Der Film beginnt und endet mit der Silhouette eines Angehörigen des nordkamerunischen Mafa-Volkes auf einem Felsvorsprung im Mandara-Gebirge, der sich nach einigen Augenblicken – sehr zum Bedauern des filmenden René Gardi – dem Blick der Kamera scheu entzieht. Einem Blick, welcher, wie sich im Film und im nachfolgenden Gespräch unter der klugen Leitung der Kulturwissenschaftlerin Patricia Holder zeigt, ebenso kolonial ist wie die Präsenz der deutschen «Schutztruppen» oder der französischen Kolonialbeamten in diesem Teil Afrikas.
Schon die Entstehungsgeschichte des Films ist bemerkenswert. Mischa Hedinger hatte selbst Filmaufnahmen in Afrika gemacht, in Bourkina Faso, und sich dabei als filmender Weisser aus dem globalen Norden im schwarzafrikanischen Kontext sehr unwohl gefühlt. Er war dann auf René Gardi gestossen und auf den Aufsatz von Gaby Fierz, der dem Schweizer Reiseschriftsteller, Fotografen und Filmer mit den Werkzeugen der postcolonial studies erstmals zu Leibe gerückt war: Das Making-of von Gardis Afrika, erschienen im ebenso bahnbrechenden Sammelband von Patricia Purtschert, Barbara Lüthi und Francesca Falk aus dem Jahr 2012: Postkoloniale Schweiz. Formen und Folgen eines Kolonialismus ohne Kolonien.
Hedinger fand heraus, dass der Sohn von René Gardi, der Konservator am Museum der Kulturen Basel gewesen war, den Nachlass seines Vaters verkaufen wollte. Zusammen mit seiner Produktionsfirma erwarb der junge Regisseur – jung für die «Generation Gardi» – die ganze riesige Sammlung von Filmspulen, Tagebüchern, Tonbändern, Notizen und Fotos und machte daraus einen Film, der im Februar an der Berlinale seine Premiere und jetzt in St.Gallen seine Schweizer Uraufführung feierte. Heute liegt der Nachlass von René Gardi im Berner Staatsarchiv und ist öffentlich einsehbar.
«Schwarzes Arkadien» und koloniale Abgründe
In der KinoK-Diskussionsrunde nach dem Film meldete sich einer, der mit seiner Frau zusammen vier Jahre im Kamerun gelebt und in der Entwicklungszusammenarbeit tätig gewesen war. Er hatte Gardi gekannt, lobte den Film und meinte, Gardi sei schon eine sehr «widersprüchliche» Persönlichkeit gewesen. Tatsächlich sind diese Widersprüche im Film oft schwer auszuhalten. Die 1950er-Jahre, während denen Gardi das Hirtenvolk der Mafa, «sein schwarzes Arkadien, im Traumland der grauen Mandara-Berge» filmt, beschreibt, idealisiert und inszeniert («ich habe eine Szene geschrieben…»), waren die Zeit der französischen Kolonialherrschaft mit all ihren Systemen der Kontrolle und Erfassung (Gardi filmt eine Volkszählung), der Ausbeutung (Gardi filmt die Erhebung von Steuern, von denen die afrikanische Bevölkerung nichts hat) und der Gewalt, die damit einhergeht (Gardi erzählt davon, dass man ihnen die Gehöfte niederbrennt, «wenn sie nicht kommen» oder «wenn sie bocken»).
Aber das alles interessiert Gardi eigentlich nicht; er will das Paradies der «sanften Wilden» vor dem Sündenfall festhalten, wobei der Sündenfall nicht die koloniale Grausamkeit ist, sondern eine von Gardi immer wieder vage postulierte Zivilisation. Und während in ganz Afrika und auch in Kamerun der Entkolonialisierungsprozess mit all seinen Massakern, Repressalien, Gewerkschaftsprotesten, Unabhängigkeits- und Bürgerkriegen voranschreitet (Armée nationale de Liberation du Kamerun, «Kamerunkrieg» 1955-1962) und mit der Rattengift-Liquidation des kamerunischen Freiheitskämpfer Félix Moumié durch den französischen Geheimdienst 1960 in Genf bis in die Schweiz ausstrahlt, filmt Gardi stillende Mütter, Harfenspieler, Liebespärchen und Handwerker.
Unzucht mit (weissen) Kindern
Mischa Hedinger hat sich lange überlegt, ob und wie der das, was 1944 in Bern geschah, in den Film aufnehmen soll. Es gilt mutatis mutandis auch für diesen Artikel. In diesem Jahr unternahm der damals 35-jährige Sekundarlehrer Gardi einen Selbstmordversuch und zeigte sich noch aus dem Spital heraus selbst an, weil er mit mehreren Knaben «unsittliche Handlungen» vorgenommen hatte. Im Film hören wir es mit der Tagebuch-Stimme von René Gardi. Er wurde dann wegen Unzucht mit Kindern verurteilt und die Lehrbefähigung wurde ihm entzogen, was ihn wohl unter anderem zum Reiseschriftsteller, Filmer und Vermarkter seiner selbst gemacht hat. Die Missbrauchs-Geschichte und das Urteil, so erzählt Hedinger, waren damals öffentlich, gerieten aber im Verlauf der Karriere Gardis völlig in Vergessenheit, sodass er sie neue recherchieren und erzählen musste.
Nun hat ja der weisse, koloniale Blick auf nackte schwarze Körper, vor allem auf die von Frauen, schon immer nicht nur etwas Exotisierendes, sondern im harmloseren Fall etwas Erotisierendes: von den Fotos, die Louis Agassiz von entkleideten schwarzen Frauen aus mixed races und pure races in Brasilien anfertigen liess, bis zu den «Blut-und-Hoden»-Fotos der Nazi-Filmerin und Fotografin Leni Riefenstahl. Im schlimmeren Fall, d.h. in der kolonialen Realität von Sklaverei, Krieg und Unterwerfung hingegen steckte dahinter fast immer auch sexualisierte Gewalt. Im Gardi-Film führt die Enthüllung von 1944 dazu, dass es einem unter anderem bei ausgiebigen Filmaufnahmen von nackt badenden Mafa-Jungen noch zusätzlich unwohl wird. Und das ist gut so.
2000 Vorträge und 30 Bücher
So erschreckend das Welt-, Menschen- und Afrikabild von René Gardi im Film African Mirror erscheint – dessen Verbreitung und Popularisierung im ganzen deutschsprachigen Raum ist noch viel erschreckender. Wie vertraut – und gleichzeitig fremd – tönte doch an diesem Abend für die «Generation Gardi» im Kinosaal die berndeutsche Stimme, welche «von Afrika» erzählte, und wie vertraut – und gleichzeitig schauderhaft – schien die massige, behäbige Gestalt des «guten Onkels», der uns da via Fernsehschirm die Welt im Mandara-Gebirge erklärt hatte und der sogar Humor zu haben schien, wenn er davon berichtete, wie er den Wasserträgerinnen hier und da «ein Fünfernötli» zusteckte, um «in Ruhe filmen zu können».
African Mirror: Kinok St.Gallen
kinok.ch
Hedingers Film macht einem die Tragweite von Gardis Einfluss deutlich, wenn er zu einem scheinbar endlosen Kameraschwenk über einen Saal voll Zuhörern oder – auch wenn der Begriff heute etwas oft verwendet wird, kann man es nicht anders sagen – einen Saal von alten, weissen Männern die Stimme von Gardi im off montiert. Mit Stolz listet dieser auf, für wen er in all den Jahren referiert habe: für SAC-Sektionen, Dorfvereine, Beamtenorganisationen, Bibliotheken, Zünfte, Gymnasien, Rotarier, Lesevereine, Techniker, Pöstler, etc.
Die These sei hier gewagt, dass die Hartnäckigkeit, mit der Schweizerinnen und Schweizer in den 1980er-Jahren das südafrikanische Regime und damit das Verbrechen gegen die Menschlichkeit namens Apartheid verteidigt haben, wohl auch in der Popularität des «Afrikakenners» René Gardi ihre Wurzeln hatte.
3. Dezember 20.15 Uhr Palace St.Gallen, in Zusammenarbeit mit Erfreulicher Universität und Afrikaribik
Informationen aus erster Hand zu Südafrika 25 Jahre nach dem Ende der Apartheid gibt es am 3. Dezember an einer Veranstaltung der Kampagne für Entschuldung und Entschädigung im Südlichen Afrika. An vier Abenden in Zürich, Basel, Zug und St.Gallen diskutiert die KEESA mit der jungen Aktivistin Busisiwe Diko von der Basisbewegung Abahlali baseMjondolo und mit dem ehemaligen Anti-Apartheidaktivisten und Soziologieprofessor Mondli Hlatshwayo über Ursachen und Hintergründe der heutigen Misere in Südafrika, aber auch über mutige Formen von Widerstand.
Eine andere Geschichte aus dem Nordkamerun
Der Ausgangspunkt für Reisen in den Norden Kameruns und die Mandara-Berge war und ist die Stadt Maraoua. Sie wird heute bei eBookers in den höchsten Tönen gelobt und als Reisedestination angepriesen. «Wenn die Abenteuerlust ruft», kann man dort klettern und wandern, Tierbeobachtungstouren und Safaris organisieren, Handwerksbetriebe und Paläste besichtigen und «Kontakt zur einheimischen Bevölkerung und zu ihrer Kultur aufbauen», indem man «in der Sprache des Landes» Bon appétit! sagt statt Guten Appetit!
In Maroua, das von den deutschen Kolonialtruppen 1902 nach der Schlacht von Misikin-Maroua unterworfen, zu einem Offiziersposten ausgebaut und dann von Frankreich als Völkerbundsmandat übernommen worden war, gebar 1923 Fatimatou Bibabadama, eine der «sanften Wilden» aus der Ethnie der Fulbe (französisch peul) ein Mädchen, das dann adoptiert wurde, in der Schweiz aufwuchs, politische Karriere bei der FDP machte und 1971 zur ersten dunkelhäutigen Nationalrätin der Schweiz gewählt wurde.
Ihr Vater war ein Schweizer ETH-Ingenieur namens Paul Frey, und nach Thilo Frey ist seit Sommer 2019 in Neuchâtel ein Platz benannt. Er hiess früher einmal Espace Louis-Agassiz, zu Ehren jenes Schweizer Naturforschers, der ebenso wie René Gardi überzeugt war, dass die «weisse Rasse» der «schwarzen Rasse» überlegen sei und dass man die «Rassen» nicht mischen dürfe. Mission impossible!
Im Hinterland von Mombasa vertreibt die Regierung Bauern von ihrem Land, um Platz für Multis zu schaffen, die hier Zuckerrohr pflanzen und Mineralien abbauen. Wie Gespräche im Sommer 2011 zeigen, regt sich Widerstand. Mit steigenden Erfolgschancen. Eine Reportage aus Kenia.
Die Menschenrechte stehen weltweit unter Druck. Doch wie konsequent setzt sich die Schweiz für sie ein? Ein neues Buch nimmt die Schweizer Menschenrechtspolitik kritisch unter die Lupe. An der Buchvorstellung im Square wurde über Widersprüche, Versäumnisse und mögliche Lösungen diskutiert.
In einer Tennishalle im toggenburgischen Unterwasser trafen sich vor zehn Jahren 5000 Neonazis zum grössten Rechtsrock-Konzert, das je im deutschsprachigen Raum stattgefunden hat. Linke Politiker:innen reagierten schnell, doch das Ergebnis ist ernüchternd.
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Stimmrecht
Erntehelfer:innen sind in der Schweiz schlecht geschützt. Ihre Arbeitsbedingungen liegen oft in Graubereichen, Kontrollen sind schwierig. Eine Veränderung würde jedoch bedeuten, ein ganzes System auf den Kopf zu stellen.
Bücherherbst: Die Geschichte der Schweizer Uhrmacherkunst von Gion Mathias Cavelty
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