackeln, wie eingangs geliebäugelt. Seine Texte sind auch nicht apokalyptisch-aggressiv, sondern ein Sammelsurium pointierter Beobachtungen, die zwar meist trocken und abgeklärt daherkommen, aber ohne diesen lästigen Zynismus, der die Leute dauernd befällt heutzutage. Man kann geteilter Meinung sein über Göldins Künste, aber bei diesem Album verzeiht man ihm, dass er rappt. Unbehaglichkeit war selten so «on point». Und zusammen mit den Bit-Tuner-Beats ergibt das eine erfreulich zeitgenössische Mischung.
«Wir wollten ein Gefühl vermitteln, keine Aussage», sagt Göldin. «Das Album dreht sich um eine Welt, die immer seltsamer wird. Lösungen gibt es darauf nicht.» Alles in allem hat die Arbeit an Schiiwerfer etwa ein Jahr gedauert. Göldin (Daniel Ryser) und Bit-Tuner (Marcel Gschwend) sind aber nicht eines schönen Tages hingesessen und haben beschlossen, dass es wiedermal Zeit wäre für eine Kollaboration. «Wir wollten uns nicht wiederholen, sondern auf den richtigen Moment warten», erklärt Göldin. «Schiiwerfer ist eigenständig, das hat uns überzeugt.»
Die schneeweisse Welt der Multis
Eigenständig ist auch das Artwork zum Album. Es kommt von Bitnik (Carmen Weisskopf und Domagoj Smoljo) und ist viel mehr als die blosse Verpackung der neun Tracks auf Schiiwerfer. Die rudimentär interaktive Plattform wwwwwwwwwwwwwwwwwwwwww.bitnik.org/schiiwerfer/, wo das Album auch kostenlos heruntergeladen werden kann, ist ein Ort mit fast schon therapeutischem Wert. Jeder Track spielt in einem eigenen Level, das mit der Maus erforscht werden kann. Da gibt es zum Beispiel die schneeweisse Welt der Multis wie Starbucks, Burger King oder Heineken zu entdecken (It Was All A Dream), ein «Hot or Not»-Tool (Violettt) und wer will, kann sich den Kopf von Zürich noch ganz verdrehen lassen (Schiiwerfer).
Das tollste Level – und wohl auch das präventivste, um nochmal zurückzukommen auf die Abfacklungs-Fantasien – ist aber der Egoshooter mit Hamster im Grossraumbüro zu Dynamite. Fünf Minuten in diesem Land und die Pyros können warten. Vorläufig.
Dieser Beitrag erschien im Januarheft von Saiten.
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