7118 Kilometer in zwölf Etappen legte Walter Mittelholzer auf seinem Abessinienflug zurück. Dafür brauchte er insgesamt rund 46 Flugstunden.
Huruy Gherezghiher (32), Tewelde Tesfai (30) und Yonas Gebrehiwet (18) stammen aus Eritrea und sind vor einigen Jahren vor dem dortigen Regime geflüchtet. Als der Ostschweizer Flugpionier und Fotograf Walter Mittelholzer 1934 seinen Abessinienflug machte, diente Eritrea seinen italienischen Kolonialherren primär als Aufmarschgebiet für den Krieg gegen das benachbarte Äthiopien (1935/36). Das ehemalige Kaiserreich sollte später ebenfalls eine italienische Kolonie werden, wurde damals aber noch von Haile Selassie I. regiert.
Die Italiener, sagen Tewelde und Huruy, seien «vermutlich noch die erträglichsten aller Kolonialmächte» gewesen. So jedenfalls haben sie es von ihren Vätern und Grossvätern gehört. «Sie waren zwar Besatzer, haben das Land aber auch modernisiert, die Infrastruktur verbessert und sehr viel gebaut damals. Oder besser: bauen lassen. Von eritreischen und äthiopischen Sklaven.» In der Nähe der Hauptstadt Asmara gebe es eine Strasse, sagt Huruy, die zwar von Eritreern gebaut wurde, damals aber nur von Weissen befahren werden durfte. Bei deren Bau seien über 20’000 eritreische Sklaven gestorben.
Wie wenn ein Berner mit einem Appenzeller spricht
Der Brief unten, den Mittelholzer einst von Selassies Privatsekretär erhielt, sorgt für Stirnrunzeln bei Huruy, Tewelde und Yonas. Er ist in Amharisch geschrieben (Übersetzung unten), was eng verwandt ist mit Tigrinya, ihrer Muttersprache, die auch in Äthiopien gesprochen wird. «Der grösste Unterschied zwischen äthiopischem und eritreischem Tigrinya liegt in der Aussprache», erklärt Yonas. «Stell dir vor, ein Berner würde mit einem Appenzeller reden: dieselbe Sprache, zwei Dialekte.»
Tewelde liest laut vor. Immer wieder muss er schmunzeln. «Weil Selassies Sekretär so förmlich und floskelhaft schreibt.» Den Anlass des Briefes hingegen finden die jungen Eritreer gar nicht amüsant. «Ich werde nie verstehen, wie man einem ausländischen Geschäftspartner ein vergoldetes Schwert schenken kann, während das eigene Volk hungert», ärgert sich Tewelde. «Es macht mich traurig, dass Eritreas Bodenschätze und Reichtümer nicht den Einheimischen zugute kommen, sondern vor allem dem Ausland. Das ist auch heute noch so. Im Zusammenhang mit der Swiss-Leaks-Affäre habe ich kürzlich etwa gelesen, dass die HSBC Privatbank über 700 Millionen Dollar von reichen Eritreern gebunkert haben soll. Wieso ist dieses Geld nicht dort, wo es gebraucht wird?»
Die Übersetzung: An seine Exzellenz Walter Mittelholzer, Ich habe das Vergnügen, Ihnen meine besten Glückwünsche zu überbringen für die Geschicklichkeit, mit welcher sie das dreimotorige Flugzeug, das heute Seine Majestät der Kaiser und König von Äthiopien als erstes dieser Art gekauft hat, sicher über die weite Strecke geflogen haben. Er ist zufrieden und vergnügt, dass Sie nach Ihrem grossen Flug von der Schweiz gut in Addis Abeba angekommen sind, und Er hat mich beauftragt, Ihnen seinen besten Dank auszusprechen. Ich bitte Sie, als Erinnerung daran und als Dank dafür, dass Sie nach Äthiopien gekommen sind, diesen Schild aus Gold und einen seltenen Degen aus Gold anzunehmen. Ich erbiete Ihnen meine besten Wünsche. Der Privatsekretär: Tadesse Machacha
Eritreische Investoren für Uganda und Dubai
Diese eritreische Oberschicht, die Tewelde kritisiert, stamme grösstenteils vom alten abessinischen Adel ab und vereine auch heute noch den Löwenanteil der eritreischen Reichtümer auf sich. Er spricht von einer Handvoll regimetreuer Leute, die zusammen über 90 Prozent des Geldes besitzen. «Leider investieren diese Leute nicht in ihrem eigenen Land, sondern in andere Unternehmen, derzeit vorzugsweise in Uganda oder Dubai.» Früher waren es die Kolonialmächte, die seine Heimat ausbeuteten, sagt er, «heute sind es Diktator Isayas Afewerki und unsere eigenen Landsleute».
«Die Tierhaare dienen als Statussymbol», erklärt Yonas. «Meistens sind es die Mähnen erlegter Löwen, seltener auch Affenhaare.» Und: Eine solche Kopfbedeckung sei bequemer zu tragen als vermutet, da sie traditionellerweise direkt mit dem eigenen Haar verflochten werde. «Das Gefühl ist ähnlich wie unter einer Perücke.»
Einer der höchsten Titel am äthiopischen Kaiserhof war jener des «Ras», wovon Mittelholzer in seinem Abessinien-Buch ebenfalls einige portraitiert hat (Bild oben). Dieser Rang stand Gouverneuren, aber auch hohen kirchlichen Würdenträgern zu und sei mit dem eines europäischen Grafen oder Herzogs vergleichbar, sagt Tewelde. «Haile Selassie hiess Ras Tafari Makonnen, bevor er zum Herrscher Äthiopiens wurde, sein Vater war Gouverneur Ras Makonnen Woldemikael.»
Nackte Dankali-Mädchen und der «negroide Einschlag»
Unabhängig von Mittelholzers Verdiensten wirkt es aus heutiger Sicht teilweise recht surreal, wie der technikaffine, weisse Expediteur vor seiner «Switzerland» posiert, umringt von einem Dutzend «Dinka-Negern», die sich «vom ersten Schrecken erholt» haben (Bildunterschrift Afrikaflug, 1927). In diesem Zusammenhang wird deshalb unweigerlich auch der «koloniale Blick» zum Thema. Damit ist die herablassende Attitüde gemeint, mit der das vermeintlich zivilisierte Europa damals auf die «nackten Wilden» und die «Naturvölker mit negroidem Einschlag» hinabsah – oder im umgekehrten Fall deren «ursprünglichen Lebensstil», ihre «einfachen Sitten und Gebräuche» romantisierte und entsprechend idealisierte.
Sie wiegen sich «in unnachahmlicher Grazie», schrieb Mittelholzer über die Frauen in Dankali. Das liegt im Südosten Eritreas, heiss und trocken sei es dort, weiss Yonas, der ebenfalls im Süden aufgewachsen ist. «Solche alten Bücher und Fotografien interessieren mich aber ehrlich gesagt nicht besonders. Die Leute in Europa haben ein völlig falsches Bild vom afrikanischen Kontinent», kritisiert der angehende Textiltechnologe. «Das merke ich oft, auch in der Berufsschule: Viele denken zum Beispiel, ich komme von irgendwo her, wo es nicht einmal Wasser hat…»
Die Bezeichnung «Galla» sei diskriminierend, sagen Yonas und Tewelde. Heute brauche man dieses Wort nicht mehr, da es ähnlich wie der «Kaffa-Neger» einst als Schimpfwort erfunden wurde. Mit dem Wort «Neger» haben die beiden weniger Probleme – sofern es nicht in einem diskriminierenden Zusammenhang gebraucht wird. «Das hängt unter anderem auch mit der Hip Hop-Kultur von heute zusammen», sagt Yonas, «wo der Nigga ein Bruder ist und kein Schimpfwort.»
Der «vom Europäer zum besseren Haustier degradierte Neger»
Mittelholzer selber war sich dieser europäischen Überheblichkeit offenbar durchaus bewusst – zumindest lässt sich das aus dem letzten Kapitel seines Abessinien-Buchs schliessen. Dort schreibt er: «Nach welchen Grossmachtkolonien mich meine früheren Afrikaflüge auch geführt haben, stets bot sich das gleiche Bild: der vom Europäer zum besseren Haustier degradierte Neger! Welches Unrecht wir damit dem Schwarzen antun, der seinerseits ein rührender Gastgeber ist, wurde mir wiederholt schmerzlich und peinlich zugleich offenbar.»
Und nicht nur das, er übt sich sogar in antikapitalistischer Wachtumskritik, wenn auch eher unterschwellig: «Je tiefer und gerechter ein Europäer in die Volksseele der heute herrschenden Abessinier eindringt, desto mehr erkennt er das Absurde unserer Rassenüberhebung. Dieses Volk, das vom einfachen Eseltreiber bis hinauf zum höchsten staatlichen Würdenträger Jahrtausende hindurch seine einfachen Sitten und religiösen Formen bewahrt hat, lebt dort im ewig jungen Frühling seiner gesunden Hochebenen in einem wunderbar seelischen Gleichgewicht, das mir gegenüber unserer dem Zerfall nahen, vielleicht am technischen Fortschritt einst zerschellenden Kultur wie ein ersehntes Bild vom goldenen Zeitalter der Menschheit erscheint! So ist die Nächstenliebe und Hilfsbereitschaft bei solchen Völkern noch eingewurzeltes Gesetz und nicht wie bei uns nur eine Farce. Nirgends in ganz Abessinien klopft ein Bettler umsonst an eine Tür, überall erhält er reichliche Nahrung. Jeder teilt mit dem anderen sein letztes Stück Brot.»
Und plädiert – wie auch Tewelde, Yonas und Hury – für eine gerechte Güterverteilung: «…doch es wäre von schwerem Nachteil für sein Volk, wenn ihm durch aufgezwungene fremde Sitten und Unsitten die bisherige Harmonie und Ausgeglichenheit genommen würde. Gerade der gebildete Abessinier, der in Europa seine Schulung genossen hat, kennt die Gefahr, die mit dem allgemeinen, hemmungslosen Eindringen unserer Zivilisation in sein Land heraufbeschworen wird. Kann man es ihm verargen, dass er lieber an den Gebräuchen und einfachen, natürlichen Lebensweise seiner Väter festhält und seine Tore nicht vorbehaltlos dem profitgierigen Weissen zur Europäisierung seiner Kinder und zur Ausbeutung seiner Naturschätze öffnet?»
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