«De Mittelholzer isch en coole Typ gsi.» Den Satz hat der Künstler Beni Bischof auf Kugelschreiber drucken lassen, ein ironisches Mitbringsel aus der Ausstellung. Noch gibt es genug Stifte, denn es scheint sich nicht überall in der Ostschweiz herumgesprochen zu haben, dass die Ausstellung über Walter Mittelholzer (1894-1937) im Kulturraum am Klosterplatz einen Besuch unbedingt wert ist. Die «heissen» Verstrickungen des «coolen» Fugpioniers ins koloniale Zwischenkriegseuropa sind dabei nur das eine.
Ein- und Durchblicke: das Ausstellungsgerüst. (Bild: Michael Bodenmann)
Vom Estrich heruntergeholt
Das andre ist ein raumlanges, auf den ersten Blick einfaches, auf den zweiten Blick raffiniert verschachteltes Holzgestell: das Rückgrat der Schau. Das Gestalterteam mit Johannes Stieger, Ueli Frischknecht und Michael Schoch hat damit eine bestechende Form gefunden. Das Gestell verstellt nichts, sondern lässt den Durch-Blick. Es erinnert vielleicht an den Rumpf eines Flugzeugs, aber eher an ein ordentlich aufgeräumtes Regal auf dem Estrich. Passend, denn von dort stammen nicht nur einzelne Briefe und andere Mittelholzer-Reliquien, die auf einen Aufruf der Ausstellungsmacher von Privaten zur Verfügung gestellt wurden. Dort in der Rumpelkammer der Geschichte wäre die Erinnerung an den Flugpionier, 80 Jahre nach seinem Tod, wohl auch gelandet, wenn es die Ausstellung nicht gäbe.
Das Holzgestell kann auf jeder Höhe bestückt werden: Schrift- und Bildtafeln ganz oben, halbhoch oder unten, horizontale Flächen als Arbeitstische, Bücher auf Augenhöhe, zuunterst Bildschirme mit Filmprojektionen. Man bückt sich, man streckt sich, man bleibt in Bewegung, wenn man sich alle Inhalte zu Gemüte führen will.
Das Gestell ist erklärtermassen ein Provisorium, die Schriften sind einfach, aber säuberlich auf Holztafeln gedruckt, man könnte Dinge entfernen oder hinzufügen, und das soll nach dem Willen der Ausstellungsmacher auch so sein. Denn hier wird die Auseinandersetzung mit einer kontroversen Persönlichkeit und deren Werk gesucht, nicht die museale Zurschaustellung oder die definitive Einordnung.
Schweizerfähnchen über dem Nil
Was an Mittelholzer als «Typ» und an seinem Werk heute interessiert und provoziert, soll das Publikum also selber erkunden. In der Schweizer Illustrierten vom 10. Februar 1927 hat er sich auf jeden Fall cool inszeniert: Afrikaflieger Mittelholzer sitzt dort «auf der Terrasse des Katarakthotels über dem Nil», verkündet die Bildlegende. In den Blumentopf auf dem Terrassentisch hat er ein Schweizer Fähnchen gesteckt – Terrain erobert…!
Die publizistische Maschinerie, die Walter Mittelholzer als Medienunternehmer avant la lettre in Gang gesetzt hat, lässt sich mit Originalen jener Zeitschriften gut nachvollziehen – inklusive deren Verballhornung im Nebelspalter: Dort fantasierte Zeichner Gregor Rabinovitch eine «WM bei den Cacapoponegern» herbei und zog so die Afrikaflüge Mittelholzers einerseits ins Lächerliche, zementierte aber zugleich rassistische Stereotypen mit seinen Karikaturen grosslippiger und dümmlicher Afrikaner.
Strassenszene mit Gerichtshäuschen in Addis Abebba, 1934. (Bild: ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv)
Gerichtsverhandlung als Strassentheater
Es lohnt sich, eine weitere Stunde Zeit einzuplanen, um den Film vom Abessinienflug (1934) vollständig anzuschauen, der in der Ausstellung läuft. In diesem Film gibt es einerseits aus heutiger Perspektive unverzeihlich «übergriffige» Szenen – wenn etwa die europäischen Expeditionsteilnehmer eine Dorfbewohnerin zum Haarwaschen zwingen und sich anschliessend dafür loben, eine Schönheit aus ihr gemacht zu haben. Andrerseits finden sich zeit- und kulturgeschichtlich frappierende Filmsequenzen von den Schnell-Gerichten, welche auf offener Strasse tagen und bei denen die Streitparteien sich theatralisch duellieren. Oder: Der Film dokumentiert die Hinrichtung eines Mörders, indem er dem Trauer- und Klagezug der Angehörigen mit respektvoller Kamera folgt.
Zelebriertes Überlegenheitsgebaren und ethnografisches Interesse scheinen jedenfalls in diesem Film Hand in Hand zu gehen. Alle Mittelholzer-Filme sind parallel zur Ausstellung im St.Galler Kinok zu sehen und können in der Ausstellung auf DVD erworben werden – lohnend für all jene, die sich ihr eigenes Bild machen wollen.
Vertiefung bietet schliesslich auch das Rahmenprogramm. Es geht diesen Donnerstag, 19. März mit einem Vortrag von Nicole Graf los, der Leiterin des ETH-Bildarchivs, das über 20’000 Fotografien von Walter Mittelholzer aufbewahrt und digitalisiert hat. Am 9. April referiert der Historiker Harald Fischer-Tiné über postkoloniale Tendenzen der Schweizer Geschichte, weitere Vorträge folgen.
Und noch ein Pluspunkt der Ausstellung: Sie hat Humor. Ebenfalls zum Merchandising-Beigemüse, wie die Kugelschreiber, gehört nämlich ein Stempel mit dem Aufdruck «Mittelholzer geile Ausstellung. Versteht nicht jeder. Ist auch besser so.»
Modell Mittelholzer. Die Afrikaflüge als Anlass: bis 3. Mai, Kulturraum am Klosterplatz St.Gallen, offen: Mi – So 12 bis 17 Uhr, Do bis 20 Uhr Infos: hier
Titelbild: Walter Mittelholzer mit Alfred Künzle (Co-Pilot) und Werner Wegmann (Mechaniker) vor dem Start zum Afrikaflug 1929, Bildarchiv ETH-Bibliothek Zürich.
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