Kategorie
Autor:innen
Jahr

Polit-Botanik

Pflanzen sind mehr als schön, essbar oder störend – sie sind Akteure und Zeugen der Geschichte. Das zeigt die phänomenale Ausstellung «Theatrum Botanicum» von Uriel Orlow in der Kunsthalle St.Gallen am Beispiel von Südafrika.
Von  Peter Surber

Seine Äste sind wild verzweigt, der Wild Almond Tree sieht uralt, riesig, aber harmlos aus. Bis man seine Geschichte kennt: Gepflanzt wurde er 1660 von den ersten niederländischen Einwanderern mit dem Zweck, die Gemüsegärten der Kolonisten vor der indigenen Bevölkerung der Khoikhoi und deren Rinderherden zu schützen. Oder die hochaufragende Lombardy Poplar auf dem Bild nebenan: Sie wächst beim Haus der Anti-Apartheid-Aktivistin Ruth Fischer und diente politisch Verfolgten als geheimer Wegweiser zum Zufluchtsort.

Uriel Orlow: The Memory of Trees 

Uriel Orlow hat die zwei sowie drei weitere geschichtsträchtige Bäume Südafrikas fotografiert, in einer Schwarz-Weiss-Ästhetik, die an Negative erinnert, vergrössert und auf der hintersten Wand in der Kunsthalle zu einer Art Mahn-Wald zusammengeführt. Wie diese Bäume, erzählen alle Werke von «Theatrum Botanicum», dem Langzeitprojekt des 1973 in Zürich geborenen Künstlers, das Schicksal von Pflanzen, die Geschichte erlebt oder vielmehr: gemacht haben.

Mandelas Garten

Am berührendsten ist solche Polit-Botanik im Nelson Mandela gewidmeten Raum erlebbar. Hier sieht man zum einen auf grossformatiger Fotografie den Innenhof des Gefängnisses auf Robben Island, in dem Mandela 18 Jahre lang eingekerkert war. In der hinteren rechten Ecke wächst Grünzeug: der Garten, den Mandela und seine Mitgefangenen angelegt haben und in dessen Humus er das Manuskript seiner während der Gefangenschaft verfassten Biografie vergrub.

Uriel Orlow: Grey, Green, Gold.

Eine kleine Fotografie seitlich zeigt zum andern die kostbare Blüte einer seltenen Strelizien-Art, unter einer Lupe sind zudem auch ihre Samen ausgestellt. Die Züchtung entstand in der Zeit von Mandelas Gefangenschaft – nach seiner Wahl zum Präsidenten benannte man sie nach ihm «Mandelas Gold».

Und der Drahtkäfig, in dem die Blüte steckt? Er schützt die Pflanze vor dem grauen Eichhörnchen, einer Spezies, die der britische Minen-Unternehmer und Imperialist Cecil Rhodes im 19. Jahrhundert nach Südafrika gebracht hatte. Bittere Ironie der Geschichte: Die Mandela-Pflanze überlebt nur in Gefangenschaft.

Uriel Orlow: Theatrum Botanicum, bis 17. Juni, Kunsthalle St.Gallen.
Führung mit dem Künstler: Donnerstag 7. Juni 12.30 Uhr

k9000.ch

Botanischer Nationalismus

Orlows «Theatrum Botanicum» öffnet die Bühne für weitere frappierende Verstrickungen und Verwachsungen zwischen Menschen und ihren Pflanzen – oder umgekehrt: Pflanzen und ihren Menschen. So hört man in der Arbeit What Plants Were Called Before They Had a Name über Lautsprecher Pflanzennamen, die es in der offiziellen Überlieferung nicht geben durfte: Es sind die Namen, mit denen die Ursprungsbevölkerung sie bezeichnet hat, bevor sie durch die europäischen Kolonisten erst «entdeckt», klassifiziert und als Ressourcen genutzt wurden.

Uriel Orlow: The Fairest Heritage.

Wissenschaft wird hier zur Machtgeschichte – ähnlich wie in einer anderen Arbeit des Künstlers, einem wackligen Schwarz-Weiss-Film, den Orlow entdeckt hat. Er zeigt eine Feier von 1963 im Kirstenbosch National Botanical Garden in Kapstadt. Die Feiernden sind ausnahmslos weiss, die Arbeiterinnen schwarz – ausser einer schwarzen Frau, die Orlow in die Bilder hineinmontiert hat und die für den Betrachter wortlos jenen «botanischen Nationalismus» kritisiert, der damals offenbar fraglos praktiziert worden ist.

Apartheid in der Medizin

Die zentrale Arbeit im ersten Raum heisst Muthi. Das Zulu-Wort für Baum oder Strauch verwendet Orlow für eine dreiteilige Videoinstallation rund um die traditionelle Pflanzenmedizin. Ein erstes Video demonstriert den Anbau, die Verarbeitung und pharmakologische Nutzung von Sträuchern und Wurzeln. Das zweite rekonstruiert einen Prozess gegen den Heiler Mafavuke Ngcobo, der von der weissen Ärzteschaft in den 1930er Jahren wegen dem Einsatz nicht-traditioneller Mittel angeklagt wurde. Die dritte Arbeit inszeniert ein Tribunal, in dem Anwältinnen, Heilerinnen und Aktivisten über Naturheilkunde und indigenes Wissen debattieren.

Uriel Orlow: Szene aus Imbizo Ka Mafavuke (Mafavukes Tribunal).

Orlows botanisches Theater in der Kunsthalle gibt die Bühne frei auf die Pflanzenwelt als unterschätzten Motor der Geschichte. Die Ausstellung ist eine fulminante Geschichts- und Biologielektion – nur noch kurz zu sehen.

 

24/7 Traumacore

Heat Girl Sum­mer

Von  Mia Nägeli

Kunst in Oberuzwil

Spu­ren der Hei­mat

Von  Vera Zatti
Dieses

Musik

Mehr als Jazz im Kult­bau

Von  Richard Butz
GP Trio MF90302 k

«Die Wahr­neh­mung nicht be­die­nen, son­dern schär­fen»

Pa­trick Kess­ler er­hält den Aus­ser­rho­der Kul­tur­preis 2026. Der Kon­tra­bas­sist, Klang­künst­ler und Ku­ra­tor aus Gais reist mit al­ten Laut­spre­chern nach Wien und Ha­noi, tritt mit In­sek­ten in ei­nen mu­si­ka­li­schen Dia­log und fin­det sei­ne wich­tigs­ten Lek­tio­nen nicht un­be­dingt an Hoch­schu­len.

Von  Philipp Bürkler
Bassilikum 04

Mo­bi­li­täts­al­li­anz nimmt Fahrt auf

Die Mo­bi­li­täts­al­li­anz Ost­schweiz will Pend­ler:in­nen zum Um­stieg vom Au­to auf Bus, Bahn und Ve­lo be­we­gen. Bei den zehn be­tei­lig­ten Gross­un­ter­neh­men lässt be­reits je­de fünf­te Per­son das Au­to am Mor­gen ste­hen. Nun sol­len 500 wei­te­re Fir­men fol­gen. 

Von  Philipp Bürkler
Mobilitaetsallianz 1 philipp buerkler

Tu­bes, Pipe­lines, Cords

Au­gus­tin Re­be­tez macht kei­ne hal­ben Sa­chen. Sei­ne Kunst ist aus­ufernd und dicht zu­gleich. Er ent­wi­ckelt an­spie­lungs­rei­che Bild­wel­ten – ak­tu­ell in der Kunst­hal­le Ar­bon.

Von  Kristin Schmidt
Augustin Rebetez key visual Kunsthalle Arbon Augustin Rebetez

Zu hoch für Ap­pen­zell

Der Kan­ton Ap­pen­zell In­ner­rho­den plan­te am Lands­ge­mein­de­platz in Ap­pen­zell ein neu­es Ge­bäu­de für die Ge­rich­te, die Bi­blio­thek und die kan­to­na­le Ver­wal­tung. Die eid­ge­nös­si­schen Kom­mis­sio­nen für Na­tur- und Hei­mat­schutz und je­ne für Denk­mal­pfle­ge brach­ten das Pro­jekt je­doch zu Fall.

Von  René Hornung
Verwaltungsgebaeude appenzell pd

Offener Brief an die Bundespolitik

Wir wol­len Rech­te, kei­ne Al­mo­sen

Von  Christoph Keller

In­no­va­ti­on ge­hört zur DNA

Das Fi­gu­ren­thea­ter St.Gal­len wird 70. Was sich ver­än­dert hat, war­um Pup­pen Kin­der wie Er­wach­se­ne fas­zi­nie­ren und wie man auch Ju­gend­li­che er­rei­chen kann: ein Ge­spräch zum Ju­bi­lä­um.

Von  Peter Surber
Hochdruck Crasch Polizei 04665

Mit Sound und Vi­su­als ge­gen den Öko­kol­laps

Die zwei­te Aus­ga­be des au­dio­vi­su­el­len Fes­ti­vals Su­s­ur­rus in der Mü­le­nen­schlucht wid­met sich der «mehr-als-mensch­li­chen» Mit­welt. Mit akus­ti­schen und per­for­ma­ti­ven In­ter­ven­tio­nen er­kun­det das Fes­ti­val neue For­men der Be­zie­hung zwi­schen Mensch und Na­tur. 

Von  Lilli Kim Schreiber
DSC3137

Un­ter­schied und Wir­kung

In der Aus­stel­lung «Die lei­sen Un­ter­schie­de» im Haus zur Glo­cke in Steck­born be­fas­sen sich fünf Künst­ler:in­nen mit der Wahr­neh­mung von Un­ter­schie­den. 

Von  Vera Zatti
03 Schuetz Chraeje n un Gwaage ss Foto

Kolumne: Heppelers Bestiarium

Cy­borg-Ka­ker­la­ken

Von  Jeremias Heppeler

Fu­rio­ses Klang­ge­wit­ter

Mit dem En­sem­ble TAK aus New York gas­tier­te am Diens­tag ein Neue-Mu­sik-Quin­tett von Welt­rang im St.Gal­ler Kult­bau. Or­ga­ni­siert vom Zy­klus Con­tra­punkt, hät­te der Abend mehr Pu­bli­kum ver­dient. Ein Bubble-Pro­blem?

Von  Peter Surber
Contrapunkt 1 martin fluege

Ne­an­der­tha­ler:in, ge­hüllt in Pink 

Das St.Gal­ler Kul­tur­mu­se­um öff­net in der neu­en Aus­stel­lung «Ste­reo­ty­pes: Ne­an­der­tha­le­rin» den Blick auf die­se Stein­zeit­men­schen. Die Schau mit viel Pink ver­knüpft ge­schickt Spiel mit Wis­sen­schaft und Ver­gan­gen­heit mit Ge­gen­wart.

Von  Vera Zatti
Stereotypes Kulturmuseum 2026 1

Neue Sai­son un­ter be­son­de­ren Vor­zei­chen

Das Thea­ter an der Gren­ze in Kreuz­lin­gen star­tet heu­te in die neue Spiel­zeit. Kürz­lich ver­starb die prä­gen­de Co-Prä­si­den­tin An­na Rink. Aus­ser­dem fällt der bis­he­ri­ge Spiel­ort im Kul­tur­zen­trum Kult-X bis En­de 2027 weg. Wie der Ver­ein die­se Hür­den meis­tert, er­zäh­len Prä­si­den­tin Vro­ni El­len­br­oek und Klaus Okraf­ka aus der Pro­gramm­lei­tung im In­ter­view.

Von  Judith Schuck
Theater an der Grenze Klaus Ofraka und Vroni Ellenbroek

FC St.Gal­len vs. FC Si­on – St. Gal­len un­ter­liegt Si­on mit 0:3

St. Gal­len star­te­te gut in die Par­tie, agier­te aber oft­mals zu um­ständ­lich ge­gen tief ver­tei­di­gen­de Sit­te­ner und blieb letzt­lich glück­los. 

Von  SENF Kollektiv
Senf

Dampf auf dem Kes­sel

Auf sei­nem neu­en So­lo­al­bum the­ma­ti­siert Ma­nu­el Stahl­ber­ger die Über­hit­zung. Die kli­ma­ti­sche, die ge­sell­schaft­li­che, die po­li­ti­sche. Ge­mein­sam mit Bit-Tu­ner hat der St.Gal­ler Mu­si­ker da­für ei­nen düs­te­ren, elek­tro­ni­schen Sound ge­fun­den.

Von  David Gadze
Manuel stahlberger bit tuner heiss pd

Von War­te­häus­chen und ehe­ma­li­gen Te­le­fon­ka­bi­nen

An Klein­bau­ten ge­hen wir oft acht­los vor­bei: Bus­war­te­häus­chen, öf­fent­li­che WCs, nicht mehr ge­brauch­te Te­le­fon­ka­bi­nen oder Feu­er­wehr- und Stras­sen­wär­ter­ma­ga­zi­ne. Ak­tu­ell gibt es da­zu ei­ne Aus­stel­lung im 1. Stock des Rat­hau­ses St.Gal­len.

Von  René Hornung
2 Tramhaeuschen Schibenertor

«Wie ein Vor­film des­sen, was auf uns zu­kom­men könn­te»

Bis 2050 will die Stadt St.Gal­len kli­ma­neu­tral sein. Ka­rin Hun­ger­büh­ler und To­bi­as Fi­scher-Künz­ler von der Dienst­stel­le Um­welt und En­er­gie be­ant­wor­ten Fra­gen zur be­vor­ste­hen­den Kli­ma­wo­che und zum Kli­ma­schutz in der Stadt.

Von  Reto Voneschen , Bilder:  Sara Spirig
2609 Redeplatz Karin Tobias 01

Metz­ger, En­gel, Him­mel und Tan­te Bergs Ro­sen­ge­büsch

Ani­ta Zim­mer­mann ali­as Lei­la Bock prägt die St.Gal­ler Kul­tur­sze­ne seit Jahr­zehn­ten – als Künst­le­rin, als Ver­mitt­le­rin, als Er­mög­li­che­rin. Sie hat Wi­der­stän­de über­wun­den und an­de­re Künst­ler:in­nen im­mer wie­der her­aus­ge­for­dert. Ei­ne Wür­di­gung

Von  Angela Kuratli , Bilder:  Ladina Bischof
2609 Anita Zimmermann SAI2602 1308 C WEB