Kategorie
Autor:innen
Jahr

Replik: «Blingbling statt relevante Auseinandersetzung»

Stiftungsratspräsident Arno Noger äussere sich zu positiv über die vergangenen 20 Jahre des Historischen und Völkerkundemuseums St.Gallen, findet Kulturjournalist Hansruedi Kugler. Hier sein Leserbrief über Versäumnisse und Fehltritte des HVM. Gastkommentar von Hansruedi Kugler
Von  Gastbeitrag
Das Historische und Völkerkundemuseum St.Gallen. (Bild: pd)

Arno Noger zeichnet im Saiten-Interview ein schönfärberisches Bild des Historischen und Völkerkundemuseums in St.Gallen. Denn die Bilanz von fast zwanzig Jahren unter Direktor Daniel Studer ist in mehrfacher Hinsicht trist: Vetternwirtschaft, Kunst statt Geschichte, peinliche Jammerei über fehlende Ressourcen.

Schon die Wahl Studers zum Direktor eines historischen Museums vor zwanzig Jahren war fragwürdig. Sein Vorgänger war der engagierte Sozialhistoriker Louis Specker. Legendär etwa seine Ausstellung zur Hungersnot. Daniel Studer hingegen hat sich vor allem für Kunst interessiert.

Und er hat sich leider nicht weiter entwickelt. Seine Lieblingsinteressen: Farbholzschnitte, Jugendstil und Kunst aus dem 19. Jahrhundert. Eine Fehlbesetzung in einer Stadt, in der es bereits drei Kunstmuseen gibt: Kunstmuseum, Kunsthalle, Museum in Lagerhaus.

Einseitige Besetzung

Umso ärgerlicher und krass einseitig, dass unterdessen neben ihm auch sämtliche Kuratorinnen des HVM Kunsthistorikerinnen sind. Unter ihnen auch Studers Ehefrau Isabella Studer-Geisser. Ein Blick in deren Publikationsliste zeigt ausschliesslich kunsthistorische Beiträge. Statt wenigstens eine Sozialhistorikerin oder einen Wirtschaftshistoriker als Kuratorin oder Kurator zu engagieren, durfte Studer einfach ohne Ausschreibung seine Ehefrau als Kuratorin anstellen.

Dass eine solche Vetternwirtschaft gerade in einer von FDP-Politikern wie Thomas Scheitlin und später von Arno Noger geführten Ortsbürgergemeinde toleriert wird, ist ein Debakel. Eine liberale Partei, die solche feudalistischen Verhältnisse durchwinkt, hat ihre eigenen Grundwerte nicht verstanden.

Kulturinstitutionen, die sich der Aufklärung verpflichtet fühlen und gleichzeitig wie kleine Fürstentümer regiert werden, sind halt ein Widerspruch. Deshalb ist auch die Frage nach einer neuen Trägerschaft gar nicht so abwegig.

Und seit Studer in seinen Anfangsjahren zwei Ethnologinnen entlassen hat, fehlt im HVM auch das ethnologische Knowhow, das ersetzt worden ist durch, ja durch was wohl, durch Kunsthistorikerinnen als Gastkuratorinnen. Daniel Studer pflegt Blingbling statt relevante Auseinandersetzungen mit der Zeitgeschichte.

In der langen Reihe von Ärgernissen nur ein typisches Beispiel aus der Pressekonferenz im Januar 2018 zum Jahresprogramm: Nichts zu den für die Schweiz und auch für St.Gallen bedeutenden sozial-, wirtschafts- und gesellschaftspolitischen Grossthemen und Wendekonflikten Landesstreik 1918, Spanische Grippe oder 1968. Statt dessen eine Ausstellung zum graphischen Werk des Appenzeller Künstlers Carl Liner, dessen Werk seit Jahr und Tag in Appenzell zu besichtigen ist und eine grosse Kleiderausstellung, grossbürgerliche Mode seit der frühen Neuzeit. Beides komplett verzichtbare Themen. Das hatte ich damals sogar im «Tagblatt»-Kommentar moniert.

Affront gegenüber den Kleinen

Und dass Daniel Studer nicht nur an jener Pressekonferenz, sondern auch bei jeder anderen Gelegenheit über fehlende Geldmittel jammert, das war und ist für viele Kulturveranstalter und vor allem für die anderen Museen in der Region eine Frechheit. Arno Noger gibt die Personalkosten des HVM mit zwei Millionen Franken pro Jahr an. Von einer solchen Summe können die allermeisten Museen in der Region nur träumen.

Noger wiederholt im Interview auch das ewig falsche Lied, für Eigenrecherchen fehlten leider die Ressourcen. Das ist eine dreiste Aussage, wenn man bedenkt, dass eine Kuratorin monatelang die Kleiderbestände im HVM untersuchen musste, obwohl es doch in St.Gallen ein bedeutendes Textilmuseum gibt.

Denn in Wahrheit hat sich Studer nie für Themen im Bereich Sozial-, Wirtschafts- und Politgeschichte interessiert, dort, wo es eben für Ausstellungen ein paar Ideen und Eigeninitiative braucht, und wo es nicht genügt, seine Zeit in Kunstausstellungen, Galerien und Kunstauktionen zu verbringen.

Wer mal einen Blick in die Regionalmuseen des Kantons geworfen hat und gesehen hat, wie dort Themen aktiv und fundiert – auch mit wenig finanziellen Mitteln und viel ehrenamtlicher Unterstützung, recherchiert werden – wirkt diese überhebliche Haltung des HVM nur als Affront.

Hansruedi Kugler, 1965, hat von 2015 bis Sommer 2019 als Kulturredaktor beim «St.Galler Tagblatt» gearbeitet und ist seither beim Zeitungsverbund CH Media tätig.

Jetzt mitreden: 4 Kommentare
Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Dein Kommentar wird vor dem Publizieren von der Redaktion geprüft.
Philipp Stuedli,  

Und ja, es wird nichts falsch gemacht, wenn martha cunz behandelt wird.

Philipp Stuedli,  

Aber klar bin ein pop art fan. nahe bei farbholzschnitten.

Philipp Stuedli,  

Mit den drei Kunstmuseen, die mich hin und wieder ein bisschen kalt lassen meine ich: Kunstmuseum, Museum in der Lok, Kunsthalle. Aber vielleicht ist es wie bei anderen Themen: die besten Ausstellungen sind die, die nicht persönlich besucht wurden, z.B. Mika Rottenberg in Bregenz.

Philipp Stuedli,  

Empfinde die Kritik nicht gerechtfertigt im Sinne, dass das Völkerkunde Museum Kunst einiges informativer und in einem ganz anderen Kontext präsentiert, als dies die andern drei Kunstmuseen tun. In dieser Hinsicht nehme ich die Arbeit des HVM, als grosse Bereicherung in der städtischen Museumslandschaft war. Der Leserbrief gefällt mir, weil er mich zur Frage anregt, warum sich die anderen drei Kunstmuseen so gleichen, was ich als eher negativ empfinde.

Stadt der Un­der­dogs

Ei­ne Bun­des­rä­tin, meh­re­re Na­tio­nal­rät:in­nen und die Po­li­trap­per der Stun­de: Al­le kom­men sie aus der Klein­stadt Wil. Ei­ne Er­kun­dung vor den Lo­kal­wah­len.

Von  Kaspar Surber
Lukas reimann mike sarbach ursula haene

Mehr Platz für Bü­cher und Ma­te­ri­al­mus­ter

Ei­nes der vie­len Ge­bäu­de des Sit­ter­werks, die vor ge­nau 100 Jah­ren er­bau­te Schwarz­fär­be­rei, be­her­bergt heu­te die Kunst­bi­blio­thek und die Ma­te­ri­al­mus­ter­schrän­ke. Ei­ne Auf­sto­ckung soll künf­tig mehr Platz schaf­fen.

Von  René Hornung
Sittwerwerk Aufstockung Bibliothek

Sze­na­ri­en für die Vo­lie­re im St.Gal­ler Stadt­park

Noch bis in den Herbst hin­ein und auch in den zwei fol­gen­den Som­mern bleibt die Vo­lie­re im Stadt­park ei­ne Bu­vet­te. Ab 2029 wird sie zur «Mai­son des œufs», zum di­dak­ti­schen Hüh­ner­hof. Die ein­ge­reich­ten Ideen sa­hen noch ganz an­de­re Nut­zun­gen vor.

Von  René Hornung
Maison des oeufs 1

Stimm­bür­ger:in­nen ent­schei­den über Tem­po 30 auf Haupt­stras­sen

Der Streit ums St.Gal­ler Ver­bot von Tem­po 30 auf Haupt­ver­kehrs­ach­sen geht in die nächs­te Run­de: Das Re­fe­ren­dums­ko­mi­tee hat die not­wen­di­gen Un­ter­schrif­ten ge­gen ei­ne Än­de­rung des kan­to­na­len Stras­sen­ver­kehrs­ge­set­zes ein­ge­reicht. Da­mit wird das Stimm­volk über die Fra­ge ent­schei­den. 

Von  Reto Voneschen
Tempo 30 1 reto voneschen

Kolumne: 24/7 Traumacore

He­al­ing Jour­ney von Wil nach Wie­ner Neu­stadt

Von  Mia Nägeli

Die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps – Teil 6

Bis zum En­de der Som­mer­fe­ri­en prä­sen­tiert Sai­ten wö­chent­lich Kul­tur­tipps aus der Re­gi­on. Teil 6: «Weg­war­te 002», Sur le Lac, Win­ter­thu­rer Mu­sik­fest­wo­chen und Schloss­fest­spie­le Wer­den­berg. 

Von  Redaktion Saiten
Noemi Pfister Ragazzi di vita 2024

Ben­fi­ca vs FC St.Gal­len 5:0 – Wei­ter geh­t's in der Con­fe­rence Le­ague

Der FCSG kriegt beim Aus­wärts­spiel in Lis­sa­bon die Gren­zen deut­lich auf­ge­zeigt. Sie ver­lie­ren das Spiel 0:5. Da­mit geh­t's für den FCSG jetzt ge­gen She­riff Ti­ras­pol in der Con­fe­rence Le­ague wei­ter. Das Spiel zum Nach­le­sen im SENF-Ti­cker.

Von  SENF Kollektiv
Senf

Bild­ge­wal­ti­ges Epos mit nach­hal­ti­gem Sei­ten­ef­fekt

No­ti­zen zu Chris­to­pher Nolans The Odys­sey

Von  Florian Vetsch
Odysseus und Athene

Vie­le For­mu­la­re, zwei Ge­sprä­che und ei­ne Power­point-Prä­sen­ta­ti­on

An­ja Braun leb­te be­reits 18 Jah­re in der Schweiz, als sie sich ge­mein­sam mit ih­rer Fa­mi­lie ent­schied, sich ein­zu­bür­gern. Es war ein lo­gi­scher Schritt. Das Ver­fah­ren war es nicht im­mer.

Von  Andi Giger
260722 illustration einbuergerung 2

Neues Buch

Zwi­schen Cha­os und Hoff­nung – La­ra Stolls Gun­ni

Von  Kathrin Reimann
215790

Ein aus­ser­ge­wöhn­li­ches Ge­spür für künst­le­ri­sche Qua­li­tät

Be­reits 1971 er­öff­ne­te Ur­su­la Krin­zin­ger ih­re ers­te Ga­le­rie in Bre­genz. Bis heu­te prägt sie die Kunst­sze­ne weit über die Bo­den­see­re­gi­on hin­aus. Nun be­fasst sich die Bre­gen­zer Som­mer­aus­stel­lung im Pa­lais Thurn und Ta­xis mit der Ga­le­ris­tin.

Von  Sieglinde Wöhrer
Ursula K dez2018 27 A9595

Die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps – Teil 5

Bis zum En­de der Som­mer­fe­ri­en prä­sen­tiert Sai­ten wö­chent­lich Kul­tur­tipps aus der Re­gi­on. Teil 5: Emil Brun­ner – «Berg Kind Welt», Ra­pid Open­air und Kul­tur­ufer. 

Von  Redaktion Saiten
DSC05051 Kopie copy

FC St.Gal­len vs. FC Zü­rich 2:1 – Ers­te drei Punk­te im Tro­cke­nen

Der Spa­gat zwi­schen eu­ro­päi­schen Näch­ten und bie­de­rem Su­per­league All­tag ist oft schwer. So auch heu­te. Ei­ne Leis­tungs­stei­ge­rung und die rich­ti­gen Wech­sel in der zwei­ten Halb­zeit rei­chen aber für die ers­ten drei Punk­te der Sai­son. 

Von  SENF Kollektiv
Senf

Bren­nen­de Wa­den und leuch­ten­de Kat­zen

In leich­ten Pas­tell­tö­nen und dunk­len Öl­far­ben setzt sich der deut­sche Künst­ler Mar­cel Hüpp­auff mit dem Pro­fi­rad­sport aus­ein­an­der. Da­bei tre­ten in sei­ner Schau im Chambre Di­rec­te-Schubi­ger in St.Gal­len nicht nur Men­schen, son­dern auch Kat­zen in die Pe­da­le.

Von  Vera Zatti
IMG 0330

Ein Wer­den­ber­ger Po­lit­star – lau­fend, stri­ckend, stets ge­er­det

Mit Hil­de­gard Fäss­ler (1951–2026) ver­starb kurz vor ih­rem 75. Ge­burts­tag ei­ne der pro­fi­lier­tes­ten Ost­schwei­zer Po­li­ti­ke­rin­nen an den Fol­gen ei­ner schwe­ren Er­kran­kung. Nach­ruf ei­ner lang­jäh­ri­gen Weg­ge­fähr­tin.

Von  Käthi Gut
P8262285

Wo Kunst ent­steht

Ver­steckt im Sit­ter­tal pro­du­ziert die Kunst­gies­se­rei Wer­ke re­nom­mier­ter Künst­ler:in­nen. Da­bei gilt es oft, Neu­es aus­zu­pro­bie­ren und Lö­sun­gen zu fin­den – mit Zu­cker, Wachs und na­tür­lich Me­tall. Sai­ten er­hält ei­nen Ein­blick in das ver­rück­te Schaf­fen am Ran­de St.Gal­lens.

Von  Daria Frick , Bilder:  Andri Vöhringer
260708 Sitterwerk Andri Voehringer 11

FC St.Gal­len vs. Ben­fi­ca 2:1 – St.Gal­len schafft die Sen­sa­ti­on!

Der FC St.Gal­len ge­winnt ge­gen den haus­ho­hen Fa­vo­ri­ten aus Lis­sa­bon mit 2:1. Die gröss­te Sen­sa­ti­on, die die­ses Sta­di­on je ge­se­hen hat. Das Spiel zum Nach­le­sen im SENF-Ti­cker.

Von  SENF Kollektiv
Senf

Die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps – Teil 4

Bis zum En­de der Som­mer­fe­ri­en prä­sen­tiert Sai­ten wö­chent­lich Kul­tur­tipps aus der Re­gi­on. Teil 4: Cy­prien Gail­lard – «When you ex­pect flu­tes, it whist­les», «Komm Glüückck» und Je­re­my Reeds Buch Du stirbst nur zwei­mal – Ein Syl­via Plath-/Vic­to­ria Lu­cas-Ro­man.

Von  Redaktion Saiten
260708 Sommertipps Emma Kunzs grotte copy

Kolumne: Heppelers Bestiarium

Flip­per im Mi­li­tär­dienst

Von  Jeremias Heppeler

Bad­hüt­te Ror­schach: Re­kon­struk­ti­on bis zum Tür­schar­nier

Die Bau­plä­ne sind ge­zeich­net, das Bau­ge­such liegt zur Vor­prü­fung bei der Stadt – doch noch ist ei­ni­ges rund um den Wie­der­auf­bau der Ror­scha­cher Bad­hüt­te zu klä­ren. Was pas­siert zum Bei­spiel mit all den an­ge­ros­te­ten und teils ver­bo­ge­nen Schar­nie­ren, Schlös­sern und an­de­ren Ei­sen­tei­len, die die Tau­cher aus dem See her­auf­ge­bracht ha­ben?

Von  René Hornung
Badhuette rorschach