Die Apartheid in Südafrika wurde 1994 offiziell beendet. Und so gehört Malaika Malahtsi – oder Malaika Wa Azania, wie sie sich als Schriftstellerin nennt – eigentlich zur Generation der «Born Free». Sie hat Jahrgang 1991 und gehört zur jungen schwarzen Bevölkerung, welche die Rassentrennung fast nur aus den Erzählungen ihrer Eltern und Grosseltern kennt. Der African National Congress ANC hatte die schwarze Bevölkerung aus der Unterdruckung gerettet. «Alle waren wir jung, alle liebten wir Mandela», schreibt sie in ihrem Buch Born Free – Mein Leben im Südafrika nach der Apartheid. In der Schule seien sie in vier Bereichen unterrichtet worden: Religion, Mathematik, Lesen und Mandela. Der frisch gewählte Präsident der Republik wird in der Township Meadowland, wo Malaika aufwächst, wie ein Heiliger verehrt.
Der Kampf um ein menschenwürdiges Leben
Doch Malaika Wa Azania hat schon früh ihre Zweifel. Denn der Alltag in der Township hat mit einem freien Leben nicht allzu viel zu tun. Klar kann sie die besseren Schule besuchen, natürlich hat sie die Möglichkeit, sich politisch frei zu äussern. Doch täglich kämpfen ihre Mutter und ihre Grossmutter um ein menschenwürdiges Leben, um ein Dach über dem Kopf, um ein winziges Einkommen, um eine Ausbildung für ihre Kinder. Dass diese Realität sie zu einer «Born Free» machen soll, ist für die junge Frau ein Hohn. Ironie.
Lesung von Malaika Wa Azania, Gespräch mit der Journalistin Monika Schärer (Englisch) und Informationen von Joachim Merz von Solidar Suisse über die Arbeit in Südafrika: Mittwoch 21. September, 19.30 Uhr, Palace St.Gallen.
Ihr Buch, eigentlich ein offener Brief an den ANC, ist eine einzige grosse Anklageschrift, in der sie die heiliggesprochene Partei scharf kritisiert. Geht so etwas in Südafrika? Aber ja, meint sie. «Denn dass der ANC das südafrikanische Volk befreit hat, ist nur ein Narrativ, eine Legende, die wir anfechten müssen», sagt sie. Es sei nicht dieses «grosse Individuum» Mandela gewesen, der die Apartheid beendet habe. «Er sass 27 Jahre im Gefängnis, 30 Jahre lang hat seine Partei nur aus dem Untergrund operieren können. Es war das Volk, das den ANC befreit hat, und nicht umgekehrt.»
Dieser Freiheitskampf habe lange vor 1912 begonnen, als der ANC gegründet wurde, und ihr sei immer schon unwohl gewesen mit dieser unkritischen Verehrung. Stattdessen sollte der Widerstand der einfachen Leute gewürdigt werden. Jener der alten Frauen beispielsweise, wie ihre Grossmutter, die in den Townships die jungen Aktivisten versteckten. «Das ist vielleicht nicht etwas so Grossartiges, wie 27 Jahre im Gefängnis zu sitzen. Aber ohne diese kleinen Taten wäre Südafrika niemals befreit worden.» Der ANC habe wohl eine wichtige Rolle gespielt, sei aber mitnichten der einzige Befreiungskämpfer gewesen.
Neoliberale Wende für die Weissen
Ihr grösster Vorwurf betrifft allerdings gar nicht die Vergangenheit, sondern die Zeit nach der Apartheid und die Gegenwart. Bei den ersten freien Wahlen in Südafrika machte der ANC 63 Prozent der Stimmen, Mandela wurde Präsident. Für Malaika Wa Azania hätte es seine Regierung in der Hand gehabt, die Rahmenbedingungen für eine neue Gesellschaft zu schaffen. Doch stattdessen verzichtete sie bereits nach zwei Jahren an der Macht auf ein sozialpolitisches Programm, das den schwarzen Arbeiterinnen und Arbeitern überhaupt die Nutzung dieser Freiheiten ermöglicht hätte.
«Kostenlose Schulbildung, Sozialwohnungen und Sozialhilfe, allein schon menschenwürdige hygienische Bedingungen in den Townships fehlen», erklärt sie. Damit habe der ANC der schwarzen Bevölkerung grundlegende Menschenrechte verweigert. Und das neoliberales Programm mit Privatisierungen, der kompletten Öffnung des Marktes für ausländische Konzerne tue nichts anderes, als die Macht der weissen reichen Minderheit und des weissen ausländischen Kapitals auf Kosten der schwarzen Bevölkerung zu stärken.
Mit dem Satz «Demokratie ist nur ein leeres Wort, wenn Millionen von Schwarzen hungern, arbeitslos und ohne Land sind», schliesst ihr wütendes Buch. Sie hat vor, dies zu ändern. Zwar will sie nicht mehr südafrikanische Präsidentin werden, so wie sie dies als Kind noch vorhatte, aber Politik, Aktivismus und viel Kritik an den Verhältnissen hat sie weiterhin im Programm.
Die 25jährige Südafrikanerin, die an der – ehemals nur Weissen vorbehaltenen – Rhodes University Geografie studiert, ist von Solidar Suisse und dem Rotpunktverlag auf eine Lesereise durch die Schweiz eingeladen worden.
Nach Jahrzehnten treffen sich Eva und Franz wieder. Beide im fortgeschrittenen Alter. Viel ist passiert und doch ist da noch Zuneigung. Schwindlig heisst der neue Roman der Ostschweizer Autorin Christine Fischer, in dem vielschichtige Charaktere auf feines Sprachgefühl treffen.
Dieses Wochenende eröffnet die offene Werkstatt Meter den neuen Standort an der Burgstrasse. Und im November zügelt Offcut nach St.Fiden. Das ist der Anfang vom Ende der Gemeinschaft «Ulmen5» – zumindest in ihrer bisherigen Form. Denn 2027 könnte es zur teilweisen Wiedervereinigung kommen.
Eine neue SRF-Serie porträtiert eine elfköpfige WG aus St.Gallen. Endlich wieder mal eine sehenswerte SRF-Produktion, findet Saiten-Autor Andi Giger.
St. Gallen schlägt sich am Ende auch selbst und muss den Traum von Europa begraben. Entscheidend war er Platzverweise gegen Mihailo Stevanovic vor der Pause.
Drei Kulturmagazine tun sich zusammen, vergleichen ihre Städte und die Herausforderungen, denen die Kultur gegenübersteht. Saiten hat die Kolleg:innen vom «Coucou» in Winterthur besucht und das «Null41» war in St.Gallen zu Besuch. Ausserdem im Septemberheft: lauter Jubiläen – von Anita Zimmermann über das Figurentheater bis zur Museumsnacht –, ein Pfarrer auf braunen Abwegen, eine Flaschenpost aus Afghanistan und ein Interview zum Hitzesommer und dem Klimawandel.
An seiner ersten Pressekonferenz als Leiter der St.Galler Kellerbühne schildert Hüseyin Cirpici seine Eindrücke der Stadt und verrät, was das Publikum unter seiner Regie erwartet.
Der St.Galler Komponist Charles Uzor hat eine Art politisches Oratorium geschrieben. Am Sonntag wurde es in der Kirche Trogen aufgeführt: The Great Wall. A Labyrinth mit dem grandiosen New Yorker Vokalensemble Ekmeles.
An den Appenzeller Bachtagen erklärte die Medienwissenschaftlerin Mercedes Bunz, weshalb die künstliche Intelligenz kreativ sein kann – und warum sie dennoch grundlegend anders arbeitet als der Mensch.
Kunstausstellung
Gesellschaftskritik, Wirbelsäulen und Gelenke, die keine sind. Im Rahmen einer Zwischennutzung zeigen vier Kunstschaffende noch bis zum 29. August ihre Arbeiten im Kubik-Areal in St. Gallen.
Die Kultur hat keine Lobby? Am Stadtkulturgespräch vom Donnerstagabend im Talhof war sie da: Vertreter:innen von acht Berufsverbänden stellten sich vor. Brennendstes Thema waren einmal mehr die Honorare.
Im Kunst Kontor Rorschach lud der Künstler Felix Stöckle zu einem Dinner, einer Ausstellung, einem Happening – zwischen Fine Dining, Keramik, popkulturellen Referenzen und der alten Idee eines geteilten Tisches.
Nach zehn Jahren in der Schweiz wollte sich Samira Rahim mit ihrer Familie einbürgern lassen. Die zahlreichen bürokratischen Hindernisse und die hohen Kosten brachten die Familie zeitweise fast dazu, aufzugeben.
Berlingen hat eine neue Methode der Interessenabwägung entwickelt: eine Analyse des Ortsbilds als Grundlage, um die wertvolle Baukultur zu erhalten und gleichzeitig die Innenentwicklung voranzubringen. Nun steht die Verankerung in der Ortsplanung an.
SP-Mann Peter Jans tritt Ende Juni 2027 aus der St.Galler Stadtregierung zurück. In seiner Partei startet die Suche nach einer Nachfolge mit einem klaren Favoriten. Bei den Bürgerlichen sind Schmiede für eine grosse Allianz gefragt.
Im Botanischen Garten St.Gallen geht es ab nächsten Samstag wundersam zu und her: Künstler:innen aus verschiedenen Sparten laden zum szenischen Rundgang unter dem Titel In der Dämmerung wächst ein Flüstern. Ein Probenbesuch.
Der Dramatiker Andreas Sauter liest am 27. August im Literaturhaus Thurgau aus seinem unfertigen Manuskript Einbruch der Wildnis. Im Zentrum des Werks steht die Frage, was es für einen gesellschaftlichen Wandel braucht.
Die deutsche Filmemacherin Regina Schilling bringt zum 100. Geburtstag von Ingeborg Bachmann Jemand, der einmal ich war ins Kino. Der Dokumentarfilm verknüpft grossartige Archivaufnahmen mit fiktionalen Szenen aus dem letzten Lebensjahr der Dichterin zu einem zugänglichen Plot.
Die SVP macht seit Wochen Stimmung gegen die geplante neue Moschee der albanisch-islamischen Gemeinschaft El-Hidaje in St.Gallen. Anlässlich eines öffentlichen Rundgangs der SP stellten die Verantwortlichen das Projekt vor – und räumten mit vielen Vorurteilen auf.
Jim Dine gehört zu den bedeutendsten zeitgenössischen Künstler:innen. Seit ein paar Jahren erschafft er seine Skulpturen vornehmlich im Sittertal. In die Kunstgiesserei verliebte sich der Pop-Art-Pionier bei seinem ersten Besuch vor fast 20 Jahren.