, 27. Februar 2019
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Die Villa als Literaturhaus?

Die Villa Wiesental, langjähriges St.Galler Streitobjekt, soll renoviert werden. Eine Initiativgruppe schlägt vor, sie als Literaturhaus zu nutzen. Dahinter steht auch die ungewisse Zukunft der Frauenbibliothek Wyborada. Die «Kulturvilla» hat eine Vorgeschichte – und Vorbilder.

Die Villa Wiesental an der Rosenbergstrasse. (Bild: Archiv)

Es tönt verlockend. Auf der einen Seite ist da eine stattliche Villa, zwar bedrängt vom Strassenverkehr, aber im übrigen ideal gelegen unmittelbar neben der Lokremise und mit einem Investor, der sie renovieren will. Und auf der anderen Seite die Kulturstadt St.Gallen und ihre notorischen Raumbedürfnisse… Das könnte ja zusammenpassen.

Viele Anläufe für eine Kulturvilla

Die Villa Wiesental, 1878 an damals bester Lage am westlichen Rand der Stadt erbaut, steht bekanntlich seit Jahren leer und ist äusserlich am Verlottern. Nach den neusten Plänen der Noch-Besitzerin HRS Real Estate AG soll sie nicht abgerissen, sondern saniert werden. Das wurde letzte Woche bekannt, hier der Bericht. Kostenpunkt: rund fünf Millionen Franken. Entstehen könnten repräsentative Büroräumlichkeiten, zu mieten für 15’000 Franken monatlich.

Oder doch ein Haus der Kultur? Die Idee ist nicht neu. Ein erstes Mal hatten jugendliche Aktivisten die Villa 2005 besetzt und als städtischen «Freiraum eingefordert – die damalige Besitzerin, der Säntis-Milchverband, liess sie rasch polizeilich räumen. Einige Jahre später formierte sich eine Gruppe, die die Villa zu einem Kulturhaus samt Restaurant umwandeln wollte, aber bei der Anlagestiftung Swisscanto, der die Liegenschaft inzwischen gehörte, abblitzte. Auch Ideen für ein «Kulturkonsulat» (eine Anspielung auf den Erbauer, Konsul Konrad Menet-Tanner) machten die Runde.

Eine eigenwillige Nutzung propagierte Martin Amstutz, der Betreiber des Museums Point Jaune im Linsebühlquartier: In seiner Publikation, dem Wochenblatt N° 554 vom 1. Oktober 2008 berichtete er über die angeblichen Bestrebungen, die Villa zum Sitz seines Instituts für Angewandte ‘Pataphysik zu machen. «Die Villa Wiesenthal an der Rosenbergstrasse 95 ist ideal», zitierte das Wochenblatt eine Stellungnahme der fiktiven Fachstelle letztinstanzliche Baubewilligungen der Stadt St.Gyllen. «Der geschichtlich und künstlerisch wertvolle Bau stammt aus der Zeit, in welcher sich die ‘Pataphysik aufmachte, in Worte gefasst zu werden. Die Villa ist der französischen Renaissance nachempfunden, reich ausgestattet, von hoher Eleganz und bewegt sich damit auf oberstem internationalem Parkett.» Den «Interessen der Stadt als Bildungszentrum» käme eine solche Nutzung entgegen.

Auch daraus wurde nichts; es folgte der Architekturwettbewerb 2012 mit dem Siegerprojekt «Stadtkrone», das einen Abbruch der Villa vorsah. Der Verein «Rettet die Villa Wiesental» von Gallus Hufenus mobilisierte 5000 Unterschriften gegen den Abbruch, die Stadt zog die Notbremse. Einen weiteren originellen Diskussionsbeitrag lieferten 2014 die Kunstschaffenden Josef Felix Müller und Jiajia Zhang: Die Villa sollte auf das Dach eines hohen Neubaus an gleicher Stelle aufgepfropft und so wieder «zu einem bedeutungsvollen Bauwerk aufgewertet werden, ganz im Sinne der kosmopolitisch handelnden Bauherrschaft von 1878».

Das neuste Projekt schlägt nun also die Renovation des Gebäudes vor und ein höheres Bürogebäude daneben. Investorin ist jetzt die Pensionskasse der Stadt St.Gallen, Villa-Renovation und Neubau sollen zusammen rund 28 Millionen Franken kosten.

Das Projekt von Roger Boltshauser: vorn die renovierte Villa, dahinter das neue Bürogebäude. (Bild: pd)

Dies ist die eine Seite. Auf der anderen Seite gibt es die Kulturstadt und ihre Raumbedürfnisse. Aktiv geworden ist jetzt, wenige Tage nach Bekanntwerden des neuen Projekts, eine Gruppe, die eine Nutzung der Villa als Literaturhaus vorschlägt. Hier der Bericht im «St.Galler Tagblatt».

Ein «Literaturhaus Wyborada»?

Es gebe zwei hauptsächliche Auslöser für die Idee, sagt Sandra Meier, Leiterin des Kinok und eine der zehn Frauen der Initiativgruppe, auf Anfrage von Saiten. Ein Literaturhaus für St.Gallen spuke zum einen schon lange in den Köpfen herum. Der «Buchstadt» St.Gallen, wie sie sich gerne nennt, als Metropole einer ganzen Region fehle ein solches «attraktives Zentrum des Lesens und Schreibens». In den letzten zwei Jahrzehnten sind Literaturhäuser in Basel, Zürich, Lenzburg, Gottlieben und Stans entstanden. Am ersten Forum zum neuen städtischen Kulturkonzept letzten Herbst figurierte ein Literaturhaus ebenfalls auf der Wunschliste.

Zweiter Auslöser ist die ungewisse Zukunft der Frauenbibliothek Wyborada. An einer ausserordentlichen HV im September 2018 stand zur Diskussion, die gesamten Medienbestände per sofort in die Kantonsbibliothek Vadiana zu integrieren. Die Initiativgruppe um Sandra Meier und Marina Widmer wehrte sich dagegen erfolgreich, mit der Verpflichtung, bis zur HV ein konkretes Projekt vorzulegen. Über die Zukunft der Bibliothek müsse intensiver nachgedacht werden; «die Idee Wyborada muss sichtbar bleiben», sie dürfe nicht in den Beständen der Vadiana quasi verschwinden, sagt Sandra Meier.

«Feminismus ist wieder zentral»

Und die Kritik, dass eine spezialisierte Frauenbibliothek heute nicht mehr zeitgemäss sei? «Feminismus ist wieder ein zentrales Thema, ganz viele junge Frauen sind daran interessiert, die Voraussetzungen für die Bibliothek sind besser als noch vor ein paar Jahren.» Deshalb wäre der Zeitpunkt für eine Schliessung der Institution, die vor zwei Jahren ihr 30-Jahr-Jubiläum gefeiert hat, gerade jetzt fatal.

Geht es nach den Ideen der Initiativgruppe, soll die Wyborada neues Leben erhalten und weiterentwickelt werden – dies erstmal unabhängig von einem künftigen Standort. Ein  «Literaturhaus Wyborada» könnte mit Lesezimmer, Saal, Café und Ateliers als spartenübergreifendes Werkhaus funktionieren, heisst es in einem Konzeptpapier der Gruppe. Ein solches Haus soll mehr als ein Veranstaltungsraum werden, präzisiert Sandra Meier: ein Ort der Produktion und Reflexion, des Schreibens und Lesens und der Debatten. Aber auch für Kammerkonzerte mit zeitgenössischer Musik und andere kleinere Formate könnte es Platz bieten.

Eine «Villa» sei die Idealvorstellung – Wiesental hin oder her, ergänzt Marina Widmer, die Leiterin des Archivs für Frauen-, Geschlechter- und Sozialgeschichte Ostschweiz. Wichtig seien Räume von unterschiedlicher Grösse und Intimität für diverse Formate, von öffentlichen Veranstaltungen bis zu Artist-in-Residence-Angeboten. Ein einzelner Veranstaltungssaal wäre dafür nicht geeignet. Als Vorbild wird unter anderem die Villa Sträuli in Winterthur genannt, wo es Artist-in-Residence-Angebote und Veranstaltungen gibt, getragen von einer Stiftung.

Die Villa Sträuli in Winterthur. (Bild: Villa Sträuli)

Das Konzept der Initiativgruppe liegt vor – behandeln wird es die HV des Vereins Wyborada vom 13. März, an der die Zukunftsfrage auf der Traktandenliste steht.

«Wenn schon, dann müssen wir gross denken»

Und die Kosten? «Wenn schon, dann müssen wir gross denken», sagen Meier und Widmer unisono. Dies gehe dann, wenn sich breite Kreise von der Idee «anstecken» liessen und man sie breit abstützen könne. Dazu würde gehören, Kanton und Stadt St.Gallen und beide Appenzell ins Boot zu holen. «Die Lage und die kulturelle Nachbarschaft der Villa Wiesental wären perfekt. Und die Lokremise ist der beste Beweis dafür, dass es sich lohnt, in grosszügigen Dimensionen zu denken. Die Buchstadt braucht eine solche Setzung wie das Literaturhaus», sagt Sandra Meier.

«Miete und Betrieb der Villa Wiesental zu finanzieren ist nicht unmöglich – wenn der Wille der Öffentlichkeit dafür da ist», bekräftigt Marina Widmer. Ob in der Villa oder in einer anderen Liegenschaft gelte: Kultur kostet. Eine solche Institution könne nicht gratis betrieben werden. «Stadt und Kanton leisten sich ein Theater – warum nicht auch ein Literaturhaus?» Ein Literaturhaus sei ein Projekt für die ganze Ostschweiz.

Grundsatzdiskussion gewünscht

Dem pflichtet auch Eva Bachmann bei, Literaturvermittlerin und -kritikerin. Der Vorzug der Initiativgruppe, der sie selber ebenfalls angehört: Sie vertrete viele Richtungen, nicht nur mit Personen aus der engeren Literaturszene, sondern auch aus dem migrantischen Umfeld, aus der Erwachsenenbildung, aus Film und Bildender Kunst. Das künftige Haus des Worts müsste offen sein für alle, wenn auch der Fokus auf frauenspezifische Themen erhalten bleiben soll.

Unabhängig von der Villa oder einem anderen Standort hofft Eva Bachmann auf eine inhaltliche Diskussion in der Öffentlichkeit: Welche Lücken kann und soll ein Literaturhaus in St.Gallen füllen? Was kann es leisten, was soll die Ausrichtung sein, wer soll das Projekt finanziell tragen? Und wie steht es überhaupt um die Ostschweizer Literaturszene?

Das Konzept der Initiativgruppe denkt das Literaturhaus jedenfalls schon mal weit: als Bibliothek und Arbeitsstätte, als Ort zum Lesen und Schreiben, für Debatten und Diskurse, für Austausch, Wissensvermittlung, Begegnung. Kurzum: als einen «gastlichen Ort».

 

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