Kategorie
Autor:innen
Jahr

Sätze wie Pflastersteine

Das neuste Album von Göldin und Bit-Tuner hat es in sich: gesellschaftskritisch, basstechnisch und visuell. Heute spielen sie in St.Gallen.
Von  Corinne Riedener
Bild: Schreenshot bitnik.org

Schiiwerfer dauert 31 Minuten und ist kein Album, das man sich vor dem Ausgang anhören sollte. Es könnte nämlich passieren, dass man nach dem dritten Schnaps plötzlich die unbändige Lust verspürt, rabaukend durch die Stadt zu ziehen und irgendwas anzuzünden. Die erstbeste Überwachungskamera, den Zürcher Prime Tower, eine der internationalen Ladenketten, die dem Kleingewerbe den Platz und den Angestellten die Würde wegnehmen, das Bundesamt für Migration oder in St.Gallen: den Bus nach Mörschwil.

Kann passieren. Man sitzt da mit Kollegen, leicht angesäuselt, diskutiert über Trump und die Welt, raucht zwischendurch eine und fragt sich irgendwann: Where is my mind? Dann ist man in der perfekten Laune, um Dampf abzulassen und eines der vielen Symbole abzufackeln, die für unseren dreckigen Reichtum stehen. Schliesslich sind es existenzielle Fragen: Was bringen uns all die zwangsbefriedeten, töteligen Innenstädte, die Unternehmenssteuergeschenke, der politisch gewollte Ausschluss, die Bereicherung und der Profit auf Kosten anderer?

«Was isch scho en Banküberfall gäg d’Gründig vonnere Bank»

Darum geht es auf Schiiwerfer. Um steigende Mieten, um den Ausverkauf des öffentlichen Raums, um flächendeckende Überwachung, soziale Ungleichheit, geifernde Grosskonzerne und «Schrankfaschisten» – bassuntermalte Gesellschaftskritik, zusammengefasst mit Sätzen wie Pflastersteinen. Solchen wie diesen (an Bert Brecht geschulten): «Innere Welt vo Diebe isch Dummheit di einzig Sünd. Was isch scho en Banküberfall gäg d’Gründig vonnere Bank.»

Oder hier: «Um üs ume sammled Chastewägä Mensche i ohni Papier, und sammled und mir liged im Gebüsch. Über ois Schiiwerfer. Aber wenn mer scho liit, wie söll me sich no hiwörfe. Me fühlt sich sicher i denä Chreise, bi ois im Quartier hät jedä sini eige Polizeistreife. Me sind nüme zwänzgi. Lueg d’Ziit, döt rennt si. Aber alles wird eifacher nochem erste Nasebruch, nochem zweite unerfreuliche Huusbsuech.»

Göldin & Bit-Tuner live:

27. Januar, Kraftfeld Winterthur, kraftfeld.ch

3. Februar, Palace St.Gallen, mit Überraschungsgästen, palace.sg

Göldins Texte schüren die ohnehin schon vorhandene Wut. Auch jene über die eigene Hilflosigkeit. Aber keine Sorge, das einzige, was bisher angezündet wurde beim Trinken, sind beruhigende Sportzigaretten – und zum Glück gibt es noch Gleichgesinnte. Neben einem Menschen einzuschlafen fühlt sich in der Regel halt doch besser an als neben dem Aschenbecher aufzuwachen. Auch davon handelt das Album. Und von weiteren Bewältigungsstrategien aka Pillen und Pülverchen: «Bin ich das oder isch das dä Himmel, wo pink isch. Bin ich das oder isch das d’Welt, wo versinkt. 99 Problem, alli gange mit 1 Valium. Kompletti Begradigung, permanents Stadium. Ufem Taxi Rücksitz, z’spot zum Umtrülle. Im Spiegel nur zwei blassi Gsichter hinter Sunnebrille. Ufem Spiegel all die Möglichkeite is Wunderland. Mir, wo immer meh bruched gäg die, wo im Meer versufed.»

Pointierte Beobachtungen

Bei all der geballten Kritik ist Schiiwerfer aber kein Protestalbum. Jedenfalls kein klassisches. Göldin ruft nicht dazu auf, Sachen abzufackeln, wie eingangs geliebäugelt. Seine Texte sind auch nicht apokalyptisch-aggressiv, sondern ein Sammelsurium pointierter Beobachtungen, die zwar meist trocken und abgeklärt daherkommen, aber ohne diesen lästigen Zynismus, der die Leute dauernd befällt heutzutage. Man kann geteilter Meinung sein über Göldins Künste, aber bei diesem Album verzeiht man ihm, dass er rappt. Unbehaglichkeit war selten so «on point». Und zusammen mit den Bit-Tuner-Beats ergibt das eine erfreulich zeitgenössische Mischung.

«Wir wollten ein Gefühl vermitteln, keine Aussage», sagt Göldin. «Das Album dreht sich um eine Welt, die immer seltsamer wird. Lösungen gibt es darauf nicht.» Alles in allem hat die Arbeit an Schiiwerfer etwa ein Jahr gedauert. Göldin (Daniel Ryser) und Bit-Tuner (Marcel Gschwend) sind aber nicht eines schönen Tages hingesessen und haben beschlossen, dass es wiedermal Zeit wäre für eine Kollaboration. «Wir wollten uns nicht wiederholen, sondern auf den richtigen Moment warten», erklärt Göldin. «Schiiwerfer ist eigenständig, das hat uns überzeugt.»

Die schneeweisse Welt der Multis

Eigenständig ist auch das Artwork zum Album. Es kommt von Bitnik (Carmen Weisskopf und Domagoj Smoljo) und ist viel mehr als die blosse Verpackung der neun Tracks auf Schiiwerfer. Die rudimentär interaktive Plattform wwwwwwwwwwwwwwwwwwwwww.bitnik.org/schiiwerfer/, wo das Album auch kostenlos heruntergeladen werden kann, ist ein Ort mit fast schon therapeutischem Wert. Jeder Track spielt in einem eigenen Level, das mit der Maus erforscht werden kann. Da gibt es zum Beispiel die schneeweisse Welt der Multis wie Starbucks, Burger King oder Heineken zu entdecken (It Was All A Dream), ein «Hot or Not»-Tool (Violettt) und wer will, kann sich den Kopf von Zürich noch ganz verdrehen lassen (Schiiwerfer).

Das tollste Level – und wohl auch das präventivste, um nochmal zurückzukommen auf die Abfacklungs-Fantasien – ist aber der Egoshooter mit Hamster im Grossraumbüro zu Dynamite. Fünf Minuten in diesem Land und die Pyros können warten. Vorläufig.

Dieser Beitrag erschien im Januarheft von Saiten.

Jetzt mitreden:
Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Dein Kommentar wird vor dem Publizieren von der Redaktion geprüft.

Ben­fi­ca vs FC St.Gal­len – Schafft der FCSG das Un­mög­li­che?

Nach dem sen­sa­tio­nel­len Hin­spiel-Er­folg ge­gen Ben­fi­ca kann der FCSG im Aus­wärts­spiel das für un­mög­lich Ge­hal­te­ne wahr wer­den las­sen. Ob das ge­lingt? SENF ti­ckert ab 21 Uhr Schwei­zer Zeit live aus Lis­sa­bon.

Von  SENF Kollektiv
Senf

Bild­ge­wal­ti­ges Epos mit nach­hal­ti­gem Sei­ten­ef­fekt

No­ti­zen zu Chris­to­pher Nolans The Odys­sey

Von  Florian Vetsch
Odysseus und Athene

Vie­le For­mu­la­re, zwei Ge­sprä­che und ei­ne Power­point-Prä­sen­ta­ti­on

An­ja Braun leb­te be­reits 18 Jah­re in der Schweiz, als sie sich ge­mein­sam mit ih­rer Fa­mi­lie ent­schied, sich ein­zu­bür­gern. Es war ein lo­gi­scher Schritt. Das Ver­fah­ren war es nicht im­mer.

Von  Andi Giger
260722 illustration einbuergerung 2

Neues Buch

Zwi­schen Cha­os und Hoff­nung – La­ra Stolls Gun­ni

Von  Kathrin Reimann
215790

Ein aus­ser­ge­wöhn­li­ches Ge­spür für künst­le­ri­sche Qua­li­tät

Be­reits 1971 er­öff­ne­te Ur­su­la Krin­zin­ger ih­re ers­te Ga­le­rie in Bre­genz. Bis heu­te prägt sie die Kunst­sze­ne weit über die Bo­den­see­re­gi­on hin­aus. Nun be­fasst sich die Bre­gen­zer Som­mer­aus­stel­lung im Pa­lais Thurn und Ta­xis mit der Ga­le­ris­tin.

Von  Sieglinde Wöhrer
Ursula K dez2018 27 A9595

Die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps – Teil 5

Bis zum En­de der Som­mer­fe­ri­en prä­sen­tiert Sai­ten wö­chent­lich Kul­tur­tipps aus der Re­gi­on. Teil 5: Emil Brun­ner – «Berg Kind Welt», Ra­pid Open­air und Kul­tur­ufer. 

Von  Redaktion Saiten
DSC05051 Kopie copy

FC St.Gal­len vs. FC Zü­rich 2:1 – Ers­te drei Punk­te im Tro­cke­nen

Der Spa­gat zwi­schen eu­ro­päi­schen Näch­ten und bie­de­rem Su­per­league All­tag ist oft schwer. So auch heu­te. Ei­ne Leis­tungs­stei­ge­rung und die rich­ti­gen Wech­sel in der zwei­ten Halb­zeit rei­chen aber für die ers­ten drei Punk­te der Sai­son. 

Von  SENF Kollektiv
Senf

Bren­nen­de Wa­den und leuch­ten­de Kat­zen

In leich­ten Pas­tell­tö­nen und dunk­len Öl­far­ben setzt sich der deut­sche Künst­ler Mar­cel Hüpp­auff mit dem Pro­fi­rad­sport aus­ein­an­der. Da­bei tre­ten in sei­ner Schau im Chambre Di­rec­te-Schubi­ger in St.Gal­len nicht nur Men­schen, son­dern auch Kat­zen in die Pe­da­le.

Von  Vera Zatti
IMG 0330

Ein Wer­den­ber­ger Po­lit­star – lau­fend, stri­ckend, stets ge­er­det

Mit Hil­de­gard Fäss­ler (1951–2026) ver­starb kurz vor ih­rem 75. Ge­burts­tag ei­ne der pro­fi­lier­tes­ten Ost­schwei­zer Po­li­ti­ke­rin­nen an den Fol­gen ei­ner schwe­ren Er­kran­kung. Nach­ruf ei­ner lang­jäh­ri­gen Weg­ge­fähr­tin.

Von  Käthi Gut
P8262285

Wo Kunst ent­steht

Ver­steckt im Sit­ter­tal pro­du­ziert die Kunst­gies­se­rei Wer­ke re­nom­mier­ter Künst­ler:in­nen. Da­bei gilt es oft, Neu­es aus­zu­pro­bie­ren und Lö­sun­gen zu fin­den – mit Zu­cker, Wachs und na­tür­lich Me­tall. Sai­ten er­hält ei­nen Ein­blick in das ver­rück­te Schaf­fen am Ran­de St.Gal­lens.

Von  Daria Frick , Bilder:  Andri Vöhringer
260708 Sitterwerk Andri Voehringer 11

FC St.Gal­len vs. Ben­fi­ca 2:1 – St.Gal­len schafft die Sen­sa­ti­on!

Der FC St.Gal­len ge­winnt ge­gen den haus­ho­hen Fa­vo­ri­ten aus Lis­sa­bon mit 2:1. Die gröss­te Sen­sa­ti­on, die die­ses Sta­di­on je ge­se­hen hat. Das Spiel zum Nach­le­sen im SENF-Ti­cker.

Von  SENF Kollektiv
Senf

Die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps – Teil 4

Bis zum En­de der Som­mer­fe­ri­en prä­sen­tiert Sai­ten wö­chent­lich Kul­tur­tipps aus der Re­gi­on. Teil 4: Cy­prien Gail­lard – «When you ex­pect flu­tes, it whist­les», «Komm Glüückck» und Je­re­my Reeds Buch Du stirbst nur zwei­mal – Ein Syl­via Plath-/Vic­to­ria Lu­cas-Ro­man.

Von  Redaktion Saiten
260708 Sommertipps Emma Kunzs grotte copy

Kolumne: Heppelers Bestiarium

Flip­per im Mi­li­tär­dienst

Von  Jeremias Heppeler

Bad­hüt­te Ror­schach: Re­kon­struk­ti­on bis zum Tür­schar­nier

Die Bau­plä­ne sind ge­zeich­net, das Bau­ge­such liegt zur Vor­prü­fung bei der Stadt – doch noch ist ei­ni­ges rund um den Wie­der­auf­bau der Ror­scha­cher Bad­hüt­te zu klä­ren. Was pas­siert zum Bei­spiel mit all den an­ge­ros­te­ten und teils ver­bo­ge­nen Schar­nie­ren, Schlös­sern und an­de­ren Ei­sen­tei­len, die die Tau­cher aus dem See her­auf­ge­bracht ha­ben?

Von  René Hornung
Badhuette rorschach

«Sie wis­sen, dass ih­nen Ge­fäng­nis oder der Tod droht, wenn sie an Pro­tes­ten teil­neh­men. Und sie tun es trotz­dem.»

Moh­sen Ma­sou­di ist 2022 aus dem Iran in die Schweiz ge­flo­hen. Heu­te lebt er in Stein AR und ist Teil der Exil-Op­po­si­ti­on. Er er­zählt, war­um es die Schlies­sung der ira­ni­schen Bot­schaft braucht und was sich mit den Pro­tes­ten An­fang Jahr ver­än­dert hat.

Von  Matthias Fässler , Bilder:  Sara Spirig
260708 Redeplatz Mohsen Masoudi

Ein Pi­ra­ten­schiff am Bo­den­see­ufer

Das See-Burg­thea­ter macht aus sei­ner Pi­ra­tin­nen­ge­schich­te Die Le­gen­de von An­ne Bon­ny ein akro­ba­ti­sches Spek­ta­kel vom Feins­ten. Bei al­ler Som­mer­thea­ter-Leich­tig­keit hät­te man aber doch ein biss­chen mehr Eman­zi­pa­ti­ons­ge­schich­te er­war­tet.  

Von  Maria Schorpp
Piratencrew Bildnachweis Ilja Mess

Ei­ne ein­ma­li­ge Ge­burts­tags­par­ty

Zu sei­nem 20. Ge­burts­tag hat das Kul­tur­fes­ti­val am Wo­chen­en­de Bands aus St.Gal­len und der Re­gi­on zu ei­nem zwei­tä­gi­gen Kon­zert­fest ein­ge­la­den. Die­ses war so viel­fäl­tig wie ge­lun­gen – auch we­gen der Idee, Co­vers aus der Grün­dungs­zeit des Fes­ti­vals in die Sets ein­zu­bau­en. 

Von  David Gadze
Kulturfestival 20 Jahre Jubilaeum 2026 Kasimir Hoehener

Bregenzer Festspiele

Mehr als die See­büh­ne: Ent­de­ckun­gen an den Bre­gen­zer Fest­spie­len

Von  Nathalie Grand
Pressetag broucek anjakoehler 260236

Die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps – Teil 3

Bis zum En­de der Som­mer­fe­ri­en prä­sen­tiert Sai­ten wö­chent­lich Kul­tur­tipps aus der Re­gi­on. Teil 3: «Was der Kai­ser noch sah», Olaf Breu­ning – «Hu­mans» und Oria­na Bruseghi­ni  – Das ver­las­se­ne Ret­tungs­boot. 

Von  Redaktion Saiten
260708 Sommertipps Colazione Sull Erba Pfister Noemi copy

Von Mo­de und Kör­pern

Wie setzt Fo­to­gra­fie Mo­de in Sze­ne? Und wer fo­to­gra­fiert da­bei ei­gent­lich wen? Das Tex­til­mu­se­um St.Gal­len gibt mit «Mi­se en Scè­ne» Ein­bli­cke in 120 Jah­re Mo­de­ge­schich­te. Es ist die letz­te Schau vor dem Mu­se­umsum­bau. 

Von  Vera Zatti
TMF 22 4 1 V