In neuem Licht – mit neuen Schatten
Seit dem Stellenantritt von Direktor Peter Fux vor vier Jahren arbeitet das Kulturmuseum St.Gallen an seiner Neuausrichtung. Es verzeichnet erste Erfolge, lässt aber auch Fragen offen – etwa bei der Aufarbeitung des kolonialen Erbes und bei der Personalpolitik.
Das Künstlerinnenduo KAPPENTHULER / FEDERER hat für diesen Schwerpunkt das Kulturmuseum St.Gallen von aussen mit ihren selbstgebauten Camerae obscurae durchleuchtet.
Es gibt sie durchaus, die luftig-lustigen Momente in der neuen Ausstellung «Raum – Zeit – Geist» im Kulturmuseum St.Gallen. Im düster gehaltenen, edel gestalteten Raum sticht das Klemmbaustein-Modell eines Tesla-Cyber-Trucks heraus, mutmasslich stabiler verklebt als die Verschalung seines realen Vorbilds, hübsch vollgesprüht mit Graffitis und Tags und der Aufschrift auf der Frontscheibe: «Fuck Elon!»
Es bleibt einer der wenigen frechen Momente in einer sonst eher kopflastigen und in Assoziationstiefen führenden Objektschau. Das «Tagblatt» beschrieb sie als «Denkraum». Und zu denken gibt sie einem definitiv. Einerseits da und dort in anregender und vom Direktorium auch so gewünschten Weise. Andererseits darf man diskutieren, ob eine Ausstellung, die beim Publikum eher mehr Fragen aufwirft als mögliche Antworten liefert, in diesem Museum am richtigen Ort ist. Nach der kunsthistorisch geprägten Ära unter Daniel Studer ist der neue Direktor und promovierte Südamerika-Archäologe Peter Fux 2021 auch mit dem Anspruch angetreten, die drei im Haus vertretenen Sparten Archäologie, Ethnologie und Geschichte wieder mehr in den Fokus zu rücken. Bei der neuen Sonderschau ist das wenig gelungen.
«Die Ausstellung ist durchaus auch als Experiment zu verstehen», sagt Peter Fux im Gespräch mit Saiten. «Und mir scheint in der heutigen Zeit, in der das Rationale, das Zählbare dominiert, entscheidend, dass auch der Wert der geistigen Arbeit und der Kultur- und Geisteswissenschaften wieder vermehrt betont wird.» Er verfolgt dabei den Ansatz einer «philosophischen Anthropologie» und versteht darunter «das Studium des Menschen in all seinen Wirkungsfeldern».
«Raum – Zeit – Geist» ist damit auch als programmatische Sonderausstellung zu betrachten. Im Kern soll es hierbei um die Frage gehen, wie sich der «Mensch als symbolisch denkendes Wesen» seine Welt formt, immer wieder tauchen – wie auch im neuen Museumslogo – Kreis und Quadrat auf, ausserdem die Kugel als vollkommene Form. Die geistige Flughöhe ist damit abgesteckt.
Der Tesla-Truck steht in der Ecke, in der Chancen und Risiken von künstlicher Intelligenz sowie Fragen von Verantwortung, Versöhnung und Mensch-Maschinen-Beziehungen verhandelt werden. Gleich daneben in einer Wand hängt der Siphon, der schon auf dem Ausstellungsflyer durchs Weltall düst und dessen Erfindung laut Fux das digitale Zeitalter einläutete. Die Herleitung dieser einigermassen steilen These funktioniert ungefähr so: Der naturnahe Mensch lebt in runden Zelten, durch die Kreisform ergeben sich automatisch Zwischenräume, Niemandsland. In der Stadt hingegen ist kein Platz für Niemandsland, hier dominieren Rechteck und Quadrat, die Stadt erfordert Klarheit, «deins» und «meins». Der Siphon symbolisiert die Rückzugsmöglichkeit ins «Private», in die eigenen vier Wände (Quadrat!), «deins» und «meins», Eindeutigkeit, 0 und 1, Binärcode, Digitalität.
Und so geht es in der Ausstellung weiter. Natürlich kommt auch Fux’ Faible für Dichtkunst der Romantik und Uhrenbau der Renaissance zum Tragen. Ältere und neuere philosophische Menschheitsfragen werden hier aufgeworfen. Geschichten über Herkunft und Nutzung von kulturellen Objekten wie einem Feuerstein, einem Häufchen Ocker, einer Ofenkachel, einer Hausorgel werden damit verwoben und zu einem für philosophische Laien kaum durchdringbaren Amalgam aus Themen und Problemstellungen verstrickt.
Das ist stellenweise originell, man bleibt aber, wenn man wirklich in die Begleittexte eintauchen will, oft einfach ratlos zurück. Phrasen wie «das Sein als Zentrum erzählerischer Schwerkraft» klingen erstmal intellektuell, aber bei näherer Betrachtung auch leer. Die Gedankensprünge innerhalb der Ausstellung sind teils abenteuerlich, die Themenwahl wild zusammengewürfelt. Will hier jemand zum Denken anregen oder eher die eigene Assoziationsfähigkeit über räumliche, zeitliche und disziplinäre Grenzen hinweg präsentieren?
Auf das Zielpublikum des Kulturmuseums angesprochen, sagt Direktor Peter Fux: «Wir wollen ein möglichst breites Publikum ansprechen. Wir haben verschiedene Ausstellungen, manchmal etwas näher an der Wissenschaft, manchmal etwas näher bei der breiten Bevölkerung. Die Vielfalt macht die Stärke des Programms aus. Im Grunde wollen wir alle ansprechen.»
Tatsächlich hat eine gewisse Öffnung stattgefunden. Das Café im Eingangsbereich – mit seiner sehr grossen Kaffeemaschine – scheint auf Anklang zu stossen, die Sitzplätze zum Stadtpark hinaus werden gerne besetzt. Gefühlt halten sich mehr Familien mit Kindern auf dem Vorplatz und auf der Treppe zum Hauptportal auf. Die Ausstellungen werden von einer Vielzahl an Veranstaltungen begleitet, die mal mehr, mal weniger gut besucht sind. Ein Blick in die Besucher:innenstatistik des Museums verrät: Die Zahlen scheinen sich – zuletzt leicht steigend – wieder bei Vor-Corona-Niveau einzupendeln.
2014: 28’7892015: 24’0422016: 33’0742017: 22’6442018: 27’2712019: 37’7222020: 19’8172021: 23’1312022: 27’5662023: 31’4422024: 30’800
Quelle: Online-Jahresberichte der Stiftung Kulturmuseum St.Gallen
Baulich weist das «prächtige Haus», wie es im Hauptsaal betitelt wird, gewisse Mängel auf. Zum Beispiel lassen die starren Vitrinen in einigen Räumen wenig Flexibilität in der Ausstellungsgestaltung zu. Und – das betont der Direktor mit Nachdruck – die Zugänglichkeit für Menschen, die auf einen Rollstuhl angewiesen sind, soll möglichst bald verbessert werden. Da sei man mit der Stadt, der das Gebäude gehört, im Gespräch. «Der aktuelle Zustand ist aus heutiger Sicht nicht mehr vertretbar», so Fux.
Zugänglichkeit ist ihm nicht nur architektonisch ein Anliegen, sondern auch inhaltlich, wie er sagt. Ein Hauptauftrag sei, die Sammlung möglichst vielen Menschen präsentieren und vermitteln zu können. Fux betont im Gespräch mehrfach, dass ihm hierbei die Begleitveranstaltungen und -publikationen ebenso wichtig seien wie Kooperationen mit Schulen und anderen Bildungseinrichtungen einerseits und weiteren Museen oder Gedächtnisinstitutionen andererseits. So wie das beispielsweise aktuell mit der Foto-Gross-Ausstellung der Fall sei. Hier war das Stadtarchiv der Ortsbürgergemeinde federführend.
Inhaltlich wurde dem Publikum mehr St.Galler Stadt- und Kantonsgeschichte versprochen, so war es zumindest von der Museumsstiftung gewünscht und vom neuen Direktor auch angekündigt. Der neu gestaltete Hauptsaal im Obergeschoss ersetzt den einstigen Nordamerikasaal und will in die Geschichte und die neue Ausrichtung des Hauses sowie in die Sammlung der drei Fachbereiche einführen. Zentrales Objekt darin ist das grosse Stadtmodell von Salomon Schlatter (1858–1922), das die Reichsstadt von 1642 dreidimensional abbildet – noch immer eines der populärsten Ausstellungsstücke. Abgesehen davon sucht man in den Begleittexten zu den weiteren Objekten die regional- und lokalgeschichtlichen Bezüge vergeblich. Offenbar soll hier vor allem die Ästhetik der Sammlung betont werden.
Ob das Versprechen von mehr Lokal- und Regionalgeschichte künftig eingehalten wird, bleibt vorerst dahingestellt. Die Foto-Gross-Ausstellung löst es natürlich ein, sie ist aber vor allem der Kooperation mit dem Stadtarchiv zu verdanken. Die «Raum – Zeit – Geist»-Ausstellung, die mit wenigen Ausnahmen ganz eindeutig die Handschrift von Peter Fux trägt, ist in ihrer Botschaft sehr weit davon entfernt.
Auch die Ausstellung im Winter 2023/24 über den lange verkannten Toggenburger Astronomen und Uhrenbauer Jost Bürgi (1552—1632), Fux’ eigentlicher Antrittsausstellung mit Lieblingsthema Renaissance-Uhren, für die man sich sogar Werbefläche am Zürcher Hauptbahnhof leistete, löst das regionalhistorische Versprechen kaum ein und verlor sich ebenfalls in allgemeinen technikgeschichtlichen und humanistisch-philosophischen Erwägungen. Da wäre, trotz dürftiger Quellenlage über Bürgis Lebensabschnitt vor Verlassen seiner Heimat Richtung Prager Königshof, mehr möglich gewesen. Man hätte beispielsweise mehr über die Lichtensteiger Familie Bürgi, ihr soziales Milieu und ihre Bildungsmöglichkeiten im 17. Jahrhundert erfahren wollen. Oder über das astronomische und astrologische Weltbild, das man damals im Toggenburg hatte. Was der Lichtensteiger Historiker Hans Büchler dazu für die Begleitpublikation zusammengetragen hat, kam in der Ausstellung leider zu kurz.
Erste begrüssenswerte Schritte hat Peter Fux in der ethnologischen Abteilung eingeleitet. Den eng mit der Rassenlehre verbundenen Begriff der «Völkerkunde» aus dem Museumsnamen zu tilgen, war ein längst überfälliger, nicht bloss symbolischer Akt. Er ist auch eine Ansage, sich des historischen Erbes, das mit einer breiten ethnologischen Sammlung mit zum Teil kolonialem Hintergrund einhergeht, bewusst und kritisch anzunehmen.
Anden-Archäologe Peter Fux hat als eine seiner ersten Amtshandlungen die Schrumpfköpfe aus dem Amazonasgebiet und die peruanische Hockermumie aus der Dauerausstellung entfernt. Was aber nicht bedeutet, dass er grundsätzlich etwas gegen das Ausstellen sterblicher Überreste von Menschen hätte. Es sei alles eine Frage des Settings.
Fux kann bei diesem Thema erstaunlich emotional werden. Das hat unlängst die Debatte über die ägyptische Mumie Schepenese in der St.Galler Stiftsbibliothek gezeigt. Theatermacher Milo Rau hat die Verleihung des grossen Kulturpreises des Kantons St.Gallen zum Anlass genommen, in einem Pamphlet mit zig Unterzeichnenden und einem performativen Totenzug durch die Altstadt Schepeneses Restitution an Ägypten zu fordern.
Als im Stadt- wie Kantonsparlament politische Vorstösse zum Thema eingereicht wurden, war für Fux der Moment gekommen einzuschreiten. In einer persönlichen Stellungnahme, die er trotzdem in seiner Funktion als Direktor unterzeichnete und auf der Website des Kulturmuseums hochlud, kritisierte er die seiner Ansicht nach «in allen Aspekten verwerfliche populistische Aktion» scharf. Er griff Milo Rau auch persönlich an, indem er ihm «grenzenlose Selbstverliebtheit» vorwarf und ihm unterstellte, mit seiner «schamlosen» Aktion «unserer Kultur ganz grundsätzlich den Kampf» anzusagen. Es gelte dieser «Wokeness-Welle» entschieden entgegenzutreten, schrieb er. Nicht zuletzt sah er sich durch Raus Aktion auch persönlich als Fachperson angegriffen. Das Papier ist immer noch online, obwohl es damals Kritik seitens Personal und auch aus dem Stiftungsrat gab. (Im Januar-Saiten 2023 hat Fux in einem Interview ausführlich Stellung genommen zum Thema.)
Man kann über die Forderung nach dem Sinn und Zweck einer Rückgabe der Mumie diskutieren, über die Art, wie der Priestertochter hier oder dort gedacht wird oder werden sollte, ebenso darüber, ob dieser Totenzug «gutes» Theater war oder nicht. Aber dem Theatermann Theatralik vorzuwerfen, scheint doch auch absurd. Denn ein Ziel hatte Rau erreicht: Eine Debatte wurde angestossen.
Zurecht spricht sich Peter Fux als «Mann der Wissenschaft» gegen eine politische Vereinnahmung der Kolonialismus- und Restitutionsdebatte aus. Doch mit dem pauschalen Vorwurf der «ideologischen Verblendung» und «aktivistischen Hetze» an die Befürworter:innen einer progressiveren Haltung in Restitutionsfragen und mit seinen bisweilen polemischen Ausbrüchen gegen «zeitgeistige Modethemen» schwächt er unnötig auch seine eigene Position als Fachmann. Sie passen auch nicht zur freundlichen und besonnenen Art, mit der er ansonsten öffentlich und ebenso beim Treffen mit Saiten in Erscheinung tritt.
In Gesprächen wird Peter Fux nicht müde zu betonen, dass er als «Dialektiker» stets an einer offenen, fachkundig geführten Diskussion interessiert sei. Man möchte es ihm gerne glauben. Es gibt aber auch Hinweise, dass solche Debatten doch nicht vorbehaltlos erwünscht sind. In der Museums-Zeitung und auch sonst wird nicht dargelegt, wo man aktuell bei der Benin-Initiative Schweiz steht, an der sich das Museum beteiligt. Weder die St.Galler Medien noch das Publikum wurden etwa darüber informiert, dass im Februar 2023 eine Delegation aus Nigeria das Kulturmuseum besuchte. Auch über die St.Galler Beteiligung an der im Sommer 2024 in Deutsch und Englisch erschienenen Publikation In Bewegung – Kulturerbe aus Benin in der Schweiz wurde bislang nirgends informiert. Immerhin gibt es das Buch im Shop zu kaufen.
2021 gab es in Konstanz eine Ausstellung über Konquistadoren aus dem Bodenseeraum. Das Stadtarchiv hat seinerseits frühe St.Galler Lateinamerika-Bezüge entdeckt und wollte die Konstanzer Ausstellung damit ergänzen und nach St.Gallen bringen. Offenbar bot das Kulturmuseum dazu nicht Hand, weshalb man in der Folge selbständig einen Themenmonat mit diversen Veranstaltungen durchführte. Das Stadtarchiv wollte sich auf Anfrage nicht zu dieser Thematik äussern. Beim «Weg der Vielfalt», einem stadtweiten, Institutionen übergreifenden Projekt zur Aufarbeitung der migrantischen, feministischen, queeren und kolonialen Stadtgeschichte, hätte das Museum eine federführende Rolle einnehmen können. Auch hier hat man eine Beteiligung abgelehnt.
Ein weiterer Hinweis findet sich auf der Leinwand, die mitten im Hauptsaal im Obergeschoss hängt. Dort werden verschiedene Kurztexte zur Geschichte und Ausrichtung des Hauses eingeblendet. Darin heisst es unter anderem: «Die ethnografische Sammlung ging als Geschenk ostschweizerischer Handelsleute und Geographen an die Stadt über. Sie zeugt von der globalen Vernetzung der Akteure und von deren Interesse an fremden Regionen und Gesellschaften, die sie erklären und verstehen lernen wollten.» Mit keiner Silbe sind die kolonialen Verstrickungen der «Ostschweizerischen Geographisch-Commerciellen Gesellschaft» (OGCG) erwähnt, um die es im Text geht. Kein Wörtchen davon, dass man zum Beispiel auch Gelder für die Afrika-«Unternehmungen» des belgischen Königs Leopold II., eines der grausamsten Kolonialisten des ausgehenden 19. und frühen 20. Jahrhunderts, sammelte.
Etwas weniger beschönigend beurteilte der Historiker Fabio Rosinelli in seiner Arbeit von 2022 über die schweizerischen Tätigkeiten im kolonialen Kongo die Haltung der OGCG und deren Umgang mit Sammlungsobjekten: «Die von dieser Vereinigung verfolgten Absichten sind eher im Kontext des wirtschaftlichen Imperialismus als in dem des blossen merkantilen Opportunismus zu sehen. (...) Ihre Inszenierung folgt einem Muster, das darauf abzielt, den angeblich primitiven Zustand der Völker hervorzuheben, die diese Objekte hergestellt haben. Die im Museum der OGCG ausgestellten Gegenstände (die oft handwerkliche Erzeugnisse mit Arbeits- oder Kultfunktion sind) sollen die angebliche Notwendigkeit unterstreichen, die Einheimischen zu ‹zivilisieren›.»
Weiter hat Saiten im Laufe der Recherchen zu diesem Artikel erfahren, dass Peter Fux im Rahmen der parlamentarischen Debatte um die Schaffung einer Unabhängigen Kommission für historisch belastetes Kulturerbe (UKBK) von der ständerätlichen Kommission für Wissenschaft, Bildung und Kultur – zu der auch der St.Galler Mitte-Ständerat Benedikt Würth gehört – als Fachperson befragt wurde. In der politischen Debatte wurde vor allem darüber gestritten, ob diese Kommission ein- oder nur zweiseitig anrufbar sein soll (siehe Infobox). Vieles deutet darauf hin, dass sich Fux als einer von wenigen der befragten Expert:innen für die zweiseitige Anrufung ausgesprochen hat – dass also Institutionen oder Personen, die im Besitz von Objekten mit zweifelhafter oder strittiger Provenienz sind, ihr Einverständnis geben müssen, wenn sich die neue UKBK mit dem Fall beschäftigen soll. Der Museumsdirektor selbst wollte sich allerdings nicht entlocken lassen, wie er sich in dieser politischen Frage positioniert, obwohl es sich hierbei wohl nicht um eine Vertraulichkeit handelt, die zwingend dem Kommissionsgeheimnis unterläge. Nach einigem Zögern verweist Fux lediglich darauf, dass man die Debatten um NS-Raubkunst nicht mit jener über koloniale Sammlungen vermischen dürfe.
Der Bund will eine unabhängige Kommission für historisch belastetes Kulturerbe schaffen. Sie soll sich mit Objekten mit Kontext zur Kolonialzeit und zum Nationalsozialismus beschäftigen und den Bundesrat und die Bundesverwaltung in diesen Fragen beraten. In der parlamentarischen Debatte war vor allem umstritten, wer diese Kommission anrufen darf. Soll es eine einseitige Anrufbarkeit geben – z.B. von Menschen oder Gemeinschaften, die Güter zurückverlangen –, oder müssen auch Institutionen oder Menschen, die aktuell im Besitz dieser Güter sind, einverstanden sein? Vom Bundesrat vorgesehen war die einseitige Anrufbarkeit, doch gab es im Parlament von bürgerlicher Seite her die Forderung nach der zweiseitigen Anrufbarkeit. Die beiden Parlamentskammern einigten sich schliesslich darauf, dass bei Kulturgütern im Kontext zum Nationalsozialismus eine einseitige Anrufbarkeit möglich ist. Bei Objekten aus dem kolonialen Kontext ist nur eine zweiseitige Anrufbarkeit möglich. Von einer solchen Lösung hat man aber beispielsweise in Deutschland wieder abgesehen, weil das entsprechende Gremium kaum noch Aufträge erhielt. (hrt)
Weshalb diese allgemeine kommunikative Zurückhaltung in Sachen koloniales Erbe? Darauf angesprochen, weist Peter Fux darauf hin, dass die Thematik sehr wohl ernstgenommen werde, und die Geschichte der OGCG und der ethnologischen Sammlung des Kulturmuseums werde aktuell vertieft erforscht. Dafür hat das Museum zwei Forscher:innen angestellt und vom Bundesamt für Kultur (BAK) zweimal Fördergelder in der Höhe von insgesamt 161’000 Franken zugesprochen bekommen. Die diesjährige Hauptausstellung «Die Welt ins Museum – Vom Handeln, Sammeln und Entdecken» eröffnet am 7. November und soll erste Ergebnisse der OGCG-Forschungen präsentieren. Der abschliessende Forschungsbericht zuhanden des BAK und der Öffentlichkeit soll gemäss Fux 2027 fertig sein.
Die ethnologische Sammlung des St.Galler Kulturmuseums ist sehr divers, die Objekte stammen von allen Kontinenten. Die Gründungssammlung der OGCG macht lediglich rund einen Fünftel der gesamten ethnologischen Sammlung aus, die rund 18’000 Objekte umfasst. Der Museumsdirektor bittet um Geduld, zuerst wolle man die Geschichte der Sammlung seriös aufarbeiten, bevor man aktiver kommunizieren wolle. Angesichts der Grösse der Sammlung dürfte das mit den aktuellen Ressourcen einige Jahre in Anspruch nehmen.
Was die Forschungsarbeit des Hauses und insbesondere das OGCG-Projekt entscheidend zurückwirft, ist der Umstand, dass die Ethnologin und Afrika-Spezialistin, die als Kuratorin das Projekt angestossen und die Forschungsgelder beim BAK eingeworben hat, das Kulturmuseum diesen Frühling verlassen hat. Namentlich will sie in diesem Artikel nicht genannt werden. Zur Kündigung hätten letztlich fachliche Differenzen mit dem Direktorium geführt. Ihr Entscheidungsspielraum sei zunehmend eingeschränkt worden. Nach einem Verweis, der mündlich und schriftlich an sie gerichtet wurde, sah sie sich gezwungen, die Reissleine zu ziehen.
Offiziell wurde das Arbeitsverhältnis in gegenseitigem Einverständnis aufgelöst, wobei der Vorwurf des Mobbings im Raum stand. Saiten kann diesen allerdings nicht unabhängig prüfen, weil weder Direktor Peter Fux noch der Stiftungsrat aus Persönlichkeitsschutzgründen Auskunft über einzelne Kündigungsfälle geben können. Fakt ist, dass das Museum den Kündigungsbedingungen der ehemaligen Kuratorin vorbehaltlos zustimmte, sie also fristlos freigestellt wurde bei Gewährung von vier weiteren Monatslöhnen.
Seit Stellenantritt von Peter Fux haben unserem Kenntnisstand nach im 25-köpfigen Team sechs Personen, teils auch in leitenden Positionen, das Museum verlassen. Mit vier davon konnte Saiten ausführliche Gespräche führen. Alle vier geben an, dass einer der Hauptgründe für ihre Kündigung der «dominante», «rechthaberische» Führungsstil des Direktors war. Zwei geben zwar an, im persönlichen Umgang fair behandelt, aber fachlich nicht ernstgenommen worden zu sein. Die Haltung des Chefs habe sich in letzter Zeit verhärtet, fachliche Diskussionen seien immer weniger möglich gewesen, die Deutungshoheit zu verschiedensten Themen sei zuletzt nur noch beim Chef gelegen. Oft seien überrissene Vergleiche mit wesentlich grösseren Häusern gezogen worden – mit entsprechender Erwartungshaltung dem Personal gegenüber – und konkrete Projektplanungen auch einmal im Wochentakt über den Haufen geworfen worden. Auch diese Angaben kann Saiten nicht unabhängig verifizieren.
Im Fall eines langjährigen Mitarbeiters, der unter anderem für die Provenienzforschung und Kommunikation im Haus verantwortlich war, kam es ohne einen vorgängigen Verweis oder belegbare dahingehende Gespräche sogar zu einer Kündigung mit sofortiger Freistellung seitens des Direktoriums. Die verbleibenden drei Monatslöhne bezahlte ihm das Museum aus. Eine Schiedsinstanz stufte die Kündigung dennoch als missbräuchlich ein und empfahl dem Museum, dem Entlassenen finanziell entgegenzukommen. Der Forderung kam das Museum nach: Es entschädigte ihn mit sechs zusätzlichen Monatslöhnen. Der Fall wurde also nicht gerichtlich verhandelt, weitere Details wurden darum auch nicht öffentlich. Verschiedene Personen, die den Fall kennen, zeigen sich irritiert und bezeichnen das Vorgehen des Direktors in diesem Fall etwa als «amerikanische Methode», die so – ganz unabhängig von allen persönlichen und fachlichen Differenzen, die bestanden haben mögen – nicht den schweizerischen Gepflogenheiten im Umgang mit Mitarbeitenden entspreche.
Zu den Kündigungen wie zu seinem Führungsstil möchte sich Peter Fux im Gespräch nicht äussern. Auch der Stiftungsrat kommuniziert keine Details, stellt sich aber «voll und ganz» hinter den Museumsdirektor. Stiftungspräsidentin Katrin Meier antwortet in einem Statement im Namen des Stiftungsrates summarisch auf die Fragen von Saiten:
«Die strategische Neuausrichtung, die das Kulturmuseum-Team in den vergangenen vier Jahren erfolgreich umgesetzt hat, entspricht dem Willen des Stiftungsrats. Selbstverständlich nehmen wir die mit einer solchen Neuausrichtung oft einhergehenden personellen Veränderungen zur Kenntnis, wobei diese korrekt stattgefunden haben. Aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes gehen wir auf spezifische Personalfragen nicht näher ein. Der Stiftungsrat ist überzeugt von der neuen Ausrichtung des Museums, der fundierten Aufarbeitung relevanter kulturhistorischer, ostschweizerischer Themen, dem interessanten Ausstellungsprogramm sowie der Öffnung des Hauses durch das Mucafé und dem breiten Veranstaltungsangebot. Wir stehen voll und ganz hinter der Führungsarbeit von Direktor Peter Fux, der unter anderem die Museumsleitung erweitert und gestärkt hat. Die steigenden Besucherzahlen, das grosse Interesse an den Museums-Publikationen, die Gründung des Freundeskreises – all das unterstreicht den Erfolg der Neuausrichtung.»
Fairerweise muss hier angefügt werden, dass Führungswechsel häufig personelle Veränderungen mit sich bringen – gerade im Kulturbetrieb kennt man das. Ob die Kündigungswelle aber einzig mit der Neuausrichtung des Hauses begründbar ist, scheint zumindest fraglich. Sämtliche Personen gaben im Gespräch mit Saiten an, dass sie die angekündigte Neuausrichtung grundsätzlich begrüssten. Die ehemalige Museumsethnologin wurde vom derzeitigen Direktorium sogar extra mit dem Auftrag eingestellt, die ethnologische Abteilung zu stärken. Mit ihrer guten fachlichen Vernetzung schweizweit und international hätte sie im Haus auch künftig eine wichtige Rolle einnehmen können.
Es ist möglich und dem Kulturmuseum auch sehr zu wünschen, dass es nach den teils turbulenten Anfangsjahren unter dem neuen Direktorium in ruhigere Gewässer fährt. Dass die Neuausrichtung Not tat und erste, richtige Schritte unternommen wurden, ist unbestritten: Neubenennung des Museums ohne den Völkerkundebegriff; ein erstes Forschungsprojekt in der ethnologischen Abteilung; Einrichtung eines stylischen Cafés.
Den Tatbeweis, wie ernst es der Museumsleitung mit dem stärkeren Fokus auf regionalhistorische Themen und bei der Aufarbeitung, Diskussion und Vermittlung ihres kolonialen Erbes wirklich ist, muss es noch erbringen. Bei aller gebotenen Sorgfalt bei der Aufarbeitung der ethnologischen Sammlung: Es spricht nichts dagegen, hier immer mal wieder Zwischenergebnisse zu kommunizieren. Als solches versteht der Direktor auch die OGCG-Ausstellung im Herbst. Die Öffentlichkeit darf also gespannt sein auf die Eröffnung am 8. November.
«St.Gallen – ein Jahrhundert in Fotografien. Die Sammlung Foto Gross»: bis 10. August, Kulturmuseum St.GallenWeitere Infos
«Raum – Zeit – Geist. Wir formen uns die Welt»: Philosophisch-anthropologische Ausstellung,bis 9. November, Kulturmuseum St.Gallen
«Die Welt ins Museum – Vom Handeln, Sammeln und Entdecken»: Ausstellung zur Ostschweizerische Geographisch-Commercielle Gesellschaft, ab 8. November, Kulturmuseum St.Gallen
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