«Du kannst alles werden, was du zu sein verdienst», sagt Manthe Ribane im TV-Interview zu «Arte». Sie trägt blau-glänzenden Lippenstift, eine übergrosse Sonnenbrille, einen grellen neon-gelben Kragen. Die 28-jährige Künstlerin ist ein Kulturexport des neuen Südafrikas. Global wird sie wahrgenommen als Teil der afrofuturistischen Bewegung, die spätestens seit Beyonces Auftritt als galaktische Sonnengöttin an den Grammys 2017 im Mainstream angekommen ist. Als Teil einer Erzählung ausserhalb der dominant-hegemonialen Position, soll heissen: Im Afrofuturismus ist Rasse Fiktion, sind Grenzen überwunden.
Ribane bewegt sich geschickt zwischen Kunst und Werbung: Für das britische Südafrika-Tourismus-Board zeigte die Tänzerin und Sängerin das junge, individualistische Johannesburg – geboren nach dem Ende der Apartheid, born free. Für Chanel sprach sie über ihre Kindheit und ihre Passion, für Nike über das Potenzial künstlerischer Kollaborationen. Würde man sie auf ihr gesprochenes Wort reduzieren, wäre sie der personalisierte Appel an die Selbstermächtigung: «Wann immer es zuviel negative Energie gibt, solltest du selbst der Anti-Virus sein.»
Virenkörper wurden im Land, in das Ribane geboren wurde, mit dem Ende der Apartheid viele ausgemerzt. 23 Jahre später ist das meistentwickelte Land Afrikas krisengeplagt: Der seit damals regierende ANC hat durch Korruptionsskandale an Glaubenswürdigkeit verloren, die Hälfte der Jugendlichen ohne Hochschulabschluss im Land ist ohne Job. Der Zugang zu Bildung und damit Zukunftsperspektiven in den urbanen Zentren wie Johannesburg ist nach wie vor erschwert.
Manthe Ribane
Ansätze, die schwarze Bevölkerung Post-Apartheid zu ermächtigen, scheiterten: Obwohl sie 78 Prozent der ökonomisch aktiven Bevölkerung ausmacht, werden gerade mal 14.3 Prozent der Topmanagement-Positionen von Schwarzen besetzt. Struktureller Rassismus ist kein Mythos. Vor diesem Hintergrund scheint Manthe Ribanes Appell an die eigenen Kräfte nicht blosser Motivationstrainer-Talk, sondern Tugend aus der Not. Du musst selbst aktiv werden, denn auf das System ist kein Verlass. Move forward.
Würde man die Künstlerin nur auf ihr Wort reduzieren, würde man ihrem Schaffen nicht gerecht werden. Man muss Ribane tanzen sehen. Das sah auch Die Antwoord so, die erfolgreichste Band Südafrikas der 2010er-Jahre, als sie sie für ihre Welt-Tour engagierte. Ribane kennt grosse Bühnen: Mit acht Jahren tanzte sie vor 80’000 Menschen an Nelson Mandelas Geburtstag. Aufgewachsen ist sie in Soweto, mit Pantsula, einer Tanzform, die in den Townships als sozialer Kommentar auf die Apartheid entstand, sich beim 30er-Jahre-Jazz bediente, aber auch bei lokaler pre-kolonialer Tradition und globaler Jugendkultur, Hiphop, Breakdance. Ribanes Experimentierfreude, Polymath-Spirit und ihre Dichte an Output erinnert an FKA Twigs. Man wird noch viel von ihr hören.
Anspieltipp:
«Gqom ist in erster Linie Flucht. Wenn er dich nicht tanzen lässt oder er es nicht schafft, dass du deine Probleme vergisst, dann ist es nicht Gqom und der Song hat versagt», hat DJ Lag einmal gesagt. Der 21-Jährige prägt von den Townships in Durban aus das Mikro-Tanz-Genre Gqom. In Durbans Zeitgeist – grimmig, roh, minimalistisch, nach vorn – scheint sich auch das hiesige Publikum finden – oder verlieren – zu können: DJ Lag legt mittlerweile in Dänemark, Berlin oder an der Langstrasse auf.
A conversation mit DJ Lag: 10. November, 18 Uhr, Lecture Room Zürich
Norient Presents Gqom oh! Special with DJ Lag, Nan Kole, El Murki: 10. November, 22 Uhr, Moods Zürich moods.club
Wie viele seiner Kollegen beherrscht er kein Instrument, oder eben das einzig Wichtige: seinen Laptop. Lags Songs bestehen aus praktisch keinen menschlichen Sounds, die Polyrhythmen werden auf Laptops in Schlafzimmern mit der Maus gezeichnet, die Bässe sind Linien auf dem Bildschirm. Seine Instrumental-Tracks wandern über USB-Sticks in Taxis und Minibusse, laute Mini-Discos, die mit den neuesten Gqom-Sounds ihre Kunden gewinnen. Die Taxis fahren in die Clubs, wo bis zum Frustvergessen getanzt wird.
DJ Lag
Dass Gqom-DJs bei uns gebucht werden, ist auch Pionieren der digitalen Global Dance Culture wie Diplo zu verdanken, der sich schon früh die neue Produktions-, Distributions- und Kollaborationsmöglichkeiten der elektronischen Weltvernetzung zunutze machte. Elektronische Musik hat den Grossteil ihrer geografischen Wurzeln verloren, dennoch klingt Lags Gqom nicht nach den geläufigen Variationen elektronischer Tanzmusik, wie sie in unseren Clubs gespielt wird.
Gqom ist die Flucht nach vorne einer südafrikanischen Generation, die in die neue Freiheit der Post-Apartheid geboren wurde und heute meist ohne Job und Perspektive dasteht. Dass sich diese Energie als Bassenergie in nördliche Clubs transferieren kann, scheint offensichtlich. DJ Lag ist einer der experimentierfreudigsten der Gqom-Bewegung. Eine Empfehlung für jene, deren emotionales Innenleben (Frust! Probleme! Wut!) nach mehr Bewegung verlangt, um eine kathartische Wirkung zu entfalten, als versöhnlicher Deep House.
Fela Gucci und Desire Marea bezeichnen ihr Kollektiv FAKA als kulturelle Bewegung. Ihre radikale Haltung hinsichtlich fluider Identitäten manifestiert sich in ihren Auftritten, Videoclips oder Bildstrecken: Mal wiederspiegelt das Duo aus Johannesburg soziale Vorstellungen von Weiblichkeit, mal Männlichkeit, mal legen sie Verletzlichkeit offen, zeigen sich als Krieger oder mit kupferfarbenen Afros. Langfristig wollen sie jungen schwarzen Queers ein Netz der Unterstützung bieten.
FAKA (Bild: pd)
Auch bei FAKA ist Empowerment, die Selbstermächtigung ein Kernthema – nicht ohne Grund: Nach der Apartheid wurden Gesetzgebungen ausgerichtet auf eine radikale Gleichheit, so ist beispielsweise gleichgeschlechtliche Ehe möglich in Südafrika. Die Gesellschaft wird jedoch immer noch durchdrungen von strukturellem Rassismus und Diskriminierung.
FAKA scheuen nicht davor zurück, mit grossen Brands wie Adidas zusammenzuarbeiten, um ihre Message zu verbreiten: den queer-black Stimmen Südafrikas Gehör zu verschaffen. Ihre Musik beschrieben sie mal als «Post Gospel Pain», die neuen Songs klingen am besten in Taxis mit Subwoofern: Gqom mit Drone-Sounds und einer Form von melodiösem Rapgesang, wie er an Durbans House-Parties zu hören ist.
Dieser Beitrag erschien im Novemberheft von Saiten.
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