Kategorie
Autor:innen
Jahr

«Ein intellektuelles Verbrechen»

Hans Fässlers kritische Ausstellung über den Gletscherforscher und Rassisten Louis Agassiz ist jetzt doch noch in St.Gallen zu sehen, im Foyer der Kantonsschule am Burggraben. Fazit an der Vernissage: «Das Vergangene ist nicht vergangen».
Von  Peter Surber , 

«Louis Agassiz, 1807-2015»: Mit diesen «Lebensdaten» habe es schon seine Richtigkeit, sagte Initiant Hans Fässler an der Ausstellungseröffnung letzten Freitag. Den jüngsten blutigen «Beweis» dafür hatte der weisse Rassist Dylan Roff mit der Ermordung von neun schwarzen Kirchgängerinnen und Kirchgängern am 17. Juni 2015 in Charleston, South Carolina, geliefert. «Es war in diesem Charleston, wo der Schweizer Louis Agassiz 1847 in einem Vortrag verkündet hatte: ‹The brain of the Negro is that of the imperfect brain of a seven months’ infant in the womb of a White›», sagte Fässler.

Bereits zu sehen war die Schau im letzten Herbst im Zeughaus Teufen, dort um künstlerische Beiträge erweitert – jetzt hat sie es endlich auch nach St.Gallen geschafft, wenn auch sec und kunstlos. Die Ausstellung ist Teil der seit Jahren laufenden Kampagne «Démonter Agassiz»; eines ihrer Ziele war die Umbenennnung des Agassiz-Horns im Berner Oberland in Renty-Horn, die aber nicht gelang. (Im Bild oben der demontierte Agassiz: die Statue des Forschers an der Stanford University nach ihrem Sturz 1906 beim Erdbeben von San Francisco.)

 St.Galler Rassenwahn

Auf dreizehn Schautafeln zeichnet die Ausstellung das Denken von Agassiz und die geistesgeschichtlichen und politischen Zusammenhänge nach. Die «wissenschaftliche» Begründung der angeblichen Minderwertigkeit der Schwarzen, an der Agassiz mit seinen Publikationen und Vorträgen wesentlichen Anteil hatte, nannte Ständerat Paul Rechsteiner an der Vernissage ein «intellektuelles Verbrechen», das dem organisierten Verbrechen namens Sklaverei die Grundlage lieferte.

agassiz3

Es wirkte bis in den Rassenwahn der Nazis nach; deren unheimliche Kumpane waren auch in St.Gallen tätig. Davon handelt eine ergänzend hinzugekommene Schautafel, unter anderem zum St.Galler Frontisten Hans Kläui, der 1940 im Aktivdienst eine Agassiz-Biographie ins Deutsche übersetzte (mehr dazu im Septemberheft von Saiten). Auch Figuren wie der Eugeniker Eugen Rüdin oder «Schädelvermesser» Otto Schlaginhaufen gehören zur unrühmlichen Geschichte der Rassenhygienik in der Ostschweiz.

Agassiz selber war 1830 mit allen Ehren in St.Gallen und im Appenzellerland empfangen worden, seine naturwissenschaftlichen Forschungen fanden breiten Widerhall.

Die schönen Seiten der Natur

St.Gallen habe also «viel mit Agassiz zu tun», sagt und belegt Fässler. Andrer Meinung war bekanntlich der St.Galler Stadtrat; er verweigerte 2011 einen Werkbeitrag für die Ausstellung. Kein Interesse an der Schau hatten auch das Kunst-, das Natur- und das Historische Museum – trotz Fässlers solider Argumentation. Auf der Ausstellungstafel 13 wird genüsslich aus deren Absagebriefen zitiert, vollständig nachzulesen sind sie hier.

Ob die kleine Ausstellung Museumsansprüchen genügen würde, kann man zwar in Frage stellen. Befremdlich sind aber die Ablehnungsgründe. Toni Bürgin etwa, Direktor des Naturmuseums, schreibt unter anderem, er wolle «die Natur von ihrer schönen und überraschenden Seite» zeigen. Und sähe wenn schon das Historische Museum in der Pflicht. Dieses wiederum vermutet das Projekt «am besten im Natur- und Kunstmuseum angesiedelt»; zudem sei die Schau schon in Teufen zu sehen gewesen und müsste daher neu bearbeitet werden. Immerhin machte Direktor Daniel Studer im gleichen Atemzug das Angebot, die Schweizer Kolonialgeschichte und deren St.Galler Bezüge aufzuarbeiten: «Dieses Thema ist äusserst aktuell.»

Angriff auf die Menschenrechte

Einen anderen, höchst beklemmenden Aktualitätsbezug stellte Paul Rechsteiner in seiner Vernissagenrede her: jenen zur sogenannten «Selbstbestimmungsinitiative», mit der die SVP Schweizer Recht über Völkerrecht stellen will. Der Angriff gelte in erster Linie den Menschenrechten  und damit «der wichtigsten Errungenschaft der jüngeren Menschheitsgeschichte». Deren Durchsetzung habe nicht nur dazu geführt, die Sklaverei abzuschaffen, sondern auch die Untertanenverhältnisse der Alten Eidgenossenschaft zu beseitigen.

Die Schweiz sei international verflochten – im Guten wie auch im Schlechten. Zu letzterem gehöre das dunkle Kapitel der Sklaverei, an dem die Schweiz mitorganisiert und mitverdient habe. «Das Vergangene ist nicht tot. Es ist nicht einmal vergangen», zitierte Rechsteiner den US-amerikanischen Schriftsteller William Faulkner.

Bleibt zu hoffen, dass die Schülerinnen und Schüler der Kanti die Chance wahrnehmen, sich mit der Rassismus-Vergangenheit und -Gegenwart auseinanderzusetzen. Am Montag, dem ersten Schultag nach der Ausstellungseröffnung, hielt sich der Ansturm in Grenzen.

«Gletscherforscher, Rassist: Louis Agassiz (1807-2015)»: bis 22. September, Kantonsschule am Burggraben, Eingang Lämmlisbrunnenstrasse.
Montag bis Freitag, 7 bis 18.30 Uhr, Mittwoch bis 20 Uhr, Samstag bis 15.30 Uhr.

Jock Kobels zweiter Fall

Die Welt ist im­mer He­ris­au

Von Andrej Millius,
Bildschirmfoto 2026 10 14 um 18 12 43

Musik

Der Hai­fisch beisst wie­der zu

Von David Gadze,
Bildschirmfoto 2026 10 14 um 18 07 57

Heppelers Bestiarium

100 Jah­re Ein­sam­keit

Von Jeremias Heppeler,

FC St. Gal­len vs. Lau­sanne-Sport – Die Es­pen er­kämp­fen sich die 3 Punk­te

Nach ei­ner ganz pas­sa­blen ers­ten Halb­zeit der Es­pen so­wie Füh­rung durch ei­nen Elf­me­ter von Gört­ler vor der Pau­se, spie­len die St. Gal­ler die­ses Re­sul­tat an­schlies­send her­un­ter und ho­len sich die 3 Punk­te.

Von SENF Kollektiv,
Senf

Die Ge­walt hat ei­nen Schlüs­sel

Mehr als vier­ein­halb Stun­den dau­er­te Der Pro­zess Pe­li­cot im Thea­ter St.Gal­len. Mi­lo Rau und Ser­va­ne Dè­cle in­sze­nier­ten ei­nen Abend über se­xua­li­sier­te Ge­walt und che­mi­sche Un­ter­wer­fung – und über ei­ne Ge­sell­schaft, die von Män­nern mehr Ver­ant­wor­tung ver­langt.

Von Philipp Bürkler,
DSC02202 Kopie

Men­schen­rech­te sind kei­ne Selbst­ver­ständ­lich­keit

Die Men­schen­rech­te ste­hen welt­weit un­ter Druck. Doch wie kon­se­quent setzt sich die Schweiz für sie ein? Ein neu­es Buch nimmt die Schwei­zer Men­schen­rechts­po­li­tik kri­tisch un­ter die Lu­pe. An der Buch­vor­stel­lung im Squa­re wur­de über Wi­der­sprü­che, Ver­säum­nis­se und mög­li­che Lö­sun­gen dis­ku­tiert.

Von Marion Loher,
3 F1 A4812 web

Die Po­li­zei woll­te nichts se­hen und nichts hö­ren

In ei­ner Ten­nis­hal­le im tog­gen­bur­gi­schen Un­ter­was­ser tra­fen sich vor zehn Jah­ren 5000 Neo­na­zis zum gröss­ten Rechts­rock-Kon­zert, das je im deutsch­spra­chi­gen Raum statt­ge­fun­den hat. Lin­ke Po­li­ti­ker:in­nen re­agier­ten schnell, doch das Er­geb­nis ist er­nüch­ternd.

Von Hans Stutz,
2610 RIO Saalbild

Leopoldstadt am Vorarlberger Landestheater

Ver­schwun­de­ne Na­men im Fa­mi­li­en­stamm­baum

Von Sieglinde Wöhrer,
Leopoldstadt R anjakoehler 260217 1

Stimmrecht

Im Re­gen tan­zen

Von Liliia Matviiv,

Ern­ten in der Grau­zo­ne

Ern­te­hel­fer:in­nen sind in der Schweiz schlecht ge­schützt. Ih­re Ar­beits­be­din­gun­gen lie­gen oft in Grau­be­rei­chen, Kon­trol­len sind schwie­rig. Ei­ne Ver­än­de­rung wür­de je­doch be­deu­ten, ein gan­zes Sys­tem auf den Kopf zu stel­len.

Von Daria Frick, Bilder: Ueli Steingruber,
2610 Erntehelferei 260044 us 0218 max

Bücherherbst: Die Geschichte der Schweizer Uhrmacherkunst von Gion Mathias Cavelty

Gran­dio­se Gro­tes­ke

Von Florian Vetsch,

Ein En­de mit Aus­ru­fe­zei­chen

Die St.Gal­ler Re­stau­rants Tos­ca­na und The Pinch mach­ten ver­gan­ge­ne Wo­che über Nacht dicht. 15 Per­so­nen stan­den un­vor­be­rei­tet auf der Stras­se. Das ver­ant­wort­li­che In­ves­to­ren-Duo schliesst nicht zum ers­ten Mal ein Re­stau­rant in der Stadt. Das ab­rup­te En­de wirft Fra­gen auf.

Von Andi Giger,
IMG 5751

Volks­bad­sa­nie­rung: Trau­er­spiel seit über 40 Jah­ren

Die Stadt St.Gal­len muss spa­ren und will das his­to­ri­sche Volks­bad nach der Wie­der­eröff­nung des Hal­len­bads Blu­men­wies schlies­sen. Da­bei ver­spricht die Stadt seit über 40 Jah­ren die Sa­nie­rung.

Von René Hornung,
Volksbad rene hornung 1

Der St.Gal­ler Kul­tur gehts an den Kra­gen

Die St.Gal­ler Re­gie­rung spart ge­gen ih­ren Wil­len wei­te­re 60 Mil­lio­nen Fran­ken ein und rech­net für 2027 mit ei­nem Plus von 55 Mil­lio­nen Fran­ken. Kul­tu­rel­le Ar­beit wird da­bei wei­ter pre­ka­ri­siert – mit ei­ner gros­sen Aus­nah­me.

Von Roman Hertler,
Kanton sparmassnahme

Filminstallation über Vergänglichkeit

Nur Vor­wärts

Von Daria Frick,
Emilija Skarnulyte Time of Arrow 2026 Kunstmuseum St Gallen Lokremise Foto Stefan Altenburger

Win­tis Glücks­fall

Die al­ten Fa­brik­hal­len sind aus Win­ter­thurs Kul­tur­le­ben nicht mehr weg­zu­den­ken. Sie wä­ren aber nichts oh­ne en­ga­gier­te und gut ver­netz­te Men­schen. Sai­ten konn­te auf Ein­la­dung des Kul­tur­ma­ga­zins «Coucou» ei­ni­ge von ih­nen tref­fen. Ein klei­ner Stadt­rund­gang

Von Roman Hertler, Bilder: Daria Frick,
2609 Staetevergleich DSC 6589

Sai­son­start mit pu­rem Wahn­sinn

Das Kon­zert und Thea­ter St.Gal­len zeigt ein­dring­lich auf: Fe­mi­zi­de exis­tie­ren in der Schweiz noch im­mer im un­ge­heu­ren Aus­mass. Die In­sze­nie­rung von Co­rin­na von Rad setzt auf das Gro­tes­ke in Ge­org Büch­ners Woy­zeck und fei­er­te am Sams­tag Pre­mie­re im Gros­sen Haus. Ei­ne Pro­duk­ti­on für «je­der-Mann»!

Von Viviane Sonderegger,
7228 dsc00923

Es kratzt, knallt und schep­pert

Viel En­er­gie und noch viel mehr Punk gibts auf dem neu­en Al­bum Now To Ru­in der Thur­gau­er Band S.G.A.T.V.. Ge­tauft wird am 1. Ok­to­ber im Win­ter­thu­rer Kraft­feld. Sai­ten hat vor­ab rein­ge­hört.

Von Jeremias Heppeler,
1000229093

Bak­te­ri­en und ein Fun­ke Hoff­nung 

Wie kön­nen wir un­se­ren Kon­sum nach­hal­ti­ger ge­stal­ten? In «Next Re­la­ti­ons – Zu­kunft ge­stal­ten» zeigt das Ge­wer­be­mu­se­um Win­ter­thur an­hand von Ar­bei­ten von Stu­die­ren­den mög­li­che An­sät­ze. Ei­ne an­spruchs­vol­le Schau, die Hoff­nung macht.

Von Vera Zatti,
3 gewerbemuseum winterthur next relations leon ehrmann matthis plaga 300dpi a5 1

Mas­ku­li­ni­tät als Spek­trum

Die Aus­stel­lung «Bey­ond the Ma­nos­phe­re. Mas­cu­li­n­i­ties to­day» im Kunst­mu­se­um St.Gal­len un­ter­sucht, wie Männ­lich­keit dar­ge­stellt, ge­prägt und ge­lebt wird. Und zeigt da­bei auch ih­re Wi­der­sprüch­lich­keit.

Von Lilli Kim Schreiber,
Ausstellungsansicht en Foto Sebasti