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Völkerkunde rausgeschmissen – es war höchste Zeit

Das Historische und Völkerkundemuseum St.Gallen legt seinen verstaubten Namen ab und heisst ab 2023 «Kulturmuseum St.Gallen». Der Schritt ist richtig, eine Neuausrichtung längst überfällig. Einige Fragen bleiben dennoch. Ein Kommentar.
Von  Roman Hertler
Heisst ab 2023 Kulturmuseum: das Historischen und Völkerkundemuseum St.Gallen (Bild: pd)

Das Historische und Völkerkundemuseum St.Gallen (HVM) sei ein «grosser Tanker, der keine sofortigen Richtungsänderungen erlaube», sagte Arno Noger, damals Präsident der Trägerstiftung, vor zwei Jahren bei der Bekanntgabe des neuen Museumsdirektors Peter Fux. Und dieser zeigt nun, dass man das Steuerruder dennoch neu einstellen kann.

Das HVM heisst ab 2023 Kulturmuseum. Im Untertitel stehen die drei Sparten, die schon heute die Sammlung des Hauses ausmachen: Archäologie, Geschichte und Ethnologie.

Es war höchste Zeit, den Völkerkundebegriff, dem eine völlig veraltete, ja rassistische Perspektive auf «das Fremde» innewohnt, endlich aus dem Namen getilgt wurde. Stattdessen ist jetzt von der ethnologischen Sammlung die Rede.

Das ist nicht blosse Augenwischerei, sondern ein Zeichen dafür, dass ein neuer Wind herrscht im Museum, und ebenso ein neues Bewusstsein im Umgang mit einer Sammlung, die nicht frei von Erblasten und problematischen Provenienzen ist. (Wie mit solchen Objekten heute im Museum umgegangen wird und wo er persönlich in der aktuellen Schepenese-Debatte steht, ist im Interview mit Peter Fux nachzulesen, demnächst in der Januarausgabe von Saiten.)

Von der Kunst- zur Kulturgeschichte

Fux‘ Vorgänger Daniel Studer, ein passionierter Jugendstil-Experte, hat das Haus in seiner 20-jährigen Amtszeit stark kunsthistorisch geprägt, was ihm nicht nur mit Applaus gedankt wurde. Studers grösstes Verdienst waren denn auch nicht in erster Linie seine Sonderausstellungen, sondern das Ordnungschaffen in einer wuchernden, unüberblickbar gewordenen Sammlung, in der sich in der 100-jährigen Museumsgeschichte auch sehr viel Gerümpel angesammelt hatte.

Der Neue, Peter Fux, ist nun angetreten, um das neu geordnete und frisch sanierte Museum auch inhaltlich wieder auf Kurs zu bringen. Er sucht das Verbindende: zwischen den Sparten, zwischen den Themen, aber auch zwischen den Räumen und Zeiten. Und eben: zwischen den Kulturen.

Entsprechend gestaltet sich der Hauptraum im ersten Stock, in dem neu in der Mitte das St.Galler Stadtmodell von 1642 und damit das populärste Stück der historischen Sammlung präsentiert ist. Flankiert wird es von zwei Globen aus derselben Epoche, von einigen der ältesten archäologischen Fundstücke des Kantons und einem der wertvollsten Beispiele aus der ethnologischen Sammlung, einer Figur aus Nordchina.

Ein solcher musealer Ansatz bietet neue, spannende Möglichkeiten und Ansätze, wie man sie in St.Gallen lange vermisst hat. Man hat sich explizit einer philosophischen Anthropologie verschrieben. Durch kulturhistorische Betrachtungen soll man ein Stück weit auch etwas über sich selber und seine eigene Kultur erfahren.

Ob man diesem hehren Ziel gerecht wird, muss sich erst weisen. Die ersten Sonderausstellungen unter neuen Vorzeichen stehen erst an. Dass es mit der Ausstellung zu Jost Bürgi (September ’23 bis März ’24), dem frühneuzeitlichen Toggenburger Uhrmacher, Mathematiker und Astronom, gelingen kann, diese Neuausrichtung sichtbar zu machen und auch Aktualitätsbezüge herzustellen, ist zumindest fraglich. Bürgi war zuletzt Thema diverser Ausstellungen und Symposien. Es besteht die Gefahr, dass der Aufbruch hier in die Wiederholung mündet.

Aussicht auf ein paar Abenteuer

Vielversprechender – und ambitionierter – klingt dafür die schweizweite Wanderausstellung «Auf der Suche nach Wahrheit – Wir und der Journalismus», die am 4. März im Kulturmuseum St.Gallen startet, hier ergänzt mit einem Blick in die St.Galler Vergangenheit. Gemäss Ankündigung wird nach Verbindungen gesucht zwischen Wiborada und dem «roten Gallus», zwischen dem osmanischen Sturm auf Wien und dem aktuellen Ukrainekrieg, zwischen der Erschiessung des Landesverräters Ernst S. und der Stadtpräsidentin, die mit demonstrierenden Jugendlichen spricht. Das klingt im besten Sinn nach reichlich Diskussionsstoff.

Fraglich ist, ob der neue Name des Museums gut gewählt ist. Sicher wird er sich früher oder später einbürgern. Aber «Kulturmuseum» klingt nach aussen hin doch etwas gar abstrakt, respektive viel und gleichzeitig nichts sagend. Er macht erst dann richtig Sinn, wenn man ihn, wie von der Museumsleitung beabsichtigt, als abgekürzte Variante eines «Kulturhistorischen Museums» versteht. Ansonsten dürfte der Kulturbegriff und die dadurch etwas unklare Abgrenzung zum Kunstmuseum, das sich im Stadtpark in unmittelbarer Nachbarschaft befindet, doch einiges Stirnrunzeln auslösen beim Publikum. In Kombi funktionierts dann immerhin wieder etwas besser: Kunst und Kultur im Stadtpark. Und beim Kulturfestival, das jährlich im Innenhof des Museums stattfindet, kann man sich jetzt rühmen, den neuen Namen des Hauses mitgeprägt zu haben.

Historisches Museum, Kulturhistorisches Museum, Haus der Kulturen: Es wären auch andere Namen denkbar gewesen. Am Ende ist dieser aber nicht entscheidend, sondern die inhaltliche Ausrichtung. Und hier, so scheint es, ist es Peter Fux gelungen, das Schiff auf Kurs zu bringen. Zwar mit ungewissem Ausgang, wohin die Reise geht, aber mit Aussicht auf ein paar Abenteuer und Themen, die die Menschheit – und die Bevölkerung der Region – heute bewegen. Zum Beispiel Migration, Energiekrise oder Klimawandel.

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