, 16. Oktober 2019
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Mit den Ohren riechen

Den Geruch von Regen auf Asphalt nennt man «Petrichor». So heisst auch das neue Album von All Ship Shape, auf dem sich mehrere Sprachen mit Drum-Partikeln und Gitarren-Organismen zum herben Duft der Sommererde vermischen. Von Jonas Bartholdi

All Ship Shape: Fabian Füllemann (Gitarre), Martin Klester (Bass), Thiemo Legatis (Schlagzeug), Severin Walz (Gesang), Michael Städler (Gitarre). (Bilder: pd)

Während der goldenen Zeit des Indie-Rocks und den engen Röhrenjeans habe ich etliche englische Bands am Laufband durchgehört. Aufgewachsen im ländlichen Thurgau war es schwierig, am Wochenende Konzerte zu besuchen.

Schuld daran war sicher auch meine Erst-Lehre zum Koch. Hattest du am Samstag mal frei, spielte sicher irgendwo an einer Hundsverlochete eine Partyband, die ihre Covers zum Besten gaben. Heute schäme ich mich, für solche Veranstaltungen Eintritt bezahlt zu haben.

Dies änderte sich 2008, als ich an einem Samstag Urlaub bekam und ich mit meinen Freunden das «Rock am Weier» besuchte. Alle schwärmten von der Band All Ship Shape, und es ärgerte mich, dass ich sie nicht kannte. Aber: An diesem Abend wurde ich zum Vollblut-Fan von All Ship Shape. Seit der Veröffentlichung ihres Debütalbums Aboard/Abandoned und dem Auftritt am Openair St.Gallen 2009 gehören All Ship Shape zu einer festen Grösse in der Ostschweizer Musikszene. Ich lüge nicht, wenn ich sage, dass diese Band einer der Gründe war, warum ich heute in St.Gallen wohne.

Ein Hit auf dem Silbertablett

Das zweite Album Dri#ter hatte wenig mit dem Vorgänger zu tun und war das Ergebnis eines einjährigen Aufenthaltes in Berlin. Zwischen Shoegaze und Post-Punk mit psychodelischen Klangpatterns in sich ein wunderschönes Werk. Die Entscheidung gegen den typischen Indie-Pop, der 2013 sowieso langsam ausgelutscht war, konnte ich unterschreiben. Richtig in Fahrt kamen die neuen Songs aber vor allem an den Konzerten. Die Energie schwappte innert Sekunden auf das Publikum über. Dass die Songs aufgrund der Länge deutlich aus dem Radioschema fielen, sollte die Band nicht stören. Mit dem Song Moon Stone wurde mir trotzdem sowas wie ein geheimer Hit auf dem Silbertablett geliefert: eingängige Gitarre, perfekte vier Minuten! Höre ich mir bis heute gerne an.

Die Freude war riesig, als mit der Veröffentlichung des neuen Songs Sometimes The Stairs Invert And Rise In Front Of You Like A Concrete Wall auch das neue Album Petrichor angekündigt wurde. Nach sechs Jahren neues Material von den grossen Buben!

All Ship Shape: Petrichor, erschienen bei La Suisse Primitive und Coldkings.

coldkings.com

Nach der zweiten Singleauskopplung After A Quick Rain… ergab für mich auch der Albumtitel plötzlich Sinn, denn irgendwo habe ich dieses Wort schon mal gelesen bzw. eine Erklärung dafür: Petrichor bezeichnet den Geruch von Regen auf trockener Erde oder Asphalt. Je nach Temperatur intensiver. Grund dafür sind Mikroorganismen und Partikel, die mit dem Niederschlag aufgewirbelt werden. Dieser Duft weckt in uns das Sommergefühl und wir können den Regen riechen. Schau ich mir nun das Cover des neuen Albums an, fühle ich mich als der Duft der Erde, der Dank All Ship Shape befreit wird.

Eine gewisse Vertrautheit

Das Album habe ich mir nun bestimmt schon über zehn Mal durchgehört. Du wirst mit offenen Armen empfangen und nicht mehr losgelassen. Die Abwechslung zwischen Deutsch, Englisch und Mundart im Opener Sometimes The Stairs Invert And Rise In Front Of You Like A Concrete Wall fesselt regelrecht. Und das fast achtminütige Epos After A Quick Rain… lässt dir am Ende das Blut in den Adern gefrieren.

Plattentaufe: 18. Oktober, Palace St.Gallen, Support: Zayk

Weitere Konzerte: 20. Oktober, Rössli Bern, und 24. Oktober, Parkplatz Zürich

Diese Stimmung beherrscht das ganze Album. Allen sieben Songs wohnt die gewisse Vertrautheit mit der Band inne. Geile Basslines, heulende Gitarren, mitreissendes Schlagzeug und der Gesang verschmelzen mit hervorragenden Arrangements zu purem Hörgenuss. Petrichor ist das bis jetzt beste Album von All Ship Shape. Umso mehr steigt die Vorfreude auf die Plattentaufe im Palace und der Wunsch an die All Ship Shapes: Taucht das Palace im Duft von Petrichor nochmals ein bisschen in die vergängliche Sommerstimmung.

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