«Salve»: Der Titel passt zur aktuellen Ausstellung ebenso wie zum Gespräch, zu dem Nextex gemeinsam mit Saiten einlädt. In der Ausstellung zeigen Kunstschaffende mit Bezug zu Italien ihre Arbeiten in den neuen Räumen des Nextex, dem ehemaligen italienischen Konsulat, das seit Anfang Jahr als temporäres Kulturkonsulat betrieben wird.
Benvenuti! Lorenzo Benedetti und Nadia Veronese im Gespräch mit Kristin Schmidt: 1. März, 19.30 Uhr, Frongartenstrasse 9, St.Gallen
Da trifft es sich gut, dass der neue Kurator am St.Galler Kunstmuseum seinerseits aus Italien stammt: Lorenzo Benedetti, 44jährig, ist seit einem Monat an der Arbeit in St.Gallen, als Nachfolger von Koni Bitterli, der als Direktor an das Kunstmuseum Winterthur wechselt. Und um die Italianità vollständig zu machen: Auch Kunstmuseums-Kuratorin Nadia Veronese hat italienische Wurzeln. Grund genug, sie im Ausstellungsraum Nextex an einen Tisch zu bitten. Das Gespräch mit Veronese und Benedetti führt Kristin Schmidt, Co-Leiterin der Fachstelle Kultur der Stadt St.Gallen.
«Gute Kunst braucht keinen grossen Ort»
Lorenzo Benedetti, geboren 1972 in Rom, lebt in Paris und ist schwergewichtig in den Niederlanden tätig. Er war als Kurator am Museum MARTA im deutschen Herford (2006-2008) tätig, anschliessend Direktor des Museums De Vleeshal in Middelburg. 2013 betreute er den Niederländischen Pavillon an der Biennale di Venezia, 2014-2016 war er Direktor des De Appel Arts Centre in Amsterdam, dessen oberste Leitung sich nach anderthalb Jahren überraschend und unter lauten Protesten der Kunstszene von ihm trennte.
Warum nicht Italien? Dort gebe es zwar gute Museen und auch Geld, aber zu wenig Verständnis der Politik für die Ausstellungsmacher, sagte Benedetti nach seiner Wahl gegenüber dem Portal artribune.com.
Lorenzo Benedetti. (Bild: artnet)
Und auf die Frage, was ihn bewege, nach St.Gallen zu kommen, antwortete Lorenzo Benedetti im Interview auf saiten.ch: «Die Qualität des Kunstmuseums ist für mich der entscheidende Grund. Gute Kunst braucht keinen grossen Ort, aber sie braucht gute Museumsarbeit. Das St.Galler Kunstmuseum bietet seit vielen Jahren ein qualitativ hochstehendes Programm. Hinzu kommt: St.Gallen liegt zentral in Europa, Österreich und Deutschland sind nah. Kunst gehört in die Nähe der Grenzen.»
Er habe lange Zeit an Orten in der Peripherie gearbeitet. «In der globalisierten Gegenwart ist das Zentrum überall – beziehungsweise: Das Zentrum für gute Kunst ist dort, wo Qualität und intelligente Programmierung stattfindet.» Das ganze Gespräch hier.
Schlaflos im Kunst-Universum
«Heimat ist für mich der Ort, an dem ich gerade bin»: Eigenwillige Einblicke in eine ganz andere Kuratorenexistenz bietet das Interview, das thurgaukultur.ch unlängst mit dem im Thurgau aufgewachsenen Ausstellungsmacher Hans-Ulrich Obrist geführt hat. Obrist, umtriebiger Star der internationalen Kuratorenszene, äussert sich darin unter anderem über den 7/24-Job, den er ausübt. Wie das geht? Mit wenig Schlaf und mit dem Einsatz eines Obrist’schen Zwillings, der nachts weiterarbeitet, wenn der Kurator dann doch einmal aufs Ohr legen muss: «Ich arbeite tagsüber in meinem Büro wie jeder andere auch, und nachts erledigt mein Nacht-Assistent die weitere Arbeit, während ich schlafe. Das ist ein gutes Rezept, um den Tag zu verdoppeln und die Produktivität aufrecht erhalten, ohne dabei erschöpft zu sein.»
Zu seinen Initiationen, erzählt Obrist im Interview, gehörte der Besuch der Stiftsbibliothek St.Gallen oder die Begegnung mit dem Aussenseiter-Künstler und Blumenverkäufer Hans Krüsi. Seine erste Ausstellung veranstaltete er 1991 in der Küche seiner Studentenwohnung in St. Gallen. Künstler wie Fischli & Weiss, Hans-Peter Feldmann oder Roman Signer präsentierten ihre Werke zwischen Kühlschrank und Spülbecken. «In der aufgeregten Kunstwelt gilt diese Ausstellung heute als kleiner Meilenstein, weil sie die Grenze zwischen Kunst und Alltag verschob, auch wenn damals, wie Obrist zugibt, nur 29 Besucher kamen», so die «Süddeutsche Zeitung» 2015 in einem Porträt.
«Es geht um Rituale»
Aus dem Interview von thurgaukultur-Redaktor Michael Lünstroth erfährt man auch, was eine gute Ausstellung ausmacht. Obrist: «Eine gute Ausstellung muss wie ein ‚blue ocean‘ sein, etwas, das man so noch nirgendwo anders gesehen hat. Sie muss für alle Felder der Künste offen sein, herkömmliche Formate durchbrechen und wie ein Virus alle intellektuellen Sphären kontaminieren. Sie muss eine Erfahrung sein, die man nicht vor dem Bildschirm machen kann. Das wird immer wichtiger. Denn die Leute verbringen heute so viel Zeit vor ihren Smartphones und Tablets, dass sie jetzt nach etwas Anderem suchen. Etwas, das sie dort eben nicht finden und erfahren können. In diesem Sinne sind Ausstellungen wichtig als ein multisensorischer Erlebnisraum. Es geht dabei nicht nur ums Visuelle, sondern auch um das Taktile. Es geht um Rituale. Mit anderen Worten: Gute Ausstellungen sind neue Rituale, die grossartige Erfahrungen ermöglichen.»
Das vollständige Interview hier.
Viele Anregungen also – was Lorenzo Benedetti und Nadia Veronese in St.Gallen für Ausstellungskonzepte haben, wird man am Mittwoch im Gespräch im Nextex erfahren oder erfragen können. Der Ausstellungsraum «Salve» mit Werken von Katalin Deér, Mirjam Kradolfer und Angela Marzullo sowie Bildern aus der Ausstellung «Ricordi e Stima» bietet seinerseits Stoff für eine lebhafte Kunst-Diskussion – ebenso wie das Saiten-Titelthema in der Februar-Ausgabe, das dem Kunstmuseum St.Gallen und dessen Potential nach dem Auszug des Naturmuseums gewidmet ist.
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