Manchmal kommt zusammen, was auf den ersten Blick nicht zusammengehört. In meinem Fall war es die zufällige Begegnung mit dem Film La jaula de oro (Der goldene Traum) bei Freunden. Der Mexikaner Diego Quemada erzählt darin die Geschichte von Teenagern aus Guatemala, die sich ins Gelobte Land USA aufmachen – und auf der Strecke mit dem «Todeszug» nach Norden unter die Räder kommen. Sara wird vergewaltigt, der Indio Chauk erschossen, Luis schafft es und erwacht aus dem Traum vom besseren Leben am Ende als Arbeiter in einer Gross-Schlachterei. Ein beklemmender Film, von Laien gespielt, die zum Teil ihre eigene Flüchtlingsgeschichte hinter sich haben.
Die Filmbilder von Not, Gewalt und von der Todesmauer an der mexikanischen Grenze, die der «Norden» gegen den «Süden» hochgezogen hat, haben sich ungefragt eingemischt in die Arbeit an diesem Heft. Es beschäftigt sich mit dem St.Galler Fotografen und Flugpionier Walter Mittelholzer (1894-1937). Ihm widmet der Kanton in seinem Kulturraum am Klosterplatz eine Ausstellung, fast 80 Jahre nach seinem Tod. Und mit kritischem Blick auf die europäisch-überlegene Haltung, die man heute in den Fotos und Filmen des einstigen Nationalhelden Mittelholzer nicht mehr übersehen kann.
Unser Heft macht am Beispiel Mittelholzer die Schweiz als «Kolonialmacht ohne Kolonien» kenntlich. Es beleuchtet seine Nachfolger – bis zu heutigen Afrika-Kreuzflügen –, diskutiert den neuen Umgang der Historiker mit dem visuellen Erbe, bringt eine afrikanische Stimme zu Gehör und erinnert an einen weiteren Ostschweizer mit Kolonialblick: den Historiker Herbert Lüthy. Der Saiten-Titel («auf Grosswildjagd») ist entsprechend ironisch gemeint. Wenn schon, gilt unsere Jagd den «grossen Tieren» der Geschichtsklitterung und helvetischen Mythenbildung, zu denen Mittelholzer, Lüthy oder auch René Gardi bis heute zählen.
Die Schweiz war und ist keine Insel – sondern global verflochten und damit mitverantwortlich für die kulturellen und wirtschaftlichen Gefälle dieser Erde. Wenn der St.Galler Bäckersohn Walter Mittelholzer mit der «Merkur» in den 1930er-Jahren nach Süden flog und wenn Luis, Sara und Chauk 2013 mit dem «Todeszug» nach Norden tuckern, hat das mehr miteinander zu tun, als uns lieb ist.
Peter Surber
Ausserdem: Seit dem Amtsantritt von Bundesrat Alain Berset als Kulturdirektor weht ein neuer Wind in Bundesbern. Für die Jahre 2016-20 hat Berset eine ambitionierte Kulturbotschaft vorgelegt. Sie kommt am 12. März in den Ständerat. Am 30. März gastiert Alain Berset in St.Gallen. An einem Abend unter dem Titel «Kultur?? Kultur!!» stellt er die Eckpunkte seiner Kulturpolitik vor und diskutiert mit Fachleuten aus der Region, darunter dem St.Galler Regierungsrat Martin Klöti. Ab Seite 38 im Heft finden Sie Informationen und Diskussionsbeiträge dazu. Saiten hat das Vergnügen, den Anlass mit zu organisieren, und lädt herzlich dazu ein.
INHALT:
Reaktionen
PositionenBlickwinkel von Katalin DéerRedeplatz mit Roche HufnaglEinspruch von Christof MoserStadtpunkt von Dani FelsRequiem auf einen Raum IIIRequiem auf einen Freiraum I
Mittelholzer
«Die Globalisierung hat Mittelholzer in den Blick gerückt»Ein Gespräch mit den Ausstellungsmachern Kaspar Surber und Wolfgang Steiger.von Peter Surber
«Menschlicher Viehbestand»Der Ostschweizer Historiker Herbert Lüthy hat den Kolonialismus beschönigt.von Hans Fässler
Schwieriges ErbeProblematische Abbilder des «Fremden» beschäftigen die Forschung.von Katharina Flieger
Kurzer Begriffsratgeber für Weissevon Noah Sow
Globis AfrikakreuzflugKolonialistische Reisen sind noch immer in.von Hans Fässler
Fremde Welten füllen die SäleAuch in der digitalisierten Gesellschaft ziehen Abenteurer-Vorträge Publikum an.von Harry Rosenbaum
Coverbild: Kenya, Ostfuss des Mount Kenya, wilde Phoenixpalmen.Fotograf Arnold Heim, 1927.
PerspektivenFlaschenpost von Michael Bodenmann und Jiajia Zhang aus BeijingRapperswil-JonaThurgauVorarlbergSchaffhausenStimmrecht von Leyla Kanyare
Kultur?? Kultur!!
Kultur?? Kultur!!Die Kulturbotschaft und die «Megatrends» der Gesellschaft.von Peter Surber
Dichter Nebel im OstenDer Ostschweiz fehlen künstlerische Lehrgänge.von Josef Felix Müller
Jedem Kind ein Instrument?Der Bund will die Jugendmusik fördern. Jugendorchester-Pionier Hermann Ostendarp erklärt, was es dazu braucht.von Bettina Kugler
Kultur
St.Galler Literaturtage Wortlaut: Sumpfbilder, Justizskandal, Afrikaszenen
Meisterlich reduzierte KreidestricheDie Hamburgerin Marijpol zeichnet abgründige Szenarien.von Lika Nüssli
Frieda Kellers ZerstörungMichèle Minelli hat ein erschütterndes Frauenschicksal in einen historischen Roman verpackt.von Ralph Hug
Lüderitz sehen undAuszug aus dem ersten Buch der neuen Edition Literatur Ostschweiz.von Monika Slamanig
The Swiss Art of RockLurker Grand beendet seine Trilogie der Schweizer Rockgeschichte.von Pius Frey
Elefanten, Ufos & Mani MatterNach 17 Jahren hinter den Plattentellern bringt Thedawn endlich ein Solo-Album heraus.von Corinne Riedener
Zäher Fortschritt in einer rauen Welt Ein Dok-Film begleitet drei südafrikanische Teenager in einem Township.von Urs-Peter Zwingli
Vom Fallen und möglichen ScheiternVom Konzeptkünstler Bas Jan Ader, der Lesen zum Happening machte bis zum Wettlauf der modernen Bibliotheken.von Georg Gatsas
Malen in der «Flugasche»Vera Singers Bilder zeigen das Leben in der DDR.von Peter Röllin
Hier wird nichts gespielt Die Kellerbühne St.Gallen spielt Peter Handkes Publikumsbeschimpfung.von Peter Surber
«Fresh Sound from Switzerland»Ein Auszug aus dem Nepal-Tagebuch von Sven Bösiger und Patrick Kessler.
AbgesangKellers GeschichtenBureau ElmigerBlick zurückBoulevard
Anita Zimmermann alias Leila Bock prägt die St.Galler Kulturszene seit Jahrzehnten – als Künstlerin, als Vermittlerin, als Ermöglicherin. Sie hat Widerstände überwunden und andere Künstler:innen immer wieder herausgefordert. Eine Würdigung
Die St.Galler Museumsnacht findet in diesem Jahr zum 20. Mal statt. Zum Jubiläum blickt Vereinspräsidentin Barbara Affolter zurück und nach vorne. Sie sagt, was die Museumsnacht bis heute ausmacht und wohin sie sich entwickeln soll.
Die Ausstellung «Voller Leben» des Vereins IG Halle Rapperswil wirft Schlaglichter auf künstlerische Schaffensprozesse und ihre Verbindungen zur Natur.
Kolumne: Stimmrecht
Der St.Galler Kunstkiosk wird fünfzehn Jahre alt. Gefeiert wird das mit einer Jubiläumsausstellung im ehemaligen Tiffany Night Club. Die Vernissage ist am 12. September. Saiten hat schon vor der Eröffnung vorbeigeschaut.
Musiktheater
Zum 36-jährigen Bestehen seiner Galerie Macelleria d'arte transformiert Francesco Bonanno ein leerstehendes Gebäude am Roten Platz in St.Gallen in ein buntes Haus voller Kunst. Was als kleines Projekt begann, wuchs zu einem Gemeinschaftswerk von fast 100 Kunstschaffenden.
St.Gallen und Luzern haben mehr gemeinsam, als man zunächst denkt – oder doch nicht? «Null41» war mit der Saiten-Redaktion in St.Gallen unterwegs.
Von St.Gallen bis nach Südafrika. Ein Ostschweizer Ehepaar reist im Landrover Defender um die Welt. Ihre Erlebnisse halten die Baumelers mit einer Kamera fest. Nun erscheint ihr Film Immer weiter in Ostschweizer Kinos – eine ehrliche Dokumentation, der eine Einordnung gut getan hätte.
«Open House St.Gallen»
Museum Herisau
Das Küefer-Martis-Huus in Ruggell widmet sich in einer Retrospektive der Wiederentdeckung einer völlig übersehenen Künstlerin: Maggy Mauritz war eine Pionierin der Graffitikunst und des Lettrismus.
Jakob Lütschg kehrte nie nach Balgach zurück. 82 Jahre nach seinem Tod im Konzentrationslager Buchenwald kehrt wenigstens sein Name heim. Der erste Stolperstein im St. Galler Rheintal erinnert an ein Leben, das beinahe vergessen ging.
Musik am See
Torreich, spannend und doch enttäuschend - nur eine Viertelstunde guter Fussball reicht halt nicht zum Punkt gegen Thun.
Nach Jahrzehnten treffen sich Eva und Franz wieder. Beide im fortgeschrittenen Alter. Viel ist passiert und doch ist da noch Zuneigung. Schwindlig heisst der neue Roman der Ostschweizer Autorin Christine Fischer, in dem vielschichtige Charaktere auf feines Sprachgefühl treffen.
Dieses Wochenende eröffnet die offene Werkstatt Meter den neuen Standort an der Burgstrasse. Und im November zügelt Offcut nach St.Fiden. Das ist der Anfang vom Ende der Gemeinschaft «Ulmen5» – zumindest in ihrer bisherigen Form. Denn 2027 könnte es zur teilweisen Wiedervereinigung kommen.
Eine neue SRF-Serie porträtiert eine elfköpfige WG aus St.Gallen. Endlich wieder mal eine sehenswerte SRF-Produktion, findet Saiten-Autor Andi Giger.
St. Gallen schlägt sich am Ende auch selbst und muss den Traum von Europa begraben. Entscheidend war er Platzverweise gegen Mihailo Stevanovic vor der Pause.
Drei Kulturmagazine tun sich zusammen, vergleichen ihre Städte und die Herausforderungen, denen die Kultur gegenübersteht. Saiten hat die Kolleg:innen vom «Coucou» in Winterthur besucht und das «Null41» war in St.Gallen zu Besuch. Ausserdem im Septemberheft: lauter Jubiläen – von Anita Zimmermann über das Figurentheater bis zur Museumsnacht –, ein Pfarrer auf braunen Abwegen, eine Flaschenpost aus Afghanistan und ein Interview zum Hitzesommer und dem Klimawandel.