Seine Äste sind wild verzweigt, der Wild Almond Tree sieht uralt, riesig, aber harmlos aus. Bis man seine Geschichte kennt: Gepflanzt wurde er 1660 von den ersten niederländischen Einwanderern mit dem Zweck, die Gemüsegärten der Kolonisten vor der indigenen Bevölkerung der Khoikhoi und deren Rinderherden zu schützen. Oder die hochaufragende Lombardy Poplar auf dem Bild nebenan: Sie wächst beim Haus der Anti-Apartheid-Aktivistin Ruth Fischer und diente politisch Verfolgten als geheimer Wegweiser zum Zufluchtsort.
Uriel Orlow: The Memory of Trees
Uriel Orlow hat die zwei sowie drei weitere geschichtsträchtige Bäume Südafrikas fotografiert, in einer Schwarz-Weiss-Ästhetik, die an Negative erinnert, vergrössert und auf der hintersten Wand in der Kunsthalle zu einer Art Mahn-Wald zusammengeführt. Wie diese Bäume, erzählen alle Werke von «Theatrum Botanicum», dem Langzeitprojekt des 1973 in Zürich geborenen Künstlers, das Schicksal von Pflanzen, die Geschichte erlebt oder vielmehr: gemacht haben.
Mandelas Garten
Am berührendsten ist solche Polit-Botanik im Nelson Mandela gewidmeten Raum erlebbar. Hier sieht man zum einen auf grossformatiger Fotografie den Innenhof des Gefängnisses auf Robben Island, in dem Mandela 18 Jahre lang eingekerkert war. In der hinteren rechten Ecke wächst Grünzeug: der Garten, den Mandela und seine Mitgefangenen angelegt haben und in dessen Humus er das Manuskript seiner während der Gefangenschaft verfassten Biografie vergrub.
Uriel Orlow: Grey, Green, Gold.
Eine kleine Fotografie seitlich zeigt zum andern die kostbare Blüte einer seltenen Strelizien-Art, unter einer Lupe sind zudem auch ihre Samen ausgestellt. Die Züchtung entstand in der Zeit von Mandelas Gefangenschaft – nach seiner Wahl zum Präsidenten benannte man sie nach ihm «Mandelas Gold».
Und der Drahtkäfig, in dem die Blüte steckt? Er schützt die Pflanze vor dem grauen Eichhörnchen, einer Spezies, die der britische Minen-Unternehmer und Imperialist Cecil Rhodes im 19. Jahrhundert nach Südafrika gebracht hatte. Bittere Ironie der Geschichte: Die Mandela-Pflanze überlebt nur in Gefangenschaft.
Uriel Orlow: Theatrum Botanicum, bis 17. Juni, Kunsthalle St.Gallen. Führung mit dem Künstler: Donnerstag 7. Juni 12.30 Uhr
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Botanischer Nationalismus
Orlows «Theatrum Botanicum» öffnet die Bühne für weitere frappierende Verstrickungen und Verwachsungen zwischen Menschen und ihren Pflanzen – oder umgekehrt: Pflanzen und ihren Menschen. So hört man in der Arbeit What Plants Were Called Before They Had a Name über Lautsprecher Pflanzennamen, die es in der offiziellen Überlieferung nicht geben durfte: Es sind die Namen, mit denen die Ursprungsbevölkerung sie bezeichnet hat, bevor sie durch die europäischen Kolonisten erst «entdeckt», klassifiziert und als Ressourcen genutzt wurden.
Uriel Orlow: The Fairest Heritage.
Wissenschaft wird hier zur Machtgeschichte – ähnlich wie in einer anderen Arbeit des Künstlers, einem wackligen Schwarz-Weiss-Film, den Orlow entdeckt hat. Er zeigt eine Feier von 1963 im Kirstenbosch National Botanical Garden in Kapstadt. Die Feiernden sind ausnahmslos weiss, die Arbeiterinnen schwarz – ausser einer schwarzen Frau, die Orlow in die Bilder hineinmontiert hat und die für den Betrachter wortlos jenen «botanischen Nationalismus» kritisiert, der damals offenbar fraglos praktiziert worden ist.
Apartheid in der Medizin
Die zentrale Arbeit im ersten Raum heisst Muthi. Das Zulu-Wort für Baum oder Strauch verwendet Orlow für eine dreiteilige Videoinstallation rund um die traditionelle Pflanzenmedizin. Ein erstes Video demonstriert den Anbau, die Verarbeitung und pharmakologische Nutzung von Sträuchern und Wurzeln. Das zweite rekonstruiert einen Prozess gegen den Heiler Mafavuke Ngcobo, der von der weissen Ärzteschaft in den 1930er Jahren wegen dem Einsatz nicht-traditioneller Mittel angeklagt wurde. Die dritte Arbeit inszeniert ein Tribunal, in dem Anwältinnen, Heilerinnen und Aktivisten über Naturheilkunde und indigenes Wissen debattieren.
Uriel Orlow: Szene aus Imbizo Ka Mafavuke (Mafavukes Tribunal).
Orlows botanisches Theater in der Kunsthalle gibt die Bühne frei auf die Pflanzenwelt als unterschätzten Motor der Geschichte. Die Ausstellung ist eine fulminante Geschichts- und Biologielektion – nur noch kurz zu sehen.
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