Erbe ist Lust und Last – beides gilt zumindest für Museen. Was sich in ihnen teils über Jahrhunderte angesammelt hat, kann zum Ballast werden. Das Kunstmuseum St.Gallen hat jetzt einen seiner Sammlungsschwerpunkte, die 143 Bilder der Sturzenegger’schen Gemäldesammlung, auf ihre Provenienz untersucht.
Rund die Hälfte der Bilder kam in den Jahren zwischen 1933 und 1945 in die Sammlung. Anzeichen für Raubkunst habe man aber nicht gefunden, halten Sammlungskurator Matthias Wohlgemuth und sein Mitarbeiter Samuel Reller im Schlussbericht fest – hier der Saiten-Beitrag zum Zwischenbericht 2017.
«Einige der berühmtesten Werke der Sammlung, darunter Alfred Sisleys Le Jardin, 1873, oder Anselm Feuerbachs Nanna, 1864/65, konnten hinsichtlich ihrer Provenienz vollständig geklärt und eine lückenlose, unbedenkliche Besitzabfolge in der Zeit der NS-Herrschaft nachgewiesen werden», schreibt das Museum. Im Fall Feuerbach etwa führte eine Notiz in den Erinnerungen von Fritz Nathan auf die Spur: Dank ihr stand fest, dass das 1936 für St.Gallen erworbene Gemälde bis dahin im Privatbesitz eines deutschen Sammlers gewesen und von den Nazis unbehelligt geblieben war.
Anselm Feuerbach: Bildnis der Nanna, 1864/65.
Die «kritischen Jahre» 1933-1945
Trotz vom Bund mitfinanzierter Detektivarbeit blieben aber bei 77 Werken Lücken in der Erwerbsgeschichte. Insofern sei der «Schlussbericht», wie ihn das Bundesamt für Kultur BAK verlange, nur ein Zwischenbericht, sagt Wohlgemuth auf Nachfrage. Mit den jetzigen Ergebnissen habe man eine gute Datenbasis geschaffen und viel Recherche-Erfahrungen gesammelt. Die Fortsetzung sei eine aufwendige Arbeit – «aber wir wollen sie leisten», sagt Wohlgemuth.
Der Stickereiunternehmer Eduard Sturzenegger (1854–1932) hatte im Jahr 1926 der Stadt St.Gallen eine ursprünglich 175 Positionen umfassende Schenkung von Werken mehrheitlich des 19. Jahrhunderts aus Deutschland, Österreich, Frankreich und der Schweiz übergeben. Aus qualitativen Erwägungen und im Einverständnis mit der Familie des Donators beschloss man 1935 eine tiefgreifende Umgestaltung der Sammlung. Das Problem: Dieser «Umbau» fand in der Zeit der Naziherrschaft statt, entscheidend am Verkauf der einen und am Erwerb anderer Bilder beteiligt war der aus Deutschland emigrierte, seit 1936 in St.Gallen lebende Kunsthändler Fritz Nathan. Rund die Hälfte der heute 143 Werke der Sammlung kamen erst in dieser Phase hinzu – und standen entsprechend unter Verdacht.
Diesen Verdacht konnte die Forschung jetzt weitgehend entkräften. Das Ergebnis der rund anderthalbjährigen Analyse: 66 Werke wurden der Kategorie A zugewiesen. Das heisst: Sie waren entweder vor 1933 in die Sammlung gekommen oder ihre Provenienz konnte «lückenlos ermittelt und als unproblematisch beglaubigt» werden. Die anderen 77 Werke zählen zur Kategorie B: Ihre Erwerbsgeschichte weist in der kritischen Zeit Lücken auf, aber es fehlen «Hinweise oder Ungereimtheiten in der dokumentierten Besitzabfolge».
Zum Beispiel Corot
Jean Baptiste Camille Corot: Bei Riva am Gardasee, 1834.
Das kleinformatige Gemälde von Camille Corot Bei Riva am Gardasee (1834) wurde gemäss Sammlungsakten 1936 bei Paul Cassirer in Amsterdam für St.Gallen erworben. Wie war es dorthin gelangt? – das war die entscheidende Frage. Klarheit brachte eine Anfrage beim Rechtsnachfolger der Galerie, Walter Feilchenfeldt jun., Zürich: Gemäss Cassirer-Archiv war das Bild 1930 in Paris erworben worden und verblieb bis zum Verkauf 1936 im Besitz Cassirers. Abgewickelt wurde das Geschäft über die Filiale Amsterdam, «da aus Berlin nicht mehr gearbeitet werden konnte». Dank dem gut geführten Kunsthändlerarchiv konnte so die Unbedenklichkeit des Kaufs belegt werden.
Zum Beispiel Schuch
Carl Schuch: Landschaft bei Kähnsdorf, Mark Brandenburg, 1880.
Die Landschaft bei Kähnsdorf, Mark Brandenburg (1880) zählt gemäss Sammlungskurator Wohlgemuth zu den wichtigen Zeugen des deutschen Realismus. Es war 1935 bei Fritz Nathan von der Ludwigs Galerie in München erworben worden. Weder die Akten noch Nachfragen bei Johannes Nathan, dem Enkel und Rechtsnachfolger von Fritz Nathan konnten seine Erwerbsgeschichte erhellen; die Unterlagen der Ludwigs Galerie gingen bei der Bombardierung Münchens verloren. Eine ominöse Nummer auf dem Rahmen soll jetzt Hoffnung auf eine weitere Spur geben; «es besteht weiterer Recherchebedarf», schreibt das Museum.
Noch ungelöst: Hodler
Neben der Sturzenegger’schen Gemäldesammlung gebe es weitere Sammlungsbestände, die man in gleicher Weise aufarbeiten müsste, bestätigt Kurator Wohlgemuth. Das Museum wolle einen Antrag auf Gelder aus dem Lotteriefonds stellen, um die Forschungslücken zu füllen.
Weiterhin Gegenstand von Verhandlungen ist der Fall des Bildes Thunersee mit Stockhornkette von Ferdinand Hodler: Es gehört nicht zur Sammlung, sondern ist seit 2015 als Leihgabe der Simon-und-Charlotte-Frick-Stiftung im Kunstmuseum. Um seinen rechtmässigen Besitz ist seit Jahren ein Rechtsstreit zwischen der Stiftung und dem Gerta Silberberg Trust im Gang. Die Erben des Vorbesitzers Max Silberberg erheben Anspruch auf das Gemälde, welches 1935 nach einer NS-Zwangsversteigerung auf den Kunstmarkt gelangt war.
Ferdinand Hodler: Thunersee mit Stockhornkette, um 1913.
Dagegen sind in zwei anderen Fällen von Raubkunst gütliche Lösungen gefunden worden: Camille Corots L’Odalisque gehört dank einer Schenkung der rechtmässigen Nachbesitzer seit dem Jahr 2001 den Kunstmuseen Basel und St.Gallen gemeinsam. Und letzten Herbst gab das Historische und Völkerkundemuseum zwei aus Raubkunst stammende Silberschiffe der Sammlung Giovanni Züst an die Erben der Vorbesitzerin zurück. Sie wurden anschliessend in London versteigert, der Erlös betrug rund 300’000 Franken.
Die Menschenrechte stehen weltweit unter Druck. Doch wie konsequent setzt sich die Schweiz für sie ein? Ein neues Buch nimmt die Schweizer Menschenrechtspolitik kritisch unter die Lupe. An der Buchvorstellung im Square wurde über Widersprüche, Versäumnisse und mögliche Lösungen diskutiert.
In einer Tennishalle im toggenburgischen Unterwasser trafen sich vor zehn Jahren 5000 Neonazis zum grössten Rechtsrock-Konzert, das je im deutschsprachigen Raum stattgefunden hat. Linke Politiker:innen reagierten schnell, doch das Ergebnis ist ernüchternd.
Leopoldstadt am Vorarlberger Landestheater
Stimmrecht
Erntehelfer:innen sind in der Schweiz schlecht geschützt. Ihre Arbeitsbedingungen liegen oft in Graubereichen, Kontrollen sind schwierig. Eine Veränderung würde jedoch bedeuten, ein ganzes System auf den Kopf zu stellen.
Bücherherbst: Die Geschichte der Schweizer Uhrmacherkunst von Gion Mathias Cavelty
Die St.Galler Restaurants Toscana und The Pinch machten vergangene Woche über Nacht dicht. 15 Personen standen unvorbereitet auf der Strasse. Das verantwortliche Investoren-Duo schliesst nicht zum ersten Mal ein Restaurant in der Stadt. Das abrupte Ende wirft Fragen auf.
Die Stadt St.Gallen muss sparen und will das historische Volksbad nach der Wiedereröffnung des Hallenbads Blumenwies schliessen. Dabei verspricht die Stadt seit über 40 Jahren die Sanierung.
Die St.Galler Regierung spart gegen ihren Willen weitere 60 Millionen Franken ein und rechnet für 2027 mit einem Plus von 55 Millionen Franken. Kulturelle Arbeit wird dabei weiter prekarisiert – mit einer grossen Ausnahme.
Filminstallation über Vergänglichkeit
Die alten Fabrikhallen sind aus Winterthurs Kulturleben nicht mehr wegzudenken. Sie wären aber nichts ohne engagierte und gut vernetzte Menschen. Saiten konnte auf Einladung des Kulturmagazins «Coucou» einige von ihnen treffen. Ein kleiner Stadtrundgang
Das Konzert und Theater St.Gallen zeigt eindringlich auf: Femizide existieren in der Schweiz noch immer im ungeheuren Ausmass. Die Inszenierung von Corinna von Rad setzt auf das Groteske in Georg Büchners Woyzeck und feierte am Samstag Premiere im Grossen Haus. Eine Produktion für «jeder-Mann»!
Viel Energie und noch viel mehr Punk gibts auf dem neuen Album Now To Ruin der Thurgauer Band S.G.A.T.V.. Getauft wird am 1. Oktober im Winterthurer Kraftfeld. Saiten hat vorab reingehört.
Wie können wir unseren Konsum nachhaltiger gestalten? In «Next Relations – Zukunft gestalten» zeigt das Gewerbemuseum Winterthur anhand von Arbeiten von Studierenden mögliche Ansätze. Eine anspruchsvolle Schau, die Hoffnung macht.
Die Ausstellung «Beyond the Manosphere. Masculinities today» im Kunstmuseum St.Gallen untersucht, wie Männlichkeit dargestellt, geprägt und gelebt wird. Und zeigt dabei auch ihre Widersprüchlichkeit.
Ein Schrebergarten wird im neuen Roman Verteidigung eines Gartens von Christina Walker zum Zufluchtsort. Darin lässt die Vorarlberger Autorin vielschichtige Charaktere ebenso aufblühen wie Apfelbaum und Johannisstrauch.
Der Kanton St.Gallen hat Kunst- und Kulturschaffende zur jährlichen Kulturkonferenz nach Wil eingeladen. Spielerisch wurde versucht, die Ausrichtung der Kulturförderung zu klären und Möglichkeiten der neuen Kulturstrategie zu diskutieren. Doch die zentrale Frage blieb offen: Wie stark kann die Kulturszene den Inhalt der Strategie tatsächlich mitbestimmen?
Wer als Erntehelfer:in in der Schweiz arbeitet, tut dies in einer rechtlichen Grauzone. Das nützt vor allem einem System, das weder die Landwirt:innen noch die Konsument:innen im Alleingang ändern können. Ausserdem im Oktoberheft: zehn Jahre Unterwasser, eine Flaschenpost aus Halle (Saale), Kunst zum Thema Männlichkeit, Musik von The Black Salt und natürlich der Bücherherbst – mit neuer Literatur von Ostschweizer Autor:innen.
Human Human spielen melancholischen und fragilen Indie-Pop, der trotzdem warm und lichtdurchflutet ist. Das St.Galler Duo hat jetzt seine erste EP veröffentlicht und tritt am Wochenende gleich zweimal im Bahnhof Bruggen auf – erstmals mit einer Band.
Kommentar zur Beratung der Inklusionsinitiative im Nationalrat