Seit einem Monat ist der Italiener Lorenzo Benedetti in St.Gallen tätig, als Nachfolger von Koni Bitterli. Und er hat einen guten Eindruck der Kunststadt St.Gallen gewonnen, wie er im Gespräch mit Museums-Kollegin Nadia Veronese und Gesprächsleiterin Kristin Schmidt sagte. Eingeladen hatten der Projektraum Nextex und Saiten, und das grosse Publikumsinteresse zeigte: Man ist gespannt auf «den Neuen».
«Das Museum ist Teil der Stadt»
Unterschiedlichste Kunstorte, eine lebendige Szene mit vielen Leuten, «die Kunst machen und Kunst denken», und ein Museum mit Ausstellungen auf hohem Niveau: So etwa umschrieb Benedetti seine ersten Eindrücke von St.Gallen. Das er allerdings schon kannte – die Qualität des Museums sei ausschlaggebend gewesen für seinen Wechsel nach St.Gallen. Ausserdem schätze er die Grenznähe («nicht ganz im Zentrum zu sein, ist gut für die Kunst») und die Vielsprachigkeit der Schweiz. Sie entspreche den vielen Sprachen, die die Kunst spricht.
Zuvor war Benedetti in Rom, in Deutschland und in den Niederlanden tätig, zuletzt am De Appel Amsterdam, einem Kunstraum, der als Antwort auf die Infragestellung des traditionellen Museums in den Sechziger- und Siebzigerjahren gegründet worden sei. Die Bildende Kunst tat sich zusammen mit Video, mit Performances, mit Figurentheater, mit Musik und anderen Sparten: «Für diese neue Kunstsprache brauchte es neue Räume.»
Ähnlich offen klingen auch Benedettis Ideen, was Kunst sei und was «Ausstellen» im 21. Jahrhundert bedeutet. Ein Museum sei ein Ort der Gemeinschaft und der Beziehung, ein Teil der Stadt. Kunst sei immer Aufbruch und Entwicklung, Auseinandersetzung mit der Gesellschaft, mit anderen Sparten. Und der Kurator habe dabei die Rolle des Übersetzers.
«Die Qualität muss stimmen»
Was das für das St.Galler Kunstmuseum im Stadtpark und seine spektakuläre Dependance in der Lokremise bedeuten könnte, blieb an dem Abend allerdings vage. Nadia Veronese erinnerte an die neue Situation: Die Ausstellungsfläche im Stadtpark hat sich mit dem Auszug des Naturmuseums verdoppelt. Im Erdgeschoss sind neue Räume hinzugekommen, hier ist jetzt erstmals eine semi-permanente Dauerausstellung mit Werken aus der Sammlung zu sehen.
Und das Untergeschoss, das sich viele Kunstschaffende als «Labor» und Ort des Experiments erhoffen, wie im Februarheft von Saiten zu lesen war? Es soll ein Ort der Begegnung werden, sagte Nadia Veronese; erstmals im Herbst mit der Einzelausstellung von Caro Niederer. Weitere Experimente seien geplant, das Provisorium biete die Chance, sich die Räume nach und nach anzueignen, doch müsse die Qualität gesichert sein, sagten beide übereinstimmend. Und hoffen, trotz Lust am Experiment, auf einen baldigen Umbau.
Das klassizistische Museum, wie es der Kunklerbau in St.Gallen repräsentiert, sieht Benedetti als eine Art Tempel, mit schwerer Tür und strengen Räumen, in dem sich die Kunst als zeitlos und konservierbar behauptete. «Diese Architektur ist eine interessante Schwierigkeit.» Heutige Bauten setzten dagegen auf Offenheit und schnellen Wechsel. Auch solche modernen Räume wie die Lokremise mit ihrer riesigen Fläche seien aber eine Herauforderung.
«Man reibt sich daran, man muss auf den Raum reagieren», sagt auch Nadia Veronese. Zuletzt habe dies im Kunstmuseum Loredana Sperini erfolgreich getan.
Das Publikum im Nextex in der Ausstellung Salve! vor dem Werk von Mirjam Kradolfer.
Ein «Ort der Möglichkeiten»
Schliesslich die Gretchenfrage: Wie hältst Du’s mit der Region? Benedetti ist ein neugieriger Mensch, das war an dem Abend spürbar, er geht auf die Leute zu, die Beziehung zu den Künstlerinnen und Künstlern sei zentral für ein Museum, sagt er. Aber es wäre falsch, «künstlich» zu trennen zwischen dem internationalen und einem regional ausgerichteten Programm. Die Balance müsse stimmen. Und die Qualität.
Insbesondere die Konstellation in der Lokremise, unter einem Dach mit Theater und Kino und nah am Bahnhof, sei vielversprechend. Benedetti kann sich Kooperationen mit Leuten aus Theater, Performance und anderen Sparten vorstellen. Kunst funktioniere interdisziplinär, ein Museum sei nichts Statisches, sondern eine bewegte Situation, immer im Übergang, immer im Aufbruch, auch aus dem Gebäude heraus. «Das Museum der Zukunft ist ein Ort der Möglichkeiten.»
Im Sommer wird die erste von Lorenzo Benedetti kuratierte Ausstellung zu sehen sein, aufgegleist allerdings noch von seinem Vorgänger: der französische Künstler und Filmer Pierre Bismuth mit Where is Rocky II? in der Lokremise.
Bilder: Stefan Rohner
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