Postkoloniale Matinee

Zwei Bronzeskulpturen aus Benin gehören zu den «Highlights» der St.Galler Völkerkunde-Sammlung. Aber die sogenannten «Benin-Bronzen» gelten als Raubkunst; am Sonntag kommt die Debatte um Rückgabeforderungen und postkoloniales Erbe auch nach St.Gallen.
Von  Roman Hertler
Die St.Galler Bronzen: Gedenkkopf für die Königinmutter Iyoba und Reliefplatte. (Bilder: online-collection.ch)

Vor einem Jahr hat Stadtparlamentarier Gallus Hufenus einen Vorstoss zu den beiden Benin-Bronzen eingereicht, die im Historischen und Völkerkundemuseum St.Gallen (HVM) ausgestellt sind: ein Gedenkkopf für die Königinmutter Iyoba und eine Reliefplatte, die einen Kriegerfürsten mit Ritualschwert abbildet. Über Benin-Bronzen ist eine weltweite Debatte im Gange: Viele fordern eine Rückgabe der von den Briten 1897 in Benin-Stadt im heutigen Nigeria geraubten Kulturgüter.

Britische Soldaten posieren 1897 mit erbeuteten Kunstgegenständen. (Bild: Aus dem Buch Benin – Könige und Rituale)

Hufenus fragte den Stadtrat, wie er als Mitglied des HVM-Stiftungsrates zu einer Restitution der Raubkunst steht. Der Stadtrat hält es in seiner Antwort mit dem Museum, das nicht von sich aus aktiv werden will, sich aber der offenen Debatte stellt.

Wer macht den Schritt?

Die Benin-Bronzen sind nur der Anfang – Eine postkoloniale Debatte mit Richard Butz, Hans Fässler, Achim Schäfer und Charles Uzor: 9. Februar, 11 Uhr, Historisches und Völkerkundemuseum St.Gallen.

hvmsg.ch

Man scheint sich einig: Alle sind für den Dialog bereit, aber niemand beginnt ihn ernsthaft. Das soll sich ändern. Die Macher der Ausstellung «Bricolage», die noch bis 1. März im HVM zu sehen ist, laden darum am 9. Februar zur Gesprächs-Matinee. An dieser «postkolonialen Debatte» beteiligt sind Gesprächsinitiator und Afrikakenner Richard Butz, Kolonialismusexperte Hans Fässler, Achim Schäfer, der HVM-Vizedirektor und Betreuer der Afrikasammlung, sowie Charles Uzor, Komponist mit nigerianischen Wurzeln. Eingeleitet wird das Gespräch von Brigit Edelmann.

«Stolz und Entsetzen»

Charles Uzor hatte zum ersten Mal als Teenager Kontakt mit Terrakotta-Figuren der Ife- und Beninkulturen. Es waren gepflegte Abbildungen in Monografien über afrikanische Kunst. Die naturalistische, «kunstvolle» Wiedergabe von Würdenträgern wurde darin als Beweis für ihren «hohen kulturellen Stand» dargestellt. Die Betrachtungen lösten in Uzor ambivalente Gefühle aus: Stolz und Entsetzen.

Uzor fragt: «In welcher Form kann ‹Wiedergutmachung› geschehen? Wie kann heute Rechenschaft abgelegt werden für einen Akt, der bis heute nachwirkt und nochmals und immer wieder geschieht? Wie kann man das stoppen, wie kann es weitergehen? Inwiefern ist ein lebendes Volk Zeuge oder Erbe seiner zerstörten Vergangenheit – einer Zerstörung, die in anderer Form fortgesetzt wird? Wo ist meine Position, wo ist deine, wo ist Schuld, wo ist Verantwortung? Wo kann Restitution zu einem kreativen Austausch, vielleicht zu einem Treffpunkt werden?»

Für Gesprächsstoff dürfte also gesorgt sein.

 

 

 

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