Licht in die Kultur-Blackbox

Stadtpräsidentin und «Kulturministerin» Maria Pappa begrüsst die Teilnehmer:innen am diesjährigen Stadtkulturgespräch im Talhof. (Bild: Su.) 

Kulturgelder werden knapp – umso mehr braucht es die privaten Stiftungen. Das war Thema am Stadtkulturgespräch im St.Galler Talhof. Wie und was sie fördern, ist allerdings höchst unterschiedlich.

Bi­an­ca Ver­a­guth, die Ge­schäfts­füh­re­rin der St.Gal­ler Ria & Ar­thur Diet­sch­wei­ler Stif­tung, brach­te es in ih­rer Ge­sprächs­run­de auf den Punkt: «Stif­tun­gen sind kein hei­li­ger Gral, son­dern sie sind da­zu da, Kul­tur zu er­mög­li­chen und zu för­dern.» Drum sei­en Hem­mun­gen fehl am Platz, Ge­su­che ein­zu­rei­chen, und wer un­si­cher sei, ob die ei­ne Stif­tung auch die rich­ti­ge sei, der grei­fe am bes­ten zum Te­le­fon­hö­rer. «Wenn ich da bin, neh­me ich ab.»

Das Bild ei­ner of­fe­nen, trans­pa­rent über ih­re För­der­tä­tig­keit in­for­mie­ren­den Stif­tung trifft für Diet­sch­wei­ler je­den­falls zu; auf de­ren Web­site sind Kri­te­ri­en und För­der­ent­schei­de ein­seh­bar. Ganz im Ge­gen­satz zu den Kli­schees, die ver­mut­lich noch weit­her­um vor­han­den sind und die auch Stadt­prä­si­den­tin Ma­ria Pap­pa ein­lei­tend an­sprach: Pri­va­te Stif­tun­gen gäl­ten als ver­schwie­gen und in­trans­pa­rent, ih­re För­der­kri­te­ri­en sei­en für vie­le Kul­tur­schaf­fen­de ei­ne Black­box. 

Über­zeu­gen­des Pro­jekt, aus­sa­ge­kräf­ti­ges Dos­sier, rea­lis­ti­sches Bud­get 

Wer för­dert was, wie, wann und nach wel­chen Kri­te­ri­en? Ant­wor­ten ga­ben am dies­jäh­ri­gen Stadt­kul­tur­ge­spräch gleich sechs Ver­tre­te­rin­nen re­gio­na­ler und na­tio­na­ler Stif­tun­gen. Clau­dia Büh­ler von der UBS Kul­tur­stif­tung und An­na Bür­gi von der Ernst Göh­ner Stif­tung ver­tra­ten die gros­sen schweiz­weit tä­ti­gen Play­er. Haupt­säch­lich in St.Gal­len tä­tig sind die Wal­ter und Ve­re­na Spühl-Stif­tung mit Prä­si­dent Tho­mas Scheit­lin, die E. Fritz und Yvonne Hoff­mann-Stif­tung mit Stif­tungs­rä­tin An­na Wen­ger und die Ria & Ar­thur Diet­sch­wei­ler Stif­tung mit Ge­schäfts­füh­re­rin Bi­an­ca Ver­a­guth. Ste­fan Son­der­eg­ger schliess­lich prä­si­diert die He­ri­sau­er Stein­egg Stif­tung und Dr. Fred Sty­ger Stif­tung.

Al­len ge­mein­sam ist ein weit ge­fass­ter Stif­tungs­zweck, der in der Re­gel ne­ben Kul­tur auch Bil­dung, So­zia­les oder Wis­sen­schaft um­fasst – wo­bei rund­um die Zahl der Kul­tur­ge­su­che über­pro­por­tio­nal stark an­ge­wach­sen sei. Eben­so set­zen die meis­ten Pri­va­ten auf Pro­jekt­för­de­rung und scheu­en wie­der­keh­ren­de En­ga­ge­ments, Be­triebs- oder In­fra­struk­tur­gel­der. 

Ei­nig wa­ren sich die Stif­tungs­ver­tre­ter:in­nen dar­in: Ein Pro­jekt muss über­zeu­gend sein, das Dos­sier aus­sa­ge­kräf­tig, das Bud­get rea­lis­tisch und der Fi­nan­zie­rungs­plan trans­pa­rent. Ge­such­stel­ler müss­ten ih­re «Haus­auf­ga­ben» ma­chen, sich über die För­der­richt­li­ni­en in­for­mie­ren, die An­trags­for­mu­la­re kor­rekt aus­fül­len, sag­te An­ne Wen­ger von der Hoff­mann-Stif­tung – dann könn­ten sie mit ei­ner wohl­wol­len­den Be­ur­tei­lung ih­res Ge­suchs rech­nen. Für ih­ren Stif­tungs­rat, in dem die Stif­te­rin sel­ber noch mit­wirkt, sei ein mensch­li­cher Um­gang zen­tral. Und die Hal­tung: «Es ist grund­sätz­lich toll, dass man et­was be­wir­ken kann, das mög­lichst auch ein brei­tes Pu­bli­kum er­reicht.» 

3000 Ge­su­che und 22 Mil­lio­nen Fran­ken För­der­sum­me 

Dass es trotz Wohl­wol­len oh­ne har­te Kri­te­ri­en nicht geht, mach­te die Ver­tre­te­rin der Göh­ner Stif­tung deut­lich: bei 3000 Ge­su­chen und ei­ner För­der­sum­me von rund 22 Mil­lio­nen Fran­ken pro Jahr kein Wun­der. Göh­ner schliesst un­ter an­de­rem Lai­en­kul­tur aus, setzt mehr­mo­na­ti­ge Fris­ten für die Ein­ga­ben oder för­dert zwar Fach­li­te­ra­tur, aber kei­ne Bel­le­tris­tik. Diet­sch­wei­ler wie­der­um setzt haupt­säch­lich auf ei­ge­ne Pro­jek­te wie das Fes­ti­val Al­te Mu­sik St.Gal­len oder den neu­en Per­forming Arts Fund PAF für dar­stel­len­de Künst­ler:in­nen.

Bei den an­de­ren re­gio­na­len Stif­tun­gen spie­len et­wa die Aus­rich­tung auf «eher klas­si­sche Kul­tur» (Spühl), so­zia­le Mo­ti­ve (Hoff­mann) oder der Lo­kal­be­zug ei­ne zen­tra­le Rol­le – und von Vor­teil sei es auch, wenn man sich ken­ne, wie ei­ne der Stif­tungs­ver­tre­te­rin­nen ein­räum­te. The­men wie So­zio­kul­tur, Ar­chiv­ar­beit, Kul­tur­ver­mitt­lung oder Kul­tur­jour­na­lis­mus schei­nen da­ge­gen noch we­ni­ger auf dem Ra­dar der Stif­tun­gen zu sein. 

Stadt­prä­si­den­tin Ma­ria Pap­pa und die Co-Lei­te­rin­nen der städ­ti­schen Kul­tur­för­de­rung, Bar­ba­ra Af­fol­ter und Kris­tin Schmidt, spar­ten am En­de der ins­ge­samt drei Dis­kus­si­ons­run­den nicht mit Dank. Denn je stär­ker die öf­fent­li­chen Kas­sen von Bund, Kan­ton und Ge­mein­den un­ter Druck sei­en, des­to un­ver­zicht­ba­rer wer­de der Bei­trag der Pri­va­ten an ein viel­fäl­ti­ges Kul­tur­le­ben. Den zahl­rei­chen Teil­neh­men­den am gest­ri­gen Stadt­kul­tur­ge­spräch wur­de zu­min­dest ver­mit­telt: Die Tü­ren der Stif­tun­gen ste­hen of­fen. 

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