Gegenstände erzählen Geschichte. Zum Beispiel die Benin-Bronzen, eine der weitherum bekannten Kostbarkeiten in der St.Galler Völkerkundesammlung. Früher hätte man sie «einfach» ausgestellt und bewundert – heute erfährt man dank kurzen Infotexten zusätzlich: 1897 hatten die Briten im Zug einer Strafaktion den Königspalast von Benin geplündert, zahlreiche Kunstwerke fanden so den Weg auf den europäischen Kunstmarkt. 40 Jahre später «konnte sich St.Gallen zwei dieser Bronzen ergattern», wie Peter Müller, der Provenienzforscher des Museums, bei einem Medienrundgang erklärte.
Legal erworben zwar – «wir sitzen nicht auf blutgetränkter Raubkunst» –, sind die Bronzen dennoch Zeugnisse einer Geschichte des Imperialismus und Kolonialismus, die sich in der hiesigen wie in jeder europäischen Völkerkundesammlung widerspiegelt. «Die Objekte sind Botschafter von problematischen historischen Entwicklungen», sagt Müller.
Antworten und viele neue Fragen
Solche Zusammenhänge versuchen Müller und Sammlungsleiter Achim Schäfer in der Neupräsentation der Sammlung aufzuzeigen. Das gelingt unterschiedlich, weil zahlreiche Objekte (rund 250 von insgesamt 20’000 sind ausgestellt) schlecht erschlossen sind. «Das Chaos des Sammelns» ist eine der Vitrinen im neugestalteten Ausstellungsraum denn auch betitelt – man wisse vieles nicht, sagen Müller und Schäfer und machen aus der Not eine Tugend: Sie stellen in der Ausstellung selber Fragen an die eigene Tätigkeit und ans Publikum.
Vieles haben die Ausstellungsmacher aber auch herausgefunden – so die Lebensgeschichten der diversen Sammlerinnen und Sammler. Nicht nur Kaufleute und Missionare waren darunter, sondern auch Forschungsreisende, Beamte, Politiker oder Abenteurerinnen.
Vernissage: heute Freitag, 18.30 Uhr
Oder wie der im St.Galler Waisenhaus aufgewachsene Han Coray, einer der frühesten Sammler afrikanischer Kunst, dem das Museum unter anderem die grosse holzgeschnitzte Nkisi-Figur der Songye aus Zentralafrika verdankt. Auch hier aber überwiegen die Fragen: Man weiss, dass die Figur kultischen Zwecken diente und gefüttert wurde, dank einem komplizierten Bauplan im Innern – aber Detailkenntnisse über die Bedeutung fehlen.
Ausführliches erfährt man dafür über ein weiteres, hier erstmals in aller Pracht präsentiertes Sammlungsfeld: den Federschmuck der indigenen Völker Amazoniens.
Die Vitrine als Volière
Darunter seien Stücke von grösstem Seltenheitswert. Neben den kunstvoll hergestellten Kopf- und sonstigen Ziergegenständen sind die Federlieferanten ausgestellt: Präparate von Papageien aus dem Naturmuseum. Die Vitrine als Volière – das bietet spektakuläre Schaulust und wird ergänzt um einen Film, der einen der letzten noch tätigen Federschmuck-Künstler bei der Arbeit zeigt. Für Ausstellungsleiter Achim Schäfer ist zentral, dass die Schau nicht nur den Dingen, sondern auch den Menschen und ihrer grandiosen, oft mit einfachsten Werkzeugen ausgeführten Tätigkeit Respekt zollt.
Ein Begleitheft informiert über rund zwei Dutzend Sammlerinnen und Sammler, die seit Mitte des 19. Jahrhunderts in aller Welt unterwegs waren und aus unterschiedlichsten Motiven die heute in St.Gallen vorhandenen «Welten» sammelten: aus Neugier und Faszination fürs Fremde, aus kolonialer Überheblichkeit oder aus Geschäftstüchtigkeit. Es sind Leute wie die Reiseschriftstellerin und Sammlerin Lina Bögli oder die Malerin und Saharareisende Trudi Schneebeli, der Fotograf August Täschler, der Geologe Arnold Heim, die Missionsärztin Bertha Hardegger oder der Thurgauer August Künzler, der als Tierhändler in Tanzania Karriere machte.
Frühzeit der Globalisierung
Damit sei die Völkerkundesammlung zugleich ein Stück Stadt- und Ostschweizgeschichte: Sie verdanke ihre Existenz vorrangig der St.Galler Stickereiblüte, stellen Müller und Schäfer klar. Bis zu deren Ende im Ersten Weltkrieg war die Stadt «eine kleine Weltstadt» mit weitverzweigten Handelsbeziehungen, mit Verkehr aus der Stadt in die Welt und umgekehrt. Von dieser Frühzeit der Globalisierung zeugen neben den Gegenständen der Sammlung auch Dokumente, die Müller in einer Ecke der Ausstellung präsentiert – von der «Negerin», die Ende des 19. Jahrhunderts ein paar Wochen im Neubädli serviert hat und als Attraktion in einem Inserat angekündigt wird, bis zum Kampf um die Umbenennung der Krügerstrasse im Lachenquartier.
«St.Gallen und der Kolonialismus» – diese Geschichte sei allerdings erst lückenhaft aufgearbeitet, trotz dem Sklavereibuch von Hans Fässler oder trotz Einzelforschungen etwa zur 1878 gegründeten Ostschweizerischen geographisch-commerciellen Gesellschaft (OGCG). Der neue Ausstellungssaal, der die bereits letzten Herbst eröffnete Ausstellung über Indianer und Inuit ergänzt, bietet Mosaiksteine zu dieser Geschichte und lädt zum Weiterdenken und -forschen ein.
Wie zweischneidig es seit jeher war und ist, die «exotischen» Welten hierher zu verpflanzen, kommt in einem Brief der Missionsarin Helene Haegele-Schlatter zum Ausdruck. 1937 schildert sie dem damaligen St.Galler Museumsdirektor Krucker, wie schwierig es sei, in Ghana an «Afrikagegenstände» heranzukommen. Sogar den König habe sie damit behelligt, doch der wiegelte ab: «Er könne auch nicht das Kleinste weggeben, weil alles seine Geschichte habe».
Am Donnerstag ging für den FCSG der europäische Traum zu Ende. Wie gehen die Espen damit um? Das Spiel gegen den amtierenden Meister dürfte Aufschlüsse geben – live im SENF-Ticker ab 16.30 Uhr.
Nach Jahrzehnten treffen sich Eva und Franz wieder. Beide im fortgeschrittenen Alter. Viel ist passiert und doch ist da noch Zuneigung. Schwindlig heisst der neue Roman der Ostschweizer Autorin Christine Fischer, in dem vielschichtige Charaktere auf feines Sprachgefühl treffen.
Dieses Wochenende eröffnet die offene Werkstatt Meter den neuen Standort an der Burgstrasse. Und im November zügelt Offcut nach St.Fiden. Das ist der Anfang vom Ende der Gemeinschaft «Ulmen5» – zumindest in ihrer bisherigen Form. Denn 2027 könnte es zur teilweisen Wiedervereinigung kommen.
Eine neue SRF-Serie porträtiert eine elfköpfige WG aus St.Gallen. Endlich wieder mal eine sehenswerte SRF-Produktion, findet Saiten-Autor Andi Giger.
St. Gallen schlägt sich am Ende auch selbst und muss den Traum von Europa begraben. Entscheidend war er Platzverweise gegen Mihailo Stevanovic vor der Pause.
Drei Kulturmagazine tun sich zusammen, vergleichen ihre Städte und die Herausforderungen, denen die Kultur gegenübersteht. Saiten hat die Kolleg:innen vom «Coucou» in Winterthur besucht und das «Null41» war in St.Gallen zu Besuch. Ausserdem im Septemberheft: lauter Jubiläen – von Anita Zimmermann über das Figurentheater bis zur Museumsnacht –, ein Pfarrer auf braunen Abwegen, eine Flaschenpost aus Afghanistan und ein Interview zum Hitzesommer und dem Klimawandel.
An seiner ersten Pressekonferenz als Leiter der St.Galler Kellerbühne schildert Hüseyin Cirpici seine Eindrücke der Stadt und verrät, was das Publikum unter seiner Regie erwartet.
Der St.Galler Komponist Charles Uzor hat eine Art politisches Oratorium geschrieben. Am Sonntag wurde es in der Kirche Trogen aufgeführt: The Great Wall. A Labyrinth mit dem grandiosen New Yorker Vokalensemble Ekmeles.
An den Appenzeller Bachtagen erklärte die Medienwissenschaftlerin Mercedes Bunz, weshalb die künstliche Intelligenz kreativ sein kann – und warum sie dennoch grundlegend anders arbeitet als der Mensch.
Kunstausstellung
Gesellschaftskritik, Wirbelsäulen und Gelenke, die keine sind. Im Rahmen einer Zwischennutzung zeigen vier Kunstschaffende noch bis zum 29. August ihre Arbeiten im Kubik-Areal in St. Gallen.
Die Kultur hat keine Lobby? Am Stadtkulturgespräch vom Donnerstagabend im Talhof war sie da: Vertreter:innen von acht Berufsverbänden stellten sich vor. Brennendstes Thema waren einmal mehr die Honorare.
Im Kunst Kontor Rorschach lud der Künstler Felix Stöckle zu einem Dinner, einer Ausstellung, einem Happening – zwischen Fine Dining, Keramik, popkulturellen Referenzen und der alten Idee eines geteilten Tisches.
Nach zehn Jahren in der Schweiz wollte sich Samira Rahim mit ihrer Familie einbürgern lassen. Die zahlreichen bürokratischen Hindernisse und die hohen Kosten brachten die Familie zeitweise fast dazu, aufzugeben.
Berlingen hat eine neue Methode der Interessenabwägung entwickelt: eine Analyse des Ortsbilds als Grundlage, um die wertvolle Baukultur zu erhalten und gleichzeitig die Innenentwicklung voranzubringen. Nun steht die Verankerung in der Ortsplanung an.
SP-Mann Peter Jans tritt Ende Juni 2027 aus der St.Galler Stadtregierung zurück. In seiner Partei startet die Suche nach einer Nachfolge mit einem klaren Favoriten. Bei den Bürgerlichen sind Schmiede für eine grosse Allianz gefragt.
Im Botanischen Garten St.Gallen geht es ab nächsten Samstag wundersam zu und her: Künstler:innen aus verschiedenen Sparten laden zum szenischen Rundgang unter dem Titel In der Dämmerung wächst ein Flüstern. Ein Probenbesuch.
Der Dramatiker Andreas Sauter liest am 27. August im Literaturhaus Thurgau aus seinem unfertigen Manuskript Einbruch der Wildnis. Im Zentrum des Werks steht die Frage, was es für einen gesellschaftlichen Wandel braucht.
Die deutsche Filmemacherin Regina Schilling bringt zum 100. Geburtstag von Ingeborg Bachmann Jemand, der einmal ich war ins Kino. Der Dokumentarfilm verknüpft grossartige Archivaufnahmen mit fiktionalen Szenen aus dem letzten Lebensjahr der Dichterin zu einem zugänglichen Plot.
Die SVP macht seit Wochen Stimmung gegen die geplante neue Moschee der albanisch-islamischen Gemeinschaft El-Hidaje in St.Gallen. Anlässlich eines öffentlichen Rundgangs der SP stellten die Verantwortlichen das Projekt vor – und räumten mit vielen Vorurteilen auf.