Kategorie
Autor:innen
Jahr

Das Museum als Möglichkeits-Ort

«Ein Museum ist nicht ein Gebäude. Es ist eine Beziehung.» Gute Sätze wie diese hat man am Mittwochabend im St.Galler Kulturkonsulat gehört: Der neue Kurator am Kunstmuseum St.Gallen, Lorenzo Benedetti, stellte sich im Gespräch vor.
Von  Peter Surber
Nadia Veronese, Lorenzo Benedetti und Kristin Schmidt (von links) im Nextex im Kulturkonsulat. (Bilder: Stefan Rohner)

Seit einem Monat ist der Italiener Lorenzo Benedetti in St.Gallen tätig, als Nachfolger von Koni Bitterli. Und er hat einen guten Eindruck der Kunststadt St.Gallen gewonnen, wie er im Gespräch mit Museums-Kollegin Nadia Veronese und Gesprächsleiterin Kristin Schmidt sagte. Eingeladen hatten der Projektraum Nextex und Saiten, und das grosse Publikumsinteresse zeigte: Man ist gespannt auf «den Neuen».

«Das Museum ist Teil der Stadt»

Unterschiedlichste Kunstorte, eine lebendige Szene mit vielen Leuten, «die Kunst machen und Kunst denken», und ein Museum mit Ausstellungen auf hohem Niveau: So etwa umschrieb Benedetti seine ersten Eindrücke von St.Gallen. Das er allerdings schon kannte – die Qualität des Museums sei ausschlaggebend gewesen für seinen Wechsel nach St.Gallen. Ausserdem schätze er die Grenznähe («nicht ganz im Zentrum zu sein, ist gut für die Kunst») und die Vielsprachigkeit der Schweiz. Sie entspreche den vielen Sprachen, die die Kunst spricht.

Zuvor war Benedetti in Rom, in Deutschland und in den Niederlanden tätig, zuletzt am De Appel Amsterdam, einem Kunstraum, der als Antwort auf die Infragestellung des traditionellen Museums in den Sechziger- und Siebzigerjahren gegründet worden sei. Die Bildende Kunst tat sich zusammen mit Video, mit Performances, mit Figurentheater, mit Musik und anderen Sparten: «Für diese neue Kunstsprache brauchte es neue Räume.»

Ähnlich offen klingen auch Benedettis Ideen, was Kunst sei und was «Ausstellen» im 21. Jahrhundert bedeutet. Ein Museum sei ein Ort der Gemeinschaft und der Beziehung, ein Teil der Stadt. Kunst sei immer Aufbruch und Entwicklung, Auseinandersetzung mit der Gesellschaft, mit anderen Sparten. Und der Kurator habe dabei die Rolle des Übersetzers.

«Die Qualität muss stimmen»

Was das für das St.Galler Kunstmuseum im Stadtpark und seine spektakuläre Dependance in der Lokremise bedeuten könnte, blieb an dem Abend allerdings vage. Nadia Veronese erinnerte an die neue Situation: Die Ausstellungsfläche im Stadtpark hat sich mit dem Auszug des Naturmuseums verdoppelt. Im Erdgeschoss sind neue Räume hinzugekommen, hier ist jetzt erstmals eine semi-permanente Dauerausstellung mit Werken aus der Sammlung zu sehen.

Und das Untergeschoss, das sich viele Kunstschaffende als «Labor» und Ort des Experiments erhoffen, wie im Februarheft von Saiten zu lesen war? Es soll ein Ort der Begegnung werden, sagte Nadia Veronese; erstmals im Herbst mit der Einzelausstellung von Caro Niederer. Weitere Experimente seien geplant, das Provisorium biete die Chance, sich die Räume nach und nach anzueignen, doch müsse die Qualität gesichert sein, sagten beide übereinstimmend. Und hoffen, trotz Lust am Experiment, auf einen baldigen Umbau.

Das klassizistische Museum, wie es der Kunklerbau in St.Gallen repräsentiert, sieht Benedetti als eine Art Tempel, mit schwerer Tür und strengen Räumen, in dem sich die Kunst als zeitlos und konservierbar behauptete. «Diese Architektur ist eine interessante Schwierigkeit.» Heutige Bauten setzten dagegen auf Offenheit und schnellen Wechsel. Auch solche modernen Räume wie die Lokremise mit ihrer riesigen Fläche seien aber eine Herauforderung.

«Man reibt sich daran, man muss auf den Raum reagieren», sagt auch Nadia Veronese.  Zuletzt habe dies im Kunstmuseum Loredana Sperini erfolgreich getan.

Das Publikum im Nextex in der Ausstellung Salve! vor dem Werk von Mirjam Kradolfer.

Ein «Ort der Möglichkeiten»

Schliesslich die Gretchenfrage: Wie hältst Du’s mit der Region? Benedetti ist ein neugieriger Mensch, das war an dem Abend spürbar, er geht auf die Leute zu, die Beziehung zu den Künstlerinnen und Künstlern sei zentral für ein Museum, sagt er. Aber es wäre falsch, «künstlich» zu trennen zwischen dem internationalen und einem regional ausgerichteten Programm. Die Balance müsse stimmen. Und die Qualität.

Insbesondere die Konstellation in der Lokremise, unter einem Dach mit Theater und Kino und nah am Bahnhof, sei vielversprechend. Benedetti kann sich Kooperationen mit Leuten aus Theater, Performance und anderen Sparten vorstellen. Kunst funktioniere interdisziplinär, ein Museum sei nichts Statisches, sondern eine bewegte Situation, immer im Übergang, immer im Aufbruch, auch aus dem Gebäude heraus. «Das Museum der Zukunft ist ein Ort der Möglichkeiten.»

Im Sommer wird die erste von Lorenzo Benedetti kuratierte Ausstellung zu sehen sein, aufgegleist allerdings noch von seinem Vorgänger: der französische Künstler und Filmer Pierre Bismuth mit Where is Rocky II? in der Lokremise.

Bilder: Stefan Rohner

Jetzt mitreden:
Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Dein Kommentar wird vor dem Publizieren von der Redaktion geprüft.

Vie­le For­mu­la­re, zwei Ge­sprä­che und ei­ne Power­point-Prä­sen­ta­ti­on

An­ja Wein leb­te be­reits 18 Jah­re in der Schweiz, als sie sich ge­mein­sam mit ih­rer Fa­mi­lie ent­schied, sich ein­zu­bür­gern. Es war ein lo­gi­scher Schritt. Das Ver­fah­ren war es nicht im­mer.

Von  Andi Giger
260722 illustration einbuergerung 2

Neues Buch

Zwi­schen Cha­os und Hoff­nung – La­ra Stolls Gun­ni

Von  Kathrin Reimann
215790

Ein aus­ser­ge­wöhn­li­ches Ge­spür für künst­le­ri­sche Qua­li­tät

Be­reits 1971 er­öff­ne­te Ur­su­la Krin­zin­ger ih­re ers­te Ga­le­rie in Bre­genz. Bis heu­te prägt sie die Kunst­sze­ne weit über die Bo­den­see­re­gi­on hin­aus. Nun be­fasst sich die Bre­gen­zer Som­mer­aus­stel­lung im Pa­lais Thurn und Ta­xis mit der Ga­le­ris­tin.

Von  Sieglinde Wöhrer
Ursula K dez2018 27 A9595

Die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps – Teil 5

Bis zum En­de der Som­mer­fe­ri­en prä­sen­tiert Sai­ten wö­chent­lich Kul­tur­tipps aus der Re­gi­on. Teil 5: Emil Brun­ner – «Berg Kind Welt», Ra­pid Open­air und Kul­tur­ufer. 

Von  Redaktion Saiten
DSC05051 Kopie copy

FC St.Gal­len vs. FC Zü­rich 2:1 – Ers­te drei Punk­te im Tro­cke­nen

Der Spa­gat zwi­schen eu­ro­päi­schen Näch­ten und bie­de­rem Su­per­league All­tag ist oft schwer. So auch heu­te. Ei­ne Leis­tungs­stei­ge­rung und die rich­ti­gen Wech­sel in der zwei­ten Halb­zeit rei­chen aber für die ers­ten drei Punk­te der Sai­son. 

Von  SENF Kollektiv
Senf

Bren­nen­de Wa­den und leuch­ten­de Kat­zen

In leich­ten Pas­tell­tö­nen und dunk­len Öl­far­ben setzt sich der deut­sche Künst­ler Mar­cel Hüpp­auff mit dem Pro­fi­rad­sport aus­ein­an­der. Da­bei tre­ten in sei­ner Schau im Chambre Di­rec­te-Schubi­ger in St.Gal­len nicht nur Men­schen, son­dern auch Kat­zen in die Pe­da­le.

Von  Vera Zatti
IMG 0330

Ein Wer­den­ber­ger Po­lit­star – lau­fend, stri­ckend, stets ge­er­det

Mit Hil­de­gard Fäss­ler (1951–2026) ver­starb kurz vor ih­rem 75. Ge­burts­tag ei­ne der pro­fi­lier­tes­ten Ost­schwei­zer Po­li­ti­ke­rin­nen an den Fol­gen ei­ner schwe­ren Er­kran­kung. Nach­ruf ei­ner lang­jäh­ri­gen Weg­ge­fähr­tin.

Von  Käthi Gut
P8262285

Wo Kunst ent­steht

Ver­steckt im Sit­ter­tal pro­du­ziert die Kunst­gies­se­rei Wer­ke re­nom­mier­ter Künst­ler:in­nen. Da­bei gilt es oft, Neu­es aus­zu­pro­bie­ren und Lö­sun­gen zu fin­den – mit Zu­cker, Wachs und na­tür­lich Me­tall. Sai­ten er­hält ei­nen Ein­blick in das ver­rück­te Schaf­fen am Ran­de St.Gal­lens.

Von  Daria Frick , Bilder:  Andri Vöhringer
260708 Sitterwerk Andri Voehringer 11

FC St.Gal­len vs. Ben­fi­ca 2:1 – St.Gal­len schafft die Sen­sa­ti­on!

Der FC St.Gal­len ge­winnt ge­gen den haus­ho­hen Fa­vo­ri­ten aus Lis­sa­bon mit 2:1. Die gröss­te Sen­sa­ti­on, die die­ses Sta­di­on je ge­se­hen hat. Das Spiel zum Nach­le­sen im SENF-Ti­cker.

Von  SENF Kollektiv
Senf

Die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps – Teil 4

Bis zum En­de der Som­mer­fe­ri­en prä­sen­tiert Sai­ten wö­chent­lich Kul­tur­tipps aus der Re­gi­on. Teil 4: Cy­prien Gail­lard – «When you ex­pect flu­tes, it whist­les», «Komm Glüückck» und Je­re­my Reeds Buch Du stirbst nur zwei­mal – Ein Syl­via Plath-/Vic­to­ria Lu­cas-Ro­man.

Von  Redaktion Saiten
260708 Sommertipps Emma Kunzs grotte copy

Kolumne: Heppelers Bestiarium

Flip­per im Mi­li­tär­dienst

Von  Jeremias Heppeler

Bad­hüt­te Ror­schach: Re­kon­struk­ti­on bis zum Tür­schar­nier

Die Bau­plä­ne sind ge­zeich­net, das Bau­ge­such liegt zur Vor­prü­fung bei der Stadt – doch noch ist ei­ni­ges rund um den Wie­der­auf­bau der Ror­scha­cher Bad­hüt­te zu klä­ren. Was pas­siert zum Bei­spiel mit all den an­ge­ros­te­ten und teils ver­bo­ge­nen Schar­nie­ren, Schlös­sern und an­de­ren Ei­sen­tei­len, die die Tau­cher aus dem See her­auf­ge­bracht ha­ben?

Von  René Hornung
Badhuette rorschach

«Sie wis­sen, dass ih­nen Ge­fäng­nis oder der Tod droht, wenn sie an Pro­tes­ten teil­neh­men. Und sie tun es trotz­dem.»

Moh­sen Ma­sou­di ist 2022 aus dem Iran in die Schweiz ge­flo­hen. Heu­te lebt er in Stein AR und ist Teil der Exil-Op­po­si­ti­on. Er er­zählt, war­um es die Schlies­sung der ira­ni­schen Bot­schaft braucht und was sich mit den Pro­tes­ten An­fang Jahr ver­än­dert hat.

Von  Matthias Fässler , Bilder:  Sara Spirig
260708 Redeplatz Mohsen Masoudi

Ein Pi­ra­ten­schiff am Bo­den­see­ufer

Das See-Burg­thea­ter macht aus sei­ner Pi­ra­tin­nen­ge­schich­te Die Le­gen­de von An­ne Bon­ny ein akro­ba­ti­sches Spek­ta­kel vom Feins­ten. Bei al­ler Som­mer­thea­ter-Leich­tig­keit hät­te man aber doch ein biss­chen mehr Eman­zi­pa­ti­ons­ge­schich­te er­war­tet.  

Von  Maria Schorpp
Piratencrew Bildnachweis Ilja Mess

Ei­ne ein­ma­li­ge Ge­burts­tags­par­ty

Zu sei­nem 20. Ge­burts­tag hat das Kul­tur­fes­ti­val am Wo­chen­en­de Bands aus St.Gal­len und der Re­gi­on zu ei­nem zwei­tä­gi­gen Kon­zert­fest ein­ge­la­den. Die­ses war so viel­fäl­tig wie ge­lun­gen – auch we­gen der Idee, Co­vers aus der Grün­dungs­zeit des Fes­ti­vals in die Sets ein­zu­bau­en. 

Von  David Gadze
Kulturfestival 20 Jahre Jubilaeum 2026 Kasimir Hoehener

Bregenzer Festspiele

Mehr als die See­büh­ne: Ent­de­ckun­gen an den Bre­gen­zer Fest­spie­len

Von  Nathalie Grand
Pressetag broucek anjakoehler 260236

Die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps – Teil 3

Bis zum En­de der Som­mer­fe­ri­en prä­sen­tiert Sai­ten wö­chent­lich Kul­tur­tipps aus der Re­gi­on. Teil 3: «Was der Kai­ser noch sah», Olaf Breu­ning – «Hu­mans» und Oria­na Bruseghi­ni  – Das ver­las­se­ne Ret­tungs­boot. 

Von  Redaktion Saiten
260708 Sommertipps Colazione Sull Erba Pfister Noemi copy

Von Mo­de und Kör­pern

Wie setzt Fo­to­gra­fie Mo­de in Sze­ne? Und wer fo­to­gra­fiert da­bei ei­gent­lich wen? Das Tex­til­mu­se­um St.Gal­len gibt mit «Mi­se en Scè­ne» Ein­bli­cke in 120 Jah­re Mo­de­ge­schich­te. Es ist die letz­te Schau vor dem Mu­se­umsum­bau. 

Von  Vera Zatti
TMF 22 4 1 V

«Ich ma­che das für al­le, die auf ei­nen Ent­scheid war­ten.»

Seit elf Ta­gen be­fin­det sich Ve­lat Ay­din vor dem Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt in St.Gal­len im Hun­ger­streik. Im Ge­spräch mit Sai­ten er­zählt der Kur­de, wo­her er kommt und wes­halb po­li­ti­scher Ak­ti­vis­mus so wich­tig ist.

Von  Daria Frick
DSC 6579

Lus­ti­ges Mas­sen­ar­ten­ster­ben

Die St.Gal­ler Fest­spie­le sind vor­bei. Oper war in­door, draus­sen im Stadt­park spiel­te die End­zeit­ko­mö­die Pla­net B. Näh­me man die Bot­schaft des Stücks ernst, müss­te die Fest­spiel-Oper auch künf­tig res­sour­cen­scho­nend drin­nen blei­ben.

Von  Peter Surber
Festspiele planet b tanja dorendorf 1095