Kategorie
Autor:innen
Jahr

Objekte mit Kolonialhintergrund

Das St.Galler Völkerkundemuseum eröffnet seinen zweiten Saal mit Objekten von Ägypten bis Polynesien neu. Und zeigt darin Verbindungen der Ostschweiz zur Kolonialgeschichte auf.
Von  Peter Surber
Ein Federschmuck der Wachiperi aus Peru. (Bild: Historisches und Völkerkundemuseum)

Gegenstände erzählen Geschichte. Zum Beispiel die Benin-Bronzen, eine der weitherum bekannten Kostbarkeiten in der St.Galler Völkerkundesammlung. Früher hätte man sie «einfach» ausgestellt und bewundert – heute erfährt man dank kurzen Infotexten zusätzlich: 1897 hatten die Briten im Zug einer Strafaktion den Königspalast von Benin geplündert, zahlreiche Kunstwerke fanden so den Weg auf den europäischen Kunstmarkt. 40 Jahre später «konnte sich St.Gallen zwei dieser Bronzen ergattern», wie Peter Müller, der Provenienzforscher des Museums, bei einem Medienrundgang erklärte.

Legal erworben zwar – «wir sitzen nicht auf blutgetränkter Raubkunst» –, sind die Bronzen dennoch Zeugnisse einer Geschichte des Imperialismus und Kolonialismus, die sich in der hiesigen wie in jeder europäischen Völkerkundesammlung widerspiegelt. «Die Objekte sind Botschafter von problematischen historischen Entwicklungen», sagt Müller.

Antworten und viele neue Fragen

Solche Zusammenhänge versuchen Müller und Sammlungsleiter Achim Schäfer in der Neupräsentation der Sammlung aufzuzeigen. Das gelingt unterschiedlich, weil zahlreiche Objekte (rund 250 von insgesamt  20’000 sind ausgestellt) schlecht erschlossen sind. «Das Chaos des Sammelns» ist eine der Vitrinen im neugestalteten Ausstellungsraum denn auch betitelt – man wisse vieles nicht, sagen Müller und Schäfer und machen aus der Not eine Tugend: Sie stellen in der Ausstellung selber Fragen an die eigene Tätigkeit und ans Publikum.

Vieles haben die Ausstellungsmacher aber auch herausgefunden – so die Lebensgeschichten der diversen Sammlerinnen und Sammler. Nicht nur Kaufleute und Missionare waren darunter, sondern auch Forschungsreisende, Beamte, Politiker oder Abenteurerinnen.

Vernissage: heute Freitag, 18.30 Uhr

Oder wie der im St.Galler Waisenhaus aufgewachsene Han Coray, einer der frühesten Sammler afrikanischer Kunst, dem das Museum unter anderem die grosse holzgeschnitzte Nkisi-Figur der Songye aus Zentralafrika verdankt. Auch hier aber überwiegen die Fragen: Man weiss, dass die Figur kultischen Zwecken diente und gefüttert wurde, dank einem komplizierten Bauplan im Innern – aber Detailkenntnisse über die Bedeutung fehlen.

Ausführliches erfährt man dafür über ein weiteres, hier erstmals in aller Pracht präsentiertes Sammlungsfeld: den Federschmuck der indigenen Völker Amazoniens.

Die Vitrine als Volière

Darunter seien Stücke von grösstem Seltenheitswert. Neben den kunstvoll hergestellten Kopf- und sonstigen Ziergegenständen sind die Federlieferanten ausgestellt: Präparate von Papageien aus dem Naturmuseum. Die Vitrine als Volière – das bietet spektakuläre Schaulust und wird ergänzt um einen Film, der einen der letzten noch tätigen Federschmuck-Künstler bei der Arbeit zeigt. Für Ausstellungsleiter Achim Schäfer ist zentral, dass die Schau nicht nur den Dingen, sondern auch den Menschen und ihrer grandiosen, oft mit einfachsten Werkzeugen ausgeführten Tätigkeit Respekt zollt.

Ein Begleitheft informiert über rund zwei Dutzend Sammlerinnen und Sammler, die seit Mitte des 19. Jahrhunderts in aller Welt unterwegs waren und aus unterschiedlichsten Motiven die heute in St.Gallen vorhandenen «Welten» sammelten: aus Neugier und Faszination fürs Fremde, aus kolonialer Überheblichkeit oder aus Geschäftstüchtigkeit. Es sind Leute wie die Reiseschriftstellerin und Sammlerin Lina Bögli oder die Malerin und Saharareisende Trudi Schneebeli, der Fotograf August Täschler, der Geologe Arnold Heim, die Missionsärztin Bertha Hardegger oder der Thurgauer August Künzler, der als Tierhändler in Tanzania Karriere machte.

Frühzeit der Globalisierung

Damit sei die Völkerkundesammlung zugleich ein Stück Stadt- und Ostschweizgeschichte: Sie verdanke ihre Existenz vorrangig der St.Galler Stickereiblüte, stellen Müller und Schäfer klar. Bis zu deren Ende im Ersten Weltkrieg war die Stadt «eine kleine Weltstadt» mit weitverzweigten Handelsbeziehungen, mit Verkehr aus der Stadt in die Welt und umgekehrt. Von dieser Frühzeit der Globalisierung zeugen neben den Gegenständen der Sammlung auch Dokumente, die Müller in einer Ecke der Ausstellung präsentiert – von der «Negerin», die Ende des 19. Jahrhunderts ein paar Wochen im Neubädli serviert hat und als Attraktion in einem Inserat angekündigt wird, bis zum Kampf um die Umbenennung der Krügerstrasse im Lachenquartier.

«St.Gallen und der Kolonialismus» – diese Geschichte sei allerdings erst lückenhaft aufgearbeitet, trotz dem Sklavereibuch von Hans Fässler oder trotz Einzelforschungen etwa zur 1878 gegründeten Ostschweizerischen geographisch-commerciellen Gesellschaft (OGCG). Der neue Ausstellungssaal, der die bereits letzten Herbst eröffnete Ausstellung über Indianer und Inuit ergänzt, bietet Mosaiksteine zu dieser Geschichte und lädt zum Weiterdenken und -forschen ein.

Wie zweischneidig es seit jeher war und ist, die «exotischen» Welten hierher zu verpflanzen, kommt in einem Brief der Missionsarin Helene Haegele-Schlatter zum Ausdruck. 1937 schildert sie dem damaligen St.Galler Museumsdirektor Krucker, wie schwierig es sei, in Ghana an «Afrikagegenstände» heranzukommen. Sogar den König habe sie damit behelligt, doch der wiegelte ab: «Er könne auch nicht das Kleinste weggeben, weil alles seine Geschichte habe».

Jetzt mitreden:
Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Dein Kommentar wird vor dem Publizieren von der Redaktion geprüft.

Ein Pi­ra­ten­schiff am Bo­den­see­ufer

Das See-Burg­thea­ter macht aus sei­ner Pi­ra­tin­nen­ge­schich­te Die Le­gen­de von An­ne Bon­ny ein akro­ba­ti­sches Spek­ta­kel vom Feins­ten. Bei al­ler Som­mer­thea­ter-Leich­tig­keit hät­te man aber doch ein biss­chen mehr Eman­zi­pa­ti­ons­ge­schich­te er­war­tet.  

Von  Maria Schorpp
Piratencrew Bildnachweis Ilja Mess

Ei­ne ein­ma­li­ge Ge­burts­tags­par­ty

Zu sei­nem 20. Ge­burts­tag hat das Kul­tur­fes­ti­val am Wo­chen­en­de Bands aus St.Gal­len und der Re­gi­on zu ei­nem zwei­tä­gi­gen Kon­zert­fest ein­ge­la­den. Die­ses war so viel­fäl­tig wie ge­lun­gen – auch we­gen der Idee, Co­vers aus der Grün­dungs­zeit des Fes­ti­vals in die Sets ein­zu­bau­en. 

Von  David Gadze
Kulturfestival 20 Jahre Jubilaeum 2026 Kasimir Hoehener

Bregenzer Festspiele

Mehr als die See­büh­ne: Ent­de­ckun­gen an den Bre­gen­zer Fest­spie­len

Von  Nathalie Grand
Pressetag broucek anjakoehler 260236

Die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps – Teil 3

Bis zum En­de der Som­mer­fe­ri­en prä­sen­tiert Sai­ten wö­chent­lich Kul­tur­tipps aus der Re­gi­on. Teil 3: «Was der Kai­ser noch sah», Olaf Breu­ning – «Hu­mans» und Oria­na Bruseghi­ni  – Das ver­las­se­ne Ret­tungs­boot. 

Von  Redaktion Saiten
260708 Sommertipps Colazione Sull Erba Pfister Noemi copy

Von Mo­de und Kör­pern

Wie setzt Fo­to­gra­fie Mo­de in Sze­ne? Und wer fo­to­gra­fiert da­bei ei­gent­lich wen? Das Tex­til­mu­se­um St.Gal­len gibt mit «Mi­se en Scè­ne» Ein­bli­cke in 120 Jah­re Mo­de­ge­schich­te. Es ist die letz­te Schau vor dem Mu­se­umsum­bau. 

Von  Vera Zatti
TMF 22 4 1 V

«Ich ma­che das für al­le, die auf ei­nen Ent­scheid war­ten.»

Seit elf Ta­gen be­fin­det sich Ve­lat Ay­din vor dem Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt in St.Gal­len im Hun­ger­streik. Im Ge­spräch mit Sai­ten er­zählt der Kur­de, wo­her er kommt und wes­halb po­li­ti­scher Ak­ti­vis­mus so wich­tig ist.

Von  Daria Frick
DSC 6579

Lus­ti­ges Mas­sen­ar­ten­ster­ben

Die St.Gal­ler Fest­spie­le sind vor­bei. Oper war in­door, draus­sen im Stadt­park spiel­te die End­zeit­ko­mö­die Pla­net B. Näh­me man die Bot­schaft des Stücks ernst, müss­te die Fest­spiel-Oper auch künf­tig res­sour­cen­scho­nend drin­nen blei­ben.

Von  Peter Surber
Festspiele planet b tanja dorendorf 1095

Zwi­schen Pon­gal und Turn­ver­ein

Sin­du­jan* lebt schon sein gan­zes Le­ben in der Schweiz. Die Ein­bür­ge­rung ist fast ab­ge­schlos­sen, war aber mit ho­hen Kos­ten und ei­nem un­an­ge­neh­men Ge­spräch ver­bun­den.

Von  Andi Giger
260707 Saiten 0807 08

Ei­ne kur­ze In­dus­trie­ge­schichg­te des Sit­ter­tals

Be­vor die Kunst Ein­zug hielt, war das Sit­ter­tal in­dus­tria­li­siert. Hier wur­de ge­stickt, ge­wirkt, ge­färbt, mer­ceri­siert – aber auch ge­streikt und ge­liebt.

Von  István Scheibler
260708 Sitterwerk Industriegeschichte Das Sittertal zu Zeiten der Motorenstickerei Rittmeyer Staatsarchiv W 054 51 D 8

Kolumne: Stimmrecht

Wer ist die ukrai­ni­sche Dia­spo­ra?

Von  Liliia Matviiv

Die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps – Teil 2

Bis zum En­de der Som­mer­fe­ri­en prä­sen­tiert Sai­ten wö­chent­lich Kul­tur­tipps aus der Re­gi­on. Teil 2: Ki­nok-Open-Air, So­lar­ki­no, Chris­ta Nä­her – «Ex­cess», Li­ving Mu­se­um, Pool­bar Fes­ti­val, Die Le­gen­de von An­ne Bon­ny und SP-Spa­zier­gän­ge. 

Von  Redaktion Saiten
260708 Sommertipps 7 The Long Seat

Wie ein Fisch im Was­ser

In der Kunst­ka­bi­ne bei der St.Le­on­hard-Brü­cke in St.Gal­len stel­len bis Sep­tem­ber vier Per­so­nen mit Be­ein­träch­ti­gung ih­re Kunst aus. Den An­fang macht Son­ja Lip­pu­ner mit ih­rer «Roll­stuhl­kunst».

Von  Roman Hertler
Whats App Image 2026 07 01 at 22 09 10

«Kul­tur ist nicht de­mo­kra­tisch, aber zen­tra­le Grund­la­ge der De­mo­kra­tie»

Die Kunst­gies­se­rei St.Gal­len und die Stif­tung Sit­ter­werk strah­len weit über die Re­gi­on hin­aus. Fe­lix Leh­ner, Grün­der und Lei­ter der Kunst­gies­se­rei, Ge­schäfts­lei­tungs­mit­glied Till Jäck­li so­wie Pa­tri­cia Hart­mann, Co-Lei­te­rin der Stif­tung Sit­ter­werk, spre­chen im In­ter­view über die letz­ten 40 Jah­re, ak­tu­el­le Her­aus­for­de­run­gen und Zu­kunfts­plä­ne.

Von  Daria Frick  und  David Gadze
260708 Sitterwerk Andri Voehringer 01

«Schwei­gen gibt der Ge­walt Raum»

Ge­schlech­ter­spe­zi­fi­sche Ge­walt ist auch in Ap­pen­zell Rea­li­tät, und doch wird zu we­nig dar­über ge­re­det. Mit der Dis­kus­si­ons­ver­an­stal­tung «we­r­om – schwät­ze statt schwi­ige» lu­den drei jun­ge Ap­pen­zel­le­rin­nen zum of­fe­nen Aus­tausch über Ge­walt, Prä­ven­ti­on und Zi­vil­cou­ra­ge.

Von  Marion Loher
Werom 4

Wenn Hei­mat flim­mert

Hei­mat – ein viel­schich­ti­ger Be­griff. Das Kunst­mu­se­um St.Gal­len spürt ihm ge­mein­sam mit der Werk­samm­lung der Schwei­ze­ri­schen Post nach. Zu se­hen ist die ent­stan­de­ne Schau «Hei­mat­flim­mern» bis En­de Ok­to­ber in St.Gal­len.

Von  Lisa Steurer
Ausstellungsansicht stian Stadler 1

Jung­brun­nen für den Dom

Die St.Gal­ler Fest­spie­le la­den, nach der letzt­jäh­ri­gen Pau­se, wie­der zum Tanz in die Ka­the­dra­le. Cho­reo­graf An­to­nio Ruz und die Tanz­kom­pa­nie neh­men den Raum mit Re­spekt in Be­schlag – samt dem Klos­ter­platz.

Von  Peter Surber
Bildschirmfoto 2026 06 29 um 11 44 42

Der «Landesverräter» war gern am Fluss

Ernst S. und die Sit­ter

Von  Roman Hertler
2502 Max Butz 05

Die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps – Teil 1

Bis zum En­de der Som­mer­fe­ri­en prä­sen­tiert Sai­ten wö­chent­lich Kul­tur­tipps aus der Re­gi­on. Teil 1: Open­air-Ki­nos, Bla­bla­bor – «Gue­ril­la Ra­dio», Mi­chail Pir­ge­lis – «HYLE», «Hei­mat­flim­mern», Kul­tur­fes­ti­val St.Gal­len, Le­on­ce und Le­na, Kunst­spa­zier­gän­ge und Mu­sik im «Flööz­li» so­wie Rund­gän­ge zum Blu­men­wies und zur Schwamm­stadt. 

Von  Redaktion Saiten
Noemi Pfister Happily Aging Dying

Musik im Rorschacherberg

Schloss­mu­sik von Big Band bis In­die

Von  Vera Zatti
Sommerbuehne by Night

Der Wi­der­stand der Ama­zo­nas­frau­en

In Kon­stanz gas­tiert der­zeit die Grup­pe As Ka­ru­a­na – ein po­li­ti­scher Frau­en­chor aus dem Ama­zo­nas. Sie zeigt mit ih­rer Mu­sik, ih­rem Tanz, ih­rer Kunst und ih­rem Wis­sen po­li­ti­sche Ré­sis­tance und kämpft für die Rück­erobe­rung ih­rer in­di­ge­nen Kul­tur.

Von  Veronika Fischer
AS KARUANA Gruppenfoto4